Religion und Gewalt; Offener Brief An Ronald Pofalla
Sehr geehrter Generalsekretär Pofalla,
in verschiedenen Zeitungsberichten wird Ihr Beitrag in der “Bild am Sonntag” vom 1.10.2006 mit folgenden Worten zitiert:
Das Problem religiös motivierter Gewalt ist heute fast ausschließlich ein Problem des Islam.
Richtig wäre gewesen
Das Problem religiös motivierter Gewalt wird heute fast ausschließlich als ein Problem des Islams dargestellt.
Da ich nicht den Apologeten zu spielen vorhabe, möchte ich Ihnen zum Teil zustimmen: Ein Teil der Muslime1 muss lernen, mit der Gewalt umzugehen und sie zu zügeln und Konflikte diplomatischer zu lösen.
Aber daß “religiös motivierte” Gewalt fast ausschließlich ein Problem des Islams ist, kann man nicht so stehen lassen, wenn man sich die heutige Welt einmal unverfärbt anschaut. Ich werde Ihnen einige Vorfälle auflisten, deren Bewertung (mit dem selben Mass mit dem Sie die Probleme des Islams bewerten) dazu führen kann, dass man das selbe Gewaltproblem etwa beim Christentum sehen kann. Dies ist ohne Probleme auf andere Religionen anwendbar sowie auf areligiöse Gruppen.
Am 16. September 1982 sind christliche Milizionäre in die Lager Sabra und Schatila eingedrungen und haben – unter Aufsicht israelischen Militärs – zwischen 700 und 3500 Menschen getötet. Es wird berichtet, dass Opfer verstümmelt und vergewaltigt wurden.
Vielleicht ist Ihnen das zu alt? Immerhin sind seither mehr als 20 Jahre vergangen. Wenn man in Vierjahresabschnitten denkt, können 20 Jahre wie eine Ewigkeit erscheinen..
Von 1969 und bis zum Jahr 2001 haben sich katholische und protestantische Christen gegenseitig in Irland bekämpft. Dabei wurden etwa 3.500 Menschen umgebracht – davon nicht wenige Zivilisten! Zugegeben, die Anzahl der Getöteten ist nach den 70ern abgeebbt, allerdings werden noch heute mit dem innerchristlichen Konflikt zusammenhängende Tötungen festgestellt.
Weiterhin können natürlich die heutigen sog. “Anti-Terror-Kriege” – Irak und Afghanistan – als religiöse Kriege aufgefasst werden. Dazu verleitet der Ausspruch des US-amerikanischen Präsidenten (und obersten Heerführer der Streitmächte) George W. Bush, wenn er vom Krieg gegen den Terror als “Kreuzzug” spricht. Auch wenn daraufhin Dementis aus allen Ecken hagelten – der Präsident hätte das ja gar nicht so gemeint – der Eindruck verhärtet sich spätestens seit seiner Wahl des Begriffs vom Islamofaschismus. Alleine die Verteufelung des Islams – die man ja auch in Ihren Worten Herr Pofalla erkennen kann – ist ein Indiz dafür, dass es sehr wohl um Religion geht..
Nicht vergessen sollte man den alltäglichen Terror, der von christlichen Gruppierungen in den USA ausgeht, wenn es um abtreibungswillige Frauen geht2 oder um Homosexuelle. Erwähnenswert ist in diesem Zusammenhang Eric Robert Rudolph.
Terror im Namen des Christentums
Die National Liberation Front of Tripura ist eine christliche Terrororganisation, die im Norden Indiens operiert und aus frommen Christen besteht und die auch von christlichen Missionen im Land gestützt wird im gemeinsamen Anliegen zur Konversion der indischen Hindus zum Christentum. Das hat eine indische Online-Zeitung über die Organisation zu sagen:
Christian missionaries in India and for Christian NGOs, like CARE, World Vision, etc., conversion is their main job.
Foreign missionaries are now increasing their efforts to convert Hindus as per the missionary organisation called Baptist World Alliance (BWA). Christian missionaries are behind the spread of terrorism in north-east India. The Southern Baptist Church in America financed and established in 1989 the Christian equivalent of the Taliban, the National Liberation Front of Tripura (NLFT) for creating an independent Christian nation of Tripura.
The National Socialist Council of Nagaland (NSCN) is funded and armed by the World Council of Churches. Nagaland has 40 missionary groups and 18 major Christian militant groups. Churches buy guns, such as AK47s and AK57s from Myanmar or Bangladesh. NSCN has ties with the ISI of Pakistan and has its offices in New York, Geneva and the Hague which display boards with legends like ‘People’s Republic of Nagaland’. It has twice raised its demand for an independent nation in the United Nations. The NSCN has its own government which collects money from the local people. One-third of the salaries of the government servants are taken away as Nagaland tax before disbursement. Most of the banks in Nagaland have closed down because of the huge sums extracted by this outfit. The letterheads and stamps of this unofficial government read ‘Nagaland for Christ’.
Ist Ihnen diese Quelle zu einseitig und voreingenommen? Dann lesen Sie bitte, was die MIPT Terrorism Knowledge Base zum selben Thema zu sagen hat. Außerdem können Sie sich eine Liste der von dieser (christlichen) Gruppe begangenen Terroranschläge anschauen. Der erste aufgezeichnete Anschlag ist aus dem Jahr 1998, der letzte ist gerade einmal 8 Monate alt!
Wenn Sie sich schon die Terrordatenbank anschauen, können Sie gleich die Gruppe “Uganda Democratic Christian Army” begutachten.
UDCA hoped to establish a government that ruled in accordance with an extremist interpretation of Christian scripture. Engaging in brutal tactics throughout northern Uganda, the UDCA maimed, killed, and enslaved non-Christian Acholi and attempted to overthrow the government of Yoweri Museveni. By 1994, military setbacks left the UDCA marginalized. Kony disbanded the group and reformed it as the Lord’s Resistance Army (LRA) in an attempt to expand the group’s support base.
Wieder also eine Terrororganisation, die sich als christlicher Missionierungsverein versteht und diese Missionierung auf gewaltvollem Weg vollziehen möchte. Die Organisation ist inzwischen untergegangen, lebt aber weiter in Form der Lord’s Resistance Army (“Widerstandsarmee des Herrn”). Ziel der Organisation ist die Errichtung eines christlichen “Gottesstaates” in Uganda. Sie hat sich einen Namen gemacht in der Praxis, Kinder zu entführen und sie zu Mordinstrumenten (oder Sexsklaven) umzuerziehen.
The LRA abducts children and adults to serve as soldiers, and girls to serve as sex slaves to its commanders—and brutalizes all abductees to deter their escape. Those abducted persons attempting to escape are killed or seriously wounded as an example to other abductees. One woman, abducted by the LRA on August 9, 2004 told Human Rights Watch how a girl, a fellow abductee, tried to escape. When she was captured the rebels “beat her until she died. They used traditional tools, used to make sculpture, to beat her—they hit her on her neck, her hands and her legs until she died.”
Some LRA killings appear to be the result of simple annoyance and the LRA attitude of callous disregard for human life. The LRA abducted a group of women going to fetch water on February 24, 2005. According to several eyewitnesses interviewed by Human Rights Watch, one of the women had a baby with her who was crying.
Die LRA soll für den Tod von mindestens 100.000 Menschen verantwortlich sein!
Herr Ronald Pofalla, ich weiß nun nicht mehr, inwieweit Sie sich von solchen Terroranschlägen distanziert haben. Ich weiß auch nicht, inwieweit Sie davon überhaupt Ahnung haben, denn obwohl diese sehr aktuell sind, kommen christliche Terroranschläge in den Massenmedien nicht mit derselben Tragweite an, wie es bspw. Terroranschläge von Muslimen tun. Ich hoffe aber sehr, daß Sie Ihre Worte in Zukunft mit Bedacht wählen ohne radikale und xenophobe Meinungen bedienen zu müssen.
Um Ihnen eine Vorstellung zu geben, wie es für einen Muslim ist, wenn sie die internationalen Konflikte, in denen Muslime Unrecht tun ins Inland übertragen (und auf den Islam abbilden), stellen Sie sich nun vor, ich würde Ihnen (oder dem Christentum oder gar dem Propheten Jesus) all diese exzessive Gewalt inklusive dem menschenverachtenden Vorgehen dieser und weiterer christlichen Organisation vorwerfen!
Ganz nebenbei: Ich hätte natürlich auch genauso gut, andere Religionen dermassen einseitig mit Gewalt verknüpfen können, wie es ständig mit dem Islam geschieht. Weiterhin können auch nichtreligiöse Vorstellungen genauso gut zur Rechtfertigung von grausamen Kriegen herhalten, wie wir nicht erst seit dem zweiten Weltkrieg wissen..
Diese Email werde ich auf meiner persönlichen Seite www.toomuchcookies.net veröffentlichen und erkläre mich bereit, eine Antwort-Email von Ihnen gleichberechtigt zu veröffentlichen!
Mit freundlichen Grüssen,
Omar Abo-Namous
- eben der gewalttätige Teil[↩]
- ich muss ihre Entscheidung nicht gutheissen, aber sehe nicht ein, dass sie mit Gewalt bedroht werden..[↩]
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By Mar, 14. Oktober 2006 @ 18:44
Sogar hier:
http://www.dradio.de/dkultur/sendungen/politischesfeuilleton/552808/
werden Muslime dämonisiert. Oder mein Ironiedetektor ist kaputt.
By Omar Abo-Namous, 14. Oktober 2006 @ 22:44
@Mar: Also noch einer, der sich für dradio interessiert..
ich wollte eigentlich einen extra Kommentar für diesen Artikel schreiben
http://www.dradio.de/dkultur/sendungen/politischesfeuilleton/552511/
und dann kommt einen Abend später der von dir verlinkte Kommentar.. Ich hatte auch anfangs gedacht, das ist alles ironisch gemeint, aber offensichtlich haben sie es gemeint! Soviel zu Hasspredigern!