Arzu Toker – “Wir Atheisten müssen lauter werden”
Der Zentralrat der Ex-Muslime erstaunt immer weiter mit verqueren Argumentationsstrategien. Man kann ihnen wahrhaftig alles mögliche unterstellen1, aber zumindest bringen sie mir eine frische Perspektive auf den Herrn von und zu Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble. Im Interview mit der taz hat Vorstandsmitglied Arzu Toker ein wenig Einblick in die Gedankenwelt ihrer Vereinsmitglieder gegeben.
Das größte Problem scheint für Frau Toker zu sein, dass sie sich zu einer Gruppe (Muslime) gezählt fühlt, der sie nicht angehören möchte. Das soll auch der Grund sein, warum sie sich in aller Öffentlichkeit zur Nichtreligiosität entschieden hat. Sie will ihr “Hirn” benutzen..
Sie haben dem Islam öffentlich abgeschworen. Wäre es nicht etwas leiser gegangen?
Ich habe mich vor vielen Jahren leise vom Islam verabschiedet. Aber das reicht heute nicht. Da gibt es sechs Männer, die sich als Vertreter von 3,5 Millionen Muslimen in Deutschland aufspielen. Da müssen wir Atheisten laut werden. Es macht keinen Sinn, wenn ich denen einen Brief schreibe, dass sie mich doch bitte von der Liste streichen sollen. Auch Herr Schäuble würde mich nicht ernst nehmen, wenn ich ihm sagen würde: Richten Sie den Herrschaften aus, dass sie eine Person weniger vertreten. Bei der christlichen Kirche weiß der Staat genau, wer Kirchensteuer zahlt und wer nicht. Die muslimischen Vereine mogeln sich da durch. Es gibt keinen offiziellen Eintritt, aber sie haben den Anspruch, alle zu vertreten. Da müssen sich eben die zu erkennen geben, die nicht vereinnahmt werden wollen.
Das ist sogar in meinen Augen eine ganz gute Antwort. Davon natürlich abgesehen, dass es diese Liste, von der sie spricht, in Wirklichkeit gar nicht gibt.. Die Hauptforderung des Zentralrats der Ex-Muslime ist ja die, dass bei den vermuteten 3 Millionen Muslime in Deutschland genauer hingeschaut wird – statt jeden, der aus einem muslimischen Staat kommt, als Muslim zu zählen. Letztlich wird trotzdem die Mehrheit derer sich selbst als Muslime verstehen, aber im Sinne einer sinnvollen Repräsentation sollte der Rest (sei er noch so klein) abgezogen werden. Dafür müssten alle diejenigen Muslime als Muslime gezählt werden, die aus nicht mehrheitlich muslimischen Ländern kommen!
Außerdem sollten die “ausgetretenen” Nicht-mehr-Muslime dann nicht mehr im Namen von irgendwelchen Muslimen sprechen und dürfen sich schon lange nicht bei Verhandlungen zwischen Muslimen und dem deutschen Staat einmischen. Aber das ginge dem Zentralrat der Ex-Muslime zu weit. Sie wollen ja als Kronzeugen gegen den Islam auftreten und fordern bspw., dass das Kopftuch so gut als möglich bekämpft wird. So sagt Frau Arzu Toker:
Mir ist es wichtig, mich öffentlich zu äußern, weil sonst alle denken, die Muslime sind ein Block. Bisher ist das Bild doch so, dass Millionen von Muslimen wegen ein paar Karikaturen beleidigt sind.
Was denn nun? Ist sie ein Beispiel für eine muslimische Frau, die durch die “paar Karikaturen” eben nicht beleidigt ist? Wie kann sie das sein, wenn sie selbst Areligiös ist? Das Prinzip der Mündigkeit geht bei ihr aber scheinbar nur soweit, wie es die Kritik am Vertretungsanspruch muslimischer Verbände in Deutschland angeht..
Kopftuch
Länder wie die Türkei haben die islamischen Gesetze doch den staatlichen Gesetzen untergeordnet.
Das kam aber doch nicht von selbst. Staatsgründer Kemal Atatürk musste die Scharia abschaffen, die Frauen per Gesetz entschleiern. Dagegen gab es Proteste, es ist viel Blut geflossen. Atatürk ist es zu verdanken, dass die Türkinnen – lange etwa vor den Schweizerinnen – das Wahlrecht hatten. Deshalb greife ich auch in Deutschland die Sympathisanten der Kopftücher an.
Der Sätze dieser Aussage sind argumentatorisch abgekoppelt und das “deshalb” hat hier bei genauerem Hinsehen keine Bedeutung. Frau Toker sagt uns, dass das Ausziehen der türkischen Frauen – übrigens genauso wie das Verschleiern afghanischer Frauen zu Talibanzeiten – erst mit Gewaltanwendung möglich war. Ob sie fordert, dass eine solche Gewalt in Deutschland Anwendung findet, wird leider nicht beantwortet.
Was das allerdings mit dem Wahlrecht zu tun hat und was das Wahlrecht wiederum damit zu tun hat, dass sie “Sympathisanten der Kopftücher” angreift, bleibt unverständlich. Unterstellt sie etwa, dass in der Schweiz die Frauen länger als in der Türkei ein Kopftuch getragen haben? Ich glaube nicht.. Aber wahrscheinlich ist es gar keine schlechte Idee, einfach mal alles mögliche in einen Topf zu werfen..
Genauso stereotyp geht sie dann weiter vor:
Das Kopftuchverbot betrifft in NRW zwölf Lehrerinnen.
Es geht doch nicht um diese paar Frauen. Sie sind Vorbild für viele hunderte von Schülern, denen sie zeigen: Ich werde unterdrückt. Ich muss meinen Kopf bedecken, damit der Mann nicht sexuell gereizt wird. Das ist übrigens auch eine Diskriminierung des Mannes. Sind die alle so triebgesteuert? Wenn sie Haare sehen, überfallen sie die Frauen? Was soll diese Unterstellung?
Die Argumente sind hier nur wiedergekaut: Die muslimische Lehrerin ‘zeigt’ durch ihren Auftritt vor der Klasse – offensichtlich bewusst -, dass sie unterdrückt ist. Wenn das wahr wäre, wäre das nicht die beste Gelegenheit, um dieser unterdrückten – aber offensichtlich nicht von der eigenständigen Arbeit abgehaltenen – Frau zu helfen? Hier versagt das letzte Bisschen Logik, die Kopftuchgegner im Allgemeinen vorbringen. Dabei bescheinigen die meisten Menschen2, die mit den entsprechenden “Fällen” von kopftuchtragenden Lehrerinnen betraut sind, dass die Lehrerinnen weder unterdrückt wurden noch das nötige Selbstbewusstsein missen, um sich unterdrücken zu lassen.
Erlebt hatte ich das persönlich bei einer Podiumsdiskussion, in der der niedersächsische Kultusminister Busemann (der gleichzeitig radikal für ein Kopftuchverbot geworben hatte) die Kopftuch tragende Lehrerin aus Niedersachsen verteidigt hatte, als ihr aus dem Publikum und aus dem Podium Kritik an ihrem Selbstbewusstsein und Lebensführung entgegenschwappte. Aber das spielt keine Rolle.. Denn Frau Toker hat das Gefühl, dass Kopftuch tragende Frauen ihr persönlich sagen wollen “Hilfe, ich werde unterdrückt” oder vielleicht auch “Ich werde unterdrückt und das finde ich gut..”.
Auch ihre Schilderung der “Diskriminierung des Mannes” kann schwammiger nicht sein. Tut denn jede Frau, die einen längeren Rock einem Minirock vorzieht, die Männer diskriminieren? Oder könnte sie einfach auch andere Motive haben, die sich in ihrer Selbstwahrnehmung wiederspiegeln? Die Diskussion ist nämlich nicht, ob sich Menschen bedecken sollen, sondern eher, wie weit sich Menschen bedecken sollen! Die Grenzen festzulegen, das sollte doch bitte schön auch eine muslimische Frau für sich festlegen. Oder ist es Frau Toker vielleicht lieber, wenn hier Militär auf die Strasse marschiert und alle Frauen bis aufs ‘Nötigste’ auszieht?
Lasttiere vor dem Karren
Frau Toker sieht sich nicht durch islamophobe Mobilmacher ausgenutzt. Persönlich glaube ich, dass sie mehrere Karren zieht. Zum einen steht sie und ihr Verein für eine ganz bestimmte sehr aggressive Art der Nichtreligiosität. Zum anderen wird der Verein der Ex-Muslime unweigerlich – in ihrem Drang nach immer mehr Popularität – sich auch von fremdenfeindlichen Gruppierungen benutzen lassen. Das dürfte bei Islamophoben anfangen, wird aber nicht bei Türkenhassern enden..
Sie will offensichtlich Religionsunterricht abgeschafft und dafür “Ethikunterricht” eingeführt sehen. Und in dem soll auch “die Geschichte aller Religionen” gelehrt werden. Als Beispiel schlägt sie denn vor, dass die christliche Hexenverbrennung gelehrt wird – “Ich glaube nicht, dass ein Priester im Unterricht davon erzählt.”. Ich bin sogar recht sicher, dass er das nicht tut. Die Frage stellt sich aber, weshalb er das überhaupt tun soll! Ist Hexenverbrennung Teil der christlichen Lehre? Gewiss wurde sie eine Zeit lang als eine solche propagiert und vielleicht kann man innerhalb eines Unterthemas “Extremismus” innerhalb des Religionsunterrichts darauf aufmerksam machen, wie weit einem “kreative Interpretation” im Zusammenhang mit religiösen Texten bringen kann. Im Allgemeinen sollten aber meines Erachtens die Kernelemente der Religion erklärt werden.
Religionen sind schlecht..
In der Antwort von Frau Toker schwingt eine Kritik vieler areligiöser Menschen an Religionen insgesamt mit: Religionen seien – jetzt auch nach einer aktuellen Studie – Grund für Gewalt. Dem entgegen kann man halten, dass Areligiosität die Menschen noch nie von Gewaltanwendung abgehalten hat. Einen Grund, dem jeweils anderen auf die Rübe zu hauen, wird der Mensch immer finden. Das geht teilweise aus einem Gefühl des Andersseins (andere Hautfarbe, andere Abstammung .. oder eben andere Religion), zum grössten Teil aber aus der gefühlten Notwendigkeit, eine Vorherrschaft ausüben zu müssen. Und das – um den Kreis zu schließen – ist sogar aus Sicht der von Frau Toker geforderten Verwendung des “eigenen Grips” gar nicht mal so irrational..
All das hat aber mit Religion – zumindest nach dem Verständnis des Islams3 – wenig zu tun. Ob Frau Toker auch dafür wäre, innerhalb des Ethikunterrichts an die atheistischen Verbrechen des Stalin-Regimes zu erinnern?
Schäuble
Es ist interessant zu lesen, wie Frau Toker Herrn Schäuble und seine Taten einschätzt:
Was glauben Sie: Wird es in zehn Jahren mehr Kopftuchträgerinnen geben als heute?
Wenn Schäuble mit seiner Politik Erfolg haben sollte, ja. Wenn er den Islam dem Christentum gleichstellt, wenn die Vereine Millionen an Steuern bekommen, dann werden es noch mehr werden. Damit können die staatlich subventioniert ihre Schulen, Moscheen, Krankenhäuser betreiben. Das halte ich für verheerend. Sie dürfen auf keinen Fall eine Körperschaft des öffentlichen Rechts werden.
Dass Wolfgang Schäuble der Vorreiter einer Islamisierung Deutschlands sein soll – das will mir einfach nicht einleuchte, könnte aber ins Konzept der nichtmuslimischen Islamisierung passen..
Frau Tokers Antwort macht aber wieder darauf aufmerksam, wie sehr sie Erkenntnisdefizite im Bezug auf den deutschen Staat und dem deutschen Grundgesetz hat..
- und sollte man auch, bspw., dass sie keine Ahnung haben – nicht von Deutschland und schon lange nicht vom Islam[↩]
- Lehrer, Schüler, Behördenmitarbeiter, Minister[↩]
- ich nehme an, auch des Christentums und des Judentums[↩]
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