Bayerische Taliban
Dienstag, 16. Januar 2007, 21:12
Das bayerische Verfassungsgericht hat bekanntlich bestätigt, dass das Kopftuchverbot in Bayern verfassungskonform ist.
Konkret ging es um die Regelung, nach der äußere Symbole und Kleidungsstücke, die eine religiöse oder weltanschauliche Überzeugung ausdrücken, von Lehrkräften im Unterricht nicht getragen werden dürfen. Dies gilt, „sofern die Symbole oder Kleidungsstücke bei Schülern oder Eltern auch als Ausdruck einer Haltung verstanden werden können, die mit den verfassungsrechtlichen Grundwerten und Bildungszielen der Verfassung einschließlich der christlich-abendländischen Bildungs- und Kulturwerte nicht vereinbar sind“.
Merkt man was? “Sofern die Symbole oder Kleidungsstücke bei Schülern oder Eltern auch als Ausdruck einer Haltung verstanden werden können, die mit den [Grundwerten der Verfassung und weiterem Blah] nicht vereinbar sind.” Es geht hier nicht darum, dass sich Schüler oder Eltern tatsächlich beschweren, denn es wird nicht gesagt “sofern die Symbole oder Kleidungsstücke bei Schülern oder Eltern als Ausdruck [..] verstanden werden”, sondern nur dass sie so verstanden werden könnten. Das umschliesst praktisch alle Symbole/Kleidungsstücke und gibt der Regierung, die letztendlich das konkrete Verbot aussprechen wird Handlungsspielraum und gleichzeitiger Rückhalt durch die Bezugnahme zu “Schüler oder Lehrer”. Diese werden nur vorgeschoben, um einen tatsächlich von oben verordneten Kleidungszwang durchzusetzen.
Dass nämlich auch ein christliches Zeichen von “Schüler oder Eltern” als verfassungsfeindlich gesehen werden kann, ist jedem klar. Aber man gibt demjenigen nicht die Chance, sich zu beschweren, denn die Deutungshoheit behält sich ja die Regierung vor.
Um der bayerischen Regierung nicht zu viel vorzuwerfen, habe ich mir das Gesetz angeschaut und in der Vorschlagsform1 steht tatsächlich dieser Satz drin:
Äußere Symbole und Kleidungsstücke, die eine religiöse oder weltanschauliche Überzeugung ausdrücken, dürfen von Lehrkräften im Unterricht nicht getragen werden, sofern die Symbole oder Kleidungsstücke bei den Schülerinnen und Schülern oder den Eltern auch als Ausdruck einer Haltung verstanden werden können, die mit den verfassungsrechtlichen Grundwerten und Bildungszielen der Verfassung einschließlich den christlich-abendländischen Bildungs- und Kulturwerten nicht vereinbar ist.
Ich weiß nicht, was bei diesem Gesetz schlimmer ist. Die Diskriminierung und Bevorzugung einer Religionsgruppe oder eher die Bevormundung der Schüler und Eltern durch die Landesregierung..
Ach und natürlich eröffnet das Gesetz den Hetzern in Bayern wieder eine Arena, in der sie ihre Sprüche loswerden können. Wolfgang Bosbach bitte ans Mikrofon:
“Ein islamisches Kopftuch ist die bewusste zivilisatorische Abgrenzung zur westlichen Wertegemeinschaft.”
Da interessieren etwaige Studien, Erfahrungen und rationale Gründe nichts mehr. Die demagogische Linie steht fest. Nun muss die Front der “westlichen Wertegemeinschaft” verteidigt werden..
- ich gehe stark davon aus, dass der Einparteienbeherrschte bayerische Landtag den “Vorschlag” mit “großer Mehrheit” angenommen hat [↩]
Category: Inland, Islam, Politik
Tags: bayern, CSU, diskriminierung, Gesetz, Inland, Islam, kopftuch, Politik, Taliban, Wolfgang_Bosbach
- Add this post to
- Del.icio.us -
- Meneame -
- Digg
Kommentar von Melantrys
Made Dienstag, 16 of Januar , 2007 at 22:07
Mal davon abgesehen, daß in vielen der Fälle, in denen “ein islamisches Kopftuch [tatsächlich](…) die bewusste zivilisatorische Abgrenzung zur westlichen Wertegemeinschaft” ist, dieses daran liegt, daß die westliche Wertegemeinschaft einen nicht sonderlich offenherzig empfangen hat…
… stören mich christlich-abendländisches Kind seltsamwerweise Nonnentracht, Kreuze an Schulwänden und erzwungenes Sich-Bekreuzigen (jaja, meine harte Grundschulzeit als Protestant schon wieder…) um einiges mehr als muslimische Frauen, die gerne ein Kopftuch tragen möchten (außer sie werden gezwungen, aber das ist ja hier nur das Thema, das als Mittel zum (Argumentations-) Zweck benutzt wird).
Ich verstehe allerdings die gesamte Diskussion nicht. Christlich-abendländische Traditionen hin, Angst vor zuviel “Multi-Kulti” her, ich bin einfach fest davon überzeugt, daß Kinder nur gewinnen können, wenn sie so früh wie möglich damit vertraut gemacht werden, daß andere Kulturen nichts sind, wovon man sich besser fernhalten sollte. Und eine muslimische Grundschullehrerin mit Kopftuch, die vielleicht auch mal anspricht, warum sie sich so kleidet, kann doch nur den Horizont der Kinder erweitern. Oder sitzt die Angst vor möglicher Bekehrung der armen, hilflosen Kinder so tief? Das wäre ein Armutszeugnis in vielerlei Hinsicht.
Kommentar von Laoukili Mimoun
Made Mittwoch, 17 of Januar , 2007 at 01:05
Angesichts der Tatsache das der Papst nun eine Bayuware ist, könnte dies ein zusätzlicher Ansporn gewesen sein. Das wäre ja schlieslich nicht tragbar, könnte ein Stoiber bei seiner letzter rede sagen, jetzt wo der Papst ein Bayer ist, Schlieslich unterscheidet sich der Islam von Christentum dadurch… bla bla bla…. das ich “Edmund Stoiber” kein kopftuch trage oder nicht.
Was fürn Schmarn
Kommentar von Kathrin
Made Mittwoch, 17 of Januar , 2007 at 02:22
Ich glaube der Streit wird noch lange so weitergehen. Ich kenne so viele selbst- und karrierebewusste Studentinnen mit Kopftuch in allen Fachbereichen (auch sehr viele Lehramtsstudentinnen). Die werden nach ihrem Abschluss bestimmt nicht alle das Kopftuch ablegen oder hinter den Herd verschwinden. Und wenn es dann in den anderen Berufssparten normal geworden ist, kann man es den Lehrerinnen auch nicht mehr verwehren. Bin heute sehr optimistisch.
Kommentar von Kathi
Made Samstag, 27 of Januar , 2007 at 14:25
Da eröffnet sich doch die Frage, wie der Bayern mit einem “christlichen (orthodoxen oder einfach katholischen) Kopftuch” umgehen will - das könnte dann ja auch missverstanden werden. Oder gar mit einer Lehrerin, die sich erfrecht und in Hosen zur Schule kommt…oder mit einem Lehrer, der ein Kopftuch trägt ;-)…Das dürfte den christlich-abendländisch Bildungs-und Kulturwerten (oder besser: dem, was die bayrische Regierung darunter versteht)doch wohl auch arg entgegen stehen…
Kommentar von Omar Abo-Namous
Made Sonntag, 28 of Januar , 2007 at 14:44
@Kathi: Ich weiss zwar nicht, was du mit der Hose meinst (gehen die Lehrerinnen dort immer in Rock zur Schule?), aber dieses Problem wird sich der Landesregierung kaum stellen, denn es geht eben nicht darum, dass sich etwa die Eltern oder die Schüler beschweren, sondern es geht rein darum, wie die Regierung selbst den Fall sieht. Wenn sie der Meinung sind, eine Hose sei verfassungsfeindlich, dann ist sie es halt..
