Wer ist radikal? 40 Tote in Sommerregen!
Oft habe ich mir anhören müssen, dass man liebend gerne “die da unten” (gemeint sind Palästinenser und Israelis) einschliessen sollte, bis sie sich gegenseitig umgebracht hätten oder zu einem friedlichen Ergebnis gekommen wären, dann könnte man wieder aufmachen. Die Argumentation, die in Anlehnung an die vermutete Radikalität und Brutalität beider Verhandlungs- oder Konfliktpartner. Ich gewinne in letzter Zeit immer mehr den Eindruck, dass die Radikalität eher etwas externes zu diesem Konflikt ist. Speziell Europa spielt hierbei eine sehr unrühmliche Rolle, wenn es um die Rechtfertigung jeglicher israelischer Praxis geht.
Dabei gibt es Israelis, die einen Frieden anstreben und gegen die Praktiken ihrer Regierung demonstrieren. Statt diese zu stärken und die israelische Regierung dazu zu bringen, ihr Militär zurückzuziehen, scheinen unsere Politiker bestenfalls zu schweigen. Und wenn sie reden, machen sie klar, dass beide Seiten sich zurückziehen sollten.. Gleichzeitig schaut die Welt zu, wie das Abschlachten von Palästinensern weitergeht:
After Palestinian Prime Minister Ismail Haniyeh’s call on Saturday for a cease-fire, Israeli leaders responded with an increase in the intensity of their invasion of Gaza, saying the incursion could continue for months. “We are determined to create a professional chaos, to jump from one place, to emerge, to use this method or another, to leave the territory and enter it again after a while,” Israel’s Gaza Division Commander Brigadier General Kochavi said this weekend.
The commander of the southern region, General Yoav Galant insisted Saturday that “Operation Summer Rain” would deter Palestinian militants. “They will think twice before launching attacks when they see in a week, a month or two months from now that hundreds of terrorists have been killed, that infrastructure and ministerial offices have been destroyed,” he said.
Die Operation Sommerregen hat bereits mindestens 40 Tote und 120 Verletzte hervorgebracht - die indirekten Folgen der Beschädigung der Strom- und Wasserversorgung werden hier nicht einberechnet (das ist dann einfach “natürlicher Tod”). Gleichzeitig denkt die israelische Armee nicht daran, sich zurückzuziehen. Wieviele Abkommen und Rechte Israel in ihrem Angriff verletzt, kann ich hier gar nicht aufzählen. Alain Gresh hat es in einer höchst eindrucksvollen Abhandlung versucht und kommt zum Schluß:
It is surely no coincidence that the present offensive came just as all the Palestinian movements (except for Islamic Jihad) signed a joint declaration (2) accepting the establishment of a Palestinian state on all the territories occupied in 1967, with East Jerusalem as its capital - an implicit recognition of Israel. The Israeli government wanted to stamp out any new Palestinian opening towards peace. It had done the same in 2002, when an Arab summit in Beirut endorsed a plan that proposed recognition of Israel in exchange for the creation of a Palestinian state; the Sharon government responded, on the pretext of a suicide attack, with a generalised offensive against the occupied territories.
Aus Israel
Hier noch eine Liste an Artikeln aus Israel, die den Angriffskrieg und die Menschenrechts- und Völkerrechtsverletzungen Israels kritisieren:
Comments
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By Tugba, 11. Juli 2006 @ 08:39
Selam,
ich bin eigentlich nie up-to-date.
Habe ich das richtig verstanden:
Da wurde ein jüdischer Soldat entführt (lebt der noch?) und im Gegenzug trampelt Israel rein und bringt kurzerhand mindestens 40 Menschen um?
Und wurde der jüdische Soldat deswegen entführt, um einige Hundert (zu Unrecht) Inhaftierte (darunter Kinder, Frauen,…) zur Freilassung zu erpressen?
Ich verstehe, wenn Leute sagen: “Ich kanns nicht mehr hören.”
Weil man eigentlich nicht mitbekommt, wie sehr die Palästinenser (und auch Israelis) leiden. In den Nachrichten hört man nur Zahlen (von Toten) und Fakten. Das ist schnell vergessen und man widmet sich dem Abendessen zu. Uns gehts ja gut!
Aber das Bild von dem schreienden Mädchen, dessen Familie am Strand getötet wurde, bleibt ewig in Erinnerung.
Mir fehlt eine komplette Erklärung, wie es dazu kam, dass sich Palästinenser und Israelis nicht verstehn (hat was mit 2. Weltkrig zu tun, oder noch früher), wie die Situation auf beiden Seiten ist.
Welche Seiten, Bücher,… kann man empfehlen?
Gruß
By Ike, 11. Juli 2006 @ 18:39
Hi Tugba!
Du kannst es sehr gut auf Wikipedia nachlesen.
Im Endeffekt sieht es so aus, dass die Israelis in der Zeit nach 1948 sich über viele völkerrechtliche Abkommen hinweggesetzt haben und so ihren Einfluss immer weiter ausgedehnt haben und damit die vorhandene Bevölkerung weiter abgedrängt haben.
Dass da die Palästinenser nicht glücklich drüber sein können, ist klar. Und dass es in einer solchen Situation schnell zur Radikalisierung kommen kann (wenn Israel nicht mal Verträge beachtet - was bringen da Verhandlungen?) ist auch klar.
Es ist echt eine miese Situation, die dadurch verstärkt wird, dass Israel “Narrenfreiheit” bei den westlichen Mächten hat. Ich muss da immer wieder an Möllemann denken, der eigentlich nur die Wahrheit gesagt hatte, aber kräftigen Gegenwind spürte.
Und nun der wichtige Disclaimer: Ja, an den Juden wurde in der Zeit des 3. Reiches großes Unrecht angetan und die Deutschen haben durch die Tötung von Millionen von Juden wirklich Unmenschliches getan. Aber genauso wie die Deutschen von heute nicht schuldig dafür gemacht werden können, was damals geschehen war, können die Israelis von heute nicht automatisch unschuldig an ihren aktuellen Taten den Palästinensern gegenüber sein.
Disclaimer2: Und ja, auch die Palästinenser üben Gewalt aus und tun Einiges, um jeglichen Friedensprozess zum Stocken zu bringen. Eine Lösung kann meiner Meinung nur sein, dass die Staatengemeinschaft beide Seiten an einen Tisch bringt, beide Seiten sich gegenseitig anerkennen und die Staatengemeinschaft beiden Seiten kräftig auf die Finger haut, wenn sie gegen die Regelungen verstoßen. Vielleicht wäre auch ein langjähriger Blauhelmeinsatz eine Idee.
Michael
By Lara, 14. Juli 2006 @ 07:29
Entschuldigung, Wikipedia ist keine empfehlenswerte Quelle. Gerade was politische Themen angeht, ist die Wikipedia ein Opfer hartnäckiger Agitprop-Spezis geworden. Die Informationen sind unzuverlässig und für ernst genommen werden wollende Publikationen ungeeignet. Im Höchstfall kann man die Weblinks als Ausgangspunkt für eigene Recherchen verwenden, aber eigentlich kann man sich den Umweg über Wikipedia ganz sparen. Die Schreiberlinge dort machen auch nichts anderes als zu googeln und - meist sehr POV-lastig ihre eigene Meinung bestätigende Texte zu einem “Artikel” zu verwursten. Besser selbst recherchieren, richtige Bücher und Enzyklopädien konsultieren und dabei den eigenen gesunden Menschenverstand benutzen.
Für Tugba: Wenn du dich für die Geschichte des Konflikts interessierst, kann ich dir dieses Buch empfehlen: http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2003-1-112
Grüße, Lara