Dispatches - Undercover Mosque - ein Kommentar
Seit einigen Tagen scheint eine Fernsehausstrahlung in Groß-Britannien für Unmut zu sorgen. Channel 4 hat eine Zeit lang, einen undercover-reporter in britische Moscheen geschickt und dort Predigten und Vorträge aufzeichnen lassen. In der Sendung “Dispatches - Undercover Mosque” wird das Ergebnis vorgestellt.
A Dispatches reporter attends mosques run by organisations whose public faces are presented as moderate and finds preachers condemning integration into British society, condemning democracy and praising the Taliban for killing British soldiers.
Agenda
Die Zusammenfassung ist nicht nur irreführend, da es sich nach vielen Organisationen und Menschen anhört (und somit die Aussagen verallgemeinert werden), aber vor allem auch, da es verheimlicht, weshalb eine solche Untersuchung überhaupt stattgefunden hat. Im Verlauf der Sendung wird dem Zuschauer aber klar, dass sie eine Gruppe von Muslimen besonders hervorheben möchte und so ein Bild zeichnen will, das politisch gefärbt ist.
Auf der einen Seite werden die saudi-arabisch finanzierten Moscheen dargestellt, die durch die Aussagen der Prediger natürlich allesamt gefährlich oder mindestens radikal sind, von denen zwar gesagt wird, dass sie nicht die Mehrheit der Muslime darstellen, aber (und das ist die andere Seite) die keine rationale oder gemässigte Entsprechung in der muslimischen Community finden, ausser der “Sufi Muslim Council” (auch hier).
The Issue at hand
Erst einmal gibt es die Links zu den sechs Teilen der Sendung, wie sie in Youtube aufgetaucht sind:
- Dispatches - Undercover Mosque (1 of 6)
- Dispatches - Undercover Mosque (2 of 6)
- Dispatches - Undercover Mosque (3 of 6)
- Dispatches - Undercover Mosque (4 of 6)
- Dispatches - Undercover Mosque (5 of 6)
- Dispatches - Undercover Mosque (6 of 6)
Ich erkenne zwar an, dass es schwierig ist, aus der Entfernung über jemanden zu urteilen oder auch zu beurteilen, ob eine Aussage aus dem Zusammenhang gerissen ist (wie einige der Aufgezeichneten gesagt haben). Gleichzeitig glaube ich, dass es wichtig ist, das Falsche herauszustellen und dem entgegenzuwirken.
Die Aufnahmen sind teilweise arg komplex zusammengeschnitten und teilweise kann ich mir vorstellen, dass vor oder hinter dem ausgestrahlten Satz ein weiterer war, der die Aussage abschwächt. Deshalb werde ich versuchen, nur Punkte anzusprechen, die mir als eindeutig erscheinen. Das heisst, die Aussage sollte in einem Block zu hören sein oder zumindest derartig aufgebaut, dass eine Verdrehung der Worte nicht einfach erscheint. Gleichzeitig werde ich all die Aussagen aussen vor lassen, die nicht im Original zu hören sind, sondern nur in der Übersetzung.
Folgende Antworten kann man sich von einigen der Betroffenen - vor allem Abu Usamah - anschauen (ich komm später darauf zu sprechen):
- Abu Usamah (1 of 4)
- Abu Usamah (2 of 4)
- Abu Usamah (3 of 4)
- Abu Usamah (4 of 4)
- Yasir Qadhi
- Bilal Philips
“Ungläubige”
Zum Thema Nichtmuslime gibt es einige Punkte, die in den Videos angesprochen werden. Ich werde an dieser Stelle nur Abu Usamah zitieren, der bspw. sagte1
“I don’t believe them, because they are kuffar and lying is part of their religion.”
Vom offensichtlichen Fehler, dass eben nicht alle Nichtmuslime einer einzigen Religion angehören und dementsprechend lügen unmöglich zu “ihrer Religion” gehören kann, muss man sich fragen, wo Abu Usamah die Grenze der Glaubwürdigkeit zieht und ob er nicht (als Konvertit) Nichtmuslime kennt, die eben nicht lügen. Aber selbst wenn er nur schlechte Erfahrungen gemacht haben soll, was bringt ihn dazu, das auf alle zu übertragen?
Die Sendung zitiert aber weiter folgenden Ausschnitt, der klarmacht, dass die Aussagen des Referenten (komisch und falsch wie sein mögen) offensichtlich nicht gereicht haben, um ihn der Zuschauerschaft in dieser Hinsicht schlecht darzustellen:
Those kuffar, they do whatever they want to do.
» Großer Schnitt «
They are liars. They are terrorists themselves. Liars! They will come before the people and talk and they are lying. You can’t believe them. These are pathological liars.
Während der Zusammenschnitt der Aussagen den Anschein erweckt, dass mit dem zweiten Teil die Allgemeinheit der “kuffar” gemeint ist, glaube ich eher, dass er da über Politiker redet, die das Volk anlügen.
Trotzdem, ein wichtiger Punkt im Bezug auf Nichtmuslime ist die generelle Einstellung ihnen gegenüber. Abu Usamah sagt weiter angeblich in einer online-Sendung2
No one loves the kuffar. Not a single person here from the Muslims loves the kuffar. Whether those kuffar are from the UK or from the US..
In seiner Antwort gesteht Abu Usamah dann aber, dass er Konvertiten selbst sagt, dass es “normal” ist, dass sie ihre Verwandten bspw. lieben.. Später dazu mehr..
Islamischer Staat
Wieder Abu Usamah3:
Muslims shouldn’t be satisfied with living in other than the total Islamic state.
Das Hauptproblem, das ich an der Forderung eines islamischen Staates sehe, besteht darin, dass der islamische Staat als eine Utopie dargestellt wird, die - realistisch gedacht - tatsächlich nie erreicht werden kann. Die Forderungen solcher Leute sind vom historischen islamischen Staat (zu welcher Periode auch immer) genauso weit entfernt wie von der Realität der Moderne. An den Brennpunkten in der Welt, in denen irgendwelche Muslime einen muslimischen Staat ausrufen (zuletzt in Somalien oder davor in Afghanistan) kann man erkennen, dass ein klares Verständnis von der Forderung, die da reiteriert wird, nicht existiert.
Lediglich die öffentlich wirksame Forderung nach Kapitalstrafe und die nach einer Einmann-Regierung - dem Khalifa sind fast durchgängig zu hören. Tatsächlich glaube ich kaum, dass sich einer dieser Leute mehr als zwei Minuten lang Gedanken über seine Forderungen gemacht hat, denn sonst würde er schnell erkennen, dass diese Einpersonenherrschaft (auch wenn sie von der Diktatur durch Details getrennt sein sollte) ein Problem hat: Würde sich die Gesamtheit der “islamischen” Gruppierungen auf einen solchen “Khalifa” einigen können? Wohl kaum!
Beleidigungen und Meinungsfreiheit
Was du nicht willst, dass man dir tut, das füg auch keinem anderen zu.
Mehr sollte man einem nicht sagen müssen, der es schick findet, andere Menschen zu beleidigen. Leider begeben sich auch viele Muslime auf eine Ebene des Diskurses, die anekelt.
If i were to call homosexuals ‘perverted, dirty, filthy dogs that should be murdered’ that’s my freedom of speech isn’t it?
Die Referenzierung der Meinungsfreiheit an dieser Stelle kann schlimmer nicht sein. Viele Muslime haben sich vor einem Jahr beschwert, dass die Meinungsfreiheit Einzelner in Dänemark dahingehend interpretiert wurden, dass sie Muslime im Allgemeinen beleidigen könnten. Ich glaube selbst immer noch nicht, dass das Sinn der Meinungsfreiheit ist, allerdings ist fraglich, ob sich Muslime durch den Vergleich darauf beziehen können. Eher sollte man ein Ideal finden (meines ist der respektvolle Umgang) und sich daran halten, auch wenn die “Gegenseite” das nicht tut.
Weiterhin findet natürlich die Aufforderung zum Mord unter dem Deckmantel der Meinungsfreiheit keinen Platz.
Politik in der Predigt
Vorweg: Ich habe grundsätzlich nichts dagegen, wenn in der Freitagspredigt oder in Vorträgen in der Moscheen politische Themen angesprochen werden. Ganz im Gegenteil bin ich sogar dafür, dass Muslime auch in der Moschee für gesellschaftliche und politische Fragestellungen sensibilisiert werden. Auch ist nichts dagegen einzuwenden, wenn der Referent seine aus dem Islam abgeleitete Meinung zum Guten gibt. Er muss m.E. nur auf zwei Punkte achten:
- Die Qualität seines Beitrags muss seinem Status und Auftritt genügen.
- In der Freitagspredigt sollte nichts zu umstrittenes besprochen werden.
Es ist selbstverständlich, dass sich ein Referent vom Stammtischgeplänkel (oder sei es das Wasserpfeifen-Geplänkel) deutlich abheben muss. Letztlich müssen die Leute nicht nur interessiert zuhören, sondern es müsste Aufgabe des Moscheevorstands sein, dafür zu sorgen, dass die Zuhörer etwas wertvolles aus der Predigt bzw. aus dem Vortrag mitnehmen können. Politische Bildung, Rechte und Pflichten des Einzelnen könnten einen Platz vor allem in weiterführenden Vorträgen finden.
Was die Ablehnung von Strittigkeiten in der Freitagspredigt angeht, so bin ich dieser Meinung, da im Allgemeinen der Prediger während der Freitagspredigt nicht unterbrochen werden sollte. Dafür muss er sich aber im Rahmen dessen bewegen, was die Zuhörer als akzeptabel halten oder was er klar belegen kann, denn sie haben nicht die Chance, ihm zu widersprechen. Alternativ kann er explizit erwähnen, dass es seine persönliche Meinung ist (die aber nicht in die Freitagspredigt gehört!).
Genau das würde ich auch dem Prediger Khalid Yassin empfehlen, der behauptet4
No! Missionaries from the world health organisation and christian
went into Africa and innoculated people for <...>, malaria, yellow fever and they put in the medicine the AIDS virus Schnitt which is a conspiracy!
Vom tatsächlichen Wahrheitsgehalt dieser Aussage mal abgesehen: Als jemand, der mir meine Religion beibringen soll, würde ich von ihm verlangen, mir Beweise dafür zu liefern und ansonsten (solange das nur UFO-Entführungen entspricht) zu sagen, dass es seine persönliche Meinung ist, für die er keine Beweise außer einem Gefühl im Magen liefern kann! Zumindest war das scheinbar keine Freitagspredigt!
Wir hatten einen ähnlichen Fall hier in Hannover, wo ein Prediger in der Freitagspredigt die altbekannten Zweifel an der offiziellen Version der Ermordung John F. Kennedys geäussert hatte. Es war kein wirklich wichtiger Punkt in seiner Predigt, aber ich habe ihn hinterher gefragt, warum er so etwas sagt, wo er doch weiß, dass ihm keiner auf Augenhöhe widersprechen kann und er sich keinesfalls sicher sein kann von seiner Vorstellung der Ereignisse. Eine befriedigende Antwort habe ich nie bekommen.
Reaktionen
Zunächst einmal fand ich persönlich die Antwort von Abu Usamah nicht befriedigend. Während die Dokumentation tatsächlich sehr viele komische Schnitte enthält, die auf eine Agenda des Produzenten hinweisen, gibt es immer noch einige Aussagen, die - da sie als Block gesagt wurden - so nicht abweisbar sind.
Um einiges besser fällt in meinen Augen die Antwort von Yasir Qadhi aus, der ein wenig rationaler und schlüssiger ausfällt. Er richtet sich mit der Antwort vor allem an Muslime und ruft zu Geschlossenheit auf. Soweit so gut, auch ich bin gänzlich gegen die einzelne Benennung einzelner Fraktionen im Islam. Vor allem wüsste ich auf die Schnelle nicht, welcher dieser zahlreichen Gruppen ich mich zugehörig fühlen würde..
Allerdings glaube ich, dass Geschlossenheit nicht bedeuten kann, dass man Fehler ignoriert. Ganz im Gegenteil. Der Prophet (sas) soll gesagt haben (ungefähre Übersetzung)
Allahs Gesandter hat gesagt: “Hilf deinem Bruder5, wenn er Unrecht tut oder wenn ihm Unrecht getan wird.” (Die Gefährten) fragten: “Wir helfen ihm, wenn [ihm] Unrecht getan wird, aber wie sollen wir ihm helfen, wenn er Unrecht tut?” Er antwortete: “Haltet seine Hand zurück (und hindert ihn so, Unrecht zu tun).” - Anas; Buchari
Damit ist meines Erachtens alles gesagt. Während Muslime klar machen sollten, wo ihnen oder den Predigern Unrecht geschieht, sollte es sie gleichzeitig nicht davon abhalten, Fehler von Muslimen klar zu benennen und diese versuchen zu korrigieren.
In der Antwort ist aber eine bemerkenswerte Stelle zu finden, die ich ähnlich woanders gehört hatte6:
Sometimes brothers and sisters, i myself am standing in a lecture audience, there are a hundred people in front of me - i’m not conscious of every word that i say. I’m not thinking of the reprecussions / the ramifications of every specific sentence. And i say something that later on i think that - subhanallah - you know, i shouldn’t phrased that that way.
Während das natürlich klar ist, dass ein script-loser Vortrag schwer auf die kleinsten Bestandteile gespalten werden kann, ohne den Inhalt des Vortrags zu zerstören, sollte aber meines Erachtens ein höherer Standard bei Predigten und religiösen Vorträgen eingehalten werden. Wer diesen nicht einhalten kann, sollte seine Predigt schriftlich festhalten - durchaus auf Kosten der Interaktion mit den Zuhöhern.
Treat
Für diejenigen, die so weit meine Ausführungen ausgehalten haben, gibt es hier noch eine Wiedergutmachung, die aber auch durchaus als Antwort gelten könnte:
Comments
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By Kathrin, 24. Januar 2007 @ 13:21
Salam Omar, dein Kommentar zum “islamischen Staat” trifft den Nagel auf den Kopf. Genau das ist ist das Problem sogenannter “Islamisten”(in Ermangelung eines besseren Oberbegriffs), egal ob sie nun friedlich oder gewaltbereit sind: der “islamische Staat” ist eine riesige Seifenblase.
Das Abschlussvideo spricht ja die Stereotype an, die von den Medien und der Politik über Muslime geschaffen werden. Das Problem dabei ist aber, dass die Muslime als Objektdieser Stereotypisierung selber nur noch innerhalb dieser Stereotypen handeln und denken. Die Reaktion z.B. auf das Bild des “gewaltbereiten Muslims, der seine Religion ernst nimmt” ist dann entweder dem Gegenüber zu beweisen wie friedlich man ist oder, wenn man trotzig ist, diesem Alptraum auch noch zu entsprechen.
So kommt man aber aus der Nummer nicht mehr raus, die Muslime sind schon so lange in diesem Reaktionsmodus, dass ich das Gefühl habe, wir haben uns schon daran gewöhnt. Wir müssen aber aufhören immer einfach nur zu reagieren…
P.S.: An deiner Kommentierfunktion ist was nicht in Ordnung. Man sieht nur die Hälfte des geschriebenen Textes.
By Omar Abo-Namous, 24. Januar 2007 @ 22:35
@Kathrin: Salam. Ich kann nur sagen “Genau!” Ich werde immer wieder darüber verwundert, wie gut wir eigentlich dem Stereotyp entsprechen können! Fast schon unheimlich..
Ein klares Denken ist dabei nicht mehr möglich..
Das Kommentarfeld ist wieder so gross, dass man seinen eingegebenen Text sehen kann..