Archive for the ‘Mord an Marwa El-Sherbini’ Series

Der Mord an Marwa El-Sherbini Mitte 2009 hat große Teile der muslimischen Gemeinde in Deutschland zutiefst bewegt und angestaute Ängste hervorgebracht. Diese Serie befasst sich mit dem Mord, gibt aktuelle Nachrichten wieder und sammelt Kommentare.

Marwa E. – victim of a murder motivated by anti-islamic hatred

Freitag, Juli 3rd, 2009

This is a translation of the German article, my wife just wrote about Marwa E. and her murder in a district court hearing in Dresden.

Since 2005 the pharmacist Marwa E. lives together with her Husband Ali in Dresden. There she works at a drugstore and he is at the renowned Max-Planck-Institute on a scholarship.

In august 2008 Marwa E. (32) comes in contact with Alexander W. (28) at a playground in the district of Johannstadt in Dresden. After she asks him to clear a swing for her son, he insults her with “islamist”, “terrorist” and “bitch”. Marwa E. is Egyptian, muslim and wears a head scarf.

Marwa E. wants to fight back against those insults. It gets to a trial, in which the district court convicts Alexander W. to pay a fine of 780 €.

An appeal hearing ensues, initiated by the prosecution considering the preceding verdict too lenient and the defendant still undiscerning. So, at 9:30 on the 1. July the trial before the district court of Dresden starts.

W., who before wasn’t represented by a lawyer, got the assigned counsel Markus Haselier. The 12th criminal chamber chaired by judge Tom Maciejewski compelled him to do that, because of his inability to represent himself, as it was put about (Sächsische Zeitung)

Because Alexander W. had again severely attacked Marwa E. on 1st of July, the prosecution was pressing for a jail sentence. After one hour the situation escalated, just when Marwa E. finished with her testimony. Alexander W. springs at her and stabs her 18 times within 30 seconds. At the same time he shouts “You have no right to live”. At that time Marwa E. is pregnant in her 3rd month, her 3yr-old son witnesses the bloody crime as well as her husband, who in trying to help her gets critically wounded. Accidentally he also gets shot by a police man. Ali O. meanwhile is out of critical danger, alhamdulillah. The 3yr-old son is being cared for.

While many media reports still speculate over the (very obvious) motive and entitle some of their articles wrongly with “Murder over quarrel about swing”, a speaker of the prosecution makes the following announcement about the culprit:

Thursday evening a prosecution speaker said on the TV-broadcaster MDR, the culprit was a ‘notorious xenophobe’. (FR-Online)

Nabil Yacoub, previous manager of the counsel for immigrant affairs, made the following background of the case public to the Sächsische Zeitung:

The 72-yrs old Egyptian has been concerned with the worries of immigrants for years. He says, the Egyptian family that was harmed so severely has been living for four years in Dresden.

(…)

The woman was a pharmacist, her husband pharmacologist at the Max-Planck-Institute. “He is on a scholarship of his government. Already the attack is making headlines in Egypt.” The embassy has stepped in.

(…)

Wifes of other stipendiaries, that like Marwa S. wear a head scarf, were already complaining over hostilities. “We want to encourage them to approach authorities, so that the administration is up to date.”, said Yacoub. (Sächsische Zeitung)

Many muslim women, who are being attacked or discriminated against because of their clothing, do not dare to approach the authorities. Therefore the counsels for immigrant affairs in many communes try to encourage these women to raise their voice. Marwa E. decided to not tolerate her being insulted as “terrorist” or “islamist”. In three months she wanted to go back to Egypt with her husband.

Liebe Muslime, dreht nicht durch!

Samstag, Juli 4th, 2009

Ein Mann hat eine Frau getötet. Das ist kein Grund durchzudrehen. Von Predigern, “Scheichs” und anderen Gemeindevorstehern ist zu erwarten, dass sie angesichts des Mordes an Marwa El-Sherbini in Dresden einen klaren Verstand bewahren und eventuelle Hitzköpfe beruhigen, statt sie noch weiter anzustacheln. Wenn ich schon höre, dass es eine Kundgebung in Berlin geben soll und unter den Video-Ankündigungen solch ‘nette’ Kommentare stehen wie

islamadogru Glaube mir, ihr habt ein fehler gemacht, wenn in den nächsten tagen und wochen, nur noch ein moslem verletzt wird, habt ihr einen riesen großen Problem, nicht mit mir aber mit denen

JudgiSemite wen noch sowas etwas passiert dann gehe ich persönlich zu herrn broder

und wenn dann noch einige Kommentatoren auf youtube unterstellen, dass der Staat am Mord beteiligt war oder ihn stillschweigend geduldet hat, dann glaube ich aufrichtig, dass diese Menschen vollkommen durchgedreht sind und Hass vor sich her versprühen.

Deshalb meine Frage an alle Muslime, die derzeit wütend sind und nach Vergeltung rufen: Was würdet ihr tun, wenn ein Muslim einen Menschen in Deutschland ermordet und der dem Opfer nahestehende Teil der Bevölkerung Vergeltung gegen Muslime fordert? Würdet ihr das verstehen oder logisch finden? Nein! Also, warum nun das Durchdrehen?

Vor etwa drei Jahren wurde ein französischer Jude in Paris ermordet. Die größtenteils jugendlichen Täter waren zum Teil Abkömmlinge von muslimischen Eltern und verstanden sich wahrscheinlich selbst als Muslime. Nach der Ermordung, die durchaus antisemitische Züge hatte, gab es Aufrufe zu Demonstrationen. Diese hatten sich rechtsradikale Gruppierungen aneignen wollen, um gegen Muslime zu hetzen. Ich fand, dass die Familie des Ermordeten Ilan Halimi vor allem dadurch Größe bewiesen hat, indem sie die Demonstrationsaufrufe boykottiert hatten und dafür gesorgt haben, dass bei den doch stattgefundenen Demos die Rechtsradikalen nicht dabei sein konnten.

Nachdem Kathrin den Artikel zum Mord an Marwa E. verfasst hatte, strömen viele Besucher über Suchbegriffe rund um den Vorfall auf ihre Seiten. Dafür ist er aber auch gedacht, damit Informationen in zusammenhängender und nachvollziehbarer Form (thus the links) bereitgestellt werden.

Wofür weder der Artikel bei Kathrin noch die Übersetzung bei mir da ist, ist um sich ein Feindbild zu verschaffen. Leider dienen sehr viele Ankündigungen und Berichte oftmals dazu, Hass zu säen und Feindbilder zu schaffen. Auch jetzt ist es der Fall. Seien es Russen, Medien, Deutsche, Russlanddeutsche, Politiker, Christen oder sogar Juden – ein Schuldiger wird gesucht und mit Verallgemeinerungen wird nicht gespart. Ich lehne dies entschieden ab.

Die muslimische Gruppe um “einladungzumparadies.de” lädt nun alle ein, an einer “Kundgebung” in Berlin teilzunehmen. Gleich mehrere Videos rufen dazu auf. Mit Überschriften wie “Jetzt seid ihr gefragt!”, “Wir zählen auf euch!” und einem mit Herzklopfen überlagerten Adhan1 soll die Dringlichkeit des Anliegens vermittelt werden. Nur: wozu eine Kundgebung? In meinen Augen stellt sie einen Aktivismus dar, der weit ab von einer positiven Lösungsfindung ist.

Marwas Mörder war offensichtlich von Hass gegenüber Muslimen geprägt und – ja – das ist ein generelles Problem, was sich hier in einem Mord niederschlägt. Falsch ist es allerdings Hass mit Hass zu erwidern und sogar auszuweiten. Das hat keiner nötig. Beruhigt euch also und arbeitet an eurer eigenen Einstellung bzw. eurem eigenen Hass anderen Menschengruppen gegenüber.

Auf youtube findet sich auch etwa ein Video mit dem vielsagenden Titel “Marwa wurde Opfer Jüdischer Hassprediger”, der damit nicht nur eine Lüge, sondern auch eine konkrete Anstachelung zur Vergeltung zum Mord darstellt. Der Nutzer verweist zwar auf die Internetpräsenz einer muslimischen Gruppe, allerdings definiert er sich auf seiner Nutzerseite auf youtube allein über seinen offenen Antisemitismus2.

  1. Aufruf zum Gebet[]
  2. “Der Judenhasser is back”[]

Mord an Marwa El-Sherbini: Migranten sind schuld?

Sonntag, Juli 19th, 2009

Man kann nicht mehr behaupten, dass in Deutschland nicht über den Mord an Marwa El-Sherbini gesprochen wird. Tatsächlich wird recht viel gesprochen. Aus der vollständigen Denial-Phase (Nichtwahrhabenwollen) scheint man langsam herauszuwachsen1, allerdings stellt sich derzeit eine komische Mischung aus Anger (Zorn/Wut) und Denial ein. Jedenfalls wird derzeit von einigen Kommentatoren der Vorwurf der Islamfeindlichkeit in Deutschland mit Schärfe zurückgewiesen. Stattdessen sind mal wieder die Migranten schuld – was ein Glück also, dass Alex W. Migrant ist! Eine Diskussion über die Integration dieser ist in Deutschland weit mehr willkommen, als eine Diskussion über strukturelle Fremdenfeindlichkeit oder Islamfeindlichkeit in der deutschen Gesellschaft.

Vor einigen Tagen hatte Andrian Kreye einen Artikel bei jetzt.sueddeutsche.de veröffentlicht2 , der insgesamt die Multikulturalität als Auslöser für den Mord an Marwa El-Sherbini verantwortlich macht. Der Artikel ist überaus lesenswert, da man daran die Dynamik der Abweisung von Schuld sehr gut erkennen kann. Da wird schnell der Vergleich zu “Rassenunruhen” in den USA gezogen und dann festgestellt:

In allen drei Fällen waren es nicht die offensichtliche Dynamik des Rassismus von einer Mehrheit der Unterdrücker und einer diskriminierten Minderheit, die zum Ausbruch der Unruhen führten. Es war die fatale Mischung aus einander vollkommen fremden Kulturen, die in einem wiederum fremden Drittland aufeinandertreffen, in dem instutionalisierte wirtschaftliche Diskriminierung eine zusätzliche Klassenspannung schafft.

Die Mehrheit ist unschuldig

Das Freisprechen der Mehrheit von jeglicher Schuld funktioniert vor allem dadurch, dass man dem Täter passende Attribute verpasst. Der bekennende Deutsch-Nationalist wird deshalb fast durchgängig als Russlanddeutscher bezeichnet. Manche Medienschaffende legen gar die Vermutung nahe, dass Alex W. im Tschetschenienkrieg gekämpft hätte. Dabei kann das alles nur erklären, warum er für die Deutschen Rechten ansprechbar – ja gar begeisterbar – war, erklärt aber nicht den sehr wohl deutsch-inländischen islamfeindlichen Rassismus, den es nicht nur in rechten Kreise der NPD gibt.

Ohne Zweifel war der Antiislamismus die treibende Kraft. Doch es war eben kein gebürtiger Deutscher, der den Mord beging, sondern ein Russlanddeutscher, ein junger Mann, der seit sechs Jahren hier lebte und den Großteil seines Lebens in Perm nahe dem Ural in Russland verbrachte. Marwa el-Sherbini und ihr Mann Elwi waren auch keine Einwanderer, sondern Vertreter einer internationalen Wissenschaftlerszene. Elwi el-Sherbini ist Genforscher, seine Frau Marwa war Apothekerin. Das übliche Opfer-Täter-Schema von den armen Einwanderern und den mittellosen Rechtsradikalen greift hier also nicht.

Leidet der Autor vielleicht selbst unter rassistischen Mustern? Dass Menschen nicht nur in negativer, sondern auch in positiver Notation einer Fremdheitseigenschaft als feindlich angesehen werden, ist doch nichts neues. Eine alte SWR2-Sendung “Ganz oben thronen wir – Rassismus in der Weltliteratur” wählte deshalb jeweils zwei gebräuchliche Beschreibungen für die vier Gruppen “Neger”, “Jude”, “Muselmann” und “Zigeuner”, von denen eine positiv-neidische und die andere eher eine negativ-herablassende Konnotation besitzt3.

Hass gegenüber Fremden kann sich sowohl an der sozialen oder moralischen Schlechterstellung dieser Fremden – dreckig, dumm, faul, kriminell .. – als auch an der Besserstellung mit dazugehörigem Neid festmachen – reich, überheblich; ja auch Sauberkeit kann als trennende Eigenschaft angesehen werden.

Migrantenprobleme

Aber zurück zum Thema: Die Aufnehmergesellschaft wird von Schuld oder Verantwortung freigesprochen. Noch deutlicher macht es das Deutschland Radio Kultur. Kürzlich sendete es auf einander folgend die meines Wissens ersten und bislang letzten zwei Kommentare zum Mord an Marwa El-Sherbini aus. Man schaue sich einfach mal folgende Titel dazu an:

  • Mord unter Migranten: Der Fall Marwa El-Sherbini, Dorothea Jung
  • Was sagt der Mord an Marwa El-Sherbini über die multikulturelle Gesellschaft?, Michael Bommes

Musikvideo: Adobe Flash Player (Version 9 oder höher) wird benötigt um dieses Musikvideo abzuspielen. Die aktuellste Version steht hier zum herunterladen bereit. Außerdem muss JavaScript in Ihrem Browser aktiviert sein.

Musikvideo: Adobe Flash Player (Version 9 oder höher) wird benötigt um dieses Musikvideo abzuspielen. Die aktuellste Version steht hier zum herunterladen bereit. Außerdem muss JavaScript in Ihrem Browser aktiviert sein.

Wieder also das Feindbild multikulturelle Gesellschaft und den dazugehörenden Migranten! Die islamfeindliche Einstellung wird unter Berufung auf nicht näher spezifizierte “Sicherheitskreise” pauschal auf die Herkunft des Täters geschoben:

In Sicherheitskreisen heißt es über den Attentäter, er habe seine rassistische, islamfeindliche Prägung vermutlich schon in der alten Heimat erhalten. Hintergrund: In Russland sind Vorurteile gegen Muslime vor allem wegen des Tschetschenienkrieges weit verbreitet. Gerüchte, der Täter habe selbst in Tschetschenien gegen islamistische Rebellen gekämpft, wurden aber bislang nicht bestätigt.

Musikvideo: Adobe Flash Player (Version 9 oder höher) wird benötigt um dieses Musikvideo abzuspielen. Die aktuellste Version steht hier zum herunterladen bereit. Außerdem muss JavaScript in Ihrem Browser aktiviert sein.

Musikvideo: Adobe Flash Player (Version 9 oder höher) wird benötigt um dieses Musikvideo abzuspielen. Die aktuellste Version steht hier zum herunterladen bereit. Außerdem muss JavaScript in Ihrem Browser aktiviert sein.

Im darauffolgenden Beitrag wird der Direktor des Instituts für Migrationsforschung und Interkulturelle Studien Michael Bommes interviewt. Er hält den Mord nicht für ein Zeichen von steigender Ausländerfeindlichkeit. Eher sieht er den Hintergrund in einer “ziemlich überlagerten” Konfliktsituation, etwa in einer Geschlechterauseinandersetzung:

Wir haben es hier mit einem jungen aggressiven Mann zu tun, der auf eine Situation trifft, in dem sich eine junge Frau – die er eigentlich für wehrlos hält – sich als in der Lage erweist, sich gegen ihn zu wehren. Das spielt hier auch eine Rolle. Das ist eine Geschlechterauseinandersetzung auch (Moderatoring bestätigt).

Dass die überwiegende Mehrheit der von Alex W. abgegebenen Beleidigungen eben nicht auf das Geschlecht des Opfers abzielten, zählt nicht als Hinweis darauf, dass das Wort “Schlampe” für ihn einer generellen Beschimpfung entspricht? Interessant wären die weiteren “überlagerten Konflikte”, die der Wissenschaftler hier sieht..

Deutschenfeindlicher Angriff eines Migranten

Dann spricht Herr Bommes eher langwierig von einer scheinbaren Banalität, dass nämlich auch Migranten “untereinander” Konflikte haben könnten..

In unserer Diskussion tun wird des Öfteren schonmal so, als hätten wir es mit einer homogenen Gruppe zu tun, nämlich der der Migranten und auf der anderen Seite hätten wir die Nichtmigranten. Und bei den Migranten vermuten wir, dass die irgendwie integrationsbedürftig sind, aber diese Migrantin, mit der es wir hier zu tun haben, die da ermordet worden ist, war offensichtlich keinesfalls integrationsbedürftig, sondern war gut etabliert – eine Apothekerin. Was wir im Migrationsprozess wiederkehrend beobachten ist, die Situation der Migranten ist nicht homogen, die sind in unterschiedlichen sozialen Lagen und die konkurrieren eben nicht nur mit Deutschen, die konkurrieren auch untereinander – auf Arbeitsplätzen, in der Schule, im Erziehungssystem, auf dem Wohnungsmarkt. Und insofern sollten wir nicht davon ausgehen, dass Migranten untereinander ein irgendwie harmonisches Verhältnis hätten und nicht etwa miteinander in Konflikt geraten könnten.

Und in solchen Konflikten beobachten wir in gewisser Weise auch all die Hässlichkeiten dieser Welt, wie wir sie sonst auch beobachten, nämlich dass man sich da – ja – bizarrerweise ausländerfeindlich oder eben auch schlicht und einfach rassistisch verhält.

Der Rassismus – so scheint es – ist etwas, was wir aus der Auslandsberichterstattung im Fernsehen kennen. Auf deutschen Straßen wäre das zu “bizarr” und wenn, dann nur importiert. Dementsprechend entwickelt sich der Rest des Interviews nur noch im Lichte der Auseinandersetzungen zwischen Migranten.

Etwas Bemerkenswertes geschieht hier allerdings quasi als Nebenprodukt: Durch die Zuschreibung des Integriertseins an Frau El-Sherbini, wird das Opfer plötzlich vorrangig über das Zu-uns-Gehören definiert, während wie schon dargelegt der Täter – trotz seiner deutschen Staatsbürgerschaft – mehr und mehr zum Ausländer gemacht wird. Der Angriff könnte so gesehen ein deutschenfeindlicher Angriff eines Migranten gesehen werden. Sollten wir da nicht Herrn Koch gratulieren. Er dürfte sich mit Deutschenfeindlichkeit zur Genüge auskennen..

Antimuslimischer Rassismus existiert nicht?

Aber Moment mal: Das Opfer hätte eben aufgrund ihrer Bekleidung und ihres Verhaltens – eben ihres Muslimseins – zu Lebzeiten niemals das Emblem des Integriertseins erhalten. Dieses Privileg wird Tausenden von muslimischen Frauen tagtäglich abgesprochen, auch wenn sie ähnliche oder gar bessere akademische Qualifizierung erlangt haben. Ganz im Gegenteil: man begegnet ihnen auch auf behördlichen Stellen mit Misstrauen und politisch werden ihnen wahlweise böse Absichten oder zumindest Unterdrücktheit vorgeworfen. Wenn die Vermutung stimmt, dass Frau El-Sherbini regelmäßige Moscheebesucherin war, dann dürfte sie wahrscheinlich auch mal diskriminatorischen Kontrollen von Seiten der Polizei ausgesetzt gewesen sein.

Aber nicht nur das. Beleidigungen – offen oder hinter vorgehaltener Hand – sind auch ein Alltagserlebnis von Muslimen. Be- oder Anspucken, Abfälligkeiten und Beschimpfungen über die Bekleidung – vor Allem das Kopftuch – sind Alltag für viele Muslime. ‘Alltag’ heißt auf keinen Fall Normalität oder Häufung, sondern vor Allem etwas, womit man zu leben lernt – etwa wie schlechtes Wetter in Norddeutschland. Dazu gehören in der Zeit nach dem 11. September 2001 natürlich auch die öffentliche Bezeichnung als “Islamist” oder gar “Terrorist”. Dass es zu Handgreiflichkeiten kommt, ist natürlich viel seltener der Fall.

Wahrscheinlich wäre es auch im Falle von Marwa El-Sherbini nicht zu Gewalt gekommen, wenn es keine Gerichtsverhandlungen gegeben hätte, wenn also Alex W. seine Beschimpfungen weiterhin ohne Konsequenzen hätte loswerden dürfen. Fest steht, dass Marwa El-Sherbini nicht die erste Muslima in Deutschland ist, die aufgrund ihrer Religion angemacht, bedroht wurde oder gar Gewalt erlebte. Dazu Michael Bommes:

Wenn Sie in die türkischen Gemeinden reingucken, die machen in ihrem Alltag natürlich irgendwie die Erfahrung, dass die Tatsache, dass man Moslem ist, einen unter etwas wie einen Dauerverdacht stellt. Und man muss damit rechnen, dass wenn man Moslem ist, dass man irgendwie etwas wie ein verdächtiger Mensch ist. Das ist ein Bißchen das, was in den letzten Jahren beobachtbar ist. Ich glaube, dass das im Alltag für die eine große Rolle spielt, aber nicht der dramatische Islamhass, wie wir im Falle von Dresden beobachten. Das – würde ich nach wie vor sagen – ist eine Ausnahmeerscheinung. Für die gibt es keinen Grund, die jetzt irgendwie für eine generelle Erscheinung zu halten.

Mich verwundert nicht, dass ich keine speziell auf die türkischen Gemeinden ausgelegte Studie bei Herrn Bommes’ Institut finden kann. Bei den Allgemeinplätzen, die er hier dazu bringt, scheint er nicht wirklich ausmachen zu können, welchen konkreten Diskriminierungen Türken (und Muslime) tatsächlich ausgesetzt sind.

Natürlich läuft man als Muslim nicht in Todesangst durch die Straßen. Allerdings reicht die Mischung aus kollektiver Gewaltandrohung in den Kommentarseiten nicht nur rassistischer Internetseiten wie PI, sondern auch etablierter Massenmedien wie “Die Welt” und tatsächlicher Gewaltausübung, die sich in Brandanschlägen auf Moscheen, Nazi-Parolen an Häuserwänden und Grabsteinen sowie einzelnen Übergriffen auf Muslime auf offener Straße aus, um an der These des Einzelfalls zweifeln zu lassen und von einem gefährlichen Trend zu sprechen. Eine Verweigerungshaltung ist da nicht zweckdienlich.

Nebenbei: islam.de führte bis Ende 2005 eine recht lange Liste an fremdenfeindlichen Angriffen gegen Muslime. Darunter finden sich Brandanschläge, tätliche Übergriffe und Schmierereien Rechtsradikaler. Diese Realität wird nicht wahrgenommen, weil sie einfach nicht berichtet wird. Und solange das nicht der Fall ist, wird auch ein Herr Bommes immer behaupten können, dass Muslime eigentlich keiner konkreten Fremdenfeindlichkeit ausgesetzt sind.

Update 1:

Soviel zur Islamfeindlichkeit von “Russlanddeutschen”: russlanddeutsche Zeugen auf dem Spielplatz hatten Marwa ihr Handy geliehen, damit sie die Polizei rufen konnte. Sie wurden trotzdem bei der Ermittlung der Situation durch die Polizei ignoriert. In der Morgenpost steht mehr:

Ludmilla reichte ihr das goldene Motorola, was eine erneute Kanonade von Invektiven ihr gegenüber provozierte. Marwa rief dann mit Ludmilla Niesens Handy die Polizei. Zwei Wagen und vier Beamte kamen innerhalb von fünf Minuten und sprachen mit der Ägypterin, ihrem späteren Mörder und dem deutschen Vater als Zeugen. Mit den russlanddeutschen Frauen sprachen sie nicht. “Die Polizei hat von uns gar keine Notiz genommen, obwohl wir dort waren”, erzählt Korol. Sie sei überrascht gewesen, dass die Polizei nicht den Störer mitnahm, sondern die junge Frau. Die Erzählung der Frauen und ihrer Söhne bestätigt die bisher bekannten Fakten. Aber sie stellt die gängigen Interpretationen vom Konflikt unterschiedlicher Einwanderergruppen infrage. Auf dem Spielplatz hat sich ein Mann wie ein Psychopath benommen. Die Eltern haben sich dagegen gewehrt. Ausländer, Deutsche und Russlanddeutsche – gemeinsam.

Update 2:

Auch in der Frankfurter Rundschau schiebt Viktor Funk die Schuld auf “Russlanddeutsche”.

Wenn es eine Lehre aus der Tat in Dresden gibt, dann die: Das Thema Integration gehört – wieder einmal – auf die Tagesordnung. Über eins muss man sich dabei klar sein: Alle Migranten, auch die Russlanddeutschen, brauchen mehr Hilfe bei der Integration und vor allem Aufklärung darüber, dass Deutschland ein Land vieler Kulturen ist.

Diese Lehre ist doch nicht nur bei vielen NPDlern, sondern auch bei vielen Politikern und Wählern quer durch das politische Spektrum noch nicht angekommen. Braucht man da auch besondere integrative Anstrengungen? Und wie soll das erreicht werden? Ich meine, dass auch die “WELT” einen ähnlich gelagerten Kommentar veröffentlicht hatte, kann ihn aber leider nicht mehr finden.

Update 3 (21.7.2009):

Gerade rief mich Viktor Funk von der Frankfurter Rundschau an und wir haben uns über seinen Artikel unterhalten. Ich scheine seine Intention falsch verstanden zu haben, was das Verschieben von “Schuld” weg von der Mehrheitsgesellschaft hin zu den Migranten angeht. Tatsächlich schien mein Missverständnis vor allem am Begriff der “Integration” festmachbar sein. Unter Integration versteht Herr Funk eine beidseitige Integration, in der auch die “Aufnehmergesellschaft” Schritte auf die Migranten zutun muss. Dass in lange Zeit geleugnet wurde, dass Deutschland Einwanderungsland ist – eine Erkenntnis, die manch Politiker bis heute nicht erreicht hat – ist ein Symptom fehlender Integration. Herr Funk verwies auch auf das Buch “Etablierte und Außenseiter” von Norbert Elias, das mehr Licht in die Begriffsverwirrung bringen kann.

  1. mit den Phasen sind die von Elisabeth Kübler-Ross definierten fünf Phasen des Sterbens[]
  2. einen Tag später dann zu einem ‘richtigen’ Süddeutsche-Artikel aufgewertet[]
  3. Die Manuskripte der Sendung habe ich nicht mehr auf den Seiten von SWR2 finden können. Ich habe sie allerdings damals schon abgespeichert, da sie sehr gut waren. Interessierte sollten nachfragen. Die Eigenschaften im Übrigen: “Faul und lustvoll – der ‘Neger’”, “Intelligent und hinterhältig – ‘Der Jude’”, “Sinnlich und fanatisch – Der ‘Muselmann’” und “Frei und diebisch – der “Zigeuner”.[]

Quod Erat Demonstrandum Islamophobie

Mittwoch, Juli 22nd, 2009

Hilal Sezgin schreibt in der taz über das “Das reine deutsche Gewissen”..

Islamophobie ist kein Privatvergnügen scheinbar überempfindlicher Muslime, kein Privileg, das sie gegenüber der Mehrheitsgesellschaft ausspielen wollen. Genauso wenig wie die anderen “Ismen”: Der Vorwurf des Antisemitismus ist nicht etwa eine hinterhältige Waffe der Juden, sondern der Hinweis darauf, dass jemand anders die Waffe auf sie gerichtet hat. Frauen machen nicht auf berufliche Benachteiligungen aufmerksam, um den Kollegen die Stimmung zu verderben, sondern weil ihnen selbst die Stimmung am Arbeitsplatz bereits verdorben ist. Natürlich kann man alles missbrauchen. Vereinzelt haben Frauen falsche Sexismus-Vorwürfe erhoben; es gibt Muslime in anderen Ländern, die das Problem “Islamophobie in Deutschland” für ihre eigenen Agitationen nutzen. Doch das sind sekundäre Phänomene, sowohl von ihrer Häufigkeit als auch ihrer Logik her. Zuerst kommen Ausgrenzung und Verbrechen, dann kommt der Vorwurf. Nicht der Vorwurf ist die Gemeinheit, sondern der diskriminierende Akt, der davor geschah!

Doch rassistisch, antisemitisch oder ausländerfeindlich wird eine Äußerung oder Handlung weniger durch die individuelle Absicht eines Einzelnen; sie erhält diese Bedeutung erst vor einem allgemeineren Muster im Hintergrund. Dass die Islamophobie in Deutschland zugenommen hat, bedeutet zum Beispiel, dass sich in unserem öffentlichen Sprechen ein Muster etabliert hat, das bestimmte Bilder evoziert [...]. Dieses Muster klassifiziert Angehörige einer Bevölkerungsgruppe über Stereotype und lässt die Einzelnen eher als ausführende Organe ihrer vermeintlichen “Kultur” erscheinen denn als individuelle Akteure mit eigenen Präferenzen und Entscheidungen.

Danach schreibt schon der erste Kommentator (Peter):

Die Gleichsetzung von Islamophobie mit Antisemitismus halte ich für nicht ganz zutreffend.

Für einen Antisemiten ist die “jüdische Weltverschwörung” die Realität – aber in Wahrheit basiert sein Antisemitismus auf einer Wahnvorstellung, einem Hirngespinst.

Al Qaida und die blutigen Massaker der Islamisten, die Tausende von Toten des 11.September – die sind kein Hirngespinst, keine Wahnvorstellung.

Daher erlaube ich mir schon gelegentlich, hier und da ein ganz klein wenig “islamophob” zu sein.

Die Existenz Al-Qaidas – ungeachtet der Hintergründe und weltweiten Verstrickungen – ist für Peter Grund genug, einem Moslem mit Misstrauen zu begegnen und “klein wenig islamophob” zu sein..

Eiken Bruhn – Pauschale Fälschung

Freitag, Juli 31st, 2009

Eiken Bruhn kommentiert in der taz Bremen die “Erklärung der islamischen Organisationen in Bremen zur zunehmenden Islamophobie/ Islamfeindlichkeit in Deutschland”. Dazu schreibt sie u.A.:

Schwer zu ertragen ist auch, wie die Unterzeichner für den Mord an Marwa El-Sherbini die “Islamkritiker” verantwortlich machen, darunter Necla Kelek und Seyran Ates. Diese “Hetzer”, so die Forderung, gelte es “zu isolieren und zu bestrafen”.

Die Bremer Muslime haben eine Bestrafung von “Islamkritikern” gefordert? Eiken Bruhn spricht gar von Meinungsfreiheit, die von “den Muslimen” nicht ausgehalten werde. Das wäre wirklich schlimm, wenn es denn der Wahrheit entspräche.

Also liest man den Text der Erklärung1 und – siehe da – tatsächlich steht dort folgendes:

Die Verantwortungsträger aus Politik und Verwaltung aber auch „Intellektuelle“ wie Ralph Giordano und Henryk M. Broder, „profilierte“ IslamkritikerInnen wie Necla Kelek und Seyran Ates und die Vertreter des „investigativen“ Journalismus und der Sensationspresse, sollten sich darüber im Klaren sein, dass dieser „Kampf“ um die öffentliche Sichtbarkeit islamischer Religiosität, schlicht stigmatisierend ist und wegen der Dämonisierung durch Gesetz und Verwaltungsapparat erst den Weg für diese Gewalt und Diskriminierung ebnet.

Bis hierhin wird keine Aufhebung der Meinungsfreiheit gefordert – lediglich einigen selbsternannten “Kritikern” der Spiegel vorgehalten und zur Mäßigung aufgerufen. Dann, eine ganze Bildschirmseite weiter endlich der inkriminierende Absatz:

Deutschland muss spätestens jetzt hart mit sich selbst ins Gericht gehen. Es gilt nicht nur, die Hetzer zu isolieren und zu bestrafen, sondern auch nachhaltige Aufklärungsarbeit zu leisten sowie das Wissen über die moslemische Bevölkerung, ihre Kultur, ihre Religion und ihre Bräuche zu verbreiten.

Bestärkt Frau2 Bruhn womöglich das Vorurteil selbst, die Medien würden Muslime immer falsch zitieren und ihre Aussagen entkontextualisieren? Der genannte Absatz hängt mitnichten mit der Nennung der “Kritiker” zusammen. Tatsächlich ist in der Erklärung nur ein einziges Mal sonst von “Hetze” die Rede und zwar im Zusammenhang mit “parteipolitischen Projekten mit explizit antiislamischer Ausrichtung und ‘Bürgerinitiativen’ gegen Moscheeneubauten, eine zunehmende Zahl islamfeindlicher Internetseiten, auf denen häufig in rassistischer, beleidigender, hasserfüllter und oft gewaltverherrlichender Weise gegen Muslime und den Islam sowie generell gegen Migranten aus islamischen Ländern gehetzt wird”.

achgut.de - Goebbels reloaded von Bernd Zeller

achgut.de - Goebbels reloaded von Bernd Zeller

Bruhns Unterstellung, die Erklärung der Bremer Muslime wäre gegen die Meinungsfreiheit gerichtet, ist böswillig und tendenziös. Nicht die Erklärung selbst, sondern der sie fälschende Kommentar von Bruhn bestärkt Vorurteile über Muslime, wie man am Echo dieses Kommentars im Internet sehen kann.

So schreibt Bernd Zeller in der “Die Achse des Guten” unter dem vielsagenden Titel “Goebbels reloaded” und nach dem Zitieren Bruhns:

Früher hätte die taz bei so was getitelt: Die haben wohl den Ar*** offen. Jetzt ist es wenigstens „schwer zu ertragen.“

Nein, das ist nicht schwer zu ertragen, das ist nicht hinnehmbare blanke Hetze auf unterstem sittlichen Niveau, und eine Schande für uns, die wir uns so etwas bieten lassen. Und seien das zehnmal Die. Islamischen. Gemeinschaften.

Die taz knuschelt: „Solche Formulierungen – mögen sie der Aufregung nach dem Mord geschuldet sein – sind kontraproduktiv.“ Sie sind aber nicht der Aufregung nach dem Mord geschuldet. Die Aufregung wurde erzeugt, um solche Sätze loszuwerden.

Stimmt, die Aufregung über eine ermordete Muslima kann nur künstlich erzeugt worden sein. Der Mord an sich rechtfertigt eine solche Aufregung nicht – it’s business as usual, halt.

PI-news: Islamkritiker schuld am Mord von Dresden

PI-news: Islamkritiker schuld am Mord von Dresden

Auch die offensichtlich islamfeindliche Hetzseite PI-news bezieht sich auf Bruhn:

Jetzt wissen wir endlich, wer schuld hat an dem Mord im Dresdener Gericht: Seyran Ates, Necla Kelek und überhaupt alle Islamkritiker. Das stellten zumindest die Islamischen Gemeinschaften in Bremen fest. Man müsse “diese “Hetzer”, so die Forderung, “isolieren und “bestrafen”. So hofft man, die Bluttat als Knebel für Islamkritiker instrumentalisieren zu können.

Und damit schließen wir unsere heutige Lehreinheit über Wechselwirkungen zwischen islamfeindlichem Rassismus und journalistischen Kommentaren3 in deutschen Tageszeitungen ab.

  1. die ich durchaus auch kritisieren würde, hätte mir Bruhn nicht die Zeit gestohlen. Nicht zuletzt ist die Erklärung reichlich lang und somit relativ unleserlich – dazu vielleicht in einem anderen Artikel mehr…[]
  2. ich muss zu meiner Schande gestehen, dass ich am Namen “Eiken” nicht erkennen kann, ob Mann oder Frau. Bitte um Korrektur. Es ist ein Frauenname, danke an Melantrys für die Recherche![]
  3. und Berichten[]

Urteil im Prozess des Mörders von El-Sherbini

Donnerstag, November 12th, 2009

Das Urteil – lebenslänglich “unter Feststellung der besonderen Schwere der Schuld” – gegen den Mörder von Marwa El-Sherbini, das gestern gefällt wurde, war nicht überraschend, sondern höchstens beruhigend. Beruhigend finde ich auch die Aussage der Richterin zum Urteil und der öffentlichen Aufmerksamkeit:

Die Vorsitzende Richterin Brigitte Wiegand betonte, die internationale öffentliche Aufmerksamkeit, die dieses Verbrechen erregt hatte, habe zwar den Ablauf des Verfahrens, nicht aber das Urteil beeinflusst: “Es wurde nicht für Moslems gesprochen, auch nicht für ägyptische Rechtsanwälte”, sagte sie. Sie spielte damit auf den Vorsitzenden der ägyptischen Anwaltskammer, Hamdi Khalifa, an, der “im Namen von mehr als einer halben Million arabischer Anwälte” die Höchststrafe gefordert hatte. Urteil im Marwa-Prozess

Ich bin mir derzeit nicht im Klaren, ob die Ermittlungen gegen den Polizisten auch abgeschlossen sind, der den Ehemann von El-Sherbini, Elwy Ali Okaz, angeschossen hatte.

Ein etwas anderes Dankschreiben

Montag, August 17th, 2009

In einigen Muslimischen Ländern gibt es die Tradition, sich vierzig Tage nach dem Tod eines Menschen zu einer Gedenkfeier an den Verstorbenen einzufinden, um die Trauerzeit für die Hinterbliebenen abzuschliessen. Dieser Ritus stellt keine rein Islamische Tradition dar; doch dient er der Trauerarbeit, schafft er doch Raum für ein stilles Gebet und Reflektion über den Sinn des menschlichen Lebens und des Todes.

Der Ritus des “Arbain”, das arabische Wort für die Zahl Vierzig, schafft auch Raum dafür, dass die Hinterbliebenen denjenigen ihren Dank aussprechen können, die sie in der schweren Zeit unterstützt und Beistand geleistet haben.

Der Verfasser dieses Schreibens ist kein Angehöriger der Familie Marwa El-Sherbinis und ihres Ehemannes Elwi El-Okaz.

Doch der hasserfüllte, grausame und offensichtlich geplante Mord an Frau El-Sherbini in einem deutschen Gerichtssaal besitzt eine gesellschaftliche Komponente und politische Tragweite, der familiäre Grenzziehungen zumindest temporär aussetzt.

Diesem Gedankengang folgend ist dieses Dankschreiben entworfen worden, denn der Mord in einem Dresdener Gerichtssaal, dem eine junge muslimische Frau zum Opfer gefallen ist, ist nicht wie ein Blitz aus heiterem Himmel in Deutschland eingeschlagen; er ist nicht in einem gesellschaftlichen Vakuum entstanden. Dieses Verbrechen ist das Resultat eines wachsenden Ressentiments gegenüber von Muslimen in diesem Land, das in den unterschiedlichsten Ausprägungen Teil des alltäglichen Lebens geworden ist.

Um die Schaffung dieser Atmosphäre haben sich viele verdient gemacht, die jahrelang jedes noch so dümmliche Vorurteil, jede noch so bösartige Verleumdung und jede noch so ungeprüfte Fehlinformation gegen Muslime und Islam in der breiten Öffentlicheit kolportiert, produziert und transportiert haben.

Weise Menschen wissen, dass “das Wort zu missbrauchen, heißt, die Menschen zu verachten”, und “dass Worte wie winzige Arsendosen sein können. Sie werden unbemerkt verschluckt, sie scheinen keine Wirkung zu tun – und nach einiger Zeit ist die Giftwirkung doch da”.

Deshalb darf ein besonderer Dank an den ehemaligen Bundesinnenminister Herrn Otto Schily gerichtet werden, der in seiner ministeriellen Eigenschaft gefordert hat, dass es erlaubt sein müsse, “zu sagen, dass der muslimische Glaube eine Verirrung ist”. Dabei lässt Herr Schily allerdings bis heute offen, ob er seinen kritischen Toleranzparameter auch auf das Judentum, das Christentum oder andere Religionen ausdehnen würde, oder ob diese Aussage nur spezifisch auf den Islam angewendet werden darf!

Auch der heutigen Bundesbildungsministerin und früheren baden-württemberigischen Landesministerin für Kultur, Jugend und Sport Frau Annette Schavan muss an dieser Stelle dafür gedankt werden, dass sie keine Gelegenheit ausgelassen hat, die Kopfbedeckung einer Muslima als ein “Zeichen für kulturelle, für zivilisatorische Abgrenzung” zu diffamieren und dieser “zwangsläufig auch eine desintegrierende Wirkung” zuzuschreiben.

Gedankt sei auch dem ehemaligen Bundestagsmitglied der CDU Herrn Frank Hohmann, der muslimischen Frauen “Selbstzerstörung” und “beispiellose Härte” gepaart mit “Intoleranz” vorwirft, wenn diese in einem demokratischen Rechtsstaat den selbstverständlichen Rechtsweg beschreiten, um den Respekt der im Grundgesetz verbrieften Grundrechte dieser Republik auch für sich einzufordern.

Man kann nicht Herrn Hohmann erwähnen ohne gleichzeitig dem EKD-Vorsitzenden Herrn Bischof Huber an dieser Stelle dafür zu danken, dass er hochqualifizierten Muslimas Maßlosigkeit unterstellt, denn so Herr Huber “Schon das Gebot der Mäßigung muss eine Muslimin, die Staatsbeamtin werden will, davon abhalten, dass sie auf dem Tragen des Kopftuchs beharrt.”

Auch sei ihm für sein sehr spezifisches Rechtsverständinis gedankt, dass das Kopftuch zum Kampfinstrument gemacht worden sei durch diejenigen, «die diese Fragen durch alle Instanzen unserer Rechtsprechung gepeitscht haben”.

Nicht unerwähnt bleiben darf die familienpolitische Sprecherin der Grünen Frau Ekin Deligöz, die die Muslimas dieses Landes mit den folgenden Worten geradezu anherrschte:

“Kommt im Heute an, kommt in Deutschland an. Ihr lebt hier, also legt das Kopftuch ab! Zeigt, dass Ihr die gleichen Bürger- und Menschenrechte habt wie die Männer!

Seit wann ist die Abnahme des Kopftuches Voraussetzung für Gleichberechtigung und Inanspruchnahme von Rechten? Stehen diese Rechte nicht allen Menschen in diesem Land zu, ohne Berücksichtigung der Kopfbedeckung?

Frau Deligöz, warum knüpfen Sie die Ankunft im heutigen Deutschland an die Ablage des Kopftuches? Warum respektieren Sie nicht die Entscheidung der Muslimas, die ihre Kopfbedeckung als Ausdruck Ihrer religiösen Überzeugung tragen? Mit Ihren plakativ, dümmlich formulierten und intellektuell unausgegorenen Forderungen machen sie Muslimas in Deutschland das Leben schwer, weil Sie damit Vorurteile und nicht-muslimische Hassprediger bedienen. Sie haben geäußert, ein „Sprachrohr“ für muslimische Frauen sein zu wollen, nach Dresden sollten doch auch Sie endlich erkennen, dass Ihre „Initiative“ nur ein weiterer Rohrkrepierer ist, der dem konstruktiven innergesellschaftlichen Dialog zuwider läuft.

Ein spezielles Dankeschön muss man auch dem ehemaligen Vorsitzenden der CSU Herrn Edmund Stoiber aussprechen, der in unauflässlicher Weise durch die Bierzelte dieser Republik tingelt und hetzerische Angstszenarien mit dumpfen Parolen wie “Deutschland und Europa sind von christlichabendländischen Werten geprägt, nicht von Dschihad und Scharia!“ und “Wir jedenfalls lassen unsere Grundrechte und Grundwerte nicht mit dem Verweis auf Koran und Scharia außer Kraft setzen.” pinselt. Danke für diese klaren Werte und diesen klaren Kurs Ihrer politischen Arbeit und Ihrer Partei!

Selbstverständlich könnte man hier die Liste um die Namen anderer Politiker wie z.B. der ehemaligen Bundestagspräsidentin Antje Vollmer, dem innenpolitischen Sprecher der SPD Dieter Wiefelspütz, dem hessichen Ministerpräsidenten Roland Koch oder dem untergegangenen CSU-Star Günther Beckstein erweitern, die sich in ihrer Wortwahl beim Thema Kopftuch, Muslime und Islam nicht durch Sachkenntnis und Nüchternheit ausgezeichnet haben. Ihnen allen sei dafür gedankt, dass es ihnen gelungen ist das Kopftuch zu einem Gefahrensymbol zu stilisieren, auf dass jeder sein Muslimspezifisches Vorurteil projizieren kann.

Doch auch jenseits der politischen Flure dieser Republik gibt es Menschen, denen man nach Dresden danken darf.

Der Journalistin und Publizistin Frau Alice Schwarzer gebührt ein spezieller Dank für ihre Ansichten über Islam und Muslime, die im folgenden Satz einen vorläufigen Höhepunkt finden: ” Das Kopftuch ist die Flagge des Islamismus. Das Kopftuch ist das Zeichen, das die Frauen zu den anderen, zu Menschen zweiter Klasse macht. Als Symbol ist es eine Art ›Branding‹, vergleichbar mit dem Judenstern.”

Danke Frau Schwarzer für diese wunderbare Analogie, die Sie zwischen Islam und dem menschenverachtenden Nationalsozialismus, der in Ihrer deutschen Geschichte wurzelt, herstellen. Danke auch dafür, dass Sie im Zusammenhang mit dem Kopftuch von einem “grassieren” sprechen, als ob es sich um eine Krankheit handele, die man mit allen Mitteln ausmerzen müsse.

Auch der Soziologin Frau Necla Kelek muss gedankt werden, die ihre begrenzten privaten, familiären und armseligen Erfahrungen mit Muslimen als die “Islamische Leitkultur” definiert.

Frau Kelek unterstellt, dass der Islam ein Integrationshindernis sei, da “mehr als fünfzig Prozent der Muslime nicht integrationswillig sind”, dass der Islam totalitär sei, da er das “Ich, konsequent austreibe” dass Islam und Demokratie nicht vereinbar seien, da sie sich nicht vorstellen könne, dass “auf dem Teppich in der Moschee Demokratie entstehen kann”, und dass das Kopftuch für sie eine “Körperverletzung” darstelle.

Danke Frau Kelek für Ihren oberflächlichen Umgang mit dem Islam, den Sie einer breiten Öffentlichkeit als seriöse wissenschaftliche Arbeit darbieten. Letztendlich betreiben Sie populistische, intellektuell verbrämte Diffamierung und Ihre Platitüden entmenschlichen Muslime.

Vielleicht veranlasst Sie der Mord an Frau El-Sherbini Ihre bedenklichen Schlussfolgerungen noch einmal zu überdenken, denn gerade Aussagen wie die von Ihnen getätigten, führen tatsächlich zu fatalen Körperverletzungen!

Gedankt sei auch den Ulfkottes, Broders, Giordanos, Ahadis, den Raddatzen und anderen geistigen Terroristen, aber auch ihren Mitstreitern auf den Webseiten “Achse der Guten”, “Politically Incorrect” und “Die Grüne Pest”, die ihren niederträchtigen Rassismus mit vermeintlicher Religionskritik zu tarnen suchen. Danke dafür, dass Sie jeden, der den repektvollen und konstruktiven Dialog mit Muslimen sucht und in vielfältigster Form findet, des Einknickens und der Kapitulation bezichtigen, und das Wort “Gutmensch” zum Schimpfwort degradiert haben!

Danke auch den Politmagazinen des Öffentlich Rechtlichen Fernsehens, die es seit dem Mord an Frau El-Sherbini bis heute nicht für notwendig befunden haben, sich mit dem Mord und der sich darin ausdrückenden wachsenden Aversion gegenüber Muslimen und Islam in Deutschland auseinanderzusetzen.

Danke auch dem “Spiegel” und dem “Stern”, den selbst ernannten Bannerträgern des vermeintlich unabhängigen und aufgeklärten Journalismus dieser Republik, die die Paranoia des etwas intellektuell anspruchsvollerem Publikum regelmäßig mit anti-muslimischen Vorurteilen bedienen.

Mit dunkel gefärbten und Furcht einflössenden Titelseiten, gepaart mit dezidiert tendenziösen Schauermärchen in den Innenteilen wird vom “Mekka Deutschland-Die Stille Islamisierung Deutschlands”, “Wie gefährlich ist der Islam”, “Der Koran-Das mächstigste Buch der Welt” und “Papst contra Mohammed” auf Kundenfang gegangen. Danke dafür, dass Sie die Islamfeindlichkeit von den Stammtischen in die Salons tragen.

Darf man sich angesichts eines derartigen Journalismus noch darüber wundern, dass die Ausländerfeindlichkeit in Deutschland nicht mehr in Springerstiefeln und Bomberjacken daherkommt, sondern im feinen Nadelstreifenanzug?

Danken muss man auch der “Berthold-Brecht-Gesamtschule” in Bonn, die sich in ihrer Schulverfassung voller offensichtlichen Stolzes der Schaffung einer kopftuchfreien Schule verschrieben hat.

Muss man sich angesichts eines derartigen ideologischen Ungeistes noch über die Ausrufung von “Nationalbefreiten Zonen” in diesem Land wundern?

Danken sollte man auch der Dresdener Oberbürgermeisterin Helma Orosz (CDU), die ihre wochenlange Abwesenheit nach dem Mord an der Ägypterin Marwa El Sherbiny mit folgenden Worten verteidigt hat : “Ich habe nicht damit gerechnet, dass die Tat in den arabischen Staaten und anderswo so politisch dominant aufschlägt.” Es habe für sie “keine Veranlassung” gegeben, den Urlaub abzusagen. Ein Rückflug aus Rhodos zur öffentlichen Trauerfeier am 11. Juli in Dresden sei ihr nicht möglich gewesen.

Danke Frau OB Orosz, dass Sie in aller Offenheit Ihre politische Unsensibilität eingestehen. Danke dafür, dass Sie den Muslimen Ihrer Stadt das Gefühl vermitteln, Bürger einer von Ihnen noch zu definierenden, vernachlässigbaren Kategorie zu sein. Wie sonst ist es zu erklären, dass ein Mord an einer Muslima aus rassistischen Motiven in einer Stadt, für die Sie die politische Verantwortung tragen, Ihnen keine Veranlassung gibt, Ihren Urlaub zu unterbrechen. Was muss eigentlich in Dresden passieren, damit Sie politische Handlungsfähigkeit und Mitmenschlichkeit demonstrieren?

Aber warum soll man von Ihnen mehr verlangen, als in der CDU Sachsen offensichtlich üblich ist, denn schließlich hat auch Ihr Ministerpräsident Herr Stansilaw Tillich es nicht für nötig empfunden, an der Trauerfeier für Frau El-Sherbini teilzunehmen. Dieser scheint sich wiederum an seiner Parteifreundin und Kanzlerin Frau Angela Merkel orientiert zu haben, die nach dem Mord an Frau El-Sherbini tagelang geschwiegen hat. Der Verweis ihres Sprechers darauf, dass die Ausländerbeauftragte der Bundesregierung Frau Maria Böhmer Muslimen ihr Mitgefühl ausprochen hat, ist ein enormer Rückschritt im Umgang mit Muslimen in Deutschland. Für Frau Merkel, Herrn Tillich und Frau Orosz bleibt der Islam offensichtlich eine Ausländerreligion.

Bleibt die Frage, was der Bundesinnenminister Herr Schäuble gemeint hat, als er vor kurzem davon sprach, dass der Islam längst ein Teil unseres Landes ist; seine Auffassung scheint nicht bei allen Verantwortlichen der CDU auf offene Ohren zu stoßen.

Der Mord an Marwa El-Sherbini beweist, dass es um den Ton, den Dialog, dem Gespräch zwischen den Mehrheiten und Minderheiten in diesem Land auf breiter Ebene nicht gut bestellt ist.

Der Generalsekretär des Zentralrats der Juden in Deutschland Herr Stephan J. Kramer stellt mit berechtigter Irritation Folgendes fest:

“Ich bin nicht nach Dresden gefahren, weil ich als Jude Angehöriger einer Minderheit bin. Ich unternahm die Reise, weil ich als Jude weiß: Wer einen Menschen wegen dessen Rassen-, Volks- oder Religionszugehörigkeit angreift, greift nicht nur die Minderheit, sondern die demokratische Gesellschaft als Ganzes an.”

Deshalb sei er erstaunt, “warum es keinen massiven Besucherstrom oder Solidaritätsadressen der deutschen Mehrheitsgesellschaft gibt”.

Stephan J.Kramer weiß um den unterschwelligen, bisweilen offen ausgelebten Rassismus in der “Bunten Republik Deutschland”, in der der Begriff “Multi-Kulti” nur noch abfällig und in Negativzusammenhängen verwendet wird, und um die Gefahren, die dieser Rassismus mit sich bringt.

Muslime in Deutschland legen keinen besonderen Wert darauf, dass Strassen nach muslimischen Opfern rassistischer Morde benannt werden. Genauso wenig wie Stolpersteine, die an Opfer des Nationalsozialismus erinnern, Schändungen jüdischer Friedhöfe verhindern, werden Straßen, die Muslimische Namen tragen, der grassierenden Aversion gegen Muslime Einhalt gebieten können.

Muslime wollen keine Sonderbehandlung, keine rechtliche Sonderstellung sondern eine gesellschaftliche Normalität, die Frauen mit Kopftuch genauso achtet, wie Frauen ohne Kopftuch, Männer mit Bart genauso akzeptieren wie Männer ohne Bart und Moscheen als genauso selbstverständlichen Bestandteil des Stadtbildes in Deutschland wie Kirchen und Synagogen wahrnimmt.

Die zum Mord an Marwa El-Sherbini jetzt schweigenden, aber sonst so eloquenten Dummschwätzer, Hassprediger und Hetzer, die sich des Mäntelchen der freien Meinungsäußerung bedienen, wollen Muslimen diese Normalität nicht zugestehen. Gegen diejenigen, die Muslime als Abnormität darstellen, muss sich ein breiter gesellschaftlicher Konsens formieren, weil sie die Saat säen für eine Gesellschaft, in der Menschen mit einer anderen Hautfarbe und Religion bespuckt und angepöbelt, oder wie in Dresden von der Polizei sogar angeschossen werden können.

Wieviel Wasser muss noch den Rhein, die Elbe, die Spree und die Isar hinunterfliessen bis Muslimen diese selbstverständliche Normalität tatsächlich gewährt wird?

Darf man nach Dresden und den beschämend zögerlichen Reaktionen des offiziellen Deutschlands darauf hoffen, dass es bei dem Wasser bleibt?

Geschichtsbewusste Rechtsradikale Schmierfinken haben in der Nachbarschaft Deutschlands, im österreichischen Mauthausen, ihr Verhältnis zu Muslimen im März 2009 auf einen einfachen Punkt gebracht:

“Was unseren Vätern der Jud ist für uns die Moslembrut”.

Das Wochenblatt “Die Zeit” zitiert den Antisemitismusforscher Wolfgang Benz:

“Die Wut der neuen Muslimfeinde gleicht dem alten Zorn der Antisemiten gegen die Juden.”

Darf ich meinen deutschen Mitbürgen nach dem Mord an Marwa El-Sherbini in aller Aufrichtigkeit, und ohne Irritationen auslösen zu wollen, zum Abschluss zurufen: “Deutschland Erwache!?!?!

M.Belal El-Mogaddedi
10.08.2009

Marwa El-Sherbini: Prozess findet doch in Dresden statt

Samstag, September 19th, 2009

Vor zwei Wochen hatte der Anwalt von Alex W. im Mordfall an Marwa El-Sherbini die Verlegung des Prozesses in ein anderes Gericht gefordert. Begründung war:

Er sieht eine „besondere Situation“, weil die im Prozess auftretenden Zeugen den Richtern persönlich bekannt seien, sagte der Dresdner Rechtsanwalt Michael Sturm am Dienstag dem Tagesspiegel. Dies begründe Umstände „knapp unterhalb der Befangenheit“. Das Oberlandesgericht muss nun darüber entscheiden. Auch Sicherheitsgründe sprächen für eine Verlegung, etwa nach Leipzig.

Gestern hatte das Oberlandesgericht Dresden entschieden, dass eine Befangenheit nicht vorliege, da die Beziehung zwischen den Richtern am Schwurgericht und den am eigentlichen Prozess beteiligten Richtern “über ein kollegiales Verhältnis nicht hinausgeht”. Von einer Befangenheit könne deshalb nicht ausgegangen werden.

Tatsächlich könnte sich wahrscheinlich jeder Richter in die Situation der Richter in Dresden hineinversetzen, sodass überall eine ähnlich gelagerte Identifikation stattfinden könnte.

Deutscher mit und ohne Migrationshintergrund

Freitag, Oktober 9th, 2009

Man merke: Alex W., Mörder von Marwa El-Sherbini ist Deutschrusse, während Herta Müller, die frisch gekürte Literaturnobelpreisträgerin, zwar in Rumänien geboren und aufgewachsen ist, aber sie ist dennoch die Deutsche Herta Müller. Ist ja auch kein Wunder: Spätestens seit Rüttgers wissen wir ja, dass Rumänen faul sind und nicht wissen, was sie tun. Herta Müller ist anscheinend nicht faul und sie macht nicht den Anschein, dass sie nicht weiß, was sie tut. Ergo, Herta Müller muss Deutsche sein! Alex W. auf der anderen Seite ist Rassist und hat ein Verbrechen begangen1, er kann kein Deutscher sein und seine Probleme stammen auch nicht aus Deutschland.

Update: Der Streit, ob Herta Müller nun Deutsche oder Rumänen ist, findet sich nun auch bei der Deutschen Welle: Verehrt und instrumentalisiert: Rumäniens zwiespältige Beziehung zu Herta Müller. Wohlgemerkt: Von Deutschland wird Frau Müller nicht instrumentalisiert, sondern von den Rumänen.

DW: Herta Müller gehörte zur deutschsprachigen Minderheit in Rumänien. Genauer gesagt zu den Banater Schwaben. Deshalb mutete es etwas merkwürdig an, dass sie als rumänische Schriftstellerin vereinnahmt wird, wie Sie sagen. Aber mittlerweile liegen ihre Romane auch auf Rumänisch vor. Wie ist sie denn bisher in Rumänien rezipiert worden?

Ein paar von ihren Romanen sind in rumänischer Sprache erschienen, übersetzt von Nora Ioga, einer ganz großen Schriftstellerin und Dichterin. Und Herta Müller hat immer gesagt, das die rumänische Sprache sie sehr beeinflusst hat in ihrer dichterischen Tätigkeit. Sie spricht Deutsch. Sie ist eine Deutschstämmige. Aber der Klang der rumänischen Sprache, die ein wenig frivol und sinnlich ist, beeinflusst ihre Art und Weise zu schreiben.

  1. das ja durchaus auch relativiert werden kann, aber dazu woanders..[]

Karim El-Gawhary: Muslime sind immer die Täter

Montag, Oktober 26th, 2009

In der taz bringt es Karim El-Gawhary auf den Punkt:

Bei der Berichterstattung rund um den Prozess, der am Montag in Dresden beginnt, könnte es darum gehen, wie eine antiislamische Stimmung in Deutschland, angeheizt von vielen Schreibtischtätern, dem Mörder Alex W. zugearbeitet hat. Stattdessen aber dreht sich alles um die Sicherheitsvorkehrungen im Prozess: die 200, das Gericht schützenden, Polizisten und das extra angebrachte Panzerglas, die den Prozess vor muslimischen Racheaktionen schützen soll.

Ich würde behaupten, dass in der Mehrheit der Berichterstattung zum Fall Marwa El-Sherbini nicht der Kern getroffen wurde, sondern stets die Auswirkungen betrachtet wurden. Es wurde also über die Demonstrationen in Ägypten berichtet, über Kommentare von Verbänden in Deutschland usw. usf.. Eien tatsächliche Diskussion über die Motive des Täters fand nur in wenigen Berichten statt. Und dann wurde die Schuld immer schön weit geschoben. Deutsche sind keine Täter! Alex W. war offensichtlich Täter. Also war Alex W. kein Deutscher. Ein Russland-Deutscher vielleicht, der eher Russe als Deutscher ist..

Das geht aber ein wenig weiter: Mein offener Brief an den neuen Kanzleramtskandidaten Ronald Pofalla liegt nun schon drei Jahre zurück. Damals hatte ihn die “Bild am Sonntag” mit folgenden Worten zitiert:

Das Problem religiös motivierter Gewalt ist heute fast ausschließlich ein Problem des Islam.

Ich hatte ihm dann einige Fälle von religiös motivierter Gewalt beispielhaft im Namen des Christentums aufgelistet. Das hat sein Mitarbeiter in der Antwort auf meinen offenen Brief ignoriert, was ich auch in weiteren Artikeln und Briefen kommentiert hatte.

Aber was lässt einen Menschen so etwas sagen? Meines Erachtens hängt es stark mit der Berichterstattung zusammen. Während durch Muslime begangene Morde automatisch dem Islam zugeschrieben werden – obwohl sie oftmals politische, persönliche oder soziale Hintergründe haben – werden offensichtlich christlich motivierte Anschläge nicht ebenfalls als christlich eingestuft. Ein Beispiel dafür ist die Berichterstattung über die christlichen Milizen der “Lord’s Resistance Army”, einer Gruppierungen, die vornehmlich in Uganda einen “Gottesstaat” errichten wollen. Ihre Methoden verdienen das Beiwort “grausam” und inzwischen greifen sie erstmals auf die sudanesische Region Darfur über, wie der britische “telegraph” berichtet:

The Lord’s Resistance Army, famous for abducting children and maiming its victims, raided a camp for displaced Darfuris in southern Sudan looking for supplies.

The attack raised fears that the LRA now plans to move into the troubled Sudanese region, where the worst of six years of fighting appeared to have subsided recently.

Soweit, so schlecht, aber im gesamten Artikel ist nicht einmal die Rede von Christen oder davon, dass die Terroristen christlich motiviert sind. Auf der anderen Seite wird die Nachricht auch nicht wirklich weitergetragen. Oder hat jemand die Nachricht in deutschen Medien gesehen? Da ist es dann verstänlich, dass behauptet werden kann, dass es nur muslimische Terroristen gibt..

via fareus

“Ich bin ganz schmutzig”

Freitag, Oktober 30th, 2009

Beklemmend und den Tränen nahe schilderte der Wachtmeister, wie er sich gleich um den dreijährigen Sohn von Marwa El-Sherbini gekümmert habe. „Ich bin ganz schmutzig“, habe das blutverschmierte Kind gesagt. Er habe den Jungen aus dem Saal gebracht, abgelenkt und nicht mehr aus den Augen gelassen. Später begleitete er ihn ins Krankenhaus.

Die Sächsische Zeitung über den Mord an Marwa El-Sherbini.

Schweigen in der Sache – Berichterstattung, die umhaut!

Sonntag, November 1st, 2009

in der ZDF-Mediathek findet sich neuerdings ein Video aus der Sendung ZDF aspekte vom Freitag, den 30.10.2009. Unter dem Titel “Schändliches Schweigen” geht darin eine Frau Anna Bernard angeblich auf “den Fall” der ermordeten Marwa El-Sherbini ein. Wie sie das tut wäre sehr witzig, wenn es denn nicht so traurig gewesen wäre. Erst die Ansage:

Am 1. Juli wurde eine junge Ägypterin im Landgericht Dresden von einem Russlanddeutschen mit 16 Messerstichen ermordet. Danach wurde die Frage gestellt, ob es in Deutschland ein unterschwelliges rassistisches Klima gibt. Diese Frage stellte man sich natürlich auch in der islamischen Welt – vor Allem in Ägypten. Diese Woche hat nun der Prozess gegen den 28-jährigen Angeklagten begonnen – der tobt im Gerichtssaal, schweigt aber in der Sache.

Das nehmen sich scheinbar die Macher dieses Programms zum Motto: Schweigen in der Sache! Aber eins nach dem Anderen. Mit welchen Mitteln des hohen Journalismus möchte die Reporterin nun an den Fall herantreten. Wie wird sie “den Fall Marwa El-Sherbini” behandeln?

Meine Kollegin Anna Bernard hat mit zwei Autoren über den Fall gesprochen, die beide Kulturkreise sehr genau kennen. Der eine ist der berühmteste ägyptische Schriftsteller, Alaa Al-Aswani, der andere der Wissenschaftler Hamed1 Abdel-Samad, der seit Jahren in Deutschland lebt. Und beide kommen zu bemerkenswerten bis sehr selten gehörten Erkenntnissen.

Man muss wissen, Hamed Abdel-Samad ist seit 1995 in Deutschland – das sind 14 Jahre – hat sich seine deutsche Staatsbürgerschaft mit einer Scheinehe erschlichen2, “litt an Amnesie, Bandscheibenvorfall und Magenblutungen, hörte Stimmen und hatte Halluzinationen” sodass er in die Psychatrie eingeliefert wurde, wo er angeblich Selbstmordversuche unternahm. Wie lange er dort verbrachte, fand ich nicht heraus. Er ist wohl derzeit dabei zu promovieren3. Seit 1995 hat er etwas mehr als ein Jahr in Japan verbracht, offenbar lange genug, um seine “wahre Liebe” zu finden. Damit müsste sich seine tatsächliche Verweildauer in Deutschland sogar auf unter 14 Jahre belaufen. Trotzdem soll er Deutschland “genau” kennen.. Da hätte ich noch ein paar andere ‘Deutschlandkenner’, die ein gänzlich anderes Meinungsbild wiedergeben würden – und vielleicht sogar etwas zum Fall zu erzählen hätten.

Der andere Interviewpartner ist Alaa Al-Aswani – bei weitem nicht der berühmteste Schriftsteller in Ägypten, dafür aber scheinbar der berühmteste ägyptische Schriftsteller im Westen, weil er anscheinend pornografische Filmelemente nutzt. Woher man die Annahme nimmt, dass dieser Mensch die Kultur Deutschlands “genau” kennt, erschließt sich mir nicht, da er selbst im Interview mit dem deutschen Fernsehkanal auf Französisch antwortet. Ist “Deutsch” nicht Teil der deutschen Kultur? Dann muss man sich wieder fragen, warum gerade er zum Interview herangezogen wird, wo es genügend Deutsch-Ägytische und ägyptische Kulturvereine in Deutschland gibt, die die Situation wahrscheinlich weit besser beurteilen können und auch noch die Fragen auf Deutsch beantworten können.

Nach einer kurzen Einleitung, in der dem Zuschauer kurz der Hergang des Mordes an Marwa El-Sherbini erklärt wird, kommt zunächst Alaa Al-Aswani4 dran, der zumindest seine Aussage präzise wiedergeben kann:

Erstens, hat es fast eine Woche gedauert, bis es von offizieller Seite eine erste Reaktion gab. Und zweitens, selbst in den deutschen Medien wurde dieses Verbrechen erst thematisiert, als es in Ägypten Proteste und Demonstrationen gab. Wir in Ägypten stellen uns ehrlich gesagt immer die Frage, wäre das Opfer aus Israel gewesen, hätte die deutsche Regierung auch so reagiert?

Dann ist Hamed Abdel-Samad an der Reihe und spricht in scheinbar gebrochenem Deutsch – zumindest was seine Aussprache angeht. Ihm wurde aber scheinbar keine Frage zum Mordfall gestellt, sondern vielmehr zur Reaktion in Ägypten. Hier vollzieht Frau Bernard schon die Wende weg vom eigentlichen Thema, hin zur Reaktionsqualifizierung. Eben: “Schweigen in der Sache”!

Das hat auch – wiederum – etwas mit dem Selbstbild der Muslime zu tun – mit dem Beleidigtsein der Muslime zu tun. Muslime spüren seit Generationen ein Gefühl der Demütigung und Ohnmacht gegenüber dem Westen. Ob es Muhammad-Karikaturen, ob es die Papst-Rede in Regensburg oder eine britische Lehrerin, die ihren Teddy-Bär Muhammad nennt – Muslime finden immer einen Anlass, gekränkt und gedemütigt zu werden.

Interessante Auflistung! Die Muhammad-Karikaturen, in denen ein Staat noch nicht einmal den Vorwurf der Volksverhetzung verfolgen wollte und der erst zum Thema wurde, als Muslime auf die Straße gingen, wird mit der Rede des Papstes in Regensburg verglichen, bei der gerade Muslime mit einem offenen Brief und einer offenen Einladung einer Pöbeldiskussion aus dem Weg gingen und das wiederum mit einer tatsächlichen Pöbeldiskussion mit “Happy Ending”, die nun von Islamophoben auf der ganzen Welt missbraucht wird5, wo sich aber vor allem auch Muslime eingesetzt hatten, um dieses Ende herbei zu erarbeiten. Hauptsache ist: Muslime sind doch immer beleidigt! Zur Bestätigung benutzt die Sprecherin die angebliche Beschwerde einiger Muslime gegen die Schalke-Hymne und den ‘hach so netten’ Vorschlag, Toilettenpapier mit dem Koran zu bedrucken6. All das wird zur Bestätigung der als Buchtitel veröffentlichten Aussage von Abdel-Samad “Ich bin Moslem, also bin ich beleidigt” herangezogen.

An dieser Stelle fragt man sich, was man zum Mordfall alles erfahren hat, nach mehr als der Hälfte des Films, genauer gesagt, nach 4 Minuten und 40 Sekunden von insgesamt 6 Minuten und 37 Sekunden. Das Resultat geht stark gegen Null. Aber dann wird es noch besser: Die restliche Zeit wird vor allem von einer Biographie von Hamed Abdel-Samad dominiert7, wo vor allem seine psychischen Probleme beschrieben werden und dann – das ist richtig interessant – auch von ihm auf die ganze muslimische?/arabische? Gesellschaft ausgeweitet wird. Abdel-Samad:

In der Psychatrie schreibt er sich seine Geschichte von der Seele – mit schonungsloser Offenheit.

Abdel-Samad: Ja, es war ein Kampf, erstmal zu verstehen, was ist in meinem Leben schief gelaufen ist und damit war die Frage verbunden, was ist in unser Kultur schief gelaufen. Warum gibt es so viel Gewalt? Warum gibt es so viel Doppelmoral? Warum sind wir nicht fähig, unverkrampft, über unsere Religion, über unsere Probleme zu sprechen?8

Meine Analyse: Da muss jemand dringend wieder in die Psychatrie. Er übt nämlich keine Selbstkritik, er kritisiert alle anderen um ihn herum und schiebt seine eigenen Probleme auf die “Kultur” und wirft allen anderen Muslimen/Arabern/Ägyptern(?) vor, sie lebten in Gewalt und Doppelmoral. Typisches Von-sich-auf-andere-Schließen, wie man ihn bereits von anderen Kronzeugen islamophober Mitbürger kennen. Die Sprecherin sieht das ein wenig anders:

Was er von seinen Landsleuten erwartet, hat er vorgemacht: Aufklärung durch Tabubruch!

Und jetzt will die Sprecherin den Kreis schließen. Denn eigentlich ging es doch nicht um die Araber/Muslime/Ägypter oder auch nur um Herrn Abdel-Samads Probleme, sondern vor allem um den Mordfall an Marwa El-Sherbini.

Fehlende Aufklärung führt zu Aggressionen. Auch bei uns. Der Mord von Dresden beweist es. Eine Tat – zu furchtbar, um sie zu relativieren9 oder zu instrumentalisieren. Marwa El-Sherbini sollte in diesem Gebäude Gerechtigkeit widerfahren. Stattdessen verlor sie ihr Leben. Tragischer hätte diese Geschichte nicht ausgehen können.

Und das sind tatsächlich die letzten Worte in diesem Bericht! Was diese Sätze mit den Interviews und der Kurzbiographie zu tun haben, wird wohl keinem wirklich klar. Ich denke mal, der Frau ist aufgefallen, dass sie im Bericht fast nichts zum Fall selbst sagt.10

Der Bericht ist ein einziger Witz und im Falle des öffentlichrechtlichen Fernsehens eine Art, öffentliche Gelder zu verschwenden. Aber ich bin natürlich der beleidigte Muslim. Ein Bild von mir (oder irgendeinem anderen “muslimischaussehenden” Menschen), wie ich ein groteskes Plakat mit Forderungen nach Mord und Totschlag des Westens hochhalte, müsste noch gesucht werden, um der Sache gerecht zu werden. Herr Abdel-Samad, übernehmen Sie.

An die Kommentatoren: Erst nachdenken, dann schreiben!

  1. sie spricht das eher wie “Hachmed” aus, aber das nur nebenbei[]
  2. wie er selbst zugibt[]
  3. und allein deshalb nicht “Wissenschaftler”, sondern angehender Wissenschaftler..[]
  4. lustig, wie Frau Bernard seinen Namen total falsch ausspricht ‘Ala A Al-Aswani’[]
  5. übrigens: darüber beschwert sich keiner; nur darüber, wenn Muslime einen Mord für eigene Forderungen nutzen..[]
  6. “gegen die Frau wird eine ‘Fatwa’ erlassen” sagt die Sprecherin, aber nicht, was der Inhalt der Fatwa ist.[]
  7. bis zur 6. Minute und 10 Sekunden[]
  8. grammatikalische Fehler nicht von mir![]
  9. ja, wer macht das wohl??[]
  10. im Übrigen: damit liegt folgende zeitliche Verteilung vor:

    • Einleitung: 48 Sekunden
    • Zusammenfassung: 24 Sekunden
    • Aussage Alaa Al-Aswani: 58 Sekunden
    • Biographie Alaa Al-Aswani: 10 Sekunden
    • Aussage Alaa Al-Aswani: 12 Sekunden
    • Aussage Hamed Abdel-Samad: 44 Sekunden
    • Beispiele zur Stützung von Abdel-Samads Aussagen: 44 Sekunden
    • Biographie Hamed Abdel-Samad: 125 Sekunden
    • Zusammenfassung: 27 Sekunden
    • Ausspann: 5 Sekunden

    In anderen Worten: Für den Mord an Marwa El-Sherbini ist die Biographie von Hamed Abdel-Samad ganz wichtig!! []

Pierre Vogel: Versammlung der Umma! Wirklich?

Dienstag, November 3rd, 2009

Die üblichen Gruppierungen rund um Pierre Vogel verschicken wieder Emails, nachdem die Schamfrist nach ihrem Debakel um den Fall der fünffachen Mutter Natalie Bracht scheinbar abgelaufen ist1. Diesmal geht es um den Prozess des Mörders von Marwa El-Sherbini, der in der letzten Woche anlief und wohl bis Mitte diesen Monats zuende gebracht wird. Hier ein Auszug aus einer Email, die mich heute morgen erreichte:

Salamu alaikum, es geht um den Mord unserer Schwester in Dresden und eine Versammlung der Umma am [xx].11.2009.

Bitte unbedingt anhören!!! Bis zum Ende!!! Und weiterleiten!!! InschaALLAH kheir.

Mögen soviele Muslime als möglich erscheinen um ENDLICH auch zu zeigen, daß wir eine UMMA sind inschaALLAH !!!

Wirklich? Eine Versammlung der Umma? Und wofür? Wählen wir einen neuen Kalifen? Können wir Pierre Vogel endlich abwählen?

Die Umma, das bin ich

Warum glauben diese Leute2 eigentlich mit ihren knappen hundert Leuten, die zu den “Kundgebungen”3 zum Mordfall Marwa El-Sherbini dazugestossen sind4, “die Umma” zu respräsentieren? Sie beschweren sich ständig, dass die Umma schlafen würde, dabei sind alle wach, schauen auf sie und denken sich: “Mann, ihr Pappnasen, setzt euch hin, ihr habt noch nichts wirklich verstanden und führt euch auf wie diejenigen, die ihr kritisiert.”. Zumindest denke ich so und folge ihrem Beispiel im “Von-mir-auf-andere-Schließen”! ( ;-) ) und gehe weiter: “ihr seid Teil des Problems”. Wer weiß, ob sie – sektiererisch wie sie sonst vorgehen – Marwa zu Lebzeiten auch als gute Muslima bezeichnet hätten. Ich möchte es zwar nicht ausschließen5, glaube aber, dass sie sich selbst diese Frage stellen sollten, weil Marwa El-Sherbini aufgrund ihrer in der Presse kolportierten Lebensweise (trug Jeans, war berufstätig, schickte ihr Kind in die Kita) sicherlich für einige von ihnen überhaupt nicht dem Ideal einer muslimischen Frau entsprochen hätte und so einiges von denen zu hören bekommen hätte.

Aber zurück zum Thema: Eine Versammlung also in Dresden und vor dem Gerichtssaal. Eine Versammlung von Muslimen vor dem Gerichtssaal! Wozu eigentlich?

Ich kenne Pierre Vogel nur von Online-Videos seiner Vorträge, die recht lang und monologisch ablaufen. Auch in der besagten Email wird ein zweiteiliges, 20 Minuten langes Video verlinkt [1,2], in dem Abu-Alia, Pierre Abu-Hamza Vogel, Ebu-Enes und Abu-Adam in vielen Worten eine Versammlung vor dem Landgericht in Dresden ankündigen. Ich tue hier so, als ob ich mit Pierre Vogel diskutieren würde. Dazu habe ich die wichtigsten Teile des Videos in Zitate aufgeteilt6 und meine Kommentare und Fragen hinzugefügt.

Nachfragen an Pierre Vogel

Also: Wozu die Versammlung in Dresden?

Denn wir wollen jetzt, wenn die internationale Presse kommt am Wochenende, wollen wir da sein. [...] Die sollen sehen, hier, das interessiert uns. Wir lassen das nicht mit uns machen. Das Maß ist voll.

Und das geht wie??

Aber wisst ihr was? Wir werden an diesem Tag dort sein und ich sage zu jedem Muslim. [xx].11., kommt mit nach Dresden7. Damit die sehen, guck mal hier, die Muslime kommen an.

Ohja, das hat ja auch in der Vergangenheit so gut funktioniert. Ergo, sollten wir das wieder anwenden! “Die Mooslime kommen” sollten wir als Plakat mitbringen. Vielleicht mit einer karikaturistischen Darstellung eines aufgeregten Muslims? Das wird die internationale Presse sehr gerne mit ins Programm aufnehmen. Vielleicht reichen aber auch die dort stehenden Gestalten als stereotypisches Abbild des Vorurteils gegenüber Muslimen aus?

Und was ist das ultimative Ziel der Veranstaltung vor dem Gericht?

Es geht uns nicht um Marwa … direkt. [...] Wenn so einer fragt, werden wir ihm sagen “ja klar, das überrascht uns nicht, dass sie umgebracht worden ist. Weil hier eine Hetze stattfindet unter Beobachtung der deutschen Regierung und die schämen sich noch nicht mal. Sie schämen sich noch nicht mal, zu sagen, wir haben einen Fehler gemacht, wir müssen die Sachen zumachen.

Hassseiten schließen?

Mit “die Sachen zumachen” ist sicherlich die von Ihnen forcierte Forderung nach Schließung von Seiten gemeint, die gegen Muslime hetzen. Da Sie das nicht nur in diesem Video wieder und wieder betonen, muss ich annehmen, dass Sie der Meinung sind, dass Frieden herrschen wird, wenn erst einmal die Hassseiten geschlossen sind8. Würden denn nicht auch Ihre Vorträge und befreundete Internetseiten unter das Hassseitenverbot fallen? Sie meinen doch Seiten, die

einfach die Propaganda, die damals die Juden umgebracht hat, wirken [lassen]

Die Juden, das sind die, von denen Sie sich nach eigener Aussage fragen,

warum sind sie so mächtig?

Nebenbei Herr Vogel: Wie bringen Sie in Verbindung, dass Juden angeblich so “mächtig” sind und dabei ständig antisemitischen Angriffen ausgesetzt sind? Müssen Sie nicht beantworten.

Größenwahn

Herr Vogel, Sie scheinen ja richtig gut vernetzt zu sein. Ihnen zufolge scheint die internationale Presse nur durch “einige Brüder” auf den Mordfall an Marwa El-Sherbini gekommen zu sein.

Wallahi Brüder, wir waren von der ersten Stunde dabei [Schnitt] hat uns ein Bruder angerufen, der den Bruder kennt, der im Amtsgericht getötet wurde. [Wie bitte??] Der hat gesagt, da ist eine Frau wegen Kopftuch im Amtsgericht getötet worden. Abends sind wir in die Internetseite gegangen, haben geguckt überall, was stand dort im Videotext, “Frau im Gerichtssaal erstochen”. Achso, Frau.. Da siehst du direkt, die wollen es verheimlichen. Am nächsten Tag, nix! Ja, Schaukelstreit!

Naja, ich zweifle daran, dass Presseagenturen eine solche geistige Bestimmtheit als Quelle nehmen. So schlecht sind sie doch nur ganz selten.

Herr Vogel, bei aller berechtigten Kritik: Die rechtslastige “Die Welt” schrieb noch am Nachmittag des 1. Julis, dass “die junge Frau, eine aus Ägypten stammende Muslimin” ein Kopftuch trug. Der Artikel ist noch vor dem Abend erschienen. Wie haben Sie den verpasst?

Zurück zu den Errungenschaften der “Brüder” um Sie herum:

Und wer mal genau aufpasst, der sieht, dass die Medien jetzt kleinlaut geworden sind, viel kleinlauter. Seit diesen Kundgebungen, die wir gemacht haben, haben wir positive Berichte teilweise in den Medien gesehen. Die trauen sich nicht mehr so’n Unsinn zu schreiben.

Wie jetzt? Aber zu den Kundgebungen sind doch – Gott sei Dank – gar keine Medien gekommen. Mal ehrlich: wären sie gekommen, hätten Sie sich nicht nur vor einer noch größeren Öffentlichkeit mit der “Natalie Bracht”-Geschichte blamiert, Sie hätten sogar tatsächlich immer weiter mit den peinlichen Kundgebungen gemacht, wie Sie das immer wieder betont hatten. Welche weiteren Erfolge können Sie denn vorweisen?

Theo [sic] Sarrazin ist total kritisiert worden – teilweise – in den Medien wegen seinen Aussagen. Das heißt aber, warum? Weil wir was getan haben, weil wir gesagt haben “hier, so darf man nicht über uns reden. So darf man nicht verallgemeinern”, aber dazu muss man was tun.

Wow! Die Kritik an Herrn Thilo Sarrazin kam aufgrund Ihrer Kundgebungen? Ich bin erstaunt über so viel Größenwahn! Und nebenbei: Es kam ja bei Weitem nicht nur Kritik an den Aussagen Sarrazins, sondern auch zu einem nicht unerheblichen Teil Zustimmung – im Prinzip so wie diese Quasidiskussionen auch vor ihren Kundgebungen stets gelaufen sind.

Medienauftritt und Quittungen

Einige Brüder, die haben so viel Emails verschickt an internationale Pressegesellschaften, ansonsten wäre die ganze Sache unter den Teppich gekehrt worden. Deswegen ist die Presse jetzt da. Die wollen uns verheimlichen.

Und jetzt sind wir da angekommen, worum es Ihnen genau geht, Herr Vogel: Der große Medienauftritt von den vier Musketieren – oder zumindest von Ihnen – bleibt derzeit aus. Und dafür sollen alle zahlen! Die Muslime, die Ihrem Aufruf folgen, sollen mit ihrer Anwesenheit und ihrer Instrumentalisierung zahlen. Womit müssen alle anderen rechnen?

Die Presse wird zu jedem einzelnen kommen und jemand hat ein Plakat dabei “stoppt die Hetze” usw. Und glaubt mir, da werden die Leute sich wundern, inshaallah wird das dann schööön ins Ausland gehen. Mit uns hat keiner geredet [wozu denn auch?], wollen sie ja nicht, die wollen uns schön in die Extremistenecke reinstecken, dann werden sie’s an dem Tag werden sie ihre Quittung bekommen.

Was steht denn so auf der Quittung?

Ja und wenn es dann zu einem Massenaufschrei in Pakistan, Iran oder Ägypten kommt vor der deutschen Konsulat, dann können wir dann auch nichts dafür. Die hätten zu uns kommen müssen, diese ganzen Verräter9. Ganz klarer Fall. Die wollen uns in die Ecke stellen, die wollen uns als Terroristen darstellen?!

Achso! Den Massenaufschrei hätten Sie nicht zu verantworten, auch wenn er als Konsequenz Ihres Handels entstehen würde10, ja? Aber wie war das denn mit der Verantwortlichkeit im Falle von Alex W.? Sie gehen doch davon aus, dass die antimuslimischen Hetzer eine Mitverantwortung am Handeln von Alex W. tragen. Sie, Pierre Vogel, hatten den Mord doch schon allein anhand der Anti-Islam-Propaganda prophezeit und bringen die Verantwortlichkeit mit folgendem Satz zum Ausdruck, wo Sie Alex W. beschreiben:

[über Alex W.] “Von jemand, der von den Zehspitzen bis zur Haarspitze mit Anti-Islam-Propaganda vollgepumpt war.”

Also, wie jetzt? Sind Hetzer für die Konsequenzen ihrer Hetze verantwortlich oder nicht? Ich würde ja dafür plädieren, dass das der Fall ist. Das ist immer dann der Fall, wenn jemand gegen eine Gruppe agitiert und sie verunglimpft und somit – wenn auch nur indirekt – Gewalt gegen diese Gruppe rechtfertigt. Das ist aber auch der Fall, wenn gegen einen Staat agitiert wird oder Lügen darüber verbreitet werden, wie Sie das etwa unlängst ohne maßgebliche Richtigstellung im Falle von Natalie Bracht taten. Oder zählt das nicht? Aber Sie sagten doch selbst,

Und ich weiß ganz genau, bei vielen Brüdern ist das Maß ganz gewaltig voll.

Ja, nämlich teilweise auch so voll, dass Ihr Anstacheln diese Brüder dazu bringen könnte, Gewalt anzuwenden. Sie gehen doch selbst davon aus, dass als Resultat ihrer Agitation Massenausschreitungen in “Pakistan, Iran oder Ägypten” stattfinden könnten. Da reicht es nicht, sich gegen Gewalt auszusprechen, wenn man die Konsequenzen seines eigenen Handels nicht abwägt oder diese sogar stillschweigend hinnimmt. Haben Sie mal darüber nachgedacht?

Also, lieber Pierre Vogel, nehmen Sie sich einige Minuten Zeit, um über das nachzudenken, was Sie tun. Ist es wirklich ein konstruktiver Beitrag zum Zusammenleben in Deutschland oder ist es nicht eher dämlicher Aktionismus, der kein klares Ziel hat und im Prinzip nur Medienhascherei ist? Als Maßstab mag gelten, ob sie auch ruhig über die Sache reden können – und zwar am Tisch, im Dialog, ohne schreien zu müssen, ohne Zuschauer, ohne Kamera und vor allem ohne internationale Presse. Wenn Sie das hinter sich haben, dann können Sie das vielleicht besser bewerten.

Unabhängig von dem Ergebnis dieser recht interessanten Untersuchung, wäre ich froh, wenn Sie in Zukunft nicht automatisch davon ausgehen würden, dass Sie die Umma vertreten oder dass alle anderen Muslime “schlafen” würden. Und bitte, geben Sie auch nicht vor, dass Sie die Zukunft sehen könnten, das ist doch arg unislamisch, wenn ich das mal so seicht ausdrücken darf.

  1. leider ist mein Artikel diesbezüglich immer noch nicht fertig[]
  2. konkret meine ich hier: Abu-Alia, Pierre Abu-Hamza Vogel, Ebu-Enes und Abu-Adam[]
  3. kund getan haben sie nur recht wenig Konkretes und die Forderungen – typischerweise “schließt die ‘Hassseiten’” – können unüberlegter nicht sein[]
  4. von denen die meisten selbst mitorganisiert und aufgerufen haben[]
  5. ich kannte sie letztlich ja auch nicht[]
  6. die Grammatikfehler und komischen Satzbauten sind nicht mir geschuldet! Die Zitate sind von mir neu geordnet.[]
  7. an anderer Stelle ruft Pierre Vogel sogar explizit “alle” Muslime auf und zählt extra Schiiten und Sufis auf. Von Mitspracherecht sagt er nichts. Dafür gibt es aber gerne ein Fürspracherecht..[]
  8. Nicht “Meinungen machen Seiten”, sondern “Seiten machen Meinung”. Natürlich stimmt beides, aber vor allem stimmt, dass die Meinungen nicht verschwinden werden, wenn man die Seiten verbietet[]
  9. ja, ich weiß. Es ist nicht klar, wen er eigentlich mit “Verräter” meint.[]
  10. was ich persönlich für ziemlich unwahrscheinlich halte[]