Was ist eine Islam-Konferenz?
Mittwoch, 27. September 2006, 00:40
Heute lädt der Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble zur vielbesungenen Islam-Konferenz in die Charlottenburg ein. Die Islam-Konferenz tagt mehr als zwei Monate nach dem von Bundeskanzlerin Merkel inittierten Integrationsgipfel. Zu Letzterem waren keine islamischen Organisationen eingeladen. Dafür waren aber Vertreter von Menschen aus unterschiedlichen Herkunftsländern geladen, u.a. Kenan Kolat, Vorsitzender der Türkischen Gemeinde in Deutschland. Somit sollte die Islam-Konferenz hoffentlich keine Integrations-Konferenz sein, die sich an eine andere Herkunft und einem diffusen Kulturbegriff orientiert, sondern ein Gespräch zwischen muslimischen Vertretern und dem Staat! Auch sollten sich die Themen und die Zielsetzung daran orientieren.
Einladungsliste
Dazu muss man wissen, dass Muslime nicht nur Ausländer sind, sondern in zunehmendem Masse eben auch Deutsche “Eingeborene”, die den Islam als Religion gewählt haben. Genau wie bei einem Gespräch zwischen Staat und Kirche, kann es auch hier nur darum gehen, das dominante Merkmal der muslimischen Gesprächspartner in der Religion zu suchen.
Tatsächlich hat Bundesinnenminister Schäuble die Einladungen derartig aufgeteilt, dass neben fünf muslimischen Organisationen (Islamrat, Zentralrat, DITIB, VIKZ und Alevitische Gemeinde) sieben “Vertreter der nicht organisierten Muslime” eingeladen sind. Das Innenministerium nimmt sich also das Recht, für eine nicht weiter spezifizierte Menschengruppe Vertreter auszuwählen! Dabei wäre es weit sinnvoller gewesen, man lädt zusätzlich zu den bundesweiten Organisationen die inzwischen weithin vorhandenen Landesverbände ein.
So aber, hat das Innenministerium entschieden Seyran Ates, Necla Kelek, Ezhar Cezairli, Badr Mohammed, Feridun Zaimoglu, Navid Kermani und Kenan Kolat einzuladen. Für wen diese Leute eigentlich sprechen sollen, ist indes nicht klar!
Vertretungsanspruch muslimischer Organisationen
Muslimischen Organisationen wird immer wieder vorgeworfen, nur eine Minderheit der in Deutschland lebenden Muslime zu vertreten. Bevor ich mich zu Zahlenspielen hochschaukele, sei hier der Kommentar von Ali Kizilkaya (Islamrat) dokumentiert, der meines Erachtens den Vorwurf als reine Ausrede entlarvt:
Remme: Blicken wir auf die Veranstaltung morgen in Berlin. Sie sind Vorsitzender des Islamrats. Es gibt, vielleicht manchmal etwas schwer zu überschauen, eine große Anzahl von Organisationen, einige sind eingeladen, andere nicht. Wie viele Moslems, wie viele Organisationen vertreten Sie?
Kizilkaya: Also ich glaube nicht, dass die Organisationsstruktur der Muslime unüberschaubar ist. Es gibt im Großen und Ganzen zwei große, unabhängige Dachverbände in Deutschland. Das ist einmal der Islamrat für die Bundesrepublik Deutschland und der Zentralrat der Muslime. Und wenn Sie die zwei großen Einzelverbände dazunehmen, dann sind es vier. Und ich glaube, dass die Kirche auch nicht unter einem Dach ist. Es gibt mindestens zwei Großkirchen und viele kleine freie Kirchen, insofern sind andere Religionen auch nicht überschaubarer als der Islam.
Aber auch wenn man davon ausgeht, dass die Bundesorganisationen nur wenige Muslime repräsentieren, warum lädt man dann nicht andere islamische Organisationen, wie etwa die Muslimische Jugend in Deutschland e.V., ein basisorientiert organisierter Verein muslimischer Jugendlicher - also eine recht attraktive Zielgruppe!? Warum lädt man nicht Vertreter muslimischer Landesverbände, Vertreter muslimischer Hilfsorganisationen (muslime helfen e.V.) oder Sprecher muslimischer Kulturvereine (Inssan e.V.) ein? Es gibt viele weitere Vorschläge, wer die Lücke des Organisationsmangels hätte füllen können.
Nichtorganisierte Muslime
Stattdessen lädt der Innenminister Menschen, mit denen die meisten Muslime nichts anfangen können oder die so weit vom mainstream-Muslim entfernt sind, dass ein Vertretungsanspruch nur noch absurd ist.. Der Eindruck erhärtet sich, dass Schäuble mit den Einzelpersonen die muslimischen Verbände unter Druck setzen möchte. Offen gibt Berlins Innensenator Erhard Körting zu, dass er erwarte, “daß die gestärkt werden, die im Islam neue Wege gehen, daß die Modernisierer Oberwasser bekommen”. D.h. der Islam soll sich bitteschön nicht in die Politik einmischen, aber die Politik in den Islam!
Wie wenig die geladenen Einzelpersonen irgendwelche Muslime vertreten wird sogar an den Aussagen einer der Hauptstreiterinnen Necla Kelek deutlich, die im Interview mit der Zeit antwortet:
ZEIT online: Welche Erwartungen haben Sie an die Islam-Konferenz?
Kelek: Ich erwarte, dass erstmal einiges geklärt wird. Die Konferenz ist ja so angekündigt, dass über die mehr als drei Millionen Moslems in Deutschland gesprochen wird. Da frage ich als erstes: Wer ist denn eigentlich ein Moslem? Wie wird man ein Moslem? Wo wird man registriert? Die zweite Frage lautet: Wen vertreten die eingeladenen moslemischen Verbände? Es gibt da ja sehr verschiedene Richtungen, was man auch daran sieht, dass sie unter einander nicht klar sind, wie sie den Islam leben und was sie predigen. Für mich ist entscheidend: Welches Menschenbild vermitteln diese Organisationen? Denn die muslimischen Verbände spielen inzwischen eine sehr große Rolle in der deutschen Migranten-Gesellschaft. Wir sehen das seit 20 Jahren, seit sie aktiv sind. Schon kleine Kinder tragen Kopftücher, die Verbände sind in den Koran-Schulen und in dem Moscheen präsent. Ihr Einfluss ist sehr, sehr groß.
Davon abgesehen, wie sie das Tragen eines Kopftuchs oder den Besuch einer Koran-Schule bewertet, sollte man festhalten, dass Frau Kelek den Vertretungsanspruch der muslimischen Verbände untermauert! Der Interviewer scheint damit ein Problem zu haben und fragt noch einmal nach:
ZEIT online: Und das führen Sie auf den Einfluss dieser Verbände zurück?
Kelek: Ja. Sie finden große Resonanz unter den hier lebenden Moslems, die ohnehin traditionell denken und aus den ländlichen Teilen der Türkei stammen.
Trotzdem sieht sich Frau Kelek selbst als Vertreterin der sogenannten “schweigenden Mehrheit”.
Ich selbst bin eine Kultur-Muslimin. [...] Ich bin jedoch überzeugt, dass die Mehrheit der in Deutschland lebenden Moslems Kultur-Muslime sind.
Necla Kelek ist ja nicht selten verwirrt, aber dazu vielleicht an anderer Stelle mehr..
Ganz nebenbei: ich selbst bin einer dieser nicht organisierten Muslime (d.h. ich gehöre keinem Verein an), aber ich fühle mich bei den zwei Dachverbänden weit besser aufgehoben als unter der Vormundschaft Frau Keleks - Dies, obwohl ich die relative Ferne muslimischer Vertreter von der sogenannten “Basis” bemängele!
Weitere Kommentare
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Irmgard Pinn über den “Gipfel”: Er bespricht die organisatorischen und politischen Kontroversen der Islamkonferenz sehr ausführlich.
Muslime waren, wie erwähnt, an der Aufstellung der Themenliste nicht beteiligt. Aber auch seitens des Bundesinnenministeriums wurde kein Gedanke daran verschwendet, wie die Muslime und insbesondere die Moscheegemeinden und Verbände überhaupt in die Lage versetzt werden sollen, all jene ihnen zugedachte Aufgaben zu erfüllen. Nachdem sich die muslimischen Organisationen mittlerweile zum - mindestens - hundertsten Mal öffentlich gegen Terrorismus und Gewalt ausgesprochen haben, werden sie mit ständig wachsendem Druck aufgefordert, das auch durch entsprechende Taten zu beweisen. Von den Moscheegemeinden wird eine intensive, qualifizierte Aufklärungs- und Beratungstätigkeit erwartet. Sie sollen sich integrationsbereit zeigen, Jugendliche und Frauen fördern, sich am interreligiösen Dialog beteiligen und sich im Kontext deutscher sicherheitspolitischer Interessen engagieren…
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Friedrich Küppersbusch bemerkt in der taz-Ausgabe vom 25. September (Seite 12) auf die Frage, was er von der Islamkonferenz erwarte:
Wäre eine “Christenkonferenz” denkbar? Würde die Bundesregierung wählen, welchen Religionsverband sie einladen, welchen sie durch den Verfassungsschutz beobachten ließe? Die vier eingeladenen Verbände beanspruchen über 50 Prozent der hier lebenden Moslems zu vertretern, die Bundesregierung schätzt ihren Vertretungsanspruch weit geringer. Die einflussreichen und mitgliederstarken “Milli Görüs”-Gruppen sind ausgeschlossen und dem Verfassungsschutz überantwortet. Das mag begründbar sein, zeigt aber die geringe Chance auf Reichweite der Veranstaltung.
Und während NRW-Integrationsminister Laschet ein “Bekenntnis der Moslems zum Grundgesetz” fordert, verhandelt seine Parteichefin Merkel über ein “Bekenntnis zum christlichen Glauben” in der EU-Verfassung. Da war das Preußen des Alten Fritz moderner.
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SPIEGEL ONLINE: Meinen Sie denn, dass Muslime in Deutschland nicht die gleichen Rechte haben?
Kermani: Im Prinzip natürlich schon, [...] Aber ich möchte als Beispiel für Irritationen die Kopftuchfrage nennen. Man kann verschiedener Meinung sein, ob das Tuch sein soll oder nicht, und was es bedeutet. Jedenfalls ist es ein religiöses Symbol des Islam und als solches genau so politisierbar wie das Kreuz oder der Davidstern. Natürlich hat das Kreuz für Nichtchristen nicht nur die Bedeutung der Bergpredigt. Diese Symbole stehen jeweils für eine Religion, aber auch dafür, wie sie sich gewalttätig anderen gegenüber verhalten hat und verhält.
Mir fallen da ganz andere Beispiele ein: Weder die Unversehrtheit der Gebetsstätten, noch die religiöse Unterweisung der eigenen Kinder unter eigener Regie wird Muslimen zugesprochen. Weiterhin kümmert es keinen, dass Muslime zu ihren religiösen Feiertagen arbeiten müssen1 usw. usf..
- ich fordere ausdrücklich keine islamischen Feiertage, allerdings bleibt festzuhalten, dass Muslime eben nicht die gleichen Rechte geniessen, wie etwa Christen [↩]
Tags: DITIB, Inland, Islam, Islamrat, muslime, Necla_Kelek, Seyran_Ates, Wolfgang_schaeuble, ZMD
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Kommentar von Tugba
Made Mittwoch, 27 of September , 2006 at 10:56
Salam,
Necla Kelek ist Muslima?
Guter Scherz!
Was bitteschön ist Kultur-Muslima?
Ein noch besserer Scherz!
“Ich lebe nicht danach, nenn mich so, weil ich auch nicht weiß, was ich sonst machen könnte.”
Jedenfalls “verkörpert” sie jene Menschen, die sich Muslime nennen, nicht aber danach leben, in keinster Weise religiös sind, aber trotzdem dazugehören wollen, die aber keiner will, weil sie es doch nicht sind:
Muslime(Gottergebene).
Muslimsein ist keine Kultur,
es ist eine Religion.
Gruß.
