Zweite deutsche Islamkonferenz
Samstag, 5. Mai 2007, 11:36
Gestern Vor kurzem1 fand bekanntlich die zweite Sitzung der deutschen Islamkonferenz statt. Ich habe inzwischen das Gefühl, dass sich die muslimischen Verbände keinen Gefallen tun, indem sie auf die Islamkonferenz setzen. Die Islamkonferenz ist nämlich immer mehr eine Migrantenkonferenz! Ich würde vorschlagen, dass der neu gegründete Koordinationsrat ab jetzt lediglich einen türkischen Azubi zur Konferenz schickt und stattdessen darauf setzt, dass ein direktes Gespräch zu den Themen, die die Muslime interessieren zwischen ihnen und den Bundesministerien stattfindet. Die Konferenz im großen Stil, zu der das Innenministerium nach Belieben einlädt, scheint nur eine Zeitverschwendung zu sein..
Hier noch eine Auflistung von Kommentaren, Interviews und Artikeln zum Thema:
- islam.de - „Roadmap“ und die Zielsetzungen müssen konkretisiert werden:
Weiter führte er aus, dass die Wege zu den Zielen der DIK - insbesondere dem Ziel der Gleichstellung des Islam mit anderen Religionsgemeinschaften - konkreter formuliert werden müssen;
- Feridun Zaimoglu hatte im Vorfeld der zweiten Konferenz bekundet, dass er seinen Sitz für “eine junge, selbstbewusste Muslimin” aufgeben. In zwei Interviews beleuchtet er diesen Gedanken weiter. In der ZDFmediathek ist das erste Interview:
In den letzten Monaten gab es öffentliche Debatten, in denen es vornehmlich um das sogenannte Kopftuch ging. Manche Politiker und Politikerinnen haben sich nicht entblödet zu behaupten, das Kopftuch oder das Schamtuch sei ein politisches Signal. Es gibt da draußen in Deutschland - und das ist eine gesellschaftliche Realität - Tausende und Abertausende Frauen, die sich freiwillig für das Kopftuch entschieden haben. Sie haben ihre Gründe, man muss sich nicht damit anfreunden - und nun ja, dann fehlt bitteschön eine junge Frau auf der Islamkonferenz.
Im Interview mit der Frankfurter Rundschau wird er ausführlich zu seiner Meinung zum neuen Zusammenschluss der muslimischen Verbände gefragt:
M: Angeschoben von der Islam-Konferenz haben sich erstmals vier muslimische Verbände zu einem Koordinierungsrat zusammengeschlossen. Bereitet es Ihnen als einem aufgeklärten Moslem nicht Unbehagen, wenn sich da religiöse, konservative Männer zum Sprachrohr machen?
Zaimoglu: Quatsch. Ich gehöre nicht zu denen, die ständig eine Bestätigung ihrer vorgefassten Meinung suchen. Ich begrüße diesen Zusammenschluss sehr. Die Politiker haben immer gefordert, dass sie einen Ansprechpartner brauchen. Jetzt ist das ein Anfang. Ich verstehe diejenigen nicht, die jetzt meinen, sie müssten dagegen anbellen. Die sollten sich, bitte schön, auch mal die Realität anschauen. Es gibt in den Moscheen sehr viele einfache Leute. Will man diesen ehemaligen Gastarbeitern ihre Frömmigkeit absprechen? Diese Gruppe können wir doch nicht ausblenden, weil sie uns nicht passt.
F: Das neue Bündnis repräsentiert Verbände, die ein sehr konservatives Frauenbild prägen. Islamkritische Teilnehmerinnen der Konferenz sehen das mit Sorge.
Zaimoglu: Es ist absoluter Blödsinn zu sagen, die Verbandsvertreter seien Fundamentalisten oder Stammesfürsten. Dieses Klischee zeichnen vor allem diejenigen, die sich als Lichtbringer der Aufklärung sehen, gewendete Alt-68er, die sich zu Kulturkonservativen gemausert haben. Da haben rechte Feministinnen und Konservative, die schon immer Fremdenskepsis transportiert haben, auf seltsame Weise zusammengefunden. Die Moslems sind nicht so blöd, dass sie sich einteilen lassen in böse Fundamentalisten und tolle säkulare Moslems.
Auch hier legt er eine sehr viel differenziertere Meinung an den Tag als es den Medien in Deutschland offensichtlich im Allgemeinen lieb ist:
Zaimoglu: Es gibt eine deutsche Ethno-Avantgarde. Zu der werden nicht die medial gehypten Islamkritikerinnen gehören, die nur für einen Bruchteil der islamischen Gemeinschaft sprechen. Auch die Männer, die sich geistig immer noch im Mittelalter bewegen, werden nicht den Ton angeben. Die jungen, selbstbewussten Frauen, die ihren Glauben mit großer Normalität vertreten, werden die Avantgarde sein.
F: Frauen, die ihre Haare unter dem Kopftuch verbergen, sollen Hoffnungsträgerinnen sein?
Zaimoglu: Diese Kopftuchdebatte hängt mir zum Hals raus. Es gibt gläubige Frauen, die Kopftuch tragen und die keines tragen.
- Ein sehr gutes Interview mit Havva Yakar:
Für mich steht das Kopftuch jetzt nicht für die Unterdrückung der Frau, das Kopftuch alleine, auf keinen Fall. Auf der anderen Seite können wir natürlich jetzt nicht vermuten, hinter jeder Kopftuchträgerin steckt eine politisch motivierte Frau. Es gibt so viele Menschen, die hier in diesem Lande leben, die sich in jeder Hinsicht an diese Gesellschaft angepasst haben, sich hier wohl fühlen und bewusst für diese Gesellschaft entschieden haben, die aber auf der anderen Seite Kopftuch tragen. Auch Sie wissen, wir haben so viele Akademikerinnen mit Kopftuch. Wir können jetzt nicht einfach pauschal hingehen und all diese Frauen letztendlich für unmündig erklären oder erklären, sie seien jetzt alle unterdrückt, oder sie werden alle unterdrückt. Ich hasse es einfach, das Ganze immer zu pauschalisieren.
Auch zur ständigen Frage nach dem Schwimmunterricht hat sie eine recht nüchterne Antwort:
Da fängt die Diskussion schon wieder am falschen Punkt an. Erst müssen wir doch mal schauen: was können wir für diese Kinder tun, speziell mit Islamkunde-Unterricht oder islamischer Religion? Wie sehen die Bildungschancen dieser Kinder aus? Wie geht es mit diesen Kindern weiter, wenn sie die 10. Klasse absolviert haben? Sie wissen genau, dass Migrantenkinder benachteiligt werden aufgrund ihres Hintergrundes. Da geht es auch vielen Akademikern so. Wir setzen schon wieder die Diskussion am falschen Punkt an.
Politiker, die den Schwimmunterricht problematisieren geben einem tatsächlich den Eindruck, dass mit den Bildungseinrichtungen alles in bester Ordnung ist, nur dass muslimische Schüler, nicht am Schwimmunterricht teil nähmen..
- Laschet: Schritt auf dem Weg zur Religionsgemeinschaft:
Sagenschneider: Befürchten Sie denn, Herr Laschet, dass der Koordinierungsrat, in dem sich ja doch deutlich die konservativen Kräfte sammeln, die Islamkonferenz dominieren wird?
Armin Laschet: Das weiß ich nicht, aber dann muss man den liberalen Kräften, wenn sie sich natürlich nicht vertreten fühlen durch den Koordinierungsrat, sagen, dann müsst ihr euch auch zusammenschließen, dann müsst ihr auch eine Form finden, wie ihr denn eure Interessen artikuliert. Der Bundesinnenminister kann ja nicht mit drei Millionen Menschen einzeln verhandeln. Also die, die sich organisieren, haben natürlich ein stärkeres Gewicht. Und der Vorwurf, ihr seid nur die Konservativen, den finde ich nicht gerechtfertigt, denn das sind die Gläubigen, die in die Moschee gehen, die sich engagieren. Und dass die möglicherweise etwas konservativer sind als die, die mit ihrer Religion relativ wenig zu tun haben, das liegt natürlich auf der Hand.
Bei diesem Interview sollte man auf die Fragen achten, denn die Moderatorin Frau Sagenschneider lenkt durch ihre gezielten Fragen Herrn Laschet deutlich in eine Richtung. Z.B. mit der darauffolgenden Frage/Feststellung:
Das berührt natürlich auch schon die Frage der Integrationswilligkeit, und was man aus dem Koordinierungsrat hört, spricht nicht unbedingt dafür. Der Rat spricht sich fürs Kopftuch aus, das mag ja noch okay sein, und er will die Eltern unterstützen, die ihre Töchter vom Sportunterricht abmelden wollen. Das stößt natürlich auch in der Politik, auch in ihrer Partei nicht gerade auf Begeisterung.
- In der ZDFmediathek findet sich außerdem noch ein Interview mit Ayyub Axel Köhler, dem ersten Sprecher des Koordinationsrat der Muslime.
Der Koordinierungsrat vertritt 85% aller Moscheegemeinden. Und dort - und nur dort - findet das islamische Leben statt; woanders nicht. Es gibt also überhaupt keinen anderen Ansprechpartner.
- Necla Kelek wurde natürlich intensiv interviewt. Beispielhaft soll hier das Interview mit ZDF verlinkt werden:
F: Was sollte das Ziel der Konferenz sein?
Necla Kelek: Das ist ja das entscheidende für mich gewesen: Dass es möglich ist, dass die Alleinvertretungsanspruch, was die Islamorganisationen bis jetzt ja auch, [...] wie sie sich in der Öffentlichkeit dargestellt haben, eben nicht mehr der Fall ist. Also, sie vertreten eine bestimmte Gruppe und Unabhängige, die dabei sind, vertreten ja auch eine bestimmte Gruppe von muslimischen Migranten. Wir kommen halt alle aus dieser Kultur..
In anderen Worten: Sie glaubt, dass sie irgendwen vertritt, auch wenn sie gleichzeitig bemängelt, dass die islamischen Organisationen rechtlich nur wenige Einzelpersonen vertreten. Allein, dass sie von Migranten und Kultur spricht, spricht dagegen, dass sie überhaupt versteht, worum es bei einer “Islamkonferenz” geht.
Wo Frau Kelek auch nicht ganz den Schuss gehört zu haben scheint, ist beim Zusammenschluss der vier muslimischen Dachverbände.
Sie treten ja trotzdem immer zu viert auf. Daher verstehe ich den Sinn dieser Art von Koordinierung nicht. Wenn von jetzt ab nur Herr Köhler mit Herrn Schäuble aleine spricht - dann wäre das vielleicht eine Möglichkeit. Aber vielleicht, was Herr Schäuble leichter machen wird, ist dieser Konsens. Weil bis jetzt am Beispiel Kopftuch, wenn die säkulare Islamvereine [meint sie die Ditib?] sagen “ob eine Frau Kopftuch trägt oder nicht - das ist ihre persönliche Entscheidung” Auch das private Leben ist säkularisiert. Und trotzdem ist sie eine Muslimin - war bis jetzt so, zumindest habe ich sie so verstanden. Jetzt sind sie sich einig, nein, “Kopftuch ist Gottespflicht”. Gegenüber Gott ist es, die Frau, dass sie ein Kopftuch tragt, ist ihre religiöse Pflicht. Und das ist neu!
Ich weiß an der Stelle nicht genau, welche Zitate sie hier meint. Aber eines muss ich hinzufügen: Wie kann man eigentlich als Sozialwissenschaftlerin eine solch schlechte Sprache an den Tag legen und dann fordern, dass andere Menschen sich zu integrieren hätten?
- Die Ditib möchte ab jetzt statt Bekir Alboga eine Dame zur Islamkonferenz schicken - Frau Ayten Kilicarslan. Ich finde es nicht nur gut, dass ein muslimischer Verband eine Frau schickt, sondern vor allem, dass überhaupt andere Menschen als die altbekannten Vertreter ans Tageslicht kommen2. Insofern ist Frau Kilicarslan eine doppelte Bereicherung. Die taz hat sie interviewt:
F: Was möchten Sie in der Islam-Konferenz erreichen?
Ayten Kilicarslan: Ich möchte die Belange der muslimischen Frauen einbringen. Diese Frauen werden wegen ihres Aussehens in vielen Bereichen der Gesellschaft ausgeschlossen. Sie finden keinen Ausbildungsplatz, keinen Arbeitsplatz. Sie werden schlechter bezahlt. Wer sie sieht, denkt automatisch, sie seien arm und unterdrückt. Ich möchte nicht, dass auf der Straße jemand meint, er müsste Mitleid mit mir haben, weil ich ein Kopftuch trage.
Category: Bildung, Inland, Islam, Politik, medien
Tags: Armin_Laschet, Ayten_Kilicarslan, Ayyub_Axel_Köhler, Bildung, Feridun_Zaimoglu, Havva_Yakar, Inland, integration, Islam, Islamkonferenz, medien, Necla_Kelek, Politik
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