Identitätsprobleme
Montag, 2. April 2007, 12:34
Migranten haben oftmals und in jedem Land mit Identitätsproblemen zu kämpfen. Sie werden mit einer neuen Umgebung, neuen Menschen, einer neuen Kultur und Sprache und oftmals sogar mit neuem Klima konfrontiert, die sie erst einmal aufnehmen und verarbeiten müssen. Das ist nicht einfach und wird umso schwieriger, je größer die Unterschiede zum Herkunftsland sind und je älter der Migrant selbst ist.
Minderheit schwach - Mehrheit schwächer
Kein Wunder also, dass sich Migranten auch um ihre Kommunikation mit den eigenen Kindern Sorgen machen, die oftmals - überließe man sie komplett der Mehrheitsgesellschaft - sich viel schneller einleben können. Um diese Kommunikationsschwierigkeiten zu verhindern, werden Migrantenvereine gebildet. Migrantenvereine werden auch aus anderen Gründen aufgebaut: Viele Migranten geraten in Identitätskonflikte, wenn es darum geht, ihr bisheriges Leben und das neue in Einklang zu bringen. Erschwerend kommt hinzu, dass einige sich von der Aufnehmergesellschaft ausgegrenzt fühlen1. Ein Migrantenverein kann eine bekannte Atmosphäre schaffen, in der man wieder man selbst ist.
Dass aber auch die Mehrheitsgesellschaft Identitätsprobleme haben kann, wird gemeinhin missachtet. In Deutschland treten diese vor allem im Zusammenhang mit dem Islam auf. Das kann am einfachsten anhand der “Krisen” gezeigt werden, die die deutsche Öffentlichkeit in der letzten Zeit beschäftigen. Wer “Islamisierung” schreit, muss nicht immer ein Muslimhasser sein, meist ist es auch nur einer, der sich selbst finden muss und deshalb zu paranoidem Verhalten neigt.
Paranoid
Denn eines haben peinlicherweise etwa Idomeneo-Absetzung und Scheidungsurteil aus Frankfurt2 gemeinsam: Die Muslime (geschweige denn die Islamisten) fehlen dabei komplett! Das kann aber den geneigten “Verteidiger westlicher Werte” nicht daran hindern, eine “schleichende Islamisierung” Europas/Deutschlands zu sehen.
Geben wir es einfach mal zu: Wir Muslime sind eine Gefahr und ein Schrecken auch wenn wir nichts weiter unternehmen. Unsere blosse Anwesenheit, wenn wir etwa durch Kopftuch, Bart oder Gebet als Muslime erkennbar werden, ist eine Qual für Deutschland. Die Debatte darum, was Islamisten Deutschland anzutun gedenken hat sich längst von ihrem Subjekt (den Islamisten) gelöst und wird auf einer rein fiktiven Ebene weiter ausgetragen.
Auf dieser Ebene indoktrinieren kopftuchtragende Muslima ihre Schüler und stärken die Eltern muslimischer Schülerinnen in ihrem Bestreben, diese zu unterdrücken. Auf dieser Ebene wollen Muslime, die sich eine Moschee leisten wollen, wo sie in Ruhe beten können, in Wahrheit nur die Islamisierung Deutschlands vorantreiben. Aber Vorsicht: Untertauchen dürfen Muslime auch nicht, denn dann unterwandern sie unser politisches System und betreiben Tuqya3 um schlussendlich den Staat zu stürzen. Und Konvertiten? Das sind doch alles Möchtegern-Terroristen!
Hysterie …
Aus dem so aufgebauten Bedrohungsszenario ergeben sich dann genügend Aktivitätsanleitungen. Das reicht von der Forderung nach Rückbesinnung auf christlich-jüdisch-abendländische Werte, die Stärkung des “Wir”-Gefühls unter Nichtmuslimen, bis hin zur Forderung, muslimische Zuwanderung zurückzudrängen. Besonders unbeholfen sind die Versuche von christlichen Bischöfen bisweilen eine härtere Gangart mit Muslimen einzuschlagen.
Bischof Wolfgang Huber von der evangelischen Kirche ist eines der besseren Beispiele für diese Art der “Diplomatie”. So fordert er, dass der Islam etwa die Säkularisierung endlich einsehe und alle islamischen Länder sich Religionen gegenüber neutral zu verhalten hätten. Im deutschen Inland allerdings ist er und sein Arbeitskollege Lehmann von der katholischen Kirche um Einbindung der Kirche4 bemüht. Das kann man an der Forderung nach Nennung von “Gott” in der europäischen Verfassung festmachen, aber das reicht viel weiter.
Exkursion “Säkulares Deutschland”
Tatsächlich sitzen die beiden Kirchen bei allen größeren Gesetzesvorschlägen am Tisch und sind ‘beratend’ tätig. Das ist bei besonders ethiklastigen Gesetzen der Fall - wie etwa Bestattung, Abtreibung, Ehe und Scheidung -, der Einfluss bleibt aber erhalten, wenn man sich andere Themenbereiche anschaut. Zudem nimmt die Bedeutung der Kirchen immer mehr zu, je konservativer in Deutschland gewählt wird. Damit stellt sich eine Situation ein, in der die Kirchen zwar an Bedeutung für die stagnierende Anzahl ihrer Mitglieder abnimmt, aber auf politischer Ebene immer mehr an Bedeutung gewinnt.
Die Mutprobe für den wirklich religionsneutralen Staat stellt indes das Verhältnis zwischen diesem Staat und einer dritten Religionsgemeinschaft dar. Bemerkenswert ist nämlich, dass Kirchen selbst in einem solchen Thema5 mitreden und teilweise am Verhandlungstisch sitzen. Zugegeben, oftmals ist es die eine oder die andere Kirche6, die “ein gutes Wort” bei Staat für den betroffenen islamischen Verband einlegen - trotzdem: damit bestimmen sie mit, wer für den Staat annehmbar ist und wer nicht. Oder wie oft wird ein islamischer Verband nach seinen interreligiösen Bestrebungen gefragt und sein Verhältnis zu umliegenden Kirchen? Werden Kirchen ebenso bewertet?
Tough Talk
In der letzten Zeit fordern abwechselnd Politiker und Kirchenvertreter fast schon unisono das Ende des sogenannten Schmusekurses mit Muslimen. Davon abgesehen, dass die muslimische Minderheit in Deutschland in den letzten 20 Jahren nicht das Gefühl gehabt haben dürfte, dass sie mit Samthandschuhen angefasst worden wäre, schließlich sind neben der allgemeinen Fremdenfeindlichkeit in Deutschland weder das Protestieren gegen Moscheebau, noch die Nichtanerkennung muslimischer Gesprächspartner neu. Und was die Medien angeht.. sagen wir’s mal so: die Qualität konnte nach dem 11. September nicht noch viel weiter sinken - lediglich die Quantität ist gestiegen. Wenn wir ehrlich sind, die meisten Muslime haben die Jahre vor dem 11.September damit verbracht zu hoffen, dass es im jeweils nächsten Jahr besser sein wird7.
Sei’s drum. Jetzt heißt es also: Dialog ist nicht darauf spezialisiert, Gemeinsamkeiten zu finden und Problemlösungen über Kultur-/Religiongrenzen hinweg zu finden, sondern vor allem darauf, den jeweils anderen zu kritisieren. Und so werden Muslime also auch von offiziellen Stellen (und nicht nur von irgendwelchen Spinnern auf der Straße) ‘kritisiert’. Jetzt heißt es also damit leben, dass Kirchen- und Staatsvertreter sowohl “Stellen” aus dem Koran als auch Vertreter von Muslimen zitieren, um Letztere in eine Rechtfertigungsfalle zu locken.
Dass aber auch die ‘Diskussion’ zwischen muslimischen Vertretern und Staatsvertretern bisweilen komisch wirkt bestätigen die kürzlichen Aussagen von Innenminister Schäuble:
Die 1,5 Milliarden Muslime weltweit haben in ihrer Gesamtheit ein Modernisierungsdefizit.
Das sagt gerade ein Minister, der Deutschland ein für allemal gezeigt hat, wie man die Verfassung und alle Bürgerrechte zerreißt, in die Toilette wirft und wegspült! Dass er dann sagt, dass “Die Religionsfreiheit [] kein Grundrecht de luxe” sei “, das andere Rechte und Freiheiten völlig aus dem Gleichgewicht bringen kann”, muss denn auch in Angesichts der Tatsache gesehen werden, dass Herr Schäuble auch in allen anderen Bürgerrechten keine “Grundrechte de luxe” sieht, die dem Aufbau eines orwellschen Polizeistaats im Wege stehen dürften.
Eigentlich müssten sich muslimische Verbände weigern, mit einem solchen Verfassungsfeind an einen Tisch zu sitzen!
Dialog
Bei all diesem “tough talk” muss man sich eh’ fragen, wie es zugehen könnte, wenn Muslime in gleichem Maße Kritik zurücküben würden. Während die breite Mehrheit der Muslime auch bezüglich Christen und Juden nach dem koranischen Grundsatz “Euch euer Glaube und mir mein Glaube” (Al-Kafirun 109, 6) agieren und deshalb wenig Interesse zeigen, christliche Regeln und daraus entstandene Gesetze zu kritisieren, wird ihnen dieser Luxus in Hinblick auf den Islam verwehrt.
Warum sonst stellt man Katholiken nicht die Frage, warum sie eine solch unmenschliche Institution wie das Zölibat aufrechterhalten? Wie sieht es mit dem Recht auf Scheidung - wie sieht es mit der Familienplanung aus? Wie sieht es eigentlich mit den vielen Christen aus, die Krieg stiften - und sich durchaus dabei auf das Christentum beziehen?8 Schließlich kann man ‘kirchliche’ Christen natürlich auch auf ewig fragen, wie sie sich die Mittlerposition von Kirche/Papst vorstellen und was das so alles über ihr Menschenbild aussagt, wenn sie erst einmal die Frage nach der Seele der Frau geklärt hätten…
Identität
Ich bin sehr dafür, dass mein Gesprächspartner weiß, wer er eigentlich ist/sein möchte und worauf er sich beruft. Eine Diskussion mit solchen Leuten hat den Vorteil, dass der Maßstab an dem man Werte misst zumindest nicht immer verrückt wird.
Wenn ein Christ Christ sein will und sich dabei auf die Bibel berufen möchte, dann sei’s drum. Wenn er säkular sein möchte, dann eben auch das. Mit anderen verhält es sich genauso. Schwierig wird es, wenn die Identifikation auf “Werte” nur dazu dient, ein Ausschlusskriterium für andere Menschen zu schaffen. So wird ohne klare Benennung der “christlich-jüdisch-abendländischen” Werte nicht klar, worin sie sich von “muslimischen” Werten bezogen auf das gesellschaftliche Miteinander unterscheiden sollen - bis auf die Tatsache, dass ein Muslim zunächst einmal natürlich von “muslimischen Werten” sprechen würde. Eine Diskussion über die Werte an sich wird dabei stets unterschlagen.
Zukunft
Irgendwann wird man merken, dass die Erstellung eines für urdeutsche Nicht-zum-Islam-Konvertiten einheitliches und sie von Muslimen (ob zugewandert oder konvertiert) deutlich unterscheidendes Wertemonstrum nicht einfach ist und vor allem die Identitätsprobleme nicht lösen wird. Manche Menschen können aber nicht ohne den konstruiert bösen Anderen leben, sonst wissen sie nicht mehr, wer sie selbst sind.
Muslime sind derweil in der misslichen Lage, dass sie die Identitätskrise der Mehrheitsgesellschaft umso mehr vertiefen könnten, wenn sie sich stärker auf den Islam berufen und Kritik an den jeweils “Anderen” mit der geforderten Härte vortragen. Die angeblich ohnehin starke Identifikation von Muslimen mit ihrer Religion und miteinander ist ja gerade der Punkt, den islamophobe “Kulturverfechter” als Argument benutzen, warum der Rest der Nation eine andere Identität finden sollte, die möglichst diese offenbar einheitliche Gruppe ausschließt. Im schlimmsten Falle kann die muslimische Minderheit in Deutschland durch Einstehen für ihre Rechte durchaus dafür sorgen, dass ein Teil der Mehrheitsgesellschaft fernab von Recht und Gesetz gegen sie tätlich wird - quasi als Verfechter der christlich-abendländischen Kultur, die sich vom gutmenschlichen Rechtsstaat betrogen fühlen..9
Rechte fordern oder nicht - das ist hier die Frage..
- ob berechtigt oder unberechtigt spielt zunächst keine Rolle [↩]
- Die Bezeichnung “Koran-Urteil” ist deshalb irreführend, da der Koran dieses Urteil keineswegs fällt, sondern eben eine Richterin, die davon keine Ahnung hat! [↩]
- Die Schreibweise ist unter Islamophoben durchaus umstritten, deshalb wird das Muslimen unterstellte (aber im Islam so nicht auffindbare) Verschweigen wahrer Absichten abwechselnd mit Taqiyya, Taqiya oder auch Tugya genannt [↩]
- wohlgemerkt nicht von Religionen [↩]
- das sie ja eigentlich nichts angehen müsste [↩]
- meist abwechselnd, wie good cop - bad cop [↩]
- wieder: damit hat sich diese Mehrheit der Muslime mitschuldig gemacht, da sie zuhöchst passiv war! [↩]
- Mal von Bush und Konsorten abgesehen, hatte ich das bereits einmal mit Herrn Ronald Pofalla versucht, der breitmündig gesagt hatte “Das Problem religiös motivierter Gewalt ist heute fast ausschließlich ein Problem des Islam.”. Wie gut dieser auf die Kritik eingegangen ist, muss ich nicht erklären.. [↩]
- erste Ansätze dieser Denke kann man auf islamophoben Seiten wie PIPI sehen [↩]
Pingback von Identität und Distinktion - Citronengras
Made Donnerstag, 5 of April , 2007 at 00:53
[...] absolut lesenswerter Artikel bei toomuchcookies.net - darüber, wie über den Versuch der Abgrenzung zur muslimischen Bevölkerung in [...]
Pingback von gulap » Archiv » Identität
Made Donnerstag, 5 of April , 2007 at 15:44
[...] wundert es mich auch nicht, dass sich bereits ein Blogkarneval-Beitrag mit dem Thema Identitätsprobleme [...]


