Transrapid-Unfall - kleine Einzelheiten
Ich hatte es gestern erst gegen Mittag mitbekommen: Ein Transrapid ist auf der Teststrecke in der Nähe von Lathen und Dörpen in Niedersachsen auf einen Werkstattwagen gestossen. Beim Zusammenprall sind 23 Menschen gestorben und 10 haben den Unfall schwer verletzt überlebt, darunter zwei Mitarbeiter, die im Werkstattwagen sassen und kurz vor Aufprall aus dem Wagen gesprungen sind. Die Insassen des Transrapid waren alle Mitarbeiter des Energieversorgers RWE und der Teststrecke.
Fehler
Derzeit vermuten sowohl die Betriebsgesellschaft des Transrapid, als auch die Staatsanwaltschaft “menschliches Versagen” hinter dem Unfall. Gleichzeitig wurde eingeräumt, dass ein Versagen der Kommunikationswege zum Unfall beigetragen haben könnte.
Mit welcher Geschwindigkeit der Zug aufgeprallt ist, ist nicht bekannt, aber der vordere Teil des Zugs wurde fast komplett zerstört. Der Zug selbst bleibt auf der Brücke, wenn auch der erste Zugteil sich nicht mehr in der Halterung befindet. Es bricht kurz nach dem Unfall Feuer im Zug aus.
Bedauern
Der Artikel “Trauer und Bestürzung über Transrapid-Unglück” beschreibt die politischen Stimmen, die sich zum Transrapid-Unglück geäussert haben. Die niedersächsische Landesregierung hat eine Pressemitteilung veröffentlicht, in der sie eine “umfassende Aufklärung der Unfallursache” verspricht.
ًWolfgang Tiefensee - Bundesverkehrsminister - hat einen China-Besuch abgebrochen und seine dortigen Termine abgesagt, um sich ein Bild vom Unfall zu machen. Das dürfte vor allem deshalb interessant sein, da China den bislang einzigen Auftrag zum Bau einer Transrapid-Strecke abgegeben hat.
Chinesen
Komischerweise findet sich der Transrapid-Unfall in der chinesischen Bloggosphäre nicht sehr konzentriert - es sei denn ich habe nach den falschen Begriffen gesucht. Die meisten Artikel, die ich finden konnte, waren von chinesischen Studenten in Deutschland geschrieben. Hier versucht anscheinend ein in Niedersachsen lebender Chinese die Nachricht wiederzugeben. Eine kleine Übersetzung..
Bedauern, aber nicht auf chinesisch?
Die Transrapid-Gesellschaft hat auf ihren Seiten sowohl in deutscher, als auch in englischer Sprache ihr Bedauern ausgedrückt, nachdem sie den Unfall bestätig haben:
Mit großer Betroffenheit bestätigt Transrapid International, dass sich am Freitag morgen ein schwerer Unfall auf der von der IABG betriebenen Transrapid Versuchsanlage im Emsland ereignet hat. Detailkenntnisse zum Hergang des Geschehens liegen bislang noch nicht vor, die Unfallursache wird von den zuständigen Behörden vor Ort untersucht.
Wir bekunden den Opfern und ihren Angehörigen unser tiefstes Mitgefühl.
Wenn man sich allerdings die chinesisch-sprachige Webseite anschaut, sieht es so aus, wie immer. Auf der Frontseite wird das Projekt beschrieben und in den Nachrichten über verschiedene Politiker gepriesen.
Ich würde mich freuen, wenn irgendein Chinese und einen Einblick in chinesische Blogbeiträge über den Unfall liefern könnte..
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By Heiko, 23. September 2006 @ 20:05
Fehler ?!?
Ein menschlicher Fehler ist mit Sicherheit passiert. Entweder der Dispatcher der Strecke hat den Werkstattwagen ‘verpennt’, oder die Jungs haben sich – als sie auf die Strecke fuhren – nicht Ordnungsgemäß beim Dispatcher gemeldet. Ein ‘Versagen der Kommunikationswege’ kann vieles bedeuten. Auf gut deutsch heißt es: “Da hat jemand sein Maul nicht aufbekommen!”
In weiteren Berichten heißt es, dass die Besatzung des Transrapid nicht mehr hätte erreicht werden können. Kein Wunder, nach dem Zusammenstoß – mit 200 km/h auf ein stehendes Hindernis, ohne Knautschzone, Gurte, Airbags und dergleichen mehr – so wird einschlägig berichtet. Danach meldet sich so schnell niemand mehr. Den Fotos nach zu urteilen, hat es den Werkstattwagen angehoben, so dass er anschließend im Bereich des zweiten oder dritten Wagens des Transrapids einschlug.
Wenn man bei der althergebrachten Eisenbahn (alles, was auf dem Netz der alten Bundesbahn fährt) so einen Werkstattwagen auf die Strecke lässt, laufen etliche Maßnahmen im Vorfeld ab. Streckensperrung, An- und Abmelden des Werkstattwagens beim zuständigen Fahrdienstleiter sollen nur mal so Schlagworte geliefert sein.
In genau dieser Unklarheit der Verhaltensweisen liegt meines Erachtens der ‘menschliche’ Fehler. Die Vorgesetzten waren nicht Willens oder in der Lage, hier vernünftige Handlungsweisen zu geben. ‘Willens’ meint die finanziellen Einsätze, ‘in der Lage’ den technischen Sachverstand. Solche Unfälle können durchaus daher rühren, das Rechtsanwälte und Betriebswirtschaftler in Unternehmen das Sagen haben (ein wenig polemisch, geb’ ich zu, aber diese Leute haben m.E. bestenfalls beratende Funktionen inne, keine entscheidenden).
Desweiteren gibt es bei der DB so genannte Gleisbesetztmelder, die genau das tun, was der Name impliziert – um mal wieder zur Technik zrück zu kehren. Wenn es auf der Transrapidstecke so etwas nicht gibt, lebten die Entwickler dieser Technologie in einer Traumwelt. Auf die Erfahrungen des gut eineinhalb jahrhunderte alten Eisenbahnbetriebs hätte man hier durchaus zurück greifen können… Im Kern ist es das selbe, nur die Antriebstechnologien unterschiedlich sich.
Das verschiedene Pressestellen ihr tiefstes Bedauern ausdrücken, zeigt einmal mehr deren Lernfähigkeit im Umgang mit den Medien. Mehr nicht. Trotzdem: Beachtlich war, wer sich so alles hat blicken lassen. Merkel, Wulff und Tiefensee mal so Highlights genannt. Besonders letzterer soll ja gerade einem Besuch in China wg. des Transrapids absolviert haben. Die entscheidenden Stellen in China dürften mittlerweile sehr wohl über den Vorfall informiert sein.
Das sich der gemeine Chinese offensichtlich nicht dafür interessiert, na ja was soll ’s. Mich Interessiert auch nicht jeder Unfall in sonstwo. Wenn überhaupt bekomme ich sowas nur mit, wenn gerade mal die Idiotenfunzel (aka Fernseher) leuchtet… Ob in China nun ein Sack Reis platzt oder hier Sack Kartoffeln umfällt… Wenn beispielsweise in Indien mal wieder zwei Züge ineinander rauschen, halten sich die hiesigen Reaktion in Grenzen. Umgekehrt dürfte das Interesse einzelner im Ausland auf unsere Unfälle genauso sein – was man den anderen noch nicht einmal übel nehmen kann/soll/darf.
Die Sache ist häßlich und ich hoffe, dass den Hinterbliebenen geholfen wird – so wie die Politiker es versprachen. Immerhin fehlen ein paar Familienernährer. Das Problem an dem Unfall dürfte weniger menschliches Versagen sein, als vielmehr eine klar fest gelegte Verfahrensweise bei mehreren Zügen im selben Gleis. Die Betreibergesellschaft möchte halt mal diese auf ihrer Privatstrecke geltenden Verfahrensweisen offen legen, dann sind wir alle ein gutes Stück besser informiert.
Dann kann man auch die Schuldfrage klären. Allerdings *nicht* durch einen Staatsanwalt, wie es verschiedene Redner sich ‘wünschten’, sondern durch einen unabhängigen Richter. Das war die einzige Sache, die mich bislang an der bisherigen Berichterstattung nervte.
Grüße
By Omar Abo-Namous, 23. September 2006 @ 20:21
Danke Heiko, das hätte durchaus einen eigenen Artikel verdient.
Da wir selten Züge aus Indien einkaufen (oder gar ganze Schienensysteme), läuft das (eigennützige) Interesse für Zugunfälle in Indien gegen Null. Nur: In China wird dasselbe System gebaut, was hier in Deutschland getestet wird, das ist m.E. ein erheblicher Unterschied.
Ich hoffe auch, dass den Hinterbliebenen wahrhaftig geholfen wird. Ihr Leben wird sich wahrscheinlich ganz schön umstellen und sie werden sicherlich jede Hilfe nötig haben. Gehe ich richtig in der Beobachtung, dass die Betroffenheit sich bei diesem Unglück in Grenzen hält?
Staatsanwalt: Ist ein Staatsanwalt denn nicht “unabhängig”? Letztendlich muss er seine Beweise doch immer noch einem Richter vorführen, oder?
By Heiko, 23. September 2006 @ 20:28
*Bingo*
http://www.sueddeutsche.de/,tt1m3/panorama/artikel/783/86697/
Aber das mir jetzt niemand auf die Idee kommt, ich wäre über den ‘Treffer’ irgendwie glücklich.
By Heiko, 23. September 2006 @ 22:02
Die Schienen – besser Verkehrssysteme im Allgemeinen – bekommen wir hier schon ganz gut auf die Reihe. Das brauchen wir nicht einkaufen. Das mit den Unfällen in Indien (und anderswo) wollte ich allgemein verstanden haben. Unfälle irgendwo sehr weit weg sind für die dort betroffenen eine Katastrophe, aber hier ändert sich schlicht und ergreifend nichts. Ebenso ändert sich im Alltag der Bewohner anderer Kontinente nichts wenn hier etwas passiert. Ich wollte zum Teil darauf hinaus.
Mir fällt es durchaus leicht, mein ‘tiefempfundenes Mitleid’ auszusprechen. Das ist erstens Übungssache und bringt zweitens kein Brötchen auf den Teller der Betroffenen. Deswegen hoffe ich für die betroffenen Familien, das sich nicht nur das Land Niedersachsen, sondern vor allem der Betreiber der Schwebebahn an Hilfestellungen für die Hinterbliebenen beteilligt. Deswegen hoffe ich für die betroffenen Restfamilien, das sie wegen dieser Katastrophe nicht von Hartz IV leben müssen. Opfer anderer Unfälle müssen dies tun.
Wenn irgendeine öffentliche Repräsentanz Medienwirksam über Betroffenheit schwafelt, wirkt das für mich sowohl aufgesetzt als auch abgedroschen. Für meinen Teil blättere ich um/schalte einen Kanal weiter. Es ist halt PR.
F: “Gehe ich richtig in der Beobachtung, dass die Betroffenheit sich bei diesem Unglück in Grenzen hält?”
A: Ja, für meinen Teil. Davon mal abgesehen, das die Fragestellung sowas von allgemen ist und niemanden persönlich anspricht. Das Verdrängen diverser Sachverhalte ist eine menschliche Notwendigkeit. Aber bevor wir dieses Diskutieren, reiche ich genau diese Frage an andere Leser weiter. Ein paar andere Antworen wären interessant.
F: “Staatsanwalt: Ist ein Staatsanwalt denn nicht “unabhängig”? Letztendlich muss er seine Beweise doch immer noch einem Richter vorführen, oder?”
A: Unabhängige Staatsanwälte klagen hoffentlich unbefangen an, aber sie sprechen kein Recht. Genau dies wurde verschiedentlich von Politikern öffentlich (in Fernsehnterviews) geäußert – das der Staatsanwalt einen Schuldigen finden möchte… Leider habe ich keine Links zur Verfügung. Dennoch: Vor einem Richter stehen mindestens zwei Parteien. Der Staatsanwalt als öffentlich bestellter Ankläger ist nur eine davon, der Politiker an sich ist m.E. eigentlich keine.
Das in solchen Fällen gerne eine Sau medienwirksam durch das Dorf gejagt wird, steht ausser Frage. Für meinen Teil möchte ich alle Beteilligten hören, sowie deren Handlungsrichtlinien einsehen.