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Konsum und Magie - Warum Rechner nie sicher sein werden!

Dienstag, 16. Januar 2007, 08:13

Ich habe eben gerade etwa 3 Tonnen Wäsche gewaschen. Naja, ich hab die Wäsche machen lassen.. eigentlich habe ich sie nur in zwei Haufen geteilt, und nacheinander in die Waschmaschine und dann in den Trockner gestopft, ein paar Bedieneinheiten bedient und sie später wieder rausgeholt. Aber genau das ist doch das Beängstigende: Könnte ich auch die Wäsche waschen ohne automatische Waschmaschine und Trockner??

Nun gut, die Wäsche waschen, wird wahrscheinlich gerade noch gehen. Schließlich gehört dazu lediglich ein wenig Seife, warmes Wasser und sehr viel Arbeit. Es kann also nur an der eigenen Faulheit scheitern. Aber was ist mit anderen technischen Einrichtungen, die wir täglich benutzen?

Im Vorwort zum genialen Buch “Die Gelehrten der Scheibenwelt” führt Terry Pratchett folgende Zitate zusammen:

Jede hinreichend entwickelte Technik unterscheidet sich nicht mehr von Magie. Arthur C. Clarke

Jede Technik, die sich von Magie unterscheidet, ist nicht hinreichend entwickelt. Gregory Benford

Die Wahrheit ist deshalb soviel seltsamer als Fiktion, weil sie nicht konsistent sein muß. Mark Twain

Es gibt nirgends Schildkröten. Ponder Stibbons

Ich möchte mich nur auf die ersten zwei Zitate beziehen1.

Wieviel von dieser Welt für den Einzelnen von uns wie Magie erscheint, hängt sehr stark von der Bildung und zu einem nicht zu unterschätzenden Teil von persönlichem Engagement ab. Zweck der Bildung müsste also sein, die Magie hinter den Dingen, die uns begegnen und mit denen wir tagtäglich arbeiten müssen (weil sie eben zum modernen Leben dazugehören) zu entschleiern und damit die Mittel an die Hand zu geben, weitere Magie zu erfinden.

Schaut man sich aber die Allgemeinheit an, wird schnell klar: Wir kommen nicht mehr hinterher! Aus der Schule ins Leben entlassene Schüler wissen heute im Allgemeinen immer noch nicht viel über Computer - die sie bereits mit 8 ausgiebig benutzen. Sie wissen, wie sie Applikationen installieren, wie sie sie ausführen und natürlich fällt die Bedienung von Maus und Tastatur fast schon intuituv - fast, wenn man sich die Einfinger-Tipper anschaut. Aber was ist mit dem tieferen Einblick?? Kümmert sich heute noch jemand darum, Treiber auszuprobieren und möglicherweise herauszufinden, warum ein bestimmter Treiber nicht funktioniert, während der andere funktioniert? Schaut sich jemand die Prozessliste an und weiß, was ihn da aus dem Monitor angrinst? Wie viele kennen sich mit dem Innenleben ihres Rechners aus oder wissen zumindest zwischen Grafikkarte und Netzwerkkarte zu unterscheiden oder können die Batterie des Mainboards identifizieren?

Unwissen

Bei den meisten Rechnern, die ich zur Wartung2 von Bekannten bekomme, schaue ich mir spaßeshalber zuerst die Prozessliste an, nur um festzustellen, dass sie bei Neustart des Rechners aus mehr als 50(!) Prozessen besteht. Wenn ich den Besitzer frage, ob er wisse, was da eigentlich alles läuft, wird fast immer verneint. Unter den ausgeführten Prozessen mischen sich immer wieder mal - wie könnte es anders sein - Malware (und nicht zuletzt auch Viren), die irgendwo im Internet aufgegriffen wurde.

Zwar laufen inzwischen auf fast allen Computern irgendwelche Anti-Virus- und Firewall-Applikationen, aber es hat sich in meinen Augen gezeigt, dass sie die Einschleusung von Malware nicht verhindern können, da der Fehler durch willentliches Ausführen von Applikationen entsteht. Viren können meist - wenn sie denn entdeckt werden - trotzdem gestoppt werden, aber das hindert keine Applikation daran, ein “format c” oder ein “del *.*” auszuführen - oder eben Daten zu verändern und damit kaputtzumachen.

In einer technisierten Welt ist jedes Individuum Magier und trotzdem gibt es für jeden eine Menge Magie, die er nicht versteht!

Omar Abo-Namous

Solange der Benutzer keine Ahnung von den Konsequenzen seiner Bedienung hat, wird die beste Antivirensoftware und das beste Betriebssystem eine Fehlbedienung nicht ausschliessen oder einen derartig verursachten Fehler abfangen können.

Auf diese Ebene beschränkt sich aber das Unwissen keineswegs. Schaut man sich Programmierer an, so merkt man auch schnell, dass der Trend zum “Weniger-Wissen(C)” immer mehr Einzug hält. Letztens habe ich mit einem (studierten) Java-Programmierer diskutiert und ich hatte bemängelt, dass Java-Applikationen durch die große Interpretations- und Ausführungsschicht sehr langsam liefen. Er gab das zwar zu, sagte aber, er finde Java trotzdem ideal, da er sich als Programmierer nicht mehr um die Unterschiede zwischen den verschiedenen Betriebssystemen kümmern müsste. Das ist zwar richtig und im Einzelfall muss man immer abwägen, was für einen wichtiger ist, aber allein eine solche Einstellung eines Programmierers fand ich komisch!

Inzwischen ist nämlich eine Programmierung mit C++ auch plattformunabhängig möglich, nur dass man dann darauf achten muss, spezielle Bibliotheken zu benutzen, die für die verschiedenen Plattformen existieren. Damit gibt man sich aber die Freiheit, im Zweifelsfall eine Bibliothek neu zu schreiben, um sie an die eigenen Bedürfnisse (eben weniger allgemein, dafür aber etwas schneller) anzupassen. Und was sollte so schlimm daran sein, das eigene Programm in verschiedenen Programmiersprachen für verschiedene Plattformen zu schreiben? Auch wenn das länger dauert, es ist in den meisten Fällen leistungsfähiger.

Training

Wir werden tatsächlich darauf trainiert, das Einfachste zu verwenden und uns so wenig wie möglich dafür zu interessieren, wie das Regelwerk dahinter funktioniert. Das ist nicht zuletzt dem populärsten Betriebssystem derzeit Windows, aber auch solchen Gadgets wie iPod oder Handy zu verdanken. Einfachheit ist - verständlicherweise - besser; das fordert schließlich der Kunde. Der Kunde, der sich die Finger nicht dreckig machen möchte und der sich auch zunehmend keinen Kopf darum machen möchte, wie er eigentlich von einem Tag zum nächsten, geschweige denn von einem Ort zum nächsten. Einsteigen und Abfahren!

“Einfache Bedienung” ist das große Stichwort bei der Erstellung von Applikationen und ein Entscheidungsmerkmal ohne gleichen. Dass wir uns damit aber als Konsumenten selbst in den Fuß schießen, wird uns nur bewusst, wenn wir mal frustriert vor einer Applikation sitzen, die nicht “machen will, was wir wollen”. Das ist das traurige Ergebnis der Wissensgesellschaft - und der Grund, weshalb die technischen Fortschritte nicht nützliche Tools sind, sondern zu Lebenserhaltungssystemen mutieren.

Wissensgesellschaft?

Wir können den Fortschritt nicht aufhalten und wir können auch nicht jeder alles Wissen sammeln - soviel ist klar. Aber ich frage mich langsam, ob wir uns überhaupt noch als “Wissensgesellschaft” bezeichnen können? Denn darin müsste das Streben nach Wissen höchste Priorität sein. Tatsache ist aber, dass es zwar sehr viel Wissen gibt, dieses aber zum größten Teil brach liegt, da es nicht genügend Menschen gibt, die es anwenden können oder wollen. Und das Streben nach Wissen wird bereits in der Schule - die zu einem Sozialisierungsinstrument verwest - auf eine sehr niedrige Prioritätsstufe gesetzt.

Unser Unwissen beschränkt sich natürlich nicht allein auf den Umgang mit Rechnern. Auf Anhieb wüsste ich persönlich nicht, wie ich Kakao-Pulver herstellen könnte!

Übrigens: Bei mir selbst läuft seit etwa fünf Jahren weder ein Antivirus-, noch eine Firewall-Software3. Wenn ich den Rechner frisch gestartet habe, laufen etwas mehr als 20 Prozesse, die meisten davon Systemprozesse. Der Rechner ist die meiste Zeit direkt (also nicht über einen Router) mit dem Internet verbunden - und zwar 24 Stunden am Tag und sieben Tage die Woche. In diesen fünf Jahren hat sich mein Rechner nur zwei Mal an einem Virus infiziert. Großartige Hackvorkommen kann ich nicht verzeichnen. Versuche kann es durchaus gegeben haben, aber von Erfolg gekrönt waren sie nicht. Soviel zur Theorie, dass jeder Rechner innerhalb von Minuten nach direktem Zugang zum Internet gehackt wird..

Es gibt nirgends Schildkröten. Ponder Stibbons


  1. vor allem, da das letzte Zitat nur Leuten verständlich wird, die die Scheibenwelt kennen []
  2. “ich hab’ nichts gemacht, plötzlich hat er nicht mehr funktioniert!” []
  3. die mit windowsxp mitgelieferte Firewall läuft auch nur zeitweise []
8 Kommentare

Kommentar von Aya

Made Dienstag, 16 of Januar , 2007 at 08:56

Kritisches Hinterfragen von Sachverhalten scheint langsam (mal wieder) out zu werden. Viele Kinder (unsere Zukunft) haben leider kein Interesse an den negativen Seiten der Technik (Internet, ect), sondern wollen einfach damit “Spaß haben” - alles andere wäre ja auch zu anstrengend. Klar gibt es Ausnahmen, die sich Mühe geben die Bevölkerung über beispielsweise die Nachteile von elektronischen Wahlmaschinen aufzuklären - doch die Menge der Leute die zuhören ist meist gering. Was die Menschen offensichtlich wollen: gehirnlose und Schlagzeilen-mäßige Unterhaltung (siehe BILD, tz und Konsorten).

Ich bin gespannt wo wir in 10 Jahren stehen.

Kommentar von Melantrys

Made Dienstag, 16 of Januar , 2007 at 13:50

Schickes Zitat von dir….

Apropos Zitate….. ;) Hast du dich da verschrieben, oder haben sie an die wissenschaftlichen Ablegerbücher etwa auch den Brandhorst oder ‘nen vergleichbaren Deppen herangelassen, damit sie schön verfälscht werden…?

“There are no turtles anywhere” ergibt bei mir nämlich den grammatikalisch korrekten Satz “Es gibt nirgendwo Schildkröten.”

Pingback von Too Much Cookies Network » Herausforderung an die Wissensgesellschaft

Made Dienstag, 16 of Januar , 2007 at 13:58

[...] Es ist keine fünf Stunden, da sass ich am Artikel “Konsum und Magie - Warum Rechner nie sicher sein werden!” in dem es um die Wissensgesellschaft ging und ob wir uns überhaupt noch als solche bezeichnen können. Zufällig höre ich dann im Deutschlandfunk folgenden Beitrag: Mehr Wissen, mehr Handlungsfreiheit? [...]

Kommentar von Omar Abo-Namous

Made Dienstag, 16 of Januar , 2007 at 14:06

@Aya: Es geht ja nicht nur um die negativen Seiten. Beispiel Webdesign: solange es Tools gibt, mit denen relativ einfach im wysiwyg-Verfahren html-Seiten erstellen lassen, kümmert sich die absolute Mehrheit nicht darum, dass der ausgegebene Quelltext weder grössenoptimiert noch für Suchmaschinen und Maschinen im Allgemeinen leserlich ist.. Und wenn man solchen Leuten einmal vorführt, wie es ist eine recht komplexe Webseite mit einfachen semantischen Elementen zu gestalten, dann sind sie baff, sind sich aber zu schade, selber in einem einfachen Editor html-quelltext zu schreiben - dann lieber doch noch frontpage oder dreamweaver bemühen..

@Melantrys: Das Zitat habe ich richtig abgeschrieben. Leider habe ich gerade von diesem Buch nicht das englische Original. Aber ich bin auch im Dunkeln, was der grammatikalische Unterschied zwischen “nirgendwo” und “nirgends” sein soll.

Kommentar von Melantrys

Made Dienstag, 16 of Januar , 2007 at 20:49

Ja, dann schreib das “s” von “nirgends” doch auch mit! :P

Kommentar von Omar Abo-Namous

Made Dienstag, 16 of Januar , 2007 at 21:19

oops, hatte ich nicht gemerkt. Danke und ist geändert. *verkriech*

Kommentar von Melantrys

Made Dienstag, 16 of Januar , 2007 at 21:44

*großmütig verzeih*

Kommentar von Kathi

Made Dienstag, 23 of Januar , 2007 at 21:44

Schöner Artikel, dem ich gerne zustimme…allerdings auf einer
sehr viel niedrigeren Ebene. Ich kann Leute gut verstehen, die
nicht verstehen, was da in dieser Wunderkiste PC/Mac vor sich
geht - ich bin so jemand.
Was mich sehr viel mehr beunruhigt (ich bin heute auf der Arbeit
darüber gestoßen), ist, dass ich noch nicht einmal weiß, wie
eine Uhr funktioniert, egal welche! Und es gibt da wohl noch so
eine ganze Stange von “zivilisatorischen Errungenschaften” -
durch die man sich ja immer mal ganz gern von “Entwicklungs-”
und ähnlichen Ländern unterscheidet - die, ganz alltäglich und
banal sind, von deren Funktionsweise man gar nichts weiß.

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