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Sind wir noch zu retten? - Teil 5

Mittwoch, 22. November 2006, 09:16

Heute flattert folgende Pressemitteilung vom Amtsgericht herein:

Sohn soll Mutter wegen Vernachlässigung in der Kindheit geschlagen haben

Das Amtsgericht Hannover verhandelt am Donnerstag, 23.11.2006 um 10.35 Uhr in Saal 2236 gegen einen 30jährigen wegen des Vorwurfs der gefährlichen Körperverletzung. Ihm wird zur Last gelegt, in Hemmingen am 12.07.2006 gegen 23.15 Uhr eine gefährliche Körperverletzung zum Nachteil seiner Mutter begangen zu haben. Er soll nach telefonischen Vorhaltungen gegenüber seiner Mutter über seine angebliche Vernachlässigung während seiner Kindheit die Geschädigte in Begleitung einer 40jährigen Frau aufgesucht haben. Beide sollen sodann die Wohnung auf Aufforderung der Mutter nicht verlassen haben, sondern die Mutter vielmehr auf den Boden gestoßen und mit Händen in das Gesicht geschlagen haben. Der Sohn soll darüber hinaus mit dem beschuhten Fuß gegen den Körper der Mutter getreten haben. Die Mutter habe ein Nasenbeinbruch, eine Gehirnerschütterung sowie multiple Hämatome dabei erlitten.

Jetzt müssen wir nur noch herausfinden, welche Computerspiele dieser Mensch gespielt hat und diese verbieten1..


  1. im Ernst: so einseitig sehe ich die Spiele-Verbots-Geschichte nicht! []
8 Kommentare

Kommentar von Aya

Made Mittwoch, 22 of November , 2006 at 15:03

@Autor: Woe siehst du da bitte den Zusammenhang zu Computerspielen? Davon steht doch kein Wort in der Pressemitteilung o.O …
Ich würd hier mal sagen es geht um eine gestörte Mutter-Sohn Beziehung, nicht um Videospiele und ob sie gewalttätig machen.

Kommentar von Elias

Made Mittwoch, 22 of November , 2006 at 16:59

Zu Aya: Da ist ebensowenig ein Zusammenhang zu Computerspielen wie die angegebenen Motive des Amokläufers von Emsdetten einen Zusammenhang mit Computerspielen aufweisen. Es ist eben nicht so, dass das Verbot so genannter “Killerspiele” barbarische Taten der Gewalt beenden wird, da diese ganz andere, in der Regel recht komplexe Ursachen haben - und zudem vieles von der Gewalt widerspiegeln, die Grundlage der gesamten Gesellschaft und übrigens auch des Systemes staatlicher Zwangsbeschulung ist. Ansonsten ist da so eine Fußnote - Too much cookies ist der einzige Blog, den ich lese, in dem es manchmal Fußnoten gibt… ;-)

Aber um einmal zum eigentlichen Artikel zu kommen: Es fehlt mal wieder jeder Hintergrund, der eine vernünftige Einordnung dieser Tat erst möglich machen würde. Tatsächlich ist es so, dass eine ähnliche Tat von mir hätte begangen werden können. (Ja, ich “oute” mich jetzt auch mal.)

Wieso? Ganz einfach: Ich habe meine Mutter während meines Lebens kaum jemals gesehen. Kurz, nachdem sie mich geboren hatte, gab sie mich zu ihren Eltern, und das waren zwei in Linden stadtbekannte Alkoholiker. Welchen Ballast dadurch meine Seele mit sich trägt, brauche ich hoffentlich nicht weiter zu erklären. Ungefähr mit 20 Jahren suchte ich das Gespräch mit meiner Mutter, und sie erwies sich als herzkalt, uneinsichtig, widerlich - sie hatte sich ein völlig anderes Leben aufgebaut, noch einmal geheiratet, eine reizende (na ja, eher zickige) Tochter geboren und ich kam darin eben nicht mehr vor. Ich war wirklich kurz davor, diese Frau (die nur biologisch meine Mutter ist) einfach totzuschlagen. Ich habe nur selten in meinem Leben einen derartigen Hass empfunden. Und ehrlich gesagt: Dass ich gelegentlich aus anderen Quellen höre, wie sie jetzt seit fast zehn Jahren langsam und unter großen Schmerzen verreckt, freut mich zwar nicht, aber es gibt mir eine gewisse Befriedigung; ein Empfinden, über das ich mich selbst erschrecke, wenn ich etwas wacher bin.

Bin ich nun noch zu retten?

Eine brutale Tat gegen die eigene Mutter hat einen Hintergrund, und das ist wahrscheinlich einer, der einen nicht abgestumpften Menschen zum Weinen reizt. Für diesen Hintergrund interessiert sich die Journallie nicht, über den wirklichen Zustand deutscher Familien deckt schweigt man sowieso - alles was von der Contentindustrie gebracht wird, ist die reißerische Meldung für die schnelle und bewusstlose Konsumption.

Weil ich das immer wieder wahrnehme, verzichte ich ja auch auf diese Medien und pflege es, mich auf direkterem Weg zu informieren.

Kommentar von Melantrys

Made Mittwoch, 22 of November , 2006 at 18:01

Ich denke mal, das war ein sarkastischer Nachsatz, da ja gerade erst ein Amokläufer (mal wieder) dafür gesorgt hat, daß jetzt alle wieder heftigst verlangen, Computerspiele zu verbieten.
(Ich war so froh, als ich in einem ersten längeren Fernsehbericht über den Amoklauf einen befragten Experten sagen hörte, daß Spiele für so etwas nicht verantwortlich wären….. und dann haben alle anderen “Experten” im Laufe des Tages mal wieder Spiele-Verbote propagiert…. *seufz*)

Kommentar von Omar Abo-Namous

Made Donnerstag, 23 of November , 2006 at 00:13

@Aya: Ich inzwischen für meine unverständliche Ironie einen Preis bekommen. Ich will aber versuchen, was zum Thema Spieleverbot zu schreiben - - irgendwann..

Kommentar von Omar Abo-Namous

Made Donnerstag, 23 of November , 2006 at 02:11

@Elias: Schön dich wieder hier zu “sehen”. Ich hab auch etwas zu beichten: Die Feindrolle der “Medien” muss ich diesmal spielen, denn mir sind keine Massenmedien bekannt, die diese Meldung thematisiert haben. Wie im Artikel angegeben, habe ich eine heute morgen (gestern schon) gelesene Pressemitteilung einfach übernommen - natürlich fehlen ALLE Fakten, aber darum geht es erst einmal nicht (darum wird es hoffentlich in der Gerichtsverhandlung gehen).

In meinen Augen hat die Gesellschaft versagt, wenn es überhaupt dazu kommen muss, dass ein Mensch derartig Rache an seiner Mutter zu nehmen sich wagt.. und eben deswegen geht es um unser aller Rettung, wenn ich frage “sind wir noch zu retten?”

Kommentar von Elias

Made Donnerstag, 23 of November , 2006 at 06:09

Zu Omar: Ich bin doch “eigentlich” immer hier. Aber ich bin so selten am Kommentieren…

Es ist wahr, dass solche Taten in einem gesellschaftlichen Prozess geschehen - oder, wie ich es monoton schreibe, um das Unpersönliche und Entmenschte in diesem Prozess fühlbar zu machen: im Prozess, der gegenwärtig über der Gesellschaft abläuft.

Was die “westlichen” (aber leider nicht nur diese) Gesellschaften zurzeit erleben, ist eine schreckliche Umbruchphase, im Grunde schlimmer als so manche Kriegszeit der Vergangenheit. Alles, was zuvor den meisten Menschen Wert und Lebenssinn vermittelt hat, die Heimat, die Muttersprache, die Familie, die soziale Struktur des Umfeldes; alles das wird in ruheloser Raserei zerstört. Und alle diese psychischen Bindungen werden ersetzt durch eine wandkalte, rein wirtschaftliche Deutung des gesamten menschlichen Lebens und Schaffens. Man nennt in den zynischen Propagandareden der neuen Zeit “Freiheit”, was eigentlich völlige Entwurzelung ist. Alles wird nur noch relativ zu seinem wirtschaftlichen Wert gesehen, ist bei gleicher Marktfähigkeit gleich gültig - und damit ist eben auch alles gleichgültig. (Nicht nur deine Ironie, auch meine vielen Wortspiele sind manchmal etwas “schwergängig” - von meiner Neigung zu Aliterationen und Binnenreimen einmal ganz zu schweigen…)

Ich bin eines der frühen Produkte dieser neuen “Kultur”. Was ich in meinem Leben kennen gelernt habe, ist Ausgrenzung, Gewalt und Einsamkeit. Von den süßen Seelen, die mich in meiner Jugend begleitet haben und die eine ähnliche Erfahrung mit mir teilten, lebt heute keine mehr. Wer nicht zum direkten und schnellen Selbstmord Mut fand, der hat sich langsam mit Heroin ermordet. Wir sind allesamt als Gespenster geboren worden, niemand von uns hat auch nur einen Schimmer Leben vor Augen. Was mich erhielt, das war, dass ich mich immer schon um andere Menschen kümmerte - das Elend wird durchs Teilen kleiner, selbst durchs Teilen des Elends. Deshalb sind’s auch überall die Elenden, die alles am leichtesten teilen können.

Als ich Bastians Abschiedsbrief las, der ja durch eine (Gott sei Dank: missglückte) polizeiliche Zensurmaßnahme vom öffentlichen Bewusstsein ferngehalten werden sollte, während seine mediale Aufbereitung bewusst irreführend ist, wurde ich immer wieder von Heulkrämpfen geschüttelt. Da schreibt jemand, der die gleiche grausame Erfahrung wie ich gemacht hat, und das schwingt aus jedem einzelnen Satz. Es geht bis in kleine Feinheiten des Sprachrhythmus hinein, bis in diese Stolperworte, Sprachbrüche und schrägen Metaphern, wenn auch ein wenig der Wortschatz fehlt. Nicht einmal der maßlose Hass und die lähmende Verzweiflung sind mir wirklich fremd, ich habe es nur geschafft, diese in künstlerisches Schaffen zu kanalisieren. Es war mir denn auch unmöglich, auch nur ein einziges eigenes Wort zum Inhalt dieses Briefes zu schreiben - jedes meiner Worte hätte die Gefahr in sich getragen, wie eine Sympathiekundgebung für einen Mörder zu klingen. Ich mag nicht auf mich laden, jemanden zur Nachahmung einer solchen maßlosen Tat einzuladen.

Nein, diese Gesellschaft ist nicht mehr zu retten. Es ist zu wenig Kraft, die sich gegen den Prozess stemmt, der über die Gesellschaft abläuft; es ist zu viel schwarze Angst in den Herzen; die meisten Menschen haben gar schon vergessen, dass sie überhaupt handeln können. Man nimmt allgemein die Surrogate der Contentindustrie an und lässt sich diese darbende Illusion gefallen; man schaut sich flackernde Schatten an, während dort ein gähnendes Loch ist, wo doch eigentlich ein Selbst sein sollte. Nicht einmal ein Mensch mit Klarblick hat noch die Chance, andere Menschen zu finden, um eine kleine Nische zu bauen, in der es sich für Fühlende und Denkende leben lässt. Zerfall, wohin man schaut; brach liegt alles, aber auch alles fern.

It must be a starving man
who likes to hear
these crippled minds talk.
Greetings from me
following the wind.

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Made Donnerstag, 23 of November , 2006 at 20:18

[...] […] das Elend wird durchs Teilen kleiner, selbst durchs Teilen des Elends. Deshalb sind’s auch überall die Elenden, die alles am leichtesten teilen können. [...]

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