Wieder Interesse an Palästinensern?
Ja, es ist wieder diese Zeit im Jahr, wo unsere Medien verstärktes Interesse für die Geschicke der Palästinenser zeigen. In den letzten zwei Tagen habe ich mindestens dreimal gesagt bekommen, wie schlimm es dort wieder aussieht. Fast immer ist diese Aussage mit der Klage verbunden, die HAMAS wäre wieder erstarkt und das sei soo schlimm und ja die vielen Toten, das sei sogar fast genauso schlimm.
Ich muss halt zugeben, als notarieller Fernsehverweigerer kriege ich hysterische Überreaktionen nicht sofort mit und muss mich schnell anhand von tagesschau.de et al bilden lassen, um zu wissen, welches Thema gerade hip ist.. Und siehe da, tagesschau titelt:
Ende der nationalen Einheit
Ich frage mich bei dieser Gelegenheit regelmäßig, warum das Interesse gerade jetzt wieder steigt? Die stupide Wiederholung der Nachrichten vom letzten Jahr ist nicht nur langweilig, sondern vor allem desinformierend, weil sie andere Aspekte des Geschehens ausblendet. Deshalb könnte die nächste Betitelung von tagesschau - “Warum sich Hamas und Fatah so hassen” - kaum dümmlicher wirken. Tatsächlich zeigt der betitelte Artikel ganz deutlich, dass der Konflikt weniger mit irrationalem Hass, sondern vor allem mit politischem und machtpolitischem Kalkül zu tun hat. Beim Leser setzt sich - so meine Beobachtung - aber diese Irrationalität der behämmerten Palästinenser fest.. Wie’s dann im Fernsehen aussieht, mag ich mir nicht vorzustellen.
Natürlich gehört der sogenannte Bruderkrieg zu den größeren Problemen palästinensischen Lebens, allerdings ist die Besatzung, die Einpferchung und der fehlende wirtschaftlicher Kontakt zum internationalen Markt die eigentlichen Übel und müsste viel mehr Aufmerksamkeit genießen. Deshalb ist es umso interessanter den Artikel Chaos in Gaza von Sebastian Engelbrecht zu lesen:
Stellen wir uns vor, das alte West-Berlin hätte keinen Flughafen gehabt, keinen Hafen, keine Transitstrecken ins Bundesgebiet und keine Bahnverbindungen. Stellen wir uns vor, der Warenaustausch mit der Bundesrepublik wäre so gut wie unmöglich gewesen, weil die DDR Importe und Exporte nicht zugelassen hätte. Nur Mehl, Mais und Milchpulver hätte der Osten in die ummauerte Stadt gelassen. - Keine Frage: Im zivilisierten West-Berlin wäre das totale Chaos ausgebrochen. Das Recht des Stärkeren hätte gegolten, und die Menschen hätten sich gegenseitig verantwortlich gemacht für die Zustände, in denen sie lebten.
Während Israel einen Grund für die Schließung ihrer Grenzen zum Gaza-Streifen hat, gibt es diesen Grund nicht für die umliegenden Länder, die außer Ägypten nur auf See- oder Luftweg zu erreichen sind. Auf der anderen Seite hat die Welt vor etwa zwei Jahren tatenlos zugesehen, wie Israel den einzigen Flughafen im Gaza-Streifen bombardiert hat und somit die enorme Wirtschaftshilfe, die vor allem durch Europa geleistet wurde zunichte gemacht hat. Auch einen funktionierenden Hafen hat Gaza nicht - von Hoheit über die anliegenden Gewässer ganz zu schweigen.
Aber was tut jetzt Not? Um Gaza zu erlösen, brauchen der Landstrich und seine Menschen Verbindungen nach außen: einen Hafen, einen Flughafen und freie Straßen. Nur ein amerikanischer Präsident, der wirklich Frieden will, wird Israel dazu bewegen können. Nur echtes Friedensengagement in Washington wird das israelisch-palästinensische Elend beenden können, und damit auch das Morden im Gaza-Streifen.
Seht ihr?
Israelische Radikale und ihre Verbündeten in Europa zeigen nun auf die Palästinenser und sehen ihre Aussage bestätigt, dass diese als Verhandlungspartner nicht geeignet sind. Aber wieder muss man feststellen, dass hier Ursache und Wirkung verwechselt wird. Hätte man tatsächlich vor einundhalb Jahren mit der gewählten palästinensischen Regierung verhandelt, hätte man ja sehen können, wieweit diese verhandlungsfähig war. Stattdessen hat sich Israel zu “aggressive negotiations”1 entschieden, indem man die Palästinenser für ihre Wahl aushungern liess. Europa und die USA folgten prompt und erklärten nicht lange danach, dass die Hamas-Regierung gescheiter ist - War irgendwer danach überrascht?
Jedenfalls wird nun vorgeschlagen, dass internationale Truppen in den Gaza-Streifen entsandt werden. Der Vorschlag ist natürlich recht unpopulär. da eine “Friedenstruppe” von vielen Palästinensern als Besatzer betrachtet werden könnte. Außerdem merkt Suleiman Abu Dayyeh im Interview mit Deutschland Radio aus:
Und vor allem wozu sollen diese Truppen sein? Zwischen den palästinensischen Fraktionen zu schlichten oder eine Pufferzone bilden, oder sollen sie zwischen den Palästinensern und den Israelis stehen? Wenn das Ziel nicht genau definiert ist, denke ich, sollte die UN und die internationale Gemeinschaft die Hände davon lassen.
Waffengleichheit unter Brüdern
Alternativ scheint die Wiederbesatzung des Gazastreifens im Raum zu stehen, aber auch das - ein wenig Verstand kann man (auch israelischen) Politikern noch zugestehen - scheint nicht so wahrscheinlich. Die letzte Alternative scheint für viele die Aufrüstung der Fatah zu sein.. Wie bitte? Ja genau! Die “Lösung”, an der die USA offensichtlich schon seit einiger Zeit aktiv arbeitet besteht im Aufrüsten der Fatah, denn wie drückte es CDU-Politiker Michael Gahler aus:
Wenn man es nicht schafft, die Versorgung von Hamas zu unterbinden, dann ist schon, so tragisch das klingt, die Waffengleichheit ein Erfordernis.
Komisch, dabei fordert keiner die Waffengleichheit zwischen Palästinensern und Israelis. Aber auch ohne die Betrachtung Israels ist der Vorschlag verquer. Waffengleichheit bedeutet per se, dass der Kampf nie entschieden ist, dass er wie ein Perpetuum Immobile in einer Endlosschleife Menschenleben kostet - alles nur weil Israel Hamas als Verhandlungspartner nicht haben möchte!
Im Übrigen scheint ja diese Taktik der Gegenmilitarisierung von außen im Iran-Irak-Konflikt ja so gut aufgegangen zu sein, dass man das unbedingt wiederholen möchte..
Uninteressante Palästinenser
Wofür sich die Wenigsten interessieren sind wiederum Palästinenser unter Besatzung, etwa im Westjordanland. Oder wie oft haben kommen Bilder über das Leiden der Palästinenser im Westjordanland, über den Landraub, der tagtäglich betrieben wird über die Mauer (aka Zaun), mit der sie eingepfercht werden oder über die “Checkpoints”, die ihr Leben schwer macht oder über die Bauern, die versuchen, ihre Länder zu bestellen, während sie von israelischen Siedlern bedroht werden?
Vor kurzem bin ich auf die Seite fabik.de gestossen, in der ein “gewöhnlicher Politik- und Islamwissenschaftstudent”, derzeit in Hebron wohnend, Lesenswertes aus dem Leben im Westjordanland berichtet.
Empfehlenswert ist auch der Dokumentarfilm “Unreported Worlds: Israel’s Wild West vom Channel 4 sich anschauen! Bei alldem muss ich meinen Respekt denjenigen gegenüber äußern, die sich in Gefahr bringen, um anderer Leben zu schützen und gegen Unrecht zu protestieren.
- Begriff von Star Wars (Amidala) geliehen[↩]
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