Murat Kurnaz soll wieder nach Guantanamo?
Sonntag, 28. Januar 2007, 21:59
Oder wie soll man eigentlich diese Aussage unseres Außenministers hochwürden Frank-Walter Steinmeier verstehen:
Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier hat seine frühere Entscheidung verteidigt, den Bremer Türken Murat Kurnaz nicht nach Deutschland zurückkehren zu lassen. “Ich würde mich heute nicht anders entscheiden”, sagte Steinmeier, der 2002 Chef des Kanzleramtes war, dem “Spiegel”.
Um dem ganzen noch einen Tick Wahnsinn unterzumischen, fügt Steinmeier hinzu
Man muss sich ja nur vorstellen, was geschehen würde, wenn es zu einem Anschlag gekommen wäre und nachher stellt sich heraus: Wir hätten ihn verhindern können.
Herr Steinmeier! Wenn Sie wirklich die Befürchtung haben, dass ein Guantanmo-Häftling gefährlich sein könnte, dann können Sie ihm immer noch mit rechtstaatlichen Mitteln begegnen. Ihn in Guantanamo zu lassen, obwohl sie die Möglichkeit hatten, ihn dort rauszuholen, ist nicht nur unverantwortlich, sondern zeugt von einer verkehrten moralischen Vorstellung!
Das Goethe-Blog fasst meinen Gedanken diesbezüglich ganz gut zusammen:
Sollte es nicht völlig unerheblich sein, ob Murat Kurnaz eine Gefahr darstellt oder nicht? Anders gefragt: Wenn er “Terrorist” wäre (was immer das heißen mag), fänden wir es dann toll, dass die U.S.A. ihn ohne Verurteilung auf unbestimmte Zeit in einem Lager festhalten, in dem bekanntermaßen gefoltert wird?
Auch lesenswert das Blog von Hans Ulrich Gresch, in dem er schreibt:
Was impliziert diese Aussage. Sie impliziert: Guantánamo ist ein geeigneter Ort, um das “Sicherheitsproblem Kurnaz” aufzubewahren. Nun ist Guantánamo jedoch keine nette Haftanstalt mit Freigang und Multimedia auf der Zelle, sondern ein Gefängnis, in dem Gefangene entrechtet und gefoltert werden. Und so impliziert Steinmeiers Aussage weiterhin: Um Anschläge zu verhindern, sind Entrechtung und Folter im Stile von Guantánamo gerechtfertigt.
Beide sprechen vom worst-case - nämlich der, dass Kurnaz ein Terrorist gewesen wäre - , dabei wusste Herr Steinmeier nach Medienmeldungen spätestens seit Oktober 2002, dass Murat Kurnaz unschuldig war. Trotzdem zog er es vor, die vollkommen nebulöse Gefahrenmöglichkeit einer Radikalisierung Kurnazs in Guantanamo höher einzustufen als seine Rechte. Und zum letzten Grund kann man wirklich nichts mehr hinzufügen:
Der Geheimdienst habe außerdem herausfinden wollen, ob Kurnaz als Märtyrer Radikalisierungsprozesse unter Muslimen in Deutschland förderte.
Ausser: “Wir werden ihn jetzt ein wenig länger foltern lassen und schauen, ob sich irgendwer aufregt..
Actually, dazu lässt sich einiges mehr sagen:
Das muss man mal langsam auf der Zunge schmelzen lassen. Da wird jemand, der klar Unschuldig ist, wovon auch alle überzeugt sind, vier Jahre länger gefoltert als “”nötig”"(?) und danach wird er dann wiederum geheimdienstlich als Gefahr eingestuft, weil ihn eben jene geheimdienstliche Aktion radikalisiert haben könnte. Damit wird quasi von dieses Hohlbatzen offen zugegeben, dass der “Kampf gegen den Terror” vermutlich mehr Terroristen erzeugt als er “abschafft”.
Mir fehlt an der Stelle ein eindeutiges Bekenntnis des Ministers und der vielen Beamten, die vom Fall wussten zu Menschenrechten und der Priorität ihrer Verteidigung! Übrigens, das selbe gilt auch für die Parteifreunde von Steinmeier, Fischer und anderen. Sie sollten - bei aller Solidarität, die sie ihren Parteifreunden entgegenbringen wollen - eine rigorose und schnelle Aufklärung verlangen und keine unmoralische oder gar illegitime Tat verharmlosen, bloß um ihre Parteikollegen zu schützen.
Interessant auch, dass unser Otto Schily immer noch behauptet, dass
Die frühere Bundesregierung [] zu keinem Zeitpunkt auch nur andeutungsweise den Versuch gemacht [hat], die Freilassung zu verhindern oder auch nur zu behindern
Komisch, dabei dachte ich, dass Steinmeier implizit zugegeben hat, dass er (u.a.) die Freilassung verhindert hat, dadurch, dass Murat Kurnaz die Einreise verweigert wurde!
Category: Ausland, Inland, Politik, Sicherheit
Tags: Ausland, Deutschland, Folter, Frank-Walter_Steinmeier, guantanamo, Inland, Menschenrechte, Murat_Kurnaz, Otto_Schily, Politik, Sicherheit, USA
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Kommentar von ferramis
Made Sonntag, 28 of Januar , 2007 at 23:30
Daily Show oder Colbert Report sind zwei der Sendungen, die in Deutschland schon lange gebraucht werden könnten. Pispers tritt ja kaum noch mit aktuellem auf und Scheibenwischer haben seit langem auch kaum etwas aussenpolitisches zu bieten. Schade eigentlich. Dies scheint wohl einer der Wege zu sein um die Menschen noch zu erreichen.
Kommentar von Omar Abo-Namous
Made Montag, 29 of Januar , 2007 at 07:47
Es gab ja Gerüchte, nach denen “The daily show” auch in Deutschland zu sehen sein sollte. Aber bisher scheinen sie sich nicht bestätigt zu haben. Ausserdem hat am 15. Januar der gleiche Sender (Comedy Central) seine Arbeit auch in Deutschland aufgenommen, aber leider mit einem soooo schlechten Programm, da weiss ich wirklich nicht, wofür sie Deutsche halten.. Und die zwei besten Sendungen werden Deutschland nicht zugetraut.. Schade.
Kommentar von 2020
Made Montag, 29 of Januar , 2007 at 15:16
Da gab es so manches unter Schröder, was nicht unbedingt harmonisch in die propagierte Antikriegshaltung passte. Zum Beispiel, dass sein VtgMin Struck einen Major degradieren liess, weil dieser sich weigerte, dem illegalen Angriffskrieg auf den Irak logistisch zuzuarbeiten. Das Bundesverwaltungsgreicht hob die Degradierung auf und erklärte, die Befehlsverweigerung des Major Pfaff sei rechtmässig gewesen. Major Pfaff ist heute Oberstleutnant…
Aber was Kurnaz anbetrifft, da habe ich starke Zweifel an dessen ‘rein religiösen Interessen’ in Pakistan. Es sind nicht die frommsten Motive, die zu einer Pilgerreise in’s Mekka der Jihadisten führen.
Kommentar von Omar Abo-Namous
Made Montag, 29 of Januar , 2007 at 18:38
@O.: mal unabhängig davon, was jeder einzelne von uns dem Murat Kurnaz zutraut oder nicht zutraut, das ist ja nicht die Frage. Ich weiss nun nicht, ob man in Pakistan von radikalen Möchtegern-Mördern empfangen wird, aber für mich erscheint eine Wertung seiner Reise dorthin nicht angebracht..
