5. Carnival of German-American Relations
Montag, 11. Dezember 2006, 16:00
Nun ist es wieder soweit. Der Deutsch-Amerikanische Blogkarneval wird zum fünften Mal ausgetragen. Ich habe die Ehre, den deutschen Teil der Gastwirtschaft für den diesjährig letzten Karneval zu übernehmen. Der englische Teil ist bereits seit einigen Stunden bei George Mann Roper aufrufbar.
Es hat mich erstaunt, dass fast kein Beitrag Bezug nimmt zu den midterm-Wahlen in den USA. Dafür war die Themenauswahl sehr reichhaltig und breitgefächert. Ich habe versucht die Beiträge ungefähr thematisch zu sortieren, sodass der eilige Leser schneller querlesen kann.
Wirtschaft
In The German-American Economic Collapse vertritt “Assistant Village Idiot” die Meinung, dass Differenzen zwischen europäischem und amerikanischem Wirtschaftsmanagement und dem Verständnis von Sozialversicherung nicht so groß ist, wie allgemein dargestellt. Amerikaner wie auch Europäer sollten allerdings lernen, Lebensqualitäten, die sie inzwischen als verdient ansehen, aufzugeben, bevor sie daran untergehen. Auf der anderen Seite will er im Artikel nichts Spezifisches darüber sagen, was man genau bereit sein sollte, aufzugeben. Vielleicht Er schlußfolgert u.a., dass wir möglicherweise nicht am Wohlbefinden unserer Enkel interessiert sind. Aber vielleicht können wir mit keiner relevanten Genauigkeit wissen, wie sich unsere Aktionen (was auch immer wir tun) auswirken werden..
Auf der Gegenseite präsentiert Hermann in “Are you riding the Wohlstandswelle yet?” eine reale Möglichkeit für Deutschland, einen erneuten wirtschaftlichen Höhenflug zu durchleben, wenn Deutsche wieder mehr konsummieren würden. Auf der anderen Seite schert sich gerade die deutsche Industrie reichlich wenig um den Einzel- oder Binnenhandel und setzt viel mehr auf den Export, womit die Bedeutung des nationalen Konsums wieder relativiert wird.. Auf jeden Fall ein interessanter Kommentar.
Gänzlich positiv präsentiert sich die deutsche Wirtschaft im Artikel “Success from a European Perspective – Part 2“. Er benutzt BMW als Vorzeigebeispiel deutscher Tugenden, womit möglicherweise eine der besten Seiten Deutschlands gezeigt wird. Ein kleines Zitat:
Let me start by talking about Germany. This is the country of efficiency, precision and great engineering. Everything here seems to work the way it is supposed to, and you can tell how well things are planned and thought out just by being here for a few days.1
Im Artikel bildet Deutschland einen diametralen Gegensatz zu Spanien, womit geklärt ist, warum ihm die angebliche Disziplin so wichtig war..
Internationale Politik
Dass es in einer globalisierten Welt - und nach dem Fall der Berliner Mauer - immer mehr Mauern gibt2, beschäftigt Hermann weiterhin. When’s the next wall coming down? erzählt von virtuellen Mauern, die nach und nach und mit zunehmender Vernetzung der Weltgemeinde zerfallen. Erst wenn wir wirklich bereit sind, werden auch die realen Mauern wieder zu fallen anfangen..
Der anhaltende Krieg in Afghanistan und die Wiederaufbaubemühungen sind sowohl Kooperations- als auch Konfliktfeld in der deutsch-amerikanischen Politik. Während die USA mindestens unterschwellig fordert, dass Deutschland eine stärkere militärische Rolle spielen soll, glauben nicht wenige Deutsche, dass gerade Deutschlands Bestrebungen in Afghanistan einen Vorbildcharakter für die internationalen Truppen darstellt. Joerg Wolf stellt ein Versagen beider Länder in “Germany and the United States Failed to Train Afghanistan’s Police” vor. Möglicherweise sind die Fehler aber nicht bei der Ausbildung der Polizisten3, sondern eher bei der Handhabung der Machtbestrebungen innerhalb der afghanischen politischen Landschaft zu suchen. In der taz erschien letztens ein Interview mit Hangama Anwari, einer Menschenrechtsaktivisten und Mitglied der afghanischen Menschenrechtskommission! Das könnte als Ergänzung zum bereits ausführlichen Artikel von Wolf dienlich sein.
Shah Alexander argumentiert, dass der transatlantische Diskurs über den Irakkrieg vorüber sei und sich alle NATO-Mitglieder in Riga, Latvia wieder dem Weltpolizei-Dasein zuwenden könnten - dabei aber durch weitere Partnerschaften und Mitglieder die Möglichkeiten der NATO ausweiten sollten. Eine zweite UN sollte die NATO aber nicht werden.. Ich weiß nicht, ob das der beste Schritt für die NATO und/oder für die Welt ist..
Angela Merkel “geniesst” die Aufmerksamkeit sowohl auf internationaler Bühne, als auch im Blogkarneval. In “Merkel’s Geopolitical Menage Trois” wird eines der diplomatischen Probeleme, mit denen die Bundeskanzlerin umgehen muss in der Konsolidierung zwischen nationalen Energieinteressen und europäischen Werten und Kompromissen gesehen. Diese stehen im Verhältnis Deutschlands zu Russland teilweise im Widerspruch4. Polen als historische Leidtragende zwischen Deutschland und Russland wendet sich stärker den USA zu5. Der Autor schlägt vor, dass Deutschland mittels des Wiedereinsatzes von Nuklearenergie seine relative Abhängigkeit von der russischen Energie abbauen sollte - ein Schritt, der wahrscheinlich die große Koalition zu Fall bringen würde. Aber nur dadurch könne Deutschland Polen glaubhaft versichern, dass sie russischem Druck standhalten wird..
Herman sieht in “Lame Ducks” sowohl Angela Merkels große Koalition, als auch die neue demokratische Mehrheit unter Nancy Pelosi in einem Halbschlaf-Zustand verfallen, der weniger darauf ausgerichtet ist, wirkliche Bewegung im Legislativen6 zu erreichen, als viel mehr auf die kommenden Wahlen vorzubereiten. Für beide könnte das verständlicherweise fatal sein.
Geschichte
Journalisten - ordentliche! - braucht die Welt. Nur mit rigoros recherchierenden und mutigen Journalisten kann die Freiheit aufrechterhalten werden! Eine solche Journalistin stellt David Vickrey in “Dorothy Thompson: Fearless Friend of Free Germany” vor, die aus Deutschland vertrieben wurde und die amerikanische Öffentlichkeit über die Geschehnisse in Nazi-Deutschland zu unterrichten versuchte. Die Schwierigkeiten, die sie sowohl beim Aufenthalt, als auch bei der informativen Arbeit erlebt hat, sind beachtenswert. Zufälligerweise lese ich gerade das Buch “Watchdogs of Democracy?” von Helen Thomas, der langjähigen Whitehouse-Korrespondentin - in dem sie gerade auf die Rolle der Medien aufmerksam macht, faschistische Regime zu verhindern. Medien können nicht alles erreichen (zum Guten oder Schlechten) - schliesslich bleibt ein noch so lautes Wort am tauben Ohr unerhört - aber sie können/müssen ihren sehr wichtigen Teil beitragen, damit überhaupt der Populus aufmerksam wird..
Der Weg nach Hause beschreibt einige Schlüsselerlebnisse des Vaters des Autors (mit Bemerkungen des Autors selbt) mit den damaligen Feinden zum Ende des zweiten Weltkriegs. Dass ein “doppelter Feind” (jüdischer Amerikaner) seinen Vater gehen liess, verdankt er überhaupt sein Leben. Er schildert gleichzeitig, mit welchen Bildern von der USA er selbst aufgewachsen ist und wie sich beides zu einem differenzierten Bild vom “Amerikaner” zusammengesetzt hat. Höchst Lesenswert!
Nicht alle haben die Nachkriegserlebnisse genutzt, um sich über ihre eigenen Fehler hinwegzusetzen. Den Volkstrauertag haben Neonazis missbraucht, um sich selbst in Szene zu setzen, wie Herman in “Remembrance of things present” bemerkt. Er beschreibt diese als Geister, aber damit glaube ich, dass er die Bereitschaft zum Rechtsradikalismus in Deutschland unterschätzt..
Gesellschaft
Nach Lesen des Artikels “Army Strong und die germanischen Plätzchen“, in dem Scot W. Stevenson einen Unterschied zwischen dem Wehrdienstsystem Deutschlands und der US-Armee amüsant vorstellt, musste ich rausfahren und die einzige Werbung fürs Militär, die ich in der Umgebung kenne fotografieren. Sie ist rechts zu sehen und bereits seit mindestens drei Jahre gleich geblieben. Nach diesem Plakat würde wahrscheinlich wirklich keiner fragen..
Joerg Wolf vom Atlantic Review kommentiert in “Americans Are the “Friendliest Nation”” einen Artikel in der FAZ. Er kommt zum Schluß, dass mehr Menschen die USA besuchen müssten, dann würde das Bild automatisch besser werden. Dem steht aber diametral entgegen, dass die Einreisebedingungen in die USA immer schwieriger und vor allem unangenehmer werden - vor allem für die angeblich datenschutzverwöhnten Deutschen7.
Die “Islamische Bedrohung”
In “Idomeneo Censorship in Berlin” stellt “der Sänger” die Ereignisse rund um die Idoemeneo-Inszenierung als Aufgabe “westlicher Werte” (zumindest “our beliefs, culture and some of the most beautiful music ever written”). Seiner Meinung ist das der Anfang vom Ende! Dass tatsächlich weder die Karikaturen noch die Oper zensiert oder verboten wurden, wird leider nicht mehr nachkorrigiert. Warum andere Zensierungen (die ich hier angesprochen habe) keine Ängste bei ihm schüren, muss sich der geneigte Leser auch fragen.
The future doesn’t belong to Islam, thank you very much malt ein Bild des Kampfs an die Tafel, der so überhaupt nicht existiert. (Klarstellung) Wer den fiktiven “ernsten Konflikt” zwischen Ureinwohnern Europas und “muslimischen Migranten” gewinnt? “the Muslims won’t have a chance.” Da sowieso nur zwischen diesen und diesen auf der einen Seite und diesem und anderen seinesgleichen (die ich auf die Schnelle nicht finden konnte), ist mir der Ausgang reichlich egal. Was ist aber mit ihm? Warum interessiert er sich für den Ausgang? Leider wirken die Kommentare seiner Besucher nicht gerade mässigend..
Vielleicht wird das ja als Teil des Kampfs gegen den auf den Westen vorrückenden Islam wahrgenommen, sonst kann ich mir die Reaktion einiger Rechtsradikaler auf den ersten muslimischen Abgeordneten in den USA nicht erklären. Schlimmer wiegt die scheinbar verbreitete Bereitschaft, Muslime im Kollektiv einzusperren oder anderweitig zu “bestrafen”.. Meine Gedanken dazu habe ich in Holy Christian and United States of America (HCUSA) zusammengefasst.
Sonstige
Confusing Symbols? beschäftigt sich mit der Entscheidung eines Gerichts in Deutschland, das Negativ-Hakenkreuz zu verbieten. Auch in Deutschland ist die Entscheidung des Gerichts umstritten!
Hey Joe! krtisiert die USA für die höheren Kriminalitätsraten, der Todesstrafe und den geheimen Gefängnissen.
Ich wünsche nun allen Beteiligten und Gästen noch einen guten Rutsch ins neue Jahr, wenn wir uns nicht vorher noch “sehen” sollten und hoffe inbrünstig, dass die eingereichten Beiträge für längere Zeit für Diskussionsstoff sorgen. Weiterhin bedanke ich mich natürlich bei Joerg Wolf, ohne den dieser Blog Karneval wohl entweder nicht existieren oder zumindest nicht fortbestehen würde.
- Für die, die wissen, was gemeint ist: Die BMW-Mitarbeiter werden wohl sagen, dass sie selbst nicht wissen, warum es alles letztendlich funktioniert. Sie haben alle kräftig im Kochtopf gerührt, aber sie könnten schwören, dass die meisten Zutaten noch nicht einmal bestellt wurden. Trotzdem kommen hinten gute Autos raus.. [↩]
- die aber diesmal die Leute draußen statt drinnen halten sollen [↩]
- Deutschland leistet ja einiges mehr, denn es werden alle möglichen Spezialisierungen fortgebildet [↩]
- auch ohne die Möglichkeit zu berücksichtigen, dass der Kreml Dissidenten umbringen lässt, wie sich der Autor ausdrückt [↩]
- also stärker, als es Deutschland bereits tut [↩]
- und dabei gibt es auf beiden Seiten des Atlantik genügend zu tun [↩]
- Naja, vielleicht nicht mehr.. [↩]
Category: Ausland, Inland, Politik, medien
Tags: Afghanistan, Amerikaner, Angela_Merkel, Ausland, bmw, Bundeswehr, Deutschland, Gesellschaft, Hakenkreuz, Idomeneo, Inland, islamismus, Karneval, medien, Polen, Politik, Russland, USA, Wirtschaft, Zweiter_Weltkrieg
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Trackback von Atlantic Review
Made Montag, 11 of Dezember , 2006 at 23:01
Blog Carnival of German-American Relations is Online…
We received twenty submissions for the fifth edition of the German-American Relations blog carnival. Or more accurately: The first edition of the second volume. Yes, the quarterly carnival is now celebrating the first anniversary.The submitted posts co…
Trackback von Carnival of German-American Relations
Made Montag, 11 of Dezember , 2006 at 23:22
Latest Carnival is Online Now…
Welcome to the new edition of the Carnival of German-American Relations. GM’s Corner and the Too Much Cookies Network are presenting twenty
submissions ranging from three different takes on the German economy, to the future
of NATO and to Merkel’s …
Trackback von A Fistful of Euros
Made Dienstag, 12 of Dezember , 2006 at 10:03
German-American Relations…
Given our slightly jaundiced piece on things Anglo-German, it may be just as well that work and other nuisances kept us from joining in, but the good folks at Atlantic Review held a “blog carnival” yesterday on German-American relations. The……
Kommentar von Ralf Goergens
Made Dienstag, 12 of Dezember , 2006 at 20:48
The future doesn’t belong to Islam, thank you very much malt ein Bild des Kampfs an die Tafel, der so überhaupt nicht existiert. Wer den fiktiven “ernsten Konflikt” zwischen Ureinwohnern Europas und “muslimischen Migranten” gewinnt?
Herr Abo-Namous,
da fühle ich mich aber ziemlich mißverstanden. Ich habe schließlich im Konjunktiv von dem Konflikt gesprochen und darauf hingewiesen, dass die Muslime in Deutschlanbd keine monolithische Gruppe sind.
Jetzt zum Kontext dieses Postings: Mir ging dabei eigentlich um Mark Steyn, der unter konservativen Amerikanern ein großes Publikum hat und laut dem die Übernahme Europas durch eine zukünftige muslimische Bevölkerungsmehrheit eigentlich schon fait accompli ist - Henryk Broder stößt übrigens seit neuestem in das selbe Horn. Das kommt leider bei Vielen auf der anderen Seite des Atlantiks ziemlich gut an und dem wollte ich entgegentreten. Ich hatte nicht die Absicht, Muslime anzugreifen oder Islamophobie zu verbreiten.
Kommentar von Omar Abo-Namous
Made Mittwoch, 13 of Dezember , 2006 at 23:04
@Ralf: ich hoffe, wir können uns dutzen. Wenn ich dich missverstanden habe, tut es mir leid. Leider kann ich mir den Text nicht mehr anschauen. Kommt er wieder zurück? Naja, auf jeden Fall hat sich meine Meinung vom Stück nur erhärtet durch die Kommentare darauf.
Kommentar von Ralf Goergens
Made Donnerstag, 14 of Dezember , 2006 at 20:53
Omar,
wir können uns gerne dutzen.
Unsere Website ist gerade im Umbau, deswegen ist der Text gerade nicht erreichbar.
Punkt ist, viele konservative Amerikaner glauben fest daran, dass Europa erledigt und eigentlich schon Teil von Saudi Arabien ist. Der schon erwähnte Mark Steyn hat einfach einen unheilvollen Einfluß: America Alone: The End of the World as We Know It. Dann ist da noch Bat Ye’Or und ihr “Eurabien”". Sie hat zwar weniger Anhänger als Steyn, diese sind aber dafür umso frenetischer. Dagegen ist nur schwer anzukommen, und ich muss zuerst einmal darauf hinweisen, weshalb das Ganze schon aus rein praktischen Gründen nicht möglich ist, bevor ich mich gegen den Irrglauben
an den Kampf der Kulturen zuwende. Ansonsten würde mir keiner mehr zuhören wollen.

