“Wort zum Freitag” beim ZDF
Sonntag, 18. Februar 2007, 00:34
Kurz nachdem ZDF-Chefredakteur Nikolaus Brender den Willen geäußert hatte, ein “Wort zum Freitag” einzurichten1 kann ich mir gut vorstellen, dass die Internet- und Telefonleitungen in Deutschland geglüht haben.
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Rechtsradikale und islamophobe Hetzer sahen (mal wieder) das Abendland untergehen und wurden sogleich zu kritischen Experten zum Umgang mit den GEZ-Gebühren. Hans-Peter Raddatz hat sich gleich ein Interview mit dem Deutschlandradio gesichert, in dem er mit der ganzen konstruierten Autorität eines Islamwissenschaftlers (der er nicht ist!) allen Ernstes behaupten konnte, die “islamische Orthodoxie” hätte “die versöhnlichen Aussagen der islamischen Grundlagen” “offiziell gelöscht”2 und dass ihm (persönlich) noch das Bekenntnis “der Muslime” zum demokratischen Rechtsstaat fehle. Derweil hat PIPI seine Leser-Schar aufgefordert, sich bei ZDF, Wolfgang Schäuble und Bischof Huber Gehör zu verschaffen - und offensichtlich gegen die Abendlandlästerung in Form einer muslimisch angehauchten Fernsehsendung zu protestieren.
Weiter haben sich verschiedene Organisationen berufen gefühlt, ihren Senf abzugeben. Dazu gehört auf jeden Fall die evangelische Kirche in Form eines Herrn Hubers, der im Allgemeinen den Vorschlag begrüßt hat. Aber auch relativ unerwartete Kritiker melden sich - wie etwa der Internationale Bund der Konfessionslosen und Atheisten e.V., der in einer breit publizierten Pressemitteilung grundsätzlich beklagt, dass den Kirchen im öffentlich-rechtlichen Fernsehen “kostenlose Werbezeit” zur Verfügung gestellt würde. Gleichzeitig macht der Verein auf einen wichtigen Punkt beim “Wort zum Freitag” aufmerksam:
Ausgerechnet diese christliche Kirchenlobbyredaktion des ZDF soll nun das “Wort zum Freitag” “als ein weiteres Element der Auseinandersetzung mit dem Islam” gestalten. Da wäre es nur recht, wenn demnächst im Gegenzug ein Imam das “Wort zum Sonntag” spricht. Abgesehen davon bezweifelt der IBKA stark die Glaubwürdigkeit bzw. Relevanz eines solchen Formats bei Bürgern moslemischen Glaubens und damit den Erfolg der unterstellten “guten Absichten” der christlichen Initiatoren eines nur vermeintlich islamischen “Worts zum Freitag”.
Die IGMG hat bisher einen wenig wertenden Artikel veröffentlicht, während Bekir Alboga von der DITIB die Pläne des ZDF ausdrücklich begrüsste:
Im Deutschlandradio Kultur sagte Alboga am Freitag, “wenn es ein Wort zum Sonntag gibt, dann sollte es auch ein Wort zum Freitag geben, wir bezahlen ja auch Steuern, und wir sind mit Hilfe der Islamkonferenz auf dem Wege, gleichberechtigt zu werden.”
Seine Organisation und der Koordinierungsrat der Muslime in Deutschland würden nun eine Kommission gründen, die die Themen und Redner auswählen soll, so Alboga. Langfristig dürfe das “Wort zum Freitag” aber nicht nur im Internet verbreitet werden. Es müsse dann auch einen festen Sendeplatz im TV-Programm erhalten. Das “Wort zum Freitag” könne einen Beitrag zur Aufklärung über den Islam leisten - nicht nur unter den Christen, sondern auch bei den Muslimen, so Alboga.
Vorgestern hatte dann der Zentralrat der Juden ein “Wort zum Sabbat” gefordert, “sonst könnte es ein Problem geben”3.
Mich hat dann auch vorgestern ein Journalist der Hessisch-Niedersächsischen Allgemeine Zeitung angerufen und mich um meine Meinung zum Thema gefragt. Diese ist in den Artikel “Alle wollen ihr Wort vortragen” geflossen:
Hans-Peter Klein, Mitglied im Förderkreis der jüdisch-liberalen Gemeinde Gudensberg (Schwalm-Eder-Kreis), hält den Gedanken an einen gemeinsamen Sendeplatz für alle Religionsgemeinschaften für verfrüht. Allerdings fände er, wie er auf Anfrage sagte, ein “Wort zum Sabbat” gut, weil auf diese Weise das Denken und Glauben des Judentums bekannter gemacht werden könne. Auch müsse man bedenken, dass landesweit die jüdischen Gemeinden beständig größer würden.
Ähnlich schätzt Omar Abo-Namous die Situation ein. Abo-Namous, der in Hannover den Internet-Auftritt der Islam-Gruppen verantwortet, ist grundsätzlich dafür, ein “Wort zum Freitag” im ZDF einzurichten. Es müsse aber genau überlegt werden, ob man sich auf die theologische Unterrichtung der Muslime konzentrieren wolle. Oder ob man eine allgemeine Ansprache bevorzugen wolle, die auch die Nicht-Muslime einbeziehe.
Da das Gespräch übers Telefon stattgefunden hat und ich währenddessen auf der Straße war, ist meine Meinung natürlich nicht so genau wiedergegeben, wie ich es mir eigentlich erhofft hatte. Tatsächlich würde ich sagen, dass man je nach Format der Sendung eine andere Vorgehensweise zu wählen hat. Wenn man eine Art milde religiöse Unterweisung haben möchte, dann muss man natürlich muslimische Stimmen anstrengen, die eine solche Botschaft rüberbringen würden. Genau das hat auch Bekir Alboga im Deutschland Radio ausgedrückt. Dann müssen aber die muslimischen Organisationen am Zusammenstellen der Sendung massgeblich beteiligt sein und notfalls einen Referenten ablehnen können.
Wenn man aber das “Wort zum Freitag” anders als das “Wort zum Sonntag” als eine Art Diskussionsanregung mit spezifisch islamischer Konnotation verstanden sehen will, dann ist man zwar in der Wahl der Referenten ein wenig freier, kann aber nicht damit rechnen, dass die Zielgruppe überhaupt das Interesse aufbringt, die Sendung anzuschauen oder dass die islamischen Organisationen diese forcieren würden..
Der Journalist hatte noch gefragt, wie ich zur Forderung der jüdischen Gemeinden stehe, ebenfalls ein “Wort zu Sabbat” einzurichten. Diese sehe ich überhaupt nicht problematisch - es sei denn aus der jüdischen Sicht! Wenn nämlich tatsächlich nicht religiös gebunden über die Referenten entschieden wird (wie im zweiten Modell), kann ich mir gut vorstellen, dass sich Juden beschweren werden, wenn plötzlich ein Muslim beim “Wort zu Sabbat” referiert.
Im Allgemeinen würde ich aber die erste Variante bevorzugen und dann mit Referenten, die der frisch gekürte “Koordinierungsrat der Muslime” aussucht - also ganz analog zum kirchlichen “Wort zu Sonntag”.
Auf der anderen Seite fand ich verfrüht, dass es komplette Sendungen wie “Die Kirche”4 auf ffn auch für Muslime geben soll.
Weitere Fragen stellt der Jurblog!
- auch wenn in der Anfangsphase nur im Internet in Form eines Audio-podcasts [↩]
- davon mal abgesehen, was er mit dem “offiziell gelöscht” meint.. [↩]
- Das Prinzip ist ja klar und ganz bestimmt nicht falsch, aber die Ausdrucksweise hat mich schon überrascht.. [↩]
- die ich im Übrigen gerne höre, wenn ich zu der Zeit im Auto unterwegs bin [↩]
Category: Inland, Islam, medien
Tags: hna, Inland, Islam, Judentum, medien, muslime, politically_incorrect, Wort_zum_Freitag, ZDF
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Kommentar von aisha
Made Sonntag, 18 of Februar , 2007 at 15:09
Grundsätzlich finde ich ein “Wort zum Freitag” nicht verkehrt, jedoch mit der Massgabe, dass die musl. Organisationen bei der Gestaltung miteinbezogen werden! Sonst kommmen sog. “Islamexperten” bzw. Orientalisten zum Wort, die (oft) alles andere als richtig und wahrheitsgemäß über den Islam und die islam. Lebensweise berichten (dürfen).
Ich fände gut, wenn der Islam den Deutschen dadurch näher gebracht wird und die typischen Vorurteile geräumt werden & das angebliche “Geheimnis” um den Islam gelüftet wird!
Das die jüdische Gemeinschaft auch nach einem Sendeplatz verlangt ist nachvollziehbar. Schließlich leben wir alle hier gemeinsam - Christen, Muslime und Juden - und alle haben das Recht auf freie Meinungsäußerung und Religionsausübung. Es sollte aber keine Konkurrenz zwischen den einzelnen “Wort zum…” geben!
Kommentar von Omar Abo-Namous
Made Dienstag, 20 of Februar , 2007 at 05:48
@aisha: danke für den Kommentar. Ich hoffe nur, dass muslimischen Organisationen eine Liste von Referenten zusammenbekommen..
