Die Tagesschau und Muslime
Ich hatte mich gestern abend bei der Redaktion der Tagesschau beschwert, dass bei der Berichterstattung über den Frankfurter Richterspruch kein einziger Muslim zu Wort kommen durfte. Das wäre angesichts der Vorwürfe, die Islamophobe aufstellen (bspw., dass Muslime Druck ausgeübt hätten) dringend notwendig gewesen. Stattdessen hat die Tagesschau im Hauptartikel alle möglichen Anti-Muslim-Lobbyisten angerufen und interviewt. Im Hauptartikel zum Thema stand dann gleich nach dem einleitenden Satz (in dem auch von Muslimen die Rede ist, aber nur abstrakt):
Die Vorsitzende des Zentralrats der Ex-Muslime, Mina Ahadi, bezeichnete das Verhalten der Richterin als skandalös. “Diese Praxis der Islamisierung der Gesellschaft ist gefährlich und auch rassistisch”, sagte sie der “Berliner Zeitung”.
Danach kommt Seyran Ates zu Wort (und wirft der Richterin menschenverachtendes Vorgehen vor), dann wieder mit einem Satz eine “Sprecherin des Zentralrats der Muslime”, die nicht weiter benannt wird und von der auch kein Zitat steht.. Dann kommen Politiker und andere Menschen zu Wort. Ganz zum Schluss kommt mein Lieblings-Politiker Ronald Pofalla zu Wort, der sich der BILD-Zeitung gegenüber aufregt:
Solche Richter lassen jeden normalen Menschen verzweifeln. Urteile in Deutschland ergehen im Namen des Volkes, nicht im Namen des Koran. Wenn der Koran über das deutsche Grundgesetz gestellt wird, dann kann ich nur sagen: Gute Nacht, Deutschland!
Zumindest kam der bekennende Islamophobe Udo Ulfkotte nicht zu Wort..
Heute merke ich dann beim Durchgehen der Artikel auf tagesschau.de, dass sie inzwischen doch einige Muslime befragt haben. Aber welche! Schaut einfach mal selbst: Koran-Scheidungsurteil: Reaktionen unter den Muslimen in Frankfurt
Angefangen wird mit der Ahmadiyya-Gemeinde in Frankfurt - mal vollkommen davon abgesehen, dass diese von der Mehrheit der Muslime nicht als Muslime betrachtet werden, so kann man Herrn Christian Blenker vom ARD-Morgenmagazin zugute halten, dass er sich dabei an eine Institution gewandt hat - an einen Ort der religiösen Zusammenkunft. Zumindest ist das Gesagte nicht unvernünftig.. Dann wird es richtig lustig. Der Interviewer geht in eine “türkische Teestube”!
Auch wenn sich hier nicht jeder so intensiv mit dem Koran befasst hat, kann man die Diskussion nicht nachvollziehen.
Dabei werden irgendwelche Türken beim Kartenspiel gezeigt.. Dann kommt ein “Türke” zu Wort:
Also ich hab den Koran nicht gelesen, ich hab aber mit einigen gesprochen, die also regelmässig beten, zur Moschee gehen, sich damit auseinandersetzen.. die sagen, das ist absoluter Quatsch.
Dann geht es weiter zur nächsten Quelle islamischer Gelehrsamkeit: ein Friseursalon!
Auch einige Meter weiter im Friseursalon, sind die Äusserungen der Richterin Thema. “Muslimische Männer behandeln ihre Frauen gut”, heisst es hier, deshalb ärgern sich viele darüber, dass sie jetzt unter Generalverdacht gestellt werden.
Die Aussagen der Befragten sind ja nicht total unvernünftig, aber man muss sich echt fragen, warum der Zentralrat der Ex-Muslime offiziell die Opposition zum Islam vertreten darf und ein langes Interview abgeben darf, während muslimische Vereine nicht einmal zitiert werden. Dass man “Türken” oder orientalisch aussehende Menschen stets als die Vertreter des Islams darstellt, ist doch auch ein Kritikpunkt der Ex-Muslime, oder?
Wäre das nicht so traurig, fände ich das geradezu schrecklich lustig!
Verwandte Beiträge
Comments
Other Links to this Post
-
JurBlog.de » Kritiker, Gewinner und Verlierer des Koran-Urteils — 27. März 2007 @ 11:44
-
JurBlog.de » Die Kritiker, Gewinner und Verlierer des Koran-Urteils — 27. März 2007 @ 23:16
RSS-Feed für Kommentare zu diesem Beitrag. TrackBack URI
By Ulfkothe, 23. März 2007 @ 15:34
“Heute merke ich dann beim Durchgehen der Artikel auf tagesschau.de, dass sie inzwischen doch einige Muslime befragt haben. Aber welche!”
Oma, glaubst du etwa, die Medien picken sich ausgerechnet die Muslime raus, die DU gerne hättest? Allerdings: Selbst auf den “Soft-Islam” der Ahmadis, die du offenbar nicht magst, fallen wir “Ungläubigen” nicht mehr rein - siehe z.B. **raus**
By gulap, 23. März 2007 @ 15:37
@Erkan / #1: Auch diesen Kommentar habe ich
@Omar: Ich fänd’s klasse, wenn Du diese Kommentare ein bisschen editieren würdest, indem Du einfach mal die Links rausnimmst. Bei mir bleiben die Herren mal schön in der Moderation, bis ich inschaALLAH mal allen meinen Freunden eigenen Post widme - oder auch nicht
Muss ja nicht die Verbreitung dieser fanatischen Gedanken unterstützen.
By Tadeusz Szewczyk, 23. März 2007 @ 15:50
Die Betonung liegt auf EX!
“Vorsitzende des Zentralrats der Ex-Muslime”
vs
“Sprecherin des Zentralrats der Muslime”.
By andron13, 23. März 2007 @ 22:59
Das nennt man doch Propaganda. Oder?
By zappi, 23. März 2007 @ 23:19
Bei deiner Beschreibung musste ich auch unwillkürlich Grinsen. Allerdings sinkt das Niveau der Berichterstatung, wenn es um den Islam und Muslime geht, in Regionen die den Erdkern doch recht nahe sind.
By Omar Abo-Namous, 25. März 2007 @ 05:44
@zappi: mein Sagen. Es ist teilweise erbärmlich, was an Islam-Berichterstattung geboten wird. Die meisten Medienschaffenden merken das ja noch nicht einmal..
Bisher hab ich auch keine Rückmeldung von der Tagesschau-Redaktion erhalten.. Vielleicht sollte ich ihnen ins blog schreiben.
By Migrantenkind, 27. März 2007 @ 09:20
Kommt vielleicht daher, dass kein Muslim in der Medianaufsicht neben christlichen und jüdischen Vertretern teilnehmen darf!
Nichtsdestotrotz muss der “Angeklagte” immer zu Wort kommen, egal was dieser gemacht hat bzw. ihm unterstellt wird, gemacht zu haben. Und bei allem Respekt, die Ex-Muslima ist wie die Ex-Frau. Wenn die Ex-Frau zu Wort kommt, dann muss es der Ex-Mann doch auch, oder?
Wassalam