Frauenräumlichkeiten in der Al-Huda-Moschee, Hannover
Die arabischsprachige Al-Huda-Moschee in der hannoverschen Nordstadt ist durch eine turbulente Zeit gegangen, nachdem in den letzten Jahren etwa die Hälfte der Mitglieder mehr oder minder gezwungenermaßen und nach Streitereien ausgeschieden sind und dem Verein den Rücken gekehrt hatten – und das nur Monate, nachdem das noch neu erworbene Gebäude vollständig abbezahlt war. Mehr als die Hälfte der heutigen Mitglieder sind Neumitglieder, die erst nach den Streitereien in 2007 in den Verein kamen. Die Streitereien zwischen den durchweg männlichen Mitgliedern des Vereins1 haben zu einem spürbaren Rückgang der Besucherzahlen geführt. War vor zwei Jahren noch die Zahl der Betenden im Freitagsgebet höher als 300 – mit Gebets-, Neben- und Eingangsräumen vollständig und eng belegt – so bleiben heute bei lockerer Aufreihung der Betenden mehrere Zeilen im Hauptgebetsraum leer und ihrem Zweck entraubt. Ähnlich ergeht es den mehr und mehr monotonen und monologischen Aktivitäten des Vereins, die nunmehr hierarchisch und rigide geführt werden.
Der aktuelle Streit in der Al-Huda-Moschee hat allerdings wenig mehr mit den männlichen Gemeindemitgliedern zu tun. Vielmehr geht es um die Nutzungsrechte der Frauenräumlichkeiten der Moschee. Wie in den meisten Moscheen Deutschlands haben Frauen einen gesonderten Raum, in dem sie beten, Unterricht halten und sich treffen können. Zwar gibt es im Verein kein weibliches Mitglied und Frauen haben im Verein keine eigene Stimme, aber bislang durften sie zumindest über ihren eigenen Raum verfügen. In den Frauenräumlichkeiten fand zeitweise Arabischunterricht und islamische Unterweisung für Kinder statt, die ehrenamtlich geführt wurden. In mehreren wöchentlichen Sitzungen haben Frauen ihre religiöse Weiterbildung selbst in die Hand genommen, von einander gelernt und sich ausgetauscht. Eine unabhängige Mädchengruppe hat den Raum genutzt, um ihre Aktivitäten und Zusammenkünfte zu organisieren und jeden Monat fand ein “Frauenfrühstück” statt. Ein Frauenverein hatte einen Teil der Räumlichkeiten unter großen materiellen und menschlichen Anstrengungen in einen Raum für Kindergruppen umgewandelt und mindestens einmal wöchentlich Betreuung für eine solche Gruppe angeboten. Und natürlich waren die Frauenräumlichkeiten ein Ort, an dem sich muslimische Frauen zu Gebetszeiten und außerhalb treffen konnten.
Vorgeschichte
Zunächst wurde vor einem Jahr die Küche im oberen Geschoss abgeschlossen, die die Frauen für die Zubereitung von Tee und die Aufbewahrung von Keksen genutzt hatten. Als Grund wurde eine angebliche Verschmutzung des neuen Teppichs genannt2. Das Flehen der Frauen um Öffnung der Küche brachte nichts – Wasser könne man ja auch aus dem Waschbecken des Badezimmers trinken!
Vor etwa einem Monat wurde dann ein Aushang in den Frauenräumen angebracht, auf dem zu lesen war, dass es verboten wäre, religiösen Unterricht zu erteilen. Dies sei allein dem “Imam” oder dessen Stellvertretung vorbehalten. Einen bezahlten und ausgebildeten Imam hatte die Gemeinde jedoch nie gehabt3. Ein früherer Aushang wurde von einer verärgerten Frau abgerissen. In der Woche darauf sind während einer Versammlung drei Vorstandsmitglieder in die Frauenräumlichkeiten gekommen, um den Inhalt des Aushangs mündlich zu kommunizieren, woraufhin die Frauen – trotz der Einschüchterung – erwiderten, dass sie es vorzögen, ihren Unterricht selbst zu gestalten und von einer Frau zu erhalten. Darauf wurde ihnen bereits mit dem Rausschmiss gedroht. Parallel haben die anderen Frauengruppen ähnliche Ankündigungen bekommen. Die einzige Gruppe, die noch Nutzungsbefugnisse hat, ist die Kindergruppe, die allerdings ihren Schlüssel abgeben mussten und im Gegenzug die selbst eingerichteten Räume durche ein Vereinsmitglied einmal in der Woche aufgeschlossen bekommt. Danach ist der vormals angesprochene Aushang ausgehangen worden.
Ein Vereinsmitglied bestätigt, dass die “Frauenproblematik” in der Vollversammlung (vor zwei Wochen) angesprochen wurde. Dabei soll der Vorstand berichtet haben, dass die Frauen sich unhöflich gegenüber dem “Imam” geäußert hätten, als ihnen der Beschluss des Vorstands mitgeteilt wurde. Vorige Woche dann wurden die Drohungen in die Tat umgesetzt. Nach dem Freitagsgebet und noch vor dem Abendgebet wurde der Eingang zu den Frauenräumlichkeiten zugesperrt. Die Diskussions- und Unterrichtsrunde, die vormals nachmittags stattfand, durfte nicht mehr stattfinden. Daraufhin haben die Frauen ihre Männer gebeten, mit dem männlichen Vorstand zu sprechen. Das wurde am besagten letzten Freitag getan.
Letzten Freitag
Fünf Männer hatten am späten Nachmittag eine Unterredung in den Büros des Vereins mit fünf Vertretern des Vereins – vor allem dem Vorsitzenden und einem aus dem Ausland angereisten ehemaligen Vorstandsmitglied des Vereins. Man ging nach einer Weile mit dem Versprechen hinaus, dass der Vorstand in drei Wochen noch einmal über den Umgang mit den Frauen beraten wird. Auf dem Weg hinaus wurde den Männern noch aufgetragen, den Frauen zu sagen, dass sie aus der Moschee gehen sollen. Die Frauen wollten aber zumindest noch das Abendgebet verrichten, das nur eine halbe Stunde später war.
Mit dieser Bitte wurde einer der Männer ins Büro zurückgeschickt. Die Bitte wurde abgewiesen und der Vorsitzende kam herunter, um die Frauenräumlichkeiten abzuschließen. Es folgte ein heftiger Streit, in dem Beschimpfungen und Vorwürfe vom Vorsitzenden auch an die anwesenden Frauen gerichtet wurden4. Auf die nochmalige Bitte einer der Anwesenden doch bitte noch das Gebet verrichten zu können, wurde ihr entgegengeworfen, sie würde nicht so weit entfernt wohnen und könne deshalb auch nach hause gehen, um dort zu beten. Inmitten dieses Streits schlug einer mit einem Buch auf den Hinterkopf des Vorsitzenden5. Er wurde sofort von den anderen Männern weggezerrt, trotzdem eilte der Vorsitzende ins Gebäude zurück und rief scheinbar sofort die Polizei an. An seiner Stelle kam das aus dem Ausland angereiste Mitglied herunter und beschimpfte sowohl die Männer als auch – und vor allem – die Frauen laut.
Als die Polizei anrückte, nahmen sie einige Zeugenaussagen auf. Es wird angenommen, dass der Vorstand ein Hausverbot erwirken möchte – fragt sich nur gegen welche und wieviele Personen!
Worum geht es dem Vorstand?
Es ist derzeit nicht ganz klar, was der Vorstand des Moscheevereins ultimativ erreichen möchte. Mit seiner derzeitigen Politik treibt er immer mehr Gemeindemitglieder weg. Lebt aber nicht gerade ein Moscheeverein von der Gemeinde? Zumindest finanziell geht es diesem Verein wohl recht gut, nachdem er vor zwei Jahren weit in den schwarzen Zahlen war. Das Gebäude kostet derweil nicht sehr viel und große Umbauten – abgesehen von einem neuen (möglicherweise gespendeten) Teppich – haben nicht stattgefunden. Man kann nur vermuten, dass es dem derzeitigen Vorstand wichtiger ist, eine vollständige Kontrolle über die Moschee als eine funktionierende Gemeinde zu haben. Einige vermuten, dass auch ein persönliches Problem des Vorsitzenden dahintersteckt, der sich offensichtlich gerne in Führungsposition und entsprechender Aufmachung sieht.
Die Kontrollexzesse könnten allerdings mit einer verstärkten Angst vor sicherheitsrelevanten Fragen zu tun haben, d.h. mit der Frage von Sicherheitsorganen an den Verein, welche Inhalte unterrichtet würden. Unzweifelhaft ist, dass ein jeder Verein Verantwortung für die Aktivitäten in seinen Gebäuden zu tragen hat und insofern ein begrenztes Kontrollrecht besitzt. Begrenzt deshalb, da es nicht dahin^gehend ausarten darf, dass eine freie Diskussion und Entfaltung der einzelnen Gemeindemitglieder nicht mehr stattfinden kann. Unabhängig davon ist nicht klar, aus welchen Gründen der Vorstand überhaupt Zweifel an den in den Frauenräumen vorgetragenen Inhalten haben könnte.
Die Kontroverse offenbart zudem ein Grunddilemma der Struktur des Moscheevereins und dessen Nichteinbindung von Frauen. Zwar ist das Problem, wie bereits oben angedeutet, kein frauenspezifisches Problem – Männeraktivitäten außerhalb des Einflusses des Vorstands dürfen ebenso wenig stattfinden – allerdings sind Frauen in besonderem Maße betroffen, da nicht nur die organisierten Treffen verboten werden, sondern selbst das normale Gebet zu Abend- oder Nachtzeiten! Da vermischen sich die Kontrollwut und eine Abwertung der weiblichen Gemeindemitglieder, die ja auch “zuhause beten” könnten.
Diese Benachteiligung der Frauen zeigt sich nicht zuletzt auch im Vorwurf des “Dreckigseins”. Zwar war in der Vergangenheit aufgefallen, dass die Frauenräumlichkeiten ab und zu nicht sauber gemacht wurden, allerdings muss man beachten, dass die frühere Lösung der Frauen – eine Frau fürs Aufräumen zu bezahlen – nicht ohne Komplikationen durch den Verein und schon lange nicht mit Finanzierungshilfen einherging. Wenn schon die Finanzen angesprochen werden, dann sollte nicht unerwähnt bleiben, dass die Räume der Frauen seit mehreren Jahren einer gründlichen Renovierung bedurft hätten – angefangen bei den gefährlichen, da reparaturbedürftigen Stromdosen, über das Badezimmer, dessen Toilette wohl leckt, bis hin zu den Wänden, die teils zu schimmeln angefangen haben und keine Gardinenstangen zu halten im Stande sind. Die einzige wirkliche Renovierung fand vor vielen Jahren im Kinderbereich statt, was – wie gesagt – von Förderern und Eltern der Kindergruppe finanziert und bewerkstelligt wurde, also nicht vom Moscheeverein selbst. Im Gegenzug sind Frauen immer diejenigen, die bei früheren Veranstaltungen eine gründliche Reinigung auch der “Männerräumlichkeiten” vorgenommen haben und für Essen und Trinken gesorgt haben, während der männliche Vorstand – und nicht zuletzt der jetzige Vorsitzende – sich in schöne Kleidung gehüllt hatte, um vor allem die ranghohen Gäste zu empfangen6. Jetzt Frauen Unordnung und Dreckigsein vorzuwerfen, ist nicht nur sehr perfide, sondern auch zutiefst beleidigend.
Interessant ist auch, dass diese Praxis im Umgang mit Frauen sehr weit von den Zielen entfernt ist, von denen mir der jetzige Vorsitzende vor vielen Monaten persönlich ‘gepredigt’ hatte. Er wollte gar einer offiziellen Mitgliedschaft von Frauen die Tore öffnen, damit sie auch in Belangen, die die gesamte Moschee angehen, mitentscheiden können.
Where do we go from here?
Eine Moschee besteht nicht nur aus den Gemeindemitgliedern, sie gehört ihnen auch. Das ist zwar rechtlich nicht der Fall – das Gebäude und das Grundstück gehören natürlich dem Verein – aber moralisch schon! Nicht der Verein hat dieses Gebäude gekauft, sondern die Gemeindemitglieder, die das Geld gespendet haben, die ihre Arbeit darin investiert und zu früheren Aktivitäten beigetragen haben. Es ist ein frustrierendes Dilemma, dass damit kein automatischer rechtlicher Anspruch auf Mitbestimmung verbunden ist. Aber aus der moralischen Wirklichkeit entsteht eine Handlungspflicht. Es kann nicht so weiter gehen, wie es bislang lief!
Aber was kann man tun, wenn man keine rechtliche Handhabe hat? Eine Lösung haben bereits mehrere Gemeindemitglieder vorgeschlagen und andere ihnen bereits vorgemacht: sich zurückziehen, andere Moscheen besuchen oder vielleicht mal eine neue Moscheegemeinde gründen. Nicht nur ist dieser Lösungsansatz nicht gründlich durchdacht – warum noch eine Moschee gründen, wenn man doch Schweiß und Geld in eine andere gesteckt hat? – er dient anderen Moscheevereinen als schlechtes Vorbild, die sich eines unlieb gewordenen Teils ihrer Gemeinde entledigen wollen.
Ich würde gerne eine Diskussion über Handlungsmöglichkeiten sehen, die der Gemeinde zur Verfügung stehen. Ich selbst bin der Meinung, dass derzeit nur öffentlicher Druck ein Einlenken des Vorstands zustande bringen könnte. Öffentlicher Druck besteht zunächst einmal in der Informierung der anderen Gemeindemitglieder, die von den Problemen nichts mitbekommen. Im erweiterten Sinne sind natürlich auch die anderen Moscheevereine – nicht zuletzt auch die Kooperationspartner – und staatliche bzw. politische Stellen zu informieren. Der Druck, der durch die Bekanntmachung und die daraus resultierende peinliche Situation entstehen würde, kann vielleicht dazu beitragen, dass der Verein zum Handeln gezwungen wird.
Aber das ist nur ein Ansatz. Es wäre schön, wenn sich eine Diskussion – online wie offline – anschließen könnte, damit die Gemeinde gemeinsam agieren kann.
- mehr zu den bisherigen Streitereien findet sich in den Artikeln “Demokratische Moscheen“, “Verantwortlichkeit in Moscheen“, “Streitschlichtung? Doch nicht so…” und “Al-Huda bedeutet “die Rechtleitung”“[↩]
- in den Frauenräumlichkeiten wurden die Reste des Teppichs verlegt, die vom Verlegen in den Haupträumen, den Männerräumen, übrig blieben[↩]
- aktuell vermeldet der Verein, dass ein Imam unterhalten wird[↩]
- u.a. sie seien unhöflich[↩]
- eine ernsthafte Verletzung ist wohl nicht entstanden. Gleichwohl ist der tätliche Übergriff keineswegs gerechtfertigt, natürlich![↩]
- das ist keineswegs die Praxis in anderen Moscheen Hannovers[↩]







