Göttinger Moschee
Anfang des Monats hat die HAZ einen Artikel über die neugebaute Moschee in Göttingen veröffentlicht, die im Herbst offiziell eröffnet werden soll. Die Moschee ist eine der wenigen in Deutschland, die von aussen als solche erkennbar ist - mit Kuppel und zwei Minaretten! Innen sollen Kaligraphien die Wände der 400m2 Fläche des dreistöckigen Gebäudes verzieren. Alles in allem eine recht imposante Baustelle.
Die Moschee hat eine Kuppel und zwei Minarette, innen drei Stockwerke und ein knappes Dutzend Räume auf insgesamt 400 Quadratmetern. Die bunten Kacheln und der große Kronleuchter wurden in der Türkei hergestellt. Türkische Kalligraphen fertigten die aufwendigen Wand- und Deckenzeichnungen an. 750 000 Euro kostet der Moschee-Bau. Das Geld stammt aus Spenden und Mitgliedsbeiträgen sowie aus dem Verkauf eines alten Gebetsraumes am Rande des Industriegebietes, erläutert Sahbaz. Die restliche Bausumme wurde über Kredite finanziert.
Nebenbei: ich hoffe, dass die Kredite zinsfrei sind, sonst ist es schwierig die Moschee als islamische Gebetsstätte zu bezeichnen..
In der Wochenendausgabe der HAZ lese ich heute dann den folgenden Leserbrief mit der Überschrift “Spinnefeind”:
Ich hoffe, es wird bei aller Euphorie für den Bau der Moscheen - noch größer, noch höher, ob militant oder harmlos - nicht vergessen, dss wir Christen in der Türkei kein Gotteshaus bauen oder einrichten dürfen, obwohl immer mehr deutsche Rentner in die Türkei ziehen.
Es muss getrickst und gelogen werden, um einen Gottesdienst halten zu können. Gott und Allah scheinen sich wirklich spinnefeind zu sein.
Man erkennt am Leserbrief nicht, ob der Verfasser selbst betroffen ist (ob er also christlich-deutscher Rentner ist, der in die Türkei migrieren möchte) oder ob er nur ein Argument heranzieht, um Moscheebau in Deutschland in ein negatives Licht zu rücken. Die Einlassung “militant oder nicht” versuche ich einfach mal zu ignorieren1. Was man nicht ignorieren kann, ist der Vergleich mit der Türkei. Tatsächlich gibt es in der Türkei viele Kirchen und die wenigsten sind von aussen nicht als solche erkennbar.
Als ich in Jordanien war, war ich über die Anzahl der Kirchen erstaunt. Sie kamen nicht ganz an die Anzahl der Moscheen heran, allerdings war der zahlenmässige Abstand nicht sehr groß. Außerdem waren die meisten Moscheen nur (relativ) kleine Gebetsstätten, die für den Alltag praktisch mitten in den Einkaufspassagen gebaut wurden2. Anders die Kirchen: Diese waren stets Zentren mit allen möglichen Einrichtungen, die eine Parallelgesellschaft3 Community braucht (Bspw. Kinderbetreuung). Hier zwei Bilder einer (nicht übermässig großen) Kirche in Amman:
Die Ausrede, dass Christen in muslimischen Ländern keine Kirchen bauen dürfen und deshalb Moscheebau hier in Deutschland darunter leiden müsse, ist - aus unterschiedlichen Gründen - immer weniger haltbar. Nicht nur, dass der Massstab für die Bewertung, wie weit Religionsfreiheit gehen soll nichts mit der Religionsfreiheit in anderen Staaten zu tun haben darf; es gibt tatsächlich in der Mehrzahl der islamischen Länder Kirchen und diese sind weit repräsentativer als Moscheen in Deutschland.
Prioritäten
Nachdem ich das gesagt habe, muss ich hinzufügen, dass ich der Meinung bin, dass Muslime in Deutschland4 ihre Prioritäten verschieben müssen. Statt viel Geld für Bauten auszugeben, kann einiges davon für Vorträge, Treffen und Jugendarbeit aber auch für professionelle Medien- und Vereinsarbeit ausgegeben werden. Das Problem ist nur, dass man oftmals mehr Spendengeld für eine tolle und schöne Moschee sammeln kann, als für etwas so unbeschreibliches wie Vereinsarbeit..
- es fragt ja auch keiner nach, ob eine Kirchengemeinde militant ist oder ob der Pfarrer der Kirche möglicherweise pädophil ist..[↩]
- Da Muslime fünf mal am Tag beten gehen..[↩]
- PS: Obwohl Christen im Allgemeinen ihre eigenen Einrichtungen und teilweise Stadtteile haben, ist die Trennung nicht so sichtbar wie die Trennung in good old Germany.[↩]
- überall auch, aber hier interessiert es mich ganz besonders[↩]
Comments
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By Kathrin, 14. August 2006 @ 11:48
Dieses Argument mit den Kirchen in muslimischen Ländern ist wirklich hanebüchen. Eine Fahrt durch Kairo allein belehrt eines Besseren. Ich habe nie so große Kirchen gesehen. Einen wahren Kern hat der Vorwurf jedoch: in Saudiarabien dürfen keine Kirchen gebaut werden. Aber soweit ich weiß, darf man im Vatikan auch keine Moscheen bauen.
Ansonsten sehe ich es genauso wie du: Investitionen in Steine bringen uns Muslimen heutzutage nicht viel. Das Bedürfnis nach representativen Bauten ist aber leider sehr groß unter den Muslimen. Das Gefühl habe ich zumindest.
By Omar Abo-Namous, 15. August 2006 @ 23:43
“Das Bedürfnis nach repräsentativen Bauten ist aber leider sehr groß unter den Muslimen.”
Leider ja. Bei älteren Menschen hätte ich damit keine Probleme. Aber ich glaube, dass die jüngere Generation sich deutlich von dieser Vorstellung trennen sollte. Das Geld kann besser ausgegeben werden!