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	<title>Kommentare zu: Fremde Gedanken zur Papst-Rede</title>
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	<description>Das krümelige Weblog - live aus der Parallelgesellschaft ..</description>
	<pubDate>Fri, 21 Nov 2008 04:24:40 +0000</pubDate>
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		<title>Von: Friedrich August von Hayek</title>
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		<dc:creator>Friedrich August von Hayek</dc:creator>
		<pubDate>Thu, 21 Sep 2006 11:07:39 +0000</pubDate>
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		<description>Worüber der Papst eigentlich geredet hat

Natürlich ist die in den Medien dokumentierte, von Gewalt- und Drohposen geprägte moslemische Reaktion auf die Rede Dr. Ratzingers indiskutabel. Und natürlich macht der Vorsitzende des türkischen Religionsamtes, Herr Bardakoglu, keine besonders gute Figur, wenn er eine Rede verurteilt, die er nach eigenen Angaben vorher gar nicht gelesen hat. Das alles darf nun aber nicht bedeuten, dass wir in Deutschland angesichts der Ratzinger’schen Aussagen in einer offensichtlich neu entdeckten (wahrscheinlich in archaischen „Er-ist-einer-von-uns“ Instinkten schlummernden) kritiklosen „Vatikanophilie“ erstarren.
 
Selbstverständlich muss es erlaubt sein, zu fragen, warum Herr Ratzinger nur das, in einigen Auslegungen des Islam zweifellos vorherrschende irrationale Verhältnis von Religion und Gewalt zum Ausgangpunkt und rhetorischem Aufhänger seiner Überlegungen machte. Warum hat er sich nicht – in aller Bescheidenheit – aus dem reichen Fundus bedient, den die katholische Kirchengeschichte in dieser Hinsicht bietet? Da wäre zum Beispiel der hl. Bernard von Clairvaux, einer der wortgewaltigsten Prediger des zwölften Jahrhunderts. Er zog  – auf päpstlichen Wunsch – durch ganz Europa und predigte für den 2. Kreuzug und war maßgeblich am Zustandekommen dieses Unternehmens beteiligt. In seiner berühmten „Predigt von Vézelay“ finden sich Sätze wie "Ein Ritter Christi tötet mit gutem Gewissen; noch ruhiger stirbt er. Wenn er stirbt, nützt er sich selber; wenn er tötet, nützt er Christus". Warum also Mohammed und nicht Clairvaux als Ausgangspunkt der Ratzinger’schen Überlegungen? Die Geschichte zeigt, dass auch das Christentum anfällig für irrationalen Fundamentalismus ist.

Islamkritik bildete aber nicht den Schwerpunkt der Ratzinger’schen Rede. Was lässt sich zum eigentlichen Inhalt sagen? Man kann sicherlich die beiden folgenden Thesen als inhaltliche Schwerpunkte der Rede herausgreifen: (1) Die metaphysische Hypothese der Vernunftgebundenheit Gottes („Nicht vernunftgemäß handeln, ist dem Wesen Gottes zuwider.“) ist der metaphysischen Hypothese der absoluten Willensfreiheit Gottes („Sein Wille ist an keine unserer Kategorien gebunden und sei es die der Vernünftigkeit.“) vorzuziehen. (2) Die Methodik der Erfahrungswissenschaften, die Beurteilung axiomatischer Theorien am Grad ihrer empirischen Bewährung, lässt sich nicht auf metaphysische Theorien übertragen.

Man kann beiden Thesen persönlich zustimmen, ohne ihre Behandlung durch Ratzinger für besonders überzeugend zu halten: Für die erste These spricht vor allem, dass die normativen (ethischen) Sätze, die aus metaphysischen Theorien von ihren Anhängern abgeleitet werden, nur dann widerspruchsfrei sein können, wenn die metaphysischen Theorien selbst widerspruchsfrei sind. Aus einer metaphysischen Theorie, die auf der Annahme beruht, dass Gott nicht an die Vernunft gebunden ist, sondern aufgrund seiner absoluten Willensfreiheit sich auch logische Widersprüche leisten darf, lassen sich aber ethische Sätze ableiten, die sich gegenseitig widersprechen können. Das kann dann natürlich fatale Konsequenzen für die an diesen ethischen Sätzen orientierte Lebenspraxis der Anhänger dieser metaphysischen Theorien haben. Diese Überlegung spricht also dafür, dass metaphysische Theorien in ihren Ausgangsannahmen, zu denen ihr Gottesbild zählt, keine logischen Widersprüche dulden sollten. Natürlich ist dieses hier bei der Beurteilung einer metaphysischen Theorie angelegte „Kriterium der lebenspraktischen Konsequenzen“ nicht logisch zwingend. Man kann lediglich, wie hier versucht, „gute Gründe“ für seine Anwendung geltend machen. Auch wenn eine Argumentation mit „guten Gründen“ nicht logisch zwingend sein kann, für den Meinungsbildungsprozess in einer funktionierenden Wertegemeinschaft ist der Austausch solcher Argumente von großer Bedeutung.

Ratzinger geht aber ganz anders vor bei seinem Plädoyer für die Hypothese der Vernunftgebundenheit Gottes.  Er greift dabei auf etwas zurück, was man das „Offenbarungsmodell der metaphysischen Erkenntnis“ nennen könnte: Er verweist auf das vom Hellenismus inspirierte Johannesevangelium („Im Anfang war der Logos“), eine Vision des heiligen Paulus („…diese Vision darf als Verdichtung des von innen her nötigen Aufeinanderzugehens zwischen biblischem Glauben und griechischem Fragen gedeutet werden.“) und auf eine von ihm ausgewählte Stelle des Alten Testamentes, der Offenbarung Gottes in einem brennenden Busch („Schon der geheimnisvolle Gottesname vom brennenden Dornbusch, der diesen Gott aus den Göttern mit den vielen Namen herausnimmt und von ihm einfach das Sein aussagt, ist eine Bestreitung des Mythos, zu der der sokratische Versuch, den Mythos zu überwinden und zu übersteigen, in einer inneren Analogie steht.“). 

Zur Rechtfertigung für diesen Rückgriff auf das „Prinzip Offenbarung“ argumentiert Ratzinger am Ende seiner Rede: „Für die Philosophie und in anderer Weise für die Theologie ist das Hören auf die großen Erfahrungen und Einsichten der religiösen Traditionen der Menschheit, besonders aber des christlichen Glaubens, eine Erkenntnisquelle, der sich zu verweigern eine unzulässige Verengung unseres Hörens und Antwortens wäre.“ Dass ein Rückgriff auf Erfahrungen und Einsichten, die sich auch in Traditionen widerspiegeln können, durchaus sinnvoll sein kann, wird sich nur schwer bestreiten lassen. Das löst aber nicht die Grundfrage des „Offenbarungsmodells der metaphysischen Erkenntnis“,  nämlich wer legt mit welchem Recht fest, welche oder wessen Offenbarung verbindlich sein soll? Herr Ratzinger etwa?

Die zweite These Herrn Ratzingers, nach welcher die Methodik der Erfahrungswissenschaften sich nicht auf metaphysische Theorien übertragen lässt, dürfte sich kaum bestreiten lassen. Die Sätze metaphysischer Theorien lassen sich aufgrund ihrer logischen Struktur nicht durch empirische Erfahrung widerlegen. In einem – in makro- und mikrophysikalischer Hinsicht – unendlichen Weltall, lässt sich eine Hypothese wie „Es gibt irgendwo einen Gott“ nicht durch empirische Beobachtungen widerlegen. Kein Erfahrungswissenschaftler wird deshalb dergleichen versuchen. Er muss sich sinnvollerweise auf Hypothesen beschränken, die sich empirisch überprüfen lassen – auf empirische Hypothesen eben. 

Dies bedeutet nun aber ganz und gar nicht, dass ein Erfahrungswissenschaftler als Mensch nicht auch Anhänger einer metaphysischen Theorie sein kann. Herr Ratzinger scheint aber ebendies implizit zu unterstellen. Seiner Einschätzung nach lehnt ein großer Teil aller Erfahrungswissenschaftler jegliche Form metaphysischer Theorien ab, weil diese ihrer Natur nach nicht empirisch überprüft werden können. Diese implizite Unterstellung Herrn Ratzingers ist nun natürlich selbst eine empirische Hypothese. Sie wäre, etwa durch eine repräsentative Umfrage bei Erfahrungswissenschaftlern, empirisch überprüfbar. Leider liefert Herr Ratzinger für seine Hypothese aber keinerlei empirische Belege. Dass es eine ganze Reihe von bekannten Erfahrungswissenschaftlern, auch im Bereich der Naturwissenschaften, gibt, die sich offen zu einer Religion – und damit zu einer in aller Regel recht üppig ausgestatteten metaphysischen Theorie – bekennen, spricht dafür, dass die empirische Einschätzung Herr Ratzingers auch falsch sein könnte. Aus rein logischer Sicht spricht auch dafür, dass kein Erfahrungswissenschaftler, der sich zu einer Religion bekennt, damit notwendigerweise in einen logischen Widerspruch zu der von ihm verwendeten erfahrungswissenschaftlichen Methode begeben muss. Die in den meisten Weltreligionen enthaltenen metaphysischen Theorien lassen Auslegungen zu, die nicht im Widerspruch zur erfahrungswissenschaftlichen Methode stehen (solange diese auf den Bereich der Erfahrungswissenschaften beschränkt bleibt).

Völlig unbenommen aber von der empirischen Richtigkeit der soziologischen Hypothese Ratzingers, kann aber darauf hingewiesen werden, dass prominente Vertreter, der von Ratzinger beschriebenen erfahrungswissenschaftlichen Methodik, wie etwa Karl Popper, nie behauptet haben, dass metaphysische Theorien sinnlos oder gar widersprüchlich sein müssen und deshalb abzulehnen sind. Popper hat das Problem, dass die von ihm propagierte Methodik der Erfahrungswissenschaft, nicht völlig auf metaphysische Hypothesen verzichten kann, ausführlich behandelt. Die Hypothese, dass es eine empirische Realität gibt, die unhabhängig von unserem subjektiven Bewusstsein existiert (dass also nicht „alles bloß ein Traum“ ist), kann in letzter Konsequenz nicht empirisch überprüft werden. Ihre Gültigkeit muss aber vorausgesetzt werden, wenn die erfahrungswissenschaftliche Methodik sinnvoll angewendet werden soll. Ebenso kommt kein Erfahrungswissenschaftler letztlich daran vorbei, die Hypothese zu unterstellen, dass seine Sinneseindrücke ihm, in welche Form auch immer, zutreffende Informationen über diese unabhängige Realität liefern. Auch diese Hypothese kann in letzter Konsequenz nicht empirisch überprüft werden, muss aber vorausgesetzt werden, wenn die erfahrungswissenschaftliche Methodik angewendet werden soll. Die erfahrungswissenschaftliche Methodik kann also nach Ansicht eines ihrer prominenten Vertreter nicht ohne Fundierung auf einer metaphysischen Theorie betrieben werden. 

Freilich handelt es sich bei den hier genannten beiden metaphysischen Hypothesen um eine „metaphysische Minimaltheorie“, die viele Menschen emotional nicht befriedigen wird. Aber es steht jedem Menschen offen, sich diese metaphysischen Minimalhypothesen in eine emotional befriedigendere metaphysische Theorie zu integrieren oder, falls er die damit verbundenen subjektive Beliebigkeit in gewisser Weise vermeiden möchte, sich einer Glaubensgemeinschaft anzuschließen, die eine solche metaphysische Theorie vertritt.

Kurzum, die Hypothese, dass sich die erfahrungswissenschaftliche Methodik notwendigerweise im Widerspruch zu metaphysischen Theorien stehen muss, ist logisch nicht haltbar. Herr Ratzinger scheint hier mit seinen Ansichten dem Zeitgeist Tribut zu zollen, der sich ja auch in sehr ähnlichen Äußerungen von aktuellen Vertretern des Neomarxismus oder Poststrukturalismus niederschlägt. Was diese Denkströmungen offensichtlich gemeinsam haben, ist ihr Unbehagen an der Tatsache, dass es in einem sehr wichtigen Bereich der Wissenschaft, in den Erfahrungswissenschaften nämlich, eine Autorität gibt, die sich der Kontrolle geschlossener Lehrdoktrinen ebenso wie aller Arten von geistigen, politischen und ökonomischen Machthabern dieser Welt entzieht: die Kritik, die aus dem Widerspruch zwischen einer Theorie und einer empirischen Erfahrung resultiert.</description>
		<content:encoded><![CDATA[<p>Worüber der Papst eigentlich geredet hat</p>
<p>Natürlich ist die in den Medien dokumentierte, von Gewalt- und Drohposen geprägte moslemische Reaktion auf die Rede Dr. Ratzingers indiskutabel. Und natürlich macht der Vorsitzende des türkischen Religionsamtes, Herr Bardakoglu, keine besonders gute Figur, wenn er eine Rede verurteilt, die er nach eigenen Angaben vorher gar nicht gelesen hat. Das alles darf nun aber nicht bedeuten, dass wir in Deutschland angesichts der Ratzinger’schen Aussagen in einer offensichtlich neu entdeckten (wahrscheinlich in archaischen „Er-ist-einer-von-uns“ Instinkten schlummernden) kritiklosen „Vatikanophilie“ erstarren.</p>
<p>Selbstverständlich muss es erlaubt sein, zu fragen, warum Herr Ratzinger nur das, in einigen Auslegungen des Islam zweifellos vorherrschende irrationale Verhältnis von Religion und Gewalt zum Ausgangpunkt und rhetorischem Aufhänger seiner Überlegungen machte. Warum hat er sich nicht – in aller Bescheidenheit – aus dem reichen Fundus bedient, den die katholische Kirchengeschichte in dieser Hinsicht bietet? Da wäre zum Beispiel der hl. Bernard von Clairvaux, einer der wortgewaltigsten Prediger des zwölften Jahrhunderts. Er zog  – auf päpstlichen Wunsch – durch ganz Europa und predigte für den 2. Kreuzug und war maßgeblich am Zustandekommen dieses Unternehmens beteiligt. In seiner berühmten „Predigt von Vézelay“ finden sich Sätze wie &#8220;Ein Ritter Christi tötet mit gutem Gewissen; noch ruhiger stirbt er. Wenn er stirbt, nützt er sich selber; wenn er tötet, nützt er Christus&#8221;. Warum also Mohammed und nicht Clairvaux als Ausgangspunkt der Ratzinger’schen Überlegungen? Die Geschichte zeigt, dass auch das Christentum anfällig für irrationalen Fundamentalismus ist.</p>
<p>Islamkritik bildete aber nicht den Schwerpunkt der Ratzinger’schen Rede. Was lässt sich zum eigentlichen Inhalt sagen? Man kann sicherlich die beiden folgenden Thesen als inhaltliche Schwerpunkte der Rede herausgreifen: (1) Die metaphysische Hypothese der Vernunftgebundenheit Gottes („Nicht vernunftgemäß handeln, ist dem Wesen Gottes zuwider.“) ist der metaphysischen Hypothese der absoluten Willensfreiheit Gottes („Sein Wille ist an keine unserer Kategorien gebunden und sei es die der Vernünftigkeit.“) vorzuziehen. (2) Die Methodik der Erfahrungswissenschaften, die Beurteilung axiomatischer Theorien am Grad ihrer empirischen Bewährung, lässt sich nicht auf metaphysische Theorien übertragen.</p>
<p>Man kann beiden Thesen persönlich zustimmen, ohne ihre Behandlung durch Ratzinger für besonders überzeugend zu halten: Für die erste These spricht vor allem, dass die normativen (ethischen) Sätze, die aus metaphysischen Theorien von ihren Anhängern abgeleitet werden, nur dann widerspruchsfrei sein können, wenn die metaphysischen Theorien selbst widerspruchsfrei sind. Aus einer metaphysischen Theorie, die auf der Annahme beruht, dass Gott nicht an die Vernunft gebunden ist, sondern aufgrund seiner absoluten Willensfreiheit sich auch logische Widersprüche leisten darf, lassen sich aber ethische Sätze ableiten, die sich gegenseitig widersprechen können. Das kann dann natürlich fatale Konsequenzen für die an diesen ethischen Sätzen orientierte Lebenspraxis der Anhänger dieser metaphysischen Theorien haben. Diese Überlegung spricht also dafür, dass metaphysische Theorien in ihren Ausgangsannahmen, zu denen ihr Gottesbild zählt, keine logischen Widersprüche dulden sollten. Natürlich ist dieses hier bei der Beurteilung einer metaphysischen Theorie angelegte „Kriterium der lebenspraktischen Konsequenzen“ nicht logisch zwingend. Man kann lediglich, wie hier versucht, „gute Gründe“ für seine Anwendung geltend machen. Auch wenn eine Argumentation mit „guten Gründen“ nicht logisch zwingend sein kann, für den Meinungsbildungsprozess in einer funktionierenden Wertegemeinschaft ist der Austausch solcher Argumente von großer Bedeutung.</p>
<p>Ratzinger geht aber ganz anders vor bei seinem Plädoyer für die Hypothese der Vernunftgebundenheit Gottes.  Er greift dabei auf etwas zurück, was man das „Offenbarungsmodell der metaphysischen Erkenntnis“ nennen könnte: Er verweist auf das vom Hellenismus inspirierte Johannesevangelium („Im Anfang war der Logos“), eine Vision des heiligen Paulus („…diese Vision darf als Verdichtung des von innen her nötigen Aufeinanderzugehens zwischen biblischem Glauben und griechischem Fragen gedeutet werden.“) und auf eine von ihm ausgewählte Stelle des Alten Testamentes, der Offenbarung Gottes in einem brennenden Busch („Schon der geheimnisvolle Gottesname vom brennenden Dornbusch, der diesen Gott aus den Göttern mit den vielen Namen herausnimmt und von ihm einfach das Sein aussagt, ist eine Bestreitung des Mythos, zu der der sokratische Versuch, den Mythos zu überwinden und zu übersteigen, in einer inneren Analogie steht.“). </p>
<p>Zur Rechtfertigung für diesen Rückgriff auf das „Prinzip Offenbarung“ argumentiert Ratzinger am Ende seiner Rede: „Für die Philosophie und in anderer Weise für die Theologie ist das Hören auf die großen Erfahrungen und Einsichten der religiösen Traditionen der Menschheit, besonders aber des christlichen Glaubens, eine Erkenntnisquelle, der sich zu verweigern eine unzulässige Verengung unseres Hörens und Antwortens wäre.“ Dass ein Rückgriff auf Erfahrungen und Einsichten, die sich auch in Traditionen widerspiegeln können, durchaus sinnvoll sein kann, wird sich nur schwer bestreiten lassen. Das löst aber nicht die Grundfrage des „Offenbarungsmodells der metaphysischen Erkenntnis“,  nämlich wer legt mit welchem Recht fest, welche oder wessen Offenbarung verbindlich sein soll? Herr Ratzinger etwa?</p>
<p>Die zweite These Herrn Ratzingers, nach welcher die Methodik der Erfahrungswissenschaften sich nicht auf metaphysische Theorien übertragen lässt, dürfte sich kaum bestreiten lassen. Die Sätze metaphysischer Theorien lassen sich aufgrund ihrer logischen Struktur nicht durch empirische Erfahrung widerlegen. In einem – in makro- und mikrophysikalischer Hinsicht – unendlichen Weltall, lässt sich eine Hypothese wie „Es gibt irgendwo einen Gott“ nicht durch empirische Beobachtungen widerlegen. Kein Erfahrungswissenschaftler wird deshalb dergleichen versuchen. Er muss sich sinnvollerweise auf Hypothesen beschränken, die sich empirisch überprüfen lassen – auf empirische Hypothesen eben. </p>
<p>Dies bedeutet nun aber ganz und gar nicht, dass ein Erfahrungswissenschaftler als Mensch nicht auch Anhänger einer metaphysischen Theorie sein kann. Herr Ratzinger scheint aber ebendies implizit zu unterstellen. Seiner Einschätzung nach lehnt ein großer Teil aller Erfahrungswissenschaftler jegliche Form metaphysischer Theorien ab, weil diese ihrer Natur nach nicht empirisch überprüft werden können. Diese implizite Unterstellung Herrn Ratzingers ist nun natürlich selbst eine empirische Hypothese. Sie wäre, etwa durch eine repräsentative Umfrage bei Erfahrungswissenschaftlern, empirisch überprüfbar. Leider liefert Herr Ratzinger für seine Hypothese aber keinerlei empirische Belege. Dass es eine ganze Reihe von bekannten Erfahrungswissenschaftlern, auch im Bereich der Naturwissenschaften, gibt, die sich offen zu einer Religion – und damit zu einer in aller Regel recht üppig ausgestatteten metaphysischen Theorie – bekennen, spricht dafür, dass die empirische Einschätzung Herr Ratzingers auch falsch sein könnte. Aus rein logischer Sicht spricht auch dafür, dass kein Erfahrungswissenschaftler, der sich zu einer Religion bekennt, damit notwendigerweise in einen logischen Widerspruch zu der von ihm verwendeten erfahrungswissenschaftlichen Methode begeben muss. Die in den meisten Weltreligionen enthaltenen metaphysischen Theorien lassen Auslegungen zu, die nicht im Widerspruch zur erfahrungswissenschaftlichen Methode stehen (solange diese auf den Bereich der Erfahrungswissenschaften beschränkt bleibt).</p>
<p>Völlig unbenommen aber von der empirischen Richtigkeit der soziologischen Hypothese Ratzingers, kann aber darauf hingewiesen werden, dass prominente Vertreter, der von Ratzinger beschriebenen erfahrungswissenschaftlichen Methodik, wie etwa Karl Popper, nie behauptet haben, dass metaphysische Theorien sinnlos oder gar widersprüchlich sein müssen und deshalb abzulehnen sind. Popper hat das Problem, dass die von ihm propagierte Methodik der Erfahrungswissenschaft, nicht völlig auf metaphysische Hypothesen verzichten kann, ausführlich behandelt. Die Hypothese, dass es eine empirische Realität gibt, die unhabhängig von unserem subjektiven Bewusstsein existiert (dass also nicht „alles bloß ein Traum“ ist), kann in letzter Konsequenz nicht empirisch überprüft werden. Ihre Gültigkeit muss aber vorausgesetzt werden, wenn die erfahrungswissenschaftliche Methodik sinnvoll angewendet werden soll. Ebenso kommt kein Erfahrungswissenschaftler letztlich daran vorbei, die Hypothese zu unterstellen, dass seine Sinneseindrücke ihm, in welche Form auch immer, zutreffende Informationen über diese unabhängige Realität liefern. Auch diese Hypothese kann in letzter Konsequenz nicht empirisch überprüft werden, muss aber vorausgesetzt werden, wenn die erfahrungswissenschaftliche Methodik angewendet werden soll. Die erfahrungswissenschaftliche Methodik kann also nach Ansicht eines ihrer prominenten Vertreter nicht ohne Fundierung auf einer metaphysischen Theorie betrieben werden. </p>
<p>Freilich handelt es sich bei den hier genannten beiden metaphysischen Hypothesen um eine „metaphysische Minimaltheorie“, die viele Menschen emotional nicht befriedigen wird. Aber es steht jedem Menschen offen, sich diese metaphysischen Minimalhypothesen in eine emotional befriedigendere metaphysische Theorie zu integrieren oder, falls er die damit verbundenen subjektive Beliebigkeit in gewisser Weise vermeiden möchte, sich einer Glaubensgemeinschaft anzuschließen, die eine solche metaphysische Theorie vertritt.</p>
<p>Kurzum, die Hypothese, dass sich die erfahrungswissenschaftliche Methodik notwendigerweise im Widerspruch zu metaphysischen Theorien stehen muss, ist logisch nicht haltbar. Herr Ratzinger scheint hier mit seinen Ansichten dem Zeitgeist Tribut zu zollen, der sich ja auch in sehr ähnlichen Äußerungen von aktuellen Vertretern des Neomarxismus oder Poststrukturalismus niederschlägt. Was diese Denkströmungen offensichtlich gemeinsam haben, ist ihr Unbehagen an der Tatsache, dass es in einem sehr wichtigen Bereich der Wissenschaft, in den Erfahrungswissenschaften nämlich, eine Autorität gibt, die sich der Kontrolle geschlossener Lehrdoktrinen ebenso wie aller Arten von geistigen, politischen und ökonomischen Machthabern dieser Welt entzieht: die Kritik, die aus dem Widerspruch zwischen einer Theorie und einer empirischen Erfahrung resultiert.</p>
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