Wort zum Freitag - worum es geht
Donnerstag, 15. März 2007, 00:17
Nein, es ist wirklich nicht viel gefragt, jeden Freitag, eine fünf minütige Audio-Datei irgendwo auf einem der vielen Server in Deutschland zum Download anzubieten, in der ein muslimischer Gelehrter ein gesellschaftlich relevantes Thema aufgreift und islamisch behandelt. Das Angebot des ZDFs soll selbst das nicht erfüllen! Deshalb ist es schwer zu verstehen, wie der Wirbel darum entstehen konnte.
Hilal Sezgin hat im Artikel “Kündigung der Verkündigung” in der taz ein grundsätzliches Problem in der aktuellen Debatte herausgearbeitet:
Warum die zitierten Äußerungen aber, zweitens, so empörend sind, liegt weniger darin, dass die Migrationsgeschichte der letzten 45 Jahre mal wieder übergangen wird, sondern gewisse Ereignisse wenige Jahre davor von den Elitzen und Reiters unserer Medienchefetagen ebenfalls unterschlagen wurden. Nein, Deutschland ist nämlich kein primär christliches Land. Es hat keine christliche, sondern eine jüdisch-christliche Tradition, und Jahrhunderte jüdischer und christlicher Geistesarbeit haben die Kultur der hiesigen Einheimischen aufgebaut.
Bloß waren nach dem Nationalsozialismus natürlich nicht mehr genug jüdische Juristen am Leben, um bei der Formulierung des Grundgesetzes mitarbeiten und auch ein jüdisches Hausrecht darin verankern zu können. Kein Grund für die Kirchenfunker, zu triumphieren. Wenn diese erst jetzt, mehr als 60 Jahre später - und nur, weil eine andere Religionsgemeinschaft inzwischen so stark gewachsen ist, dass man sie nicht mehr übersehen kann - gnädigerweise eine Internetplattform zum Sabbat in Erwägung ziehen, hallt da die Logik der Bereicherung an jüdischem Eigentum nach: Tja, wenn der einstige Eigentümer sich partout nicht meldet, darf ich die Möbel / die Villa / die fünf Minuten ja wohl behalten!
Warum dieser “Diebstahl” erst heute Thema geworden ist? Nun, vermutlich hat uns Nichtchristen das Wort zum Sonntag bisher nicht weiter gestört. Es leben so viele unterschiedliche Menschen in diesem Land, das funktioniert am besten per “leben und leben lassen”. Wenn man jetzt aber erfährt, was für ein ideologischer Ballast die ganze Zeit mitgeschleppt wurde, wenn man merkt, dass es sich gar nicht um das völlig legitime berufliche Engagement der Kirchenfunkredakteure, sondern um gesellschaftspolitische Einstellungen von beträchtlicher Relevanz handelt, nämlich zum Primat des christlichen Glaubens - da wird die Sache unerwartet brisant. Hier werden nicht fünf Minuten verhandelt, sondern das Selbstverständnis der deutschen, staatlich subventionierten Öffentlichkeit im Verhältnis zur Religion.
Es geht hier weniger darum, ob oder inwieweit ein “islamisches Wort” praktikabel ist - etwa wie die Frage nach einer muslimischen Repräsentanz schließen lässt - sondern nun geht es um Grundsätzliches! Nachdem sich der Begriff der christlich-(jüdisch-)abendländischen Kultur etabliert hat, mit dem man im Allgemeinen jeglichen tatsächlichen Einfluss durch muslimische Denker und Wissenschaftler auszuschließen versucht, kommt nun das “exklusive Verkündigungsrecht”. Dieses greift der Intendant des MDR nebenbei auf:
Das exklusive Verkündigungsrecht der Kirchen dürfe nicht relativiert werden, sagte Reiter am Mittwoch in Leipzig bei einem Empfang zu 15 Jahren kirchlicher Rundfunkarbeit im MDR.
Ich finde es interessant, wie schnell und vor allem einfach die Gebote der Gleichbehandlung der Religionen und der Trennung von Staat und Kirche relativiert werden, wenn es darum geht, den “muselmanischen Invasoren” die Stirn zu bieten…
Category: Inland, Islam, Politik, medien
Tags: Inland, Islam, medien, Politik
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Kommentar von xyz
Made Samstag, 17 of März , 2007 at 13:22
“Rettet unsere christlichen (ach ja, und jüddischen) Wurzeln”…
schreit so manch einer und bemerkt gar nicht, dass es die heutige Massenjugend überhaupt nicht interessiert.
Lediglich die Älteren stolpern mal darüber. Deutschland ist säkular.
Daher sind die Kirchen so leer.
Und das Wort zum Sonntag auch überflüssig.
Interessant wäre zu wissen, wieviele sich das sich wirklich anschauen/anhören.
Kommentar von Matthias Gerhards
Made Samstag, 17 of März , 2007 at 16:09
Ich glaube dass sich die Wahrnehmung des Westens gegenüber der islamischen Welt, seit dem Mittelalter nicht wesentlich weiter entwickelt hat. Der Islam und seine Kultur wird auch in weiten Teile der geistigen Elite als Bedrohung begriffen. Umgekehrt gilt das, nach meiner Erfahrung nicht. Die Freude, die ich habe, die aus islamischen Ländern stammen, empfinden weder das Wort zum Sonntag, noch die Bekleidung der Nonnen als Gefährdung ihrer eigenen Kultur.
