Koordinierungsrat der Muslime in Deutschland
Montag, 14. Mai 2007, 05:15
Im Jurblog bin ich in eine Diskussion mit einem “M” geraten, die vor allem mit der Repräsentanz der Muslime in Deutschland zu tun hat. M hatte eine authoritäre Struktur des neu gegründeten Koordinationsrat der Muslime kritisiert.
das Beste aus diesem Interview nicht lange nach der KRM-Gründungsfeier:
DIE ZEIT: Warum führen Sie nicht eine Form der Einzelmitgliedschaft ein? Dann wüsste man ganz genau, für wen Sie sprechen.
Köhler: Das ist gegen die muslimische Mentalität.
Hähä! Unglaublich.
“L’Umma - c’est Moi!”
Allerdings ist die Grenze zwischen vollkommener demokratischer Legitimierung und unberechtigter (und damit sinnloser) Bevormundung nicht ganz so scharf, wie sie hier dargestellt wird.
Kirchen
Ich nehme einfach mal die Kirchen als Beispiel: Obwohl eine Mitgliedschaft der Einzelpersonen da ist, heisst es nicht, dass die Kirche demokratisch ist. Das interessante ist sogar, dass gerade der demokratische Teil der Kirche - die ‘Laienstruktur’ - eben nicht die Vertretung übernimmt, sondern gerade der authoritäre Teil - die bischöfliche Struktur - mit der Politik verhandelt und “für” Christen spricht. Es sind zumeist Bischöfe, die von der Politik oberhalb der Kommune wahrgenommen werden?
Letztlich spiegelt die Struktur der Kirche ihre Geschichte wieder und drückt teilweise sogar eine Demokratisierung der sehr authoritären Originalstruktur dar. Die Forderung, Muslime sollten sich bitte genauso organisieren ist natürlich Quatsch, da noch nicht einmal die authoritäre Struktur gegeben ist.
Zentralrat der Juden
Nehmen wir weiterhin das Beispiel der Juden in Deutschland. Der Zentralrat der Juden vertritt das orthodoxe Judentum und sieht aber eine - soweit ich das sehen kann - weit demokratischere Struktur vor, als es die Kirchen tun (versuch’ mal jemand, eine solche Struktur den Kirchen aufzudiktieren..). Trotzdem sind natürlich nicht alle Juden damit repräsentiert, obwohl der Staat im Allgemeinen mit dem Zentralrat als obersten Repräsentanten spricht.
Vor drei Jahren gab es eine Auseinandersetzung zwischen orthodoxen und liberalen (oder progressiven) Juden1, die lediglich die Verteilung der vom Staat für “die Juden” gezahlten Fördermittel (versuch’ mal jemand ‘Fördermittel’ für “Muslime” zu fordern..) betraf. Der Streit wurde irgendwann beigelegt, aber keiner forderte daneben, dass der Zentralrat (der ja eigentlich Partner beim Staatsvertrag ist) nun inhaltlich sich den Liberalen annähern müsste..
Koordinationsrat der Muslime
Langer Rede, kurzer Sinn, für Muslime muss genauso sehr eine spezielle Form der Repräsentanz gefunden werden. Als erster Schritt glaube ich dient die Anerkennung der Moschee als Versammlungsort der gläubigen Muslime. Damit kann man einer Einzelmitgliedschaft aus dem Weg gehen, die implizit bedeuten würde, dass irgendwer bestimmen müsste, wer Muslim ist und wer nicht.
Auf der anderen Seite müssen Moscheevereine natürlich so offen sein, dass sie von sich behaupten können, dass sie ihre Gemeindemitglieder vertreten, ansonsten tritt tatsächlich das ein, wovor gewarnt wird, nämlich, dass nur die tatsächlich in Vereinen organisierten 10% der Muslime mit dem Koordinationsrat vertreten werden. Wenn aber für Muslime vor Ort die Möglichkeit der aktiven Mitgliedschaft und damit die Mitsprache im Moscheeverein zumindest möglich ist, kann man davon ausgehen, dass der Koordinationsrat mehr als die absolute Mehrheit der Muslime in Deutschland vertritt.
Hannoversche Moschee
Ich hatte früher schon eine Demokratisierung der Moscheen gefordert und am Fall einer Moschee in Hannover geschildert, wozu eine fehlende Legitimierung des Moscheevorstands führen kann. Im speziellen Fall gibt es natürlich ein weit grundsätzlicheres Problem, nämlich, dass diese Moschee in keinem der vier Verbände auf Bundesebene organisiert ist. Das hat zum Einen seine Begründung in einer Angst, mit anderen Vereinen in Verbindung gebracht zu werden und dadurch als Beobachtungsobjekt zu gelten2; andererseits glaube ich auch ein allgemeines Desinteresse am “großen Bild” beim Moscheenvorstand zu erkennen.
Problematisch wird dieses Desinteresse spätestens, wenn dann derselbe Vorstand bspw. fordert, dass “der Islam in der Politik ‘anerkannt’ wird”, eine Forderung, die viele Muslime reiterieren, ohne genau zu wissen, was sie damit meinen.
Dementsprechend sehe ich als eine der größten Aufgaben des neu gegründeten Koordinationsrates der Muslime in Deutschland die Basisarbeit und die Sicherstellung, dass die Moscheen und die Gemeinden die Vertreter nicht nur kennen, sondern auch ihre Arbeit (-sweise?) unterstützen.
- die im Übrigen im Unterschied zu den “Kulturmuslimen” organisiert sind [↩]
- eine Angst, die ich im Übrigen überhaupt nicht teile, da man stets auch die Inhalte seiner Kooperationspartner auch selbstständig kontrollieren kann und entweder ihnen entgegenwirken sollte oder andernfalls dafür stehen kann [↩]
Category: Hannover, Inland, Islam, Politik
Tags: Hannover, Inland, Islam, Politik
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Kommentar von M
Made Montag, 14 of Mai , 2007 at 22:15
Omar,
ne Menge Themen auf einmal, ich versuch mal auf ein paar Sachen zu antworten…
1.
Sein wir mal ehrlich: Wenn irgendein Politiker so etwas gesagt hätte, bspw. “In der CSU sind wenige muslimische Mitglieder, weil eine Einzelmitgliedschaft gegen die muslimische Mentalität ist” da würden doch alle ausflippen, und zwar zu recht! Aber innermuslimisch gibt es eine riesige Beißhemmung, da können noch die verrücktesten Sachen gesagt werden - Fußtritte gibts dann (vielleicht?) unterm Tisch.
2.
Damit kann man einer Einzelmitgliedschaft aus dem Weg gehen, die implizit bedeuten würde, dass irgendwer bestimmen müsste, wer Muslim ist und wer nicht.
Was meinen Sie bloß? Bestimmt das nicht der einzelne Muslim selbst, durch sein Glaubensbekenntnis? Wird irgendein muslimischer Bayer zum Abtrünnigen, weil A.A.Köhler ihn nicht auf seiner Liste hat? Überall auf der Welt leben Muslime, seit wann sind nur die Registrierten Muslime?
Es gibt Juden ohne Mitgliedschaft beim Zentralrat, die trotzdem Juden sind, es gibt Protestanten ohne Kirchenzugehörigkeit, Hindus, Katholiken etc ohne Mitgliedschaft (ja, trotz “sine ecclesiam nulla salus”!).
Die Einzelmitgliedschaft würde vor allem eines “implizit bedeuten”, nämlich das sich A.A.Köhler seinen Alleinvertretungsanspruch abschminken kann, den er irgendwie für diesen noch-nicht-mal-Verein mit 4 Mitgliedern erhebt.
3.
Anders als Köhlers Erklärungsansatz “muslimische Mentalität” hatten Sie ja die Scheu vor der Mitgliedschaft mehrfach mit der Angst vor dem Verfassungsschutz begründet hier und hier(obwohl Sie selbst die nicht teilen!).
Und das finde ich ziemlich verlogen. Die Nicht-Mitglieder können nämlich sehr gute Gründe haben nicht Mitglied zu werden! Angefangen mit
a) der Verein nimmt keine Mitglieder auf
b) der Verein/Verband verhält sich wie die Verlängerung einer türkischen islamistischen Partei oder einer staatlichen Behörde mit ihren jeweiligen politischen Zielen, für die kein Interesse besteht
c) der Verein/Verband ist ein wichtigtuerischer Altherrenclub, bei dem nicht die Vereinsaktivitäten, sondern Status, Beziehungen und Eitelkeiten im Vordergrund stehen
d) der Verein/Verband ist in dubiose Finanztransaktionen verwickelt, von denen man zum Teil über die Presse (Steuerhinterziehung durch Supermarkt in Moschee), zum Teil am eigenen Leib erfährt (Kombassan, Yimpas, Jetpa & Co. betrügen muslimische Anleger, während das Geld teils für Sponsoring oder Gehälter oder Provisionen in deutschen Moscheegemeinden drauf geht, teils zur türkischen Wahlkampfunterstützung verschwindet und teils auf dunklen Konten versickert)
und das ist keine abschliessende Liste…
4.
Ich fand diesen Selbsternennung zum Repräsentant von Leuten die “mental nicht zur Einzelmitgliedschaft neigen” übrigens nicht den einzigen KRM-Aufreger zur Islamkonferenz. Da waren ja noch Forderungen, die nicht-organisierten aus der Konferenz zu schmeissen, die Aleviten vom Podium zu kicken, ultimativ vom Bundesinnenministerium als Körperschaft öffentlichen Rechts eingetragen zu werden und - quasi als Vorgeschmack für die baldige Präsens im Rundfunkrat - in der Arbeitsgruppe schon mal 30% positive/neutrale Medienberichterstattung über Muslime zu quotieren.
Ups, jetzt hätt ich fast das Getrenntschwimmen vergessen.
5.
und letztens
zu der Hannoverschen Moschee:
Das fand ich mit die besten Einträge des Blog - analytisch, ehrlich, konstruktiv und sehr gut nachvollziehbar (da können viele nachfühlen, die mal Mitglied eines deutschen Vereins waren - äh, … sind
M
Kommentar von Omar
Made Dienstag, 15 of Mai , 2007 at 00:13
@M:
1. Der Vergleich zwischen der CSU und einer muslimischen Vertretung zieht überhaupt nicht. Natürlich besteht die Gefahr, dass eine muslimische Vertretung zu einer Kirche mutiert und den Glauben quasi von oben diktiert. In meiner Erfahrung ist es das, was den meisten Muslimen Unbehagen bereitet bei dem Gedanken. Und das ist auch glaube ich, was Herr Köhler mit der “Mentalität” meint.
Im Übrigen glaube ich nicht, dass es innermuslimisch eine “Beißhemmung” gibt. Ich wünschte mir durchaus, dass sogar mehr Auseinandersetzung fern der Allgemeinheit gelöst würden..
2. Genau so ist es im Islam. Nur würde eine bürokratische Struktur, die nicht über die Gemeinden, sondern über die direkten Einzelmitglider besteht durchaus zu einer solchen Instanz mutieren, die vorschreibt, wer Muslim ist (das Mitglied) und wer nicht..
Ich gehe im Übrigen immer davon aus, dass ein Muslim, der seine Stimme erhört haben möchte dies hinbekommt. Das ist teilweise nicht schwierig, aber im Allgemeinen muss die Hoffnung in der Hinsicht nicht schwinden.
3. Was den Verfassungsschutz angeht, so fürchten ihn tatsächlich viele Muslime und wollen aus dem Grund nicht offizielle Mitglieder irgendwelcher muslimischen Organisationen sein. Genügend Beispiele kenne ich persönlich.
Das hat aber überhaupt nichts mit dem zu tun, was Herr Köhler sagte, denn dabei geht es meist um Mitgliedschaft in örtlichen Moscheevereinen oder überregionalen muslimischen Vereinen. Ich habe noch nie die ernsthafte Forderung von einem Muslim gehört, dass er bitteschön in einen Bundesverband eintreten will - als Einzelperson.
Die von Ihnen genannten Gründe spielen natürlich eine Rolle (obwohl ich noch nie was vom letzten mitbekommen habe), aber das eine schliesst das andere nicht aus!
4. Sie verdrehen immer mehr die Aussage von Herrn Köhler und lassen sie als Beleidigung der anderen Muslime erscheinen, was ich so nicht sehen kann. Dieser Aussage sind jahrelange Debatten unter Muslimen vorangegangen und alternative Vorschläge der Organisation. Tatsächlich haben die wenigsten zumigrierten Muslime Interesse selbst offizielle Mitglieder in einem Verein zu sein, weil sie es einfach nicht gewöhnt sind.
Ich unterstütze die Forderung des KRM im Allgemeinen (und ich bin einer der nicht-organisierten Muslime), was die Vertretung der praktizierenden Muslime angeht. Tatsächlich wurden nicht “nicht-organisierte”, sondern durchweg nicht-praktizierende eingeladen. Das ist ein grosser Unterschied und damit sollte ausgedrückt werden, dass diejenigen, die nicht von den vier Verbänden offiziell vertreten werden alle von nicht-praktizierenden vertreten werden können, was meines Erachtens vollkommener Humbug ist! Wenn man aber wirklich nach Repräsentanz sucht, dann hätte man Vertreter von Frauenvereinen (die sehr oft nicht explizit im KRM vertreten sind) oder von Jugendgruppen (MJ) oder meinetwegen von Landesverbänden einladen können.. Deshalb kam ja auch die Kritik von Zaimoglu zu Recht!
5. Danke für die Blumen.
Kommentar von M
Made Donnerstag, 17 of Mai , 2007 at 22:09
Ja, ich finde Köhlers Äußerung tatsächlich beleidigend, da er den einzelnen Muslimen die Fähigkeit zum individuellen Vereinsbeitritt abspricht. Und ich finde Ihre Position dazu - gerade bei dem Engagement zur Hannoverschen Moschee - eigenartig bis unverständlich. Zumindest solange ich den Spruch nicht nur als die Ausrede betrachte, die er auch ist, eine Ausrede für ein größeres politisches Ziel:
Dieser Aussage sind jahrelange Debatten unter Muslimen vorangegangen und alternative Vorschläge der Organisation. Tatsächlich haben die wenigsten zumigrierten Muslime Interesse selbst offizielle Mitglieder in einem Verein zu sein, weil sie es einfach nicht gewöhnt sind.
Köhler wünscht sich vermutlich, daß der deutsche Staat eine Art Zwangsmitgliedschaft für Muslime in einer islamischen Vertretung einführt.
Er denkt da vielleicht an die “Islamische Glaubensgemeinschaft in Österreich” als Modell für Deutschland. Deren Fahnen-Wahlspruch hat er auch bei der KRM-Gründungsfeier in Köln zitiert:
„Und haltet allesamt fest am Seil Allahs und spaltet euch nicht“ (Sure Âl-i Imrân, 3:103)
Dieses “Modell” ist aber in Deutschland rechtlich nicht möglich (u.v.a.: Länderkompetenzen!) und auch nicht erstrebenswert, bei näherem Hingucken (nur ein bißchen näher Hingucken als die IGGiÖ Selbstbeweihräucherung…) ist das System weder repräsentativ noch erfolgreich (was bspw. die Einführung eines moderaten, deutschsprachigen Religionsunterricht angeht), es ermöglicht im Gegenteil sogar daß eine den Muslimbrüdern nahestehende Minderheit bestimmt, was Schulkindern als islamisch vermittelt wird. Aber das ist vielleicht nochmal ein eigenes Thema, relevanter ist erstmal, daß die IGGiÖ zwar den Alleinvertretungsanspruch für Muslime erhebt, aber nicht mal 1% von ihnen wahlberechtigt sind, und Muslime einfach weiter ihre Vereine nebenher betreiben und die IGGiÖ vor allem wie ein gut geschützter Erbhof erscheint (sie vergibt die Islamlehrerstellen, die der Staat bezahlt).
Köhler war übrigens bei der IGGiÖ, bspw. bei einer Imamekonferenz im April 2006:
“Dass es maßgeblich vom politischen Willen abhängt, welche Rolle die Muslime in den europäischen Gesellschaften spielen, ist eine der wichtigsten Erkenntnisse dieser Konferenz – insbesondere für deutsche TeilnehmerInnen. Das österreichische Beispiel zeige, so Axel Ayyub Köhler, Vorsitzender des Zentralrats der Muslime in Deutschland, was die Muslime erreichen können, wenn man sie nur lässt.” IZ, 13.4.2006
Wenn man aber wirklich nach Repräsentanz sucht, dann hätte man Vertreter von Frauenvereinen (die sehr oft nicht explizit im KRM vertreten sind) oder von Jugendgruppen (MJ) oder meinetwegen von Landesverbänden einladen können..
Also die MJ als unabhängig zu bezeichnen, na, ich weiß nicht. Gegründet und jahrelang geführt wurde der Verein von Mohammed Siddiq, der jetzt neben Qaradawi im European Fatwa Council sitzt (und als Kassenwart im Zentralrat). Auch die Referentenliste der MJ sieht aus wie ein Who-is-who der Muslimbrüder und wie sind so die MJ-Aktiven drauf? Hm, also wenn ich mir so Riem Hawis Verständnis von Integration anschaue
“Integration heißt ja: Heile machen. Das kommt aus dem Lateinischen und heißt: heile, sauber.” “Genau wie die Prophetengefährten, auch sie waren Teil ihrer Gesellschaft, und nur weil sie Teil ihrer Gesellschaften gewesen sind, konnten sie diese Gesellschaften zum Besseren ändern. Auch das wollen wir, diese Gesellschaft sauber, heile machen”.
Brr.
Andererseits finde ich Marwan Al-Moneyyers Beitrag zu Erziehung in Al-Islam 1/2007 ganz interessant (mit allen Vorbehalten vor dem Forum!). Aber insgesamt finde ich, die MJ ist kein unabhängiger Ansprechpartner und dafür gibt es noch so einige Gründe mehr.
Übrigens, falls Sie noch Informationsbedarf haben zu Yimpas &Co, wäre hier ein Anfang:
http://www.youtube.com/user/justiceturkey
Kommentar von M
Made Donnerstag, 17 of Mai , 2007 at 22:52
Und noch 2 Sachen hinterher:
Mal ganz abgesehen davon, ob Köhler Ausreden benutzt oder nicht - was Sie unter “zur Kirche mutieren” und wie Sie den Unterschied zwischen Moscheegemeindenmitgliedschaft und zentraler Mitgliedschaft verstehen, ist mir total unklar. Verstehe ich nicht, ehrlich.
Und zur “innermuslimischen Beißhemmung”
Ich wünschte mir durchaus, dass sogar mehr Auseinandersetzung fern der Allgemeinheit gelöst würden.
Erzählen Sie mal, wird dann überhaupt irgendwas “gelöst”? Nach meinem Eindruck wird da eher mit dem Recht des Stärkeren entschieden… und alles bleibt weiter schön unterm Teppich.
Wenn ich mich recht erinnere, hatten Sie bei der Hannoverschen Moschee schliesslich auch auf “direkt ansprechen” und “Öffentlichkeit herstellen” gesetzt, weil interne Mauschelei eben doch nicht durch interne Mauschelei verursachte Probleme löst.
Kommentar von Omar
Made Montag, 21 of Mai , 2007 at 14:14
1. Was die Aussage Köhlers angeht, so glaube ich immer noch, dass er das keineswegs beleidigend meint. Und sie wiederspricht nicht per se meiner Auffassung von mehr Mitsprache in der Gemeinschaft/Gemeinde.
Es ist im Eigeninteresse von Muslimen, dass vor Ort Mitsprache und gemeinsame Entscheidungsfindung stattfinden. Auf der Gegenseite ist es im Interesse eines Politikers, der die Gleichberechtigung von Muslimen aufschieben möchte, eine strikte demokratische Repräsentanz der Muslime in einem Dachverband zu fordern. Oder was hindert den Staat daran, flächendeckend islamischen Religionsunterricht einzuführen (wo ja letztlich die Eltern und später die Kinder selbst entscheiden, ob die Kinder den besuchen sollen) oder auf Formularen die Angabe “Muslim” zu ergänzen (bis heute sind staatliche Dokumente nicht mit dieser Angabe ausgestattet)?
Dass die demokratische Legitimation tatsächlich nur eine Art Hürde darstellt, sieht man nicht nur daran, dass dieselbe Repräsentanz nicht von der Kirche gefordert wird, sondern auch daran, dass eine “moderate” Repräsentanz gefordert wird. D.h. Milli Görüs, die meines Erachtens am basisnächsten von den vier Verbänden arbeitet (die VIKZ habe ich noch nie in Aktion gesehen) wird nicht als solche anerkannt, weil sie eben nicht “moderat” sind! Teilweise wird von den Dachverbänden als zu konservativ gesprochen.. Jaund?
Im Übrigen: ich halte das österreichische Modell für zu kirchlich. Es ist auch eine uralte Struktur, die heute keiner ändern würde und die eigentlich nicht sehr viel mit demokratischen Strukturen gemein hat.. Keiner kritisiert die Kirche dafür, aber Muslimen wird eine 100%ige Demokratie abverlangt..
2. “Also die MJ als unabhängig zu bezeichnen, na, ich weiß nicht.”
Ich kann nun die Stelle nicht wiederfinden, wo ich behauptet hatte, die MJ wäre unabhängig.. Das ist gar nicht der Grundstein der Argumentation, sondern es geht hier allein darum, dass die MJ (oder eben Frauenvereine, Ländervereine usw.. oder meinetwegen irgendwelche ‘Lifemakers’) Basisarbeit betreibt und muslimische Mitglieder vorweisen kann und sie durchaus repräsentieren kann.
Was Sie aber versuchen (und sie sind keineswegs allein), ist sich die “richtigen” Repräsentanten aussuchen zu dürfen. Würde der Staat das bei anderen Gruppierungen (nicht zuletzt religiösen) tun? Nein!
Und: Riem Hawi: wirklich gruselig, sie will die Gesellschaft “heile” machen. Das muss ein Alptraum sein. Wir wollen lieber Leute haben, die die Gesellschaft kaputt machen.
3. “zur Kirche mutieren”
Nahezu 100% der Muslime glauben nicht daran, dass es einen “heiligen Stuhl” gibt, der heute noch Anweisungen von Gott bekommt, die wir zu befolgen haben. Die top-down Struktur der Kirche, in der *Personen* Vorschriften setzen, das ist nicht der Islam. Genauso wenig kann eine Person eine andere heilig sprechen, ihr Heil versprechen oder eben zum Muslim erklären. Alles, was man tun kann ist, Zeugnis abzulegen darüber, dass jemand die Shahada sagt. Das kann aber ein Imam genauso gut wie irgend ein anderer Mensch. Sehen Sie keinen Unterschied zur Kirche?
4. Ich bin durchaus für Offenheit, dies heißt aber nicht Indiskretion. Ich fordere durchaus Offenheit in der Ausübung eines Amtes und zwar gegenüber denen, denen man durch Vertretungsanspruch oder Bezahlung Rechenschaft schuldig ist. Was ich bisher zu bemängeln hatte an einigen Verbandsvertretern war die Art, wie sie um die Gunst von Ministern gestritten haben und im Prozess gegeneinander gespielt haben - das ist einfach indiskret.
Kommentar von M
Made Mittwoch, 23 of Mai , 2007 at 16:15
1. die Aussage Köhlers (…) wiederspricht nicht per se meiner Auffassung von mehr Mitsprache in der Gemeinschaft/Gemeinde.
Was, wenn ja nicht die Einzelmitgliedschaft, entspricht denn “der muslimischen Mentalität”? So ein Klientelsystem wie in der altrömischen Gesellschaft oder im Mittelalter, wo der Vater über die Familie herrscht, der Sippenälteste über seine Familien, und der Dorfchef über die Sippen? Das Individuum ist nichts und die Gemeinschaft ist alles (alles, außer gewählt)? Und da wird man reingeboren, Austritt ausgeschlossen?
eine strikte demokratische Repräsentanz der Muslime in einem Dachverband zu fordern.
Muslimen wird eine 100%ige Demokratie abverlangt..
Meinten Sie nicht vorher, da würde eine Verkirchlichung gefordert? Und jetzt wird auch noch strikte Demokratie gefordert? Haben Sie da mal Zitate für? In Wirklichkeit geht es darum, daß der einzelne Muslim die Freiheit haben muß, nicht von einem islamischen Verband vereinnahmt zu werden, wenn er das nicht will.
Oder was hindert den Staat daran, flächendeckend islamischen Religionsunterricht einzuführen
Das Selbstverständnis des Staates. Der Staat gründet und definiert nicht den Islam und kann ihn auch nicht als Religion unterrichten.
oder auf Formularen die Angabe “Muslim” zu ergänzen (bis heute sind staatliche Dokumente nicht mit dieser Angabe ausgestattet)?
Grundsatz der Datensparsamkeit und Datenvermeidung? Aus der Erfahrung des 3. Reiches vermiedene Kategorie?
Wollen Sie da denn wirklich registriert werden??
dass eine “moderate” Repräsentanz gefordert wird. D.h. Milli Görüs (…) wird nicht als solche anerkannt, weil sie eben nicht “moderat” sind! Teilweise wird von den Dachverbänden als zu konservativ gesprochen.. Jaund?
IGMG wird nicht nur als konservativ, sondern sogar als islamistisch bezeichnet, und wurde trotzdem zur Islamkonferenz eingeladen. Aber für den Status als “Körperschaft öffentlichen Rechts” wird man doch wohl umfassende Verfassungstreue verlangen dürfen, oder? Und damit hat man ja Probleme, siehe auch Islamkonferenz.
2. “Also die MJ als unabhängig zu bezeichnen, na, ich weiß nicht.”
Ich kann nun die Stelle nicht wiederfinden, wo ich behauptet hatte, die MJ wäre unabhängig..
Stimmt, haben Sie nicht gesagt, mein Fehler. Aber neben den 4 großen Verbänden noch deren Untervereine einzuladen und dafür die nicht-organisierten Muslime rauszuschmeissen, würden Sie auch nicht fordern, oder?
Und: Riem Hawi: wirklich gruselig, sie will die Gesellschaft “heile” machen. Das muss ein Alptraum sein.
Ja, wirklich gruselig. Das hört sich nämlich nicht nach Integration in die reale deutsche Gesellschaft an, sondern wie das totalitäre Gebrabbel über Reinheit, das glanzäugige Fanatiker jeglicher Couleur von sich zu geben pflegen (von rassischer Reinheit über christlichen Fundamentalismus bis zu Scientology’s “Clear Deutschland”). Ganz im Ernst: Verstehen Sie, was sie damit sagen will, welches Gesellschaftskonzept oder Ziel damit gemeint ist? Ich glaube nicht, daß ich da etymologische Wortspiele überinterpretiere. Und Sie mit Ihren angeblichen Beziehungen zur Muslimbruderschaft
- erkennen Sie da auch einige Topoi?
3. “zur Kirche mutieren”
Ich fand zwar Ihre Karikatur der katholischen Kirche ganz amüsant und ich sehe da massenhaft Unterschiede, aber meine Unklarheit bleibt, inwiefern hier “der Islam zur Kirche mutieren” soll oder könnte oder das zu befürchten wäre.
4. Ich bin durchaus für Offenheit, dies heißt aber nicht Indiskretion. (…) Was ich bisher zu bemängeln hatte an einigen Verbandsvertretern war die Art, wie sie um die Gunst von Ministern gestritten haben und im Prozess gegeneinander gespielt haben - das ist einfach indiskret.
Sie hängen doch schon wieder an diesem Bild von “den Muslimen” gegen den Rest, und da müssen alle Muslime zusammenhalten… Wen meinen Sie denn? Den Alevitenvertreter?
Ich finde die Unfähigkeit zum rationalen Umgang mit öffentlicher Kritik in muslimischen Organisationen und Medien wirklich beängstigend. Da wird eine Kritik meist als persönlicher Angriff gewertet, am besten gleich noch eine Verschwörung gewittert.
Und das ist so kontraproduktiv wie nur irgendwas. Wenn nicht mal Sie/ die jüngere Generation Sich trauen, daraus auszubrechen, wer dann?
Ich denke wirklich, es würde sowohl der muslimischen community als auch der Integration dienen, wenn sachliche Meinungsverschiedenheiten und Probleme offener und transparenter ausgetragen würden.
Und damit sind wir vielleicht wieder beim Thema “muslimische Mentalität” gelandet.
Ich hätte noch ne Frage:
Wie würden Sie denn Integration definieren?
Kommentar von Omar
Made Mittwoch, 23 of Mai , 2007 at 17:26
Was, wenn ja nicht die Einzelmitgliedschaft, entspricht denn “der muslimischen Mentalität”?
Also nochmal: zu fordern, dass ein jeder Muslim in Deutschland seine Stimme erheben und Mitsprache bei “muslimischen Angelegenheiten” (nicht zuletzt Organisation und Aktivitäten von Moscheen) fordern darf ist eine Sache. Zu fordern, dass jeder einzelne Muslim persönlicher Mitglied in einem grossen Verein wird, bevor man diesen Verein als Sprachrohr der Muslime anerkennt, das ist nicht konsequent. Auf Ihren komischen Vergleich mit Sippen etc. brauche ich nun wirklich nicht einzugehen.
Andersrum gefragt: Haben Sie ein Problem damit, davon auszugehen, dass die Mehrheit der gläubigen Muslime einen getrennten Schwimmunterricht bevorzugen? Oder welche andere Forderung der Dachverbände sehen Sie als ungerechtfertigt an, wenn es um die Vertretung der Muslime geht?
Meinten Sie nicht vorher, da würde eine Verkirchlichung gefordert? Und jetzt wird auch noch strikte Demokratie gefordert? Haben Sie da mal Zitate für?
Wo habe ich gesagt, dass eine Verkirchlichung des Islams gefordert würde? Ich sprach davon, dass ich als Muslim durchaus eine Gefahr in der zunehmenden Organisation des Islams sehe, dass eine Verkirchlichung eintritt. Auf der anderen Seite und zur “strikten Demokratie”: Was sonst nennen Sie es, wenn eine Entscheidung nur dann als rechtmäßig betrachtet wird (oder durch den Staat als legitim betrachtet werden soll), wenn jeder einzelne Betroffene über basisnahe Wahlen an der Entscheidungsfindung teilnimmt? Das ist meiner Meinung nach eine “strikte Demokratie”. Brauche ich da Zitate für?
In Wirklichkeit geht es darum, daß der einzelne Muslim die Freiheit haben muß, nicht von einem islamischen Verband vereinnahmt zu werden, wenn er das nicht will.
Es ist schon komisch, wenn Sie (und andere) so für die Freiheit des Muslims “kämpfen”.. Wir hatten zweimal in der besagten Moschee in Hannover Besuch von Politikern und in beiden Fällen haben diese alle möglichen Muslime, die ihnen über den Weg liefen gefragt, ob sie sich durch die Dachverbände (meist wurde übrigens nach dem Zentralrat gefragt) repräsentiert sehen und die Antwort war immer “ja”, obwohl weder die Einzelnen noch in diesem Falle die Moschee selbst Mitglieder bei irgendeinem Verband waren..
Das Selbstverständnis des Staates. Der Staat gründet und definiert nicht den Islam und kann ihn auch nicht als Religion unterrichten.
Richtig. Aber er kann es islamischen Verbänden erlauben, einen solchen Unterricht - von der inhaltlichen Seite - zu organisieren. Und selbst damit tut sich der Staat schwer (also hier die Länder).
Wollen Sie da denn wirklich registriert werden??
Da Muslime als Sicherheitsrisiko vom Staat wahrgenommen werden, werden wir zwar bei den Verfassungsschutzämtern registriert (nicht zuletzt auch in der Anti-Terror-Datei), nicht aber als Interessen- oder Bevölkerungsgruppe. Sie verdrehen hier mit Ihrem Vergleich zum dritten Reich eindeutig die Tatsachen!
MJ:
Jetzt wird es interessant: Ich sagte: wenn der Innenminister nicht glaubt, dass die vier Dachverbände genügend Muslime repräsentieren, dann hätte er andere muslimische Organisationen (es gibt so viele mehr, vor allem Frauenorganisationen) einladen können und hatte die MJ als Beispiel genannt. SIE sagten dann prinzipiell, dass die MJ ein “Unterverein” wäre (von welchem Oberverein verheimlichen Sie hier). Formell ist die MJ aber in keinem der Vereine vertreten. Dann heisst das aber, dass dieser Oberverein tatsächlich mehr Menschen vertritt, als formell in ihm organisiert sind, und damit sind wir wieder bei der Argumentation, die diese Dachverbände letztlich benutzen. Was nun?
Riem Hawi:
Sie haben einen Satz aus ihrer Rede genommen und den auf Ihre Art uminterpretiert, um ein “totalitäres Gebrabbel” daraus zu hören. Ganz im Ernst: Verstehen Sie, was sie damit sagen will? Ich glaube nicht, dass Riem Hawi (die ich bisher nur einmal “erlebt” habe) eine totalitäre Gesellschaftsstruktur vor Augen hat.. Wenn Sie sie ihr unterstellen wollen, dann ist das Ihre Sache, aber daraus ein Argument gegen die MJ zu machen, ist wirklich billig..
Sie hängen doch schon wieder an diesem Bild von “den Muslimen” gegen den Rest, und da müssen alle Muslime zusammenhalten…
Wieder unterstellen Sie mir etwas, was ich nicht gesagt habe. Es geht nicht darum, “Muslime gegen den Rest” oder “Muslime müssen zusammenhalten”. Es geht lediglich darum, dass interne Probleme und Konflikte auch intern geklärt werden. Ist das schwer zu verstehen? Haben Sie auch bei der Papstwahlbestimmung gefordert, die Diskussion über den nächsten Papst soll doch bitte transparent und öffentlich geschehen?
Noch was: Kritikunverträglichkeit wird Muslimen ständig unterstellt und ich habe immer mehr das Gefühl, dass das zum leeren Gebrabbel wird. Hier und woanders haben Sie und andere Muslime kritisiert und - obwohl Sie immer wieder Muslimen Dinge unterstellen, die Ihrer Fantasie entspringen - ich finde es immer noch nicht “persönlich”. Also lassen Sie doch bitte diese Worthülsen..
“Wie würden Sie denn Integration definieren?”
Habe ich nie versucht, deshalb bin ich weder Politiker noch public-relations-mensch. Ich neige dazu, solche Worte zu vermeiden, eben weil sie nicht definiert sind. Wenn jemand an mich herantritt und etwas fordern möchte (sagen wir bspw., dass ich mich integrieren soll), dann werde ich von ihm eine Definition fordern und selber abschätzen, ob ich den einzelnen Forderungen entsprechen möchte.
Auf der anderen Seite: Was sollte ein Migrant leisten? Genau dasselbe, was ein Inländer zu leisten hat bei Genuß der gleichen Rechte!
