Ein Streit ist nun offen zwischen dem Koordinationsrat der Muslime in Deutschland und dem Professor für “Religion des Islam” Muhammad Kalisch entbrannt. Der Koordinationsrat verkündete am Freitag, dass sie die Zusammenarbeit mit dem “Centrum für religiöse Studien” nicht fortführen werden und zog seine Empfehlung zum Lehramtsstudium am “Lehrstuhl für Religion des Islams” zurück. Die Begründung fiel zunächst knapp aus: Der Grund liege in der “erheblichen Diskrepanz zwischen den Grundsätzen der islamischen Lehre und veröffentlichten Positionen des Leiters des CRS in Münster”.
Hintergrund
Professor Muhammad Sven Kalisch bekam in 2004 den Ruf von der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster. In der Ankündigung zu seiner Professur spiegelt sich der Zweck der neugeschaffenen Stelle:
Mit der Ernennung von Privatdozent Dr. Muhammad Sven Kalisch aus Hamburg zum Professor für das Fach “Religion des Islam” an der Westfälischen Wilhelms-Universität ist nun der Weg frei: Die Universität Münster ist die erste deutsche Hochschule, die Lehrerinnen und Lehrer für Islamunterricht ausbilden wird. [...] “Münster bietet damit bundesweit als erste Hochschule ein wissenschaftliches Hochschulstudium im Bereich Lehrerausbildung Islamunterricht an”, betonte Wissenschaftsministerin Hannelore Kraft am Donnerstag in Düsseldorf anlässlich der Ernennung von Prof. Kalisch.
Die Ausbildung von Lehrern für den damals in einigen Ländern angedachten und teils probeweise eingeführten Islamunterricht war auch in der medialen Aufbereitung die ausschlaggebende Arbeit des Instituts. Seine Befähigung zu diesem Posten war unklar, denn bis dahin hatte er Jura studiert und in den Rechts- und Wirtschaftswissenschaften promoviert. Zwar galt seine Doktorarbeit der “Vernunft und Flexibilität in der islamischen Rechtsmethodik”, allerdings schien er nicht mehr in diese Richtung getan zu haben. Seine Habilitationsschrift, die er zu “Fiqh und Usul al-fiqh in der Zaidiya – Die historische Entwicklung der Zaidiya als Rechtsschule” schrieb, scheint bis heute nicht veröffentlicht worden zu sein. Zum Vergleich schaue man sich einfach mal den Lebenslauf vom neuen Professor für islamische Religionspädagogik Bülent Ucar in Osnabrück an.
Aus muslimischer Seite war seine religiöse Zuordnung durchaus ein Problem. Von Anfang an war klar, dass er sich gerne einer Minderheitengruppe zuschrieb, den Zaiditen, auch wenn sich das über die Jahre geändert hatte. Diese sind eine Untergruppe der Schiiten, die Bestand hatte, da sie um die Jahrtausendwende Staatsreligion eines Königreichs im Jemen wurde. Sich selbst sehen die Zaiditen als Bindeglied/Mischung zwischen Schiiten und Sunniten. Dazu trägt bei, dass sie anders als die meisten Schiiten, das Imamat nicht als verbindlich ansehen. Von sunnitischen Gelehrten wie etwa Abu-Hanifa und Al-Ghazali übernahmen die Zaiditen das Kriterium “Aql” zur Koranexegese.
Unabhängig davon haben die muslimischen Verbände nach der Rückversicherung von Kalisch, einen ergebnisoffenen Diskurs zu führen und seinen eigenen Glauben aus seinem Unterricht herauszuhalten, die Mitarbeit angestrebt. Schließlich ging es um den Religionsunterricht und um ein Modellprojekt.
Im Zuge des Karikaturenstreits hatte Prof. Kalisch dann eine Stellungnahme abgegeben, die vor allem mit der Meinungsfreiheit und religiösen Gefühlen zu tun hatte. Daneben ließ Herr Kalisch folgendes anklingen:
Wenn die islamische Theologie nicht in einer Liga mit evangelikalen Erweckungspredigern spielen, sondern ernsthaft wissenschaftliche Theologie betreiben möchte, dann muss sie sich den Herausforderungen stellen, die die moderne wissenschaftliche Forschung zur Religionsgeschichte aufwirft. Alttestamentler und Archäologen wie Thomas Thompson, Philip Davies, Niels Peter Lemche
oder Israel Finkelstein haben uns in den letzten Jahrzehnten gezeigt, dass wir Abraham, Moses und manche anderen biblischen und koranischen Gestalten aus der Liste der real existierenden historischen Personen streichen können. Solche Erkenntnisse fordern eine Weiterentwicklung der Hermeneutik des Koran, eine neue Beschäftigung mit dem Offenbarungsbegriff und neue Ansätze einer islamischen Theologie der Religionen. Hier kann man insbesondere auf Ansätzen der muslimischen Philosophen und
Mystiker aufbauen.
Ich weiß noch, dass ich mir an den Kopf gefasst hatte: Hat er gerade gesagt, dass es Moses seiner Meinung nach nicht gegeben hat?? Hmm.. nach nochmaligem Lesen schien mir eher, dass er den ergebnisoffenen Diskurs tatsächlich offen zu halten versucht.
Naturwissenschaft vs. Religion?
Im Laufe der Jahre haben sich aber die Aussagen seinerseits gehäuft, in denen es schien, er hätte mit seinem eigenen Glauben große Schwierigkeiten. Exemplarisch hierfür ist der Aufsatz “Perspektiven islamischen Denkens in Europa” aus dem Jahr 2006. Darin schreibt Kalisch unter der vielsagenden Kapitelüberschrift “Islamische Theologie/Philosophie” ziemlich viel, was aber auf folgendes heruntergebrochen werden kann:
Der Glaube an eine Offenbarung durch einen Gott ist unmodern. Außerdem ist er wissenschaftlich nicht aufrecht erhaltbar, da Wissenschaft eine Gesetzmäßigkeit voraussetzt. Der Ansatz der Gesetzmäßigkeit schließe qua der fehlenden Beobachtungen aus, dass es “Wunder” gegeben habe:
Wenn Theologie aber eine Wissenschaft sein möchte, dann muss sie unterstellen, dass menschliches Handeln in der Geschichte allgemein gleichen Naturgesetzmäßigkeiten unterliegt. Wunder kann es nicht geben und wenn es sie gäbe wären sie nicht beweisbar und würden historische Forschung unmöglich machen. Historische Forschung nämlich ist nur dann möglich, wenn man unterstellt, dass zu allen Zeiten an allen Orten für alle Menschen die gleichen Naturgesetzmäßigkeiten gelten.
Nun haben muslimische Denker schon früher den Ansatz verfolgt, Wunder als innerhalb der “Sunnatullah” für “nicht möglich” zu erachten. Sie haben aber mehrheitlich nicht den Übermut besessen, diese Gesetzmäßigkeit in der Natur erkennen zu glauben. Gesetzmäßigkeit ist ohnehin abhängig von der Ebene, in der man sich befindet und die Gesetze, die der Mensch aus einer gegebenen Gesetzmäßigkeit ableitet sind stets eine Abbildung dessen, was der einzelne Mensch von dieser Gesetzmäßigkeit beobachten konnte. Wenn also ein Mensch Jahre lang eine funktionierende Uhr beobachtet, geht er laut der zugrunde gelegten Informationen davon aus, dass Uhrzeiger sich im Allgemeinen im gleichen Tempo weiterdrehen. Das Ableben der Batterie kommt in dem Falle einem Wunder gleich, denn es unterbricht die Gesetzmäßigkeit. Der naturwissenschaftlich denkende Mensch wird seine Beobachtung deshalb stets um die neuste Beobachtung erweitern müssen und wird also automatisch immer davon ausgehen, dass seine Erwartung stets vorläufig ist und von der Beobachtung erst noch bestätigt werden muss. Bei einem Bruch mit der Gesetzmäßigkeit folgt idealerweise der Versuch dies zu erklären, indem man weiter forscht und eine “größere”, grundsätzlichere Gesetzmäßigkeit findet (z.B., dass Uhren nur mit Energieversorgung funktionieren).
Es ist ein Dogma, dem viele Menschen außerhalb der Naturwissenschaften unterliegen, dass Naturgesetze, wie wir sie heute kennen ein Absolutmaß für die Wahrheit darstellen. Letztlich begeht Herr Kalisch denselben Fehler, den “unwissenschaftliche Muslime” begehen: Eine durchaus wissenschaftlich erarbeitete Wahrheit als absolut zu betrachten und darauf ihren Glauben/ihre Religion zu basieren.
Religion und Überlieferung muss sich nicht zwangsläufig an naturwissenschaftlichen Erkenntnissen messen. Es ist geradezu simplistisch, wie Herr Kalisch die Erkenntnisse von muslimischen Gelehrten über so viele Jahre über Bord wirft. Sowieso scheint er seine Erkenntnisse einzig auf den Diskursen innerhalb des Christentums aufzubauen.
Kaum konkrete Aussagen
Im Allgemeinen wird Herr Kalisch allerdings nur selten konkret. In der heutigen Süddeutschen wird er wie folgt zitiert:
Ja, das sei so eine Sache mit dem Propheten, sagt Professor Muhammad Sven Kalisch aus Münster, “es kann nicht widerlegt werden, dass er gelebt hat, aber auch nicht bewiesen”. Er allerdings neige “zunehmend dazu, anzunehmen, dass er nicht gelebt hat, jedenfalls nicht so, wie ihn der Koran und die Hadithe, die Überlieferungen, beschreiben”.
Die Frage, die sich stellt wäre: wie denn? Was – glaubt er – sind die gesicherten Fakten über Muhammad? An keiner mir bekannten Stelle macht Herr Kalisch deutlich, was er genau an den Überlieferungen bemängelt. Herr Kalisch bemängelt zwar die angebliche Unwissenschaftlichkeit der Muslime, allerdings bringt er auch nicht wirklich viel auf den Punkt.
Die Aussage “es kann weder belegt noch widerlegt werden”, konkretisiert er an keiner Stelle. Der Beleg für die Existenz Muhammad ist zunächst einmal der, dass viele Menschen und viele Artefakte über Generationen seine Existenz bezeugen. Die Überprüfung der Überlieferungsketten ist ein weit reichendes Feld, dessen sich muslimische Gelehrte schon sehr früh angenommen haben. Die Arbeit ist mit Sicherheit nicht abgeschlossen und dementsprechend könnte auch ein Herr Kalisch seine guten Zweifel an der einen oder anderen Quelle oder Überlieferung anbringen. Nur müsste er das zunächst einmal tun, statt immer nur augenscheinlich “historisch-kritisch” alles grob in Frage stellen oder gar zu verleugnen.
Mit derselben Resistenz könnte ich nämlich auch in Deutschland behaupten, Australien gäbe es nicht. Alles, was ich davon mitbekomme sind Menschen, die davon berichten und Gegenstände, die angeblich von dort kommen. Weiterhin habe ich aus Australien – weil zeitaktuell – Bilder und Videos, die allerdings alle genauso wie die Gegenstände gefälscht werden können. Die Erfahrbarkeit aus erster Hand kann ich nur sehr schwer auf alles anwenden, was ich als existent erachte – und selbst dann ist Raum für Manipulation gegeben. Deshalb bleibt mir zur Überprüfung immer nur die Quellenanalyse, die mir über die Glaubwürdigkeit der einzelnen Überlieferer und den Vergleich der verschiedenen Überlieferungen Auskunft darüber geben kann, was die Wahrheit sein müsste.
Ist das eigene Bekenntnis für die Ausbildung von Islamlehrern wichtig?
Herr Kalisch verteidigt seine Position heute mit der Freiheit der Forschung. Diese Freiheit greifen die muslimischen Verbände nicht an. Es geht auch weniger darum, wer was erforschen darf, denn diese Forschung wird an islamwissenschaftlichen Instituten durchaus betrieben – mit unterschiedlichen Ergebnissen. Den muslimischen Verbänden genauso wie den meisten Muslimen geht es darum, Islamlehrer ausbilden zu lassen. Auch der Politik geht es darum.
Es ist folgerichtig, dass die Verbände sich aus dem Centrum für religiöse Studien zurückziehen, wenn sie das Gefühl haben, dass das angestrebte Ziel – die Ausbildung von Lehrern, die Religionsinhalte vermitteln sollen – nicht erreichbar ist. Nein, es ist sogar ihre Verpflichtung dies zu tun, denn die muslimischen Eltern – die Kundschaft und Abnehmer von Herrn Kalisch, wenn man so will – vertraut durch die Zusicherung der muslimischen Verbände darauf, dass im Islamunterricht der dort ausgebildeten Lehrer auch das drin ist, was außen dransteht. Mir scheint, Herr Kalisch versteht diese Aufgabe nur als Aufhänger dafür, dass er sich persönlich mit seinem eigenen Glauben auseinandersetzen kann. Sonst wäre es bis jetzt an der Zeit gewesen Lehrplanvorschläge, Handreichungen für Lehrer und andere nützliche Dinge aus Münster zu sehen. Nichts davon ist aber bis jetzt passiert.
Im Artikel auf islam.de wird die grundsätzliche Debatte ganz gut wiedergegeben:
Selbstverständlich kann jeder in Deutschland lehren, was er für richtig hält – es gibt ja schließlich die Freiheit der Lehre und Forschung. Aber wer mit dem Anspruch auftritt, Lehrerinnen und Lehrer für einen zukünftigen Bekenntnis-orientierten islamischen Religionsunterricht in der Schule nach Paragraph 7,3 heranzubilden, der muss schon mit dieser Messlatte rechnen.
Berichterstattung
Es grenzt an Frechheit, mit welcher Ignoranz Herr Kalisch als rational und liberal dargestellt wird, um den Streit zu beschreiben. Domradio schreibt zum Beispiel in der ersten Meldung zum Streit:
Kalisch vertritt ein liberales Islamverständnis und hat in Vorträgen und Interviews häufig zum rationalen Umgang mit dem Koran aufgerufen.
Das angeblich “liberale” Verständnis des Islams ist aber nicht Streitgegenstand. Woran überhaupt die Liberalität festgemacht werden kann, ist sowieso unklar.
Man muss sich letztlich fragen, warum eigentlich bei so wenigen Lehrstühlen (derzeit drei), die sich mit der Ausbildung um islamische Religionslehrer befassen, ein Exot mit wenig Qualifikation ausgewählt wurde, statt einen soliden und erfahrenen Wissenschaftler heranzuziehen. Herr Kalisch scheint einen Wolkenkratzer der (islamischen) Theologie bauen zu wollen, ohne ein Fundament zu haben, auf dem dieser Wolkenkratzer stehen müsste.
Ich unterstütze deshalb auch den praktischen Vorschlag von Prof. Krämer, die die elegante Lösung darin sieht, “Kalisch als Hochschullehrer in Münster zu behalten und eine andere Person mit der Ausbildung der islamischen Religionslehrer zu beauftragen”. Dabei würde ich aber gerne den Auswahlprozess einer für den Religionsunterricht ausgelegten Professur stärker an die betroffene Religionsgemeinschaft binden.
Das Interview mit Prof. Gudrun Krämer aus Berlin kann man sich hier anhören:
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