Kommunalwahlen Niedersachsen - Die Zweite

Als Ergänzung zu meinem ersten Kommentar: Tatsächlich ist die Wahlbeteiligung um einiges niedriger, wenn man die verschenkten Stimmen miteinberechnet. Leute, wenn ihr nur einen auf der Ratsliste kennt und den unbedingt wählen wollt und ansonsten keinen anderen, dann habt doch genügend Verstand, diesem einen Menschen alle drei Stimmen zu geben! Ich kann nicht verstehen, warum die Leute auf die Idee kommen, eine oder zwei der drei zu vergebenden Stimmen bei den Ratsversammlungen zu verschenken..

Wie ich bereits sagte, die Wahlhelfertätigkeit ist eigentlich besser als ihr Ruf. Ich habe bisher keinen gesehen und von keinem gehört, der abends miesepetrig war - auch wenn er zu dieser Arbeit verdonnert wurde. Vor allem städtische Mitarbeiter werden häufig in die engere Auswahl genommen. So findet man immer wieder Lehrer, aber auch Behördenbeamte, die im Wahlvorstand aushelfen sollen. Manche erlauben sich die Frechheit, einfach nicht zu erscheinen (wir hatten auch so einen Fall). Ansonsten haben die meisten nur ein Problem mit dem frühen Aufstehen am Sonntag.

Guten Morgen

Um 07:30 fängt die Arbeit des Wahlvorstands an. Da um 08:00 die ersten Wähler schon vor der Tür stehen, muss innerhalb der ersten halben Stunde der gesamte Wahlvorstand anwesend sein. In dieser Zeit werden teilweise Stellvertreter für den Wahlvorsteher und Schriftführer ernannt und die relativ grosse Gruppe an Wahlhelfern teilt sich den Tag ein. Es müssen jeweils mindestens 3 oder 4 (ich glaube je nach Wahl) anwesend sein. Ausserdem muss das Wahllokal aufgeräumt werden, Tische mit Sichtschutz und Stiften werden aufgestellt. Diese Aufgabe ist nicht so einfach, wie man denkt, da gesichert sein muss, dass sowohl von innen (Wahlhelfer und andere Wähler) als auch von aussen (vor allem bei Fenstern) der Wahlzettel des jeweiligen Wählers nicht einsehbar sein sollte (Stichwort geheime Wahl) und da man meist erst dann den Wahlraum zu Gesicht bekommt.. Die Urnen müssen entleert werden und darin finden sich der Papp-Sichtschutz, Stifte und weitere Utensilien, Muster-Wahlzettel und die Wahlzettel selbst.

Wenn die erste Arbeit erledigt ist (wir waren erst um 08:15 fertig, da “Wach und Schliess” ‘unser’ Wahllokal erst um 08:00 aufgemacht hat..) und die Wahl offiziel durch den Wahlvorsteher eröffnet ist, kann die Nachmittags-Crew wieder nach Hause. Tagsüber ist der Betrieb relativ leicht zu machen. Einer muss die Namen im Wählerverzeichnis abhaken, ein anderer muss die Wahlzettel aushändigen. Da es viele unhandliche Wahlzettel gab, sollten zwei Helfer diese zusammenstellen und ausgeben.

Statistikübungen tagsüber…

Die Wählerdichte - also Wähler pro Minute, die durch die Tür des Wahllokals treten - variiert stark und man ist geneigt zu hinterfragen, warum plötzlich soviele Leute vorbeischauen. Offensichtlich geht der normale Menschenverstand von einer natürlichen und allgegenwärtigen Normalverteilung aus.. So versucht man dann zwischen den Als-Erster-Wählern, den Kirchengängern, den Nach-Mittagsessern und den Huch-Es-gibt-ja-Wahlen-Wählern vergeblich weitere Gruppen zu finden. Tatsache ist, der Zufall kümmert sich nicht darum, dass sich Zufallsverteilungen “normalverteilt” verhalten sollten..

Es fallen auch andere Dinge auf: Einer der Wahlhelfer hatte angemerkt, dass die meisten Paar-Wähler die Wahlbenachrichtigung sowohl vor als auch nach Vorzeigen bei der Frau aufbewahrten. Fortan mussten wir schmunzeln, sowohl wenn die “Regel” als auch wenn die - nicht so seltene - “Ausnahme” geschah. Weitere Bemerkungen: Kinder werden fast immer mit in die Wahlkabine genommen1. Dabei wird meist eine Trennung nach Geschlecht vorgenommen. Die Kinder dürfen hinterher auch die Wahlzettel in die Urnen schieben. Familien mit jugendlichen Kindern wählen selten zusammen - anders als die mit kleinen Kindern..

Auffällig: Die Menschen erkennen sich - und geben sich zu erkennen - anhand von Hunden, die sie auf der Strasse führen. “Sie haben doch diesen kleinen niedlichen …” oder “Das ist doch ihr Hund, der so laut bellt, oder?”..

Übrigens: Wahlberechtigt ist ja nur, wer mindestens drei Monate im Wahlbereich wohnhaft ist. Der Wahlbereich unterscheidet sich aber von Wahlzettel zu Wahlzettel. D.h. es kann durchaus vorkommen, dass jemand zwar Regionspräsident und Regionsrat, aber weder Oberbürgermeister, noch Stadtrat, noch Bezirksrat wählen darf! Oder er wählt für Region und Stadt, aber nicht für Bezirk. Die Information darüber steht im Wählerverzeichnis. Es ist ein komisches Gefühlt, jemandem zu sagen, dass er eine Wahl nicht mitmachen darf. Unter Umständen scheint das wie eine Geringschätzung oder so..

…Algebra zum Abendbrot

Pünktlich um 18:00 - bzw. wenn die Spätmerker die Wahlzettel durchblickt und ein paar Kreutzchen verteilt haben - wird die Wahl für beendet erklärt und dann geht’s an die Auszählung. Inzwischen sollten alle Wahlhelfer wieder eingetrudelt sein. Bei den Kommunalwahlen mussten wir erst einmal alle Wahlurnen auskippen, da mehrere Menschen das Verteilungssystem der Stimmzettel nach Farbe nicht durchblickt hatten. Dann wird in der Reihenfolge Regionspräsident, Oberbürgermeister, Regionsrat, Stadtrat und zu guter Letzt Bezirksrat ausgezählt - Fertig! Naja, das geht ja nicht ganz so schnell.

Direktwahlen

Die beiden Präsi- oder Direktwahlen sind tatsächlich relativ schnell gemacht, es sei denn die Anzahl der abgehakten Wähler im Wählerverzeichnis stimmt nicht mit der Anzahl der Wahlzettel überein. Das Wahlamt gibt zwar vor, dass die Anzahl der Wahlzettel entscheidend ist und stellt es dem Wahlvorstand sogar frei, überhaupt die Haken im Wählerverzeichnis zu zählen oder eben nicht, aber diese Zählung kann eine hilfreiche Stütze sein, wenn die Anzahl der Wahlzettel zwischen OB und RP nicht miteinander vereinbar sind.

Wie dem auch sei, wenn man nochmal alle anderen Wahlurnen nach vermissten Wahlzetteln durchsucht hat und ein drittes Mal nachgezählt hat, kristallisiert sich eine Wähleranzahl heraus, auf die sich aufbauen lässt. Die Ergebnisse der beiden Direktwahlen sollten dann vor Beendigung der weiteren Auszählungen bereits telefonisch dem Wahlamt mitgeteilt werden - die Kandidaten sitzen dann schon gespannt..

Ratswahlen

In der Zwischenzeit - vor allem beim Nachzählen - haben sich einige von uns an die Vorsortierung der Ratswahlen gemacht. Da auf den grossen Bögen jeweils bis zu drei Stimmen vergeben werden können, müsste im Normalfall einer die Stimmen einzeln ansagen und drei oder vier schreiben mit. Um diese mühselige Aufgabe aufs Minimum zu reduzieren, werden die Wahlzettel, in denen der Wähler alle drei Stimmen genau einer Partei oder genau einer Person gegeben hat, in Gruppen sortiert.

Nachdem diese “einfachen Wahlzettel” gezählt und die entsprechende Anzahl Stimmen der Partei oder Person zugeschrieben wurden, müssen die restlichen Stimmzettel einzeln verlesen werden. Um die Arbeit leichter zu machen, werden die Zählblätter auf mehrere Personen verteilt. Leider habe ich die Erfahrung machen müssen, dass - egal wie man sie gerade verteilt - einer immer viel und der andere wenig aufzuschreiben hat..

Nachtarbeiter

Nach der vollständigen Auszählung und der Durchgabe der Zahlen via Telefon werden die Protokolle noch zuende geschrieben und unterschrieben, die Wahlzettel und alle Wahlutensilien in die Urnen gelegt, zwischenzeitlich das Wahllokal aufräumen, die Zählblätter, das Wählerverzeichnis und die Protokolle werden in einen Umschlag getan, zusammen mit der Abrechnung der Entschädigungen. Diesen Umschlag musste ich heute morgen dann zum Rathaus bringen. Dort werden die Protokolle überprüft, das Geld nachgezählt und meine Wenigkeit verabschiedet. Am Chaos im Rathaus kann ich mir gut vorstellen, was die alles zu tun hatten..

So, damit bin ich am Ende meiner Ausführungen und meiner für heute vorgesehenen Kräfte. Wer immer noch nicht genug hat, kann sich beim Parteiblog ein paar mehr Bemerkungen abholen.

  1. Das kann bedenklich sein, wenn diese - gerade erst mit den Buchstaben des Alphabets betraut - die Wahl ihrer Eltern hinausposaunen möchten[]

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Comments

  • By derhenry, 12. September 2006 @ 07:23

    nette einblicke. :-)

  • By Heiko, 13. September 2006 @ 02:23

    +++

    Endlich mal eine andere Sichtweise. ‘Aus der Sicht *eines* betroffenen’ kann man ja nicht sagen, wir waren ja beide bei der Wahl. ;-)

    Wenn man von städtischen Lakeien und anderen gedungenen mal absieht, bleibt ein immer noch erheblicher Teil der Last auf den Schultern der Freiwilligen liegen.

    Für deine ehrenamtliche Arbeit – auch noch an einem Wochenende – bekommst du von mir noch ein *fettes respekt, ey alter*.

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