Schwarz-Rot-Gold - These Colors don’t run!

Die deutsche Fußball-Nationalmannschaft hat bewiesen, dass die deutschen Farben tatsächlich nicht zerlaufen können - zumindest nicht so gut (oder nicht so lange), wie die italienischen Farben. Allerdings wird es jetzt erst richtig spannend:

Werden die Schwarz-Rot-goldenen Flaggen verschwinden oder reicht ein dritter oder vierter Platz, um den neuen Patriotimus à la US-style aufrechtzuerhalten? Können wir denn auch darauf stolz sein, dass unsere Regierung Rüstungsexporte in ein Krisengebiet erlaubt und eine Besatzerarmee damit ausstattet?

Für weniger Ablenkung!

Es wäre schön, wenn wir uns nun endlich - nachdem nicht ganz so viel auf dem Spiel steht - neben der Fußball-Weltmeisterschaft auch für die Politik (und die Menschen) im nahen Osten interessieren würden. Ich glaube nicht, dass der Großteil der Deutschen (oder Europäer wenn wir schon dabei sind) der Kollektivbestrafung der palästinensischen Bevölkerung zustimmen. Aber wo bleiben die Demonstrationsmärsche, wo die Mahnwachen oder die Lichterketten, die von Muslimen stets eingefordert werden, wenn ein Anschlag angeblich im Namen des Islams geschieht? Oder reicht die Solidarität mit den Menschenrechten und den Opfern von Anschlägen nicht bis nach Palästina. Oder ist der Mitleid bereits am entführten israelisch-französischen Soldaten ausgeschöpft.

Statt dass sich Politiker von den barbarischen Taten der israelischen Regierung distanzieren, wird im besten Fall geschwiegen - im schlimmsten Fall “solidarisieren” sich unsere Politiker mit einem Besatzerregime! Statt zu fordern, dass die ohne Anklage einsitzenden palästinensischen Frauen und Kinder aus der Haft entlassen werden, wird mit Nachdruck und unmissverständlich einseitig die Freilassung eines einsamen israelischen Soldaten gefordert und als zwingend notwendiges Kriterium für das Existenzrecht und Menschenrecht der palästinensischen Bevölkerung angesehen. Aber es gibt auch Gegenbeispiele:

Die Schweiz hat nach der jüngsten Eskalation im Konflikt zwischen Israel und den Palästinensern eine Million Franken für humanitäre Hilfe im Gazastreifen gesprochen. Das Vorgehen der israelischen Armee ist vom Eidgenössischen Departement für auswärtige Angelegenheiten (EDA) scharf kritisiert worden.

Verschiedene Aktionen der israelischen Armee verletzten den Grundsatz der Verhältnismässigkeit und stellten eine verbotene kollektive Bestrafung der Bevölkerung dar, teilte das EDA am Montag mit. Der Angriff etwa auf den Amtssitz des palästinensischen Premierministers Ismail Hanija oder die Zerstörung eines Elektrizitätswerks, unter der nun 700.000 Menschen litten, seien nicht zu rechtfertigen.

Das EDA fordert Israel auf, keine verbotenen Angriffe mehr auf zivile Objekte zu unternehmen und den Schutz der Zivilbevölkerung sicherzustellen. Die festgenommenen palästinensischen Volksvertreter müssten freigelassen werden, sofern nicht konkrete Vorwürfe eine Festnahme rechtfertigten. Einen wichtigen Beitrag zur Beruhigung würde aber auch die Freilassung des israelischen Soldaten darstellen, der vom militärischen Flügel der Hamas-Bewegung entführt wurde.

Luisa Morgantini, Leiterin des Ausschusses für Entwicklungspolitik im Europaparlament, fordert in einer Pressemitteilung

“STOP ISRAEL NOW: FOR ITS OWN SAFETY AND FOR THE SAFETY OF THE PALESTINIANS: THE UN FORCES MUST INTERVENE “

“In Gaza and the occupied territories the situation is unsustainable. The time for official statmements is past: UN interposition forces must intervene immediately”, stated i (GUE/NGL) President of the Development Commission of the the European Parliament in the wake of the escalation of violence in the Gaza strip..

“The current phase is so explosive that exceptional measures by the international community, by Europe and by individual countries are becoming more and more urgent” continued Luisa Morgantini.

“As an international community, we cannot stand by as passive external observers. The United Nations and their interposition forces must immediately act to reestablish the rule of law in the region, demand the immediate end of the Israeli aggression, the release of the eight ministers and other members of Hamas who have been arrested, call on the PNA to continue in their negotiations for the liberation of the Israeli soldier and finally vigorously condemn all acts that stand in the way of a rapid return to the peace negotiations.

Moreover, the European Union and the Quartet must immediately intervene to confront the humanitarian crisis in the Gaza strip, demanding that the Israeli government reopen the border crossings for the transport of goods and people”.

Ich bin gespannt, wie weit wir unsere Werte (Menschenrecht) wegschieben können, um einem befreundeten Staat (Israel) den Rücken zu stärken - egal wie er sich verhält..

Empfehlungen

Auch erfrischend, jemand, der sagt, worum es eigentlich geht: A black flag, Gideon Levy.

A black flag hangs over the “rolling” operation in Gaza. The more the operation “rolls,” the darker the flag becomes. The “summer rains” we are showering on Gaza are not only pointless, but are first and foremost blatantly illegitimate. It is not legitimate to cut off 750,000 people from electricity. It is not legitimate to call on 20,000 people to run from their homes and turn their towns into ghost towns. It is not legitimate to penetrate Syria’s airspace. It is not legitimate to kidnap half a government and a quarter of a parliament.

A state that takes such steps is no longer distinguishable from a terror organization. The harsher the steps, the more monstrous and stupid they become, the more the moral underpinnings for them are removed and the stronger the impression that the Israeli government has lost its nerve.

Ich hoffe, eine solche Stimme bleibt nicht ungehört in Israel, denn auch da muss noch sehr viel Aufklärungsarbeit geschehen, um die die Tragweite der Handlungen der israelischen Regierung klar zu machen. Ausserdem eine gute Analyse, wie Medien mit verschiedenen Massstäben die “Entführung” und die “Inhaftierung” von palästinensischer resp. israelischer Seite gleich bewerten:

Just look at the latest story, about the capture of an Israeli soldier. Palestinian fighters, allegedly linked to Hamas, in a daring raid, attacked a group of Israeli soldiers near the border of Gaza, killing two and capturing one.

This incident came after a period when the Israeli military has been shelling and rocketing Gaza, quite likely killing a whole family of beachgoers (though the Israeli military claims rather improbably that this was the result of a Hamas mine, not of a shell), and a number of other civilians.

Almost universally in the U.S. media, including on National Public Radio, the captured Israeli soldier is being referred to as a hostage and his capture is referred to as a “kidnapping.”

Note that Israeli jails are brimming with captured Palestinian fighters, but this is not called kidnapping, nor are they called “hostages,” though they often end up getting their freedom in in exchange for the return of captured Israeli soldiers who are referred to as “hostages,” not prisoners.

In dieselbe Richtung argumentiert Jonathan Cook in „Eskaltion“ – „Vergeltung“ und die Doppelmoral der BBC in Gaza. Allen Lesern möchte ich noch die Briefe einer Angelika Schneider aus Israel ans Herz legen. In letzter Zeit sind die Blog-Einträge aus dem Gaza-Streifen nur noch vereinzelt auf dem Laufenden, was sicherlich auch damit zu tun hat, dass die Stromversorgung fast gar nicht mehr funktioniert.

Sarnia Barnia, eine Frau aus Ramallah, wusstenicht warum sie während des Angriffs auf Gaza völlig unfähig war, irgendetwas zu tun - nicht einmal zu weinen oder zu schreien - außer ständig an den Nachrichten zu hängen. Bis ihr klar wurde, dass sie unbewusst die, schon lange verdrängte, 80 Tage lange Belagerung Beiruts und Angriffe durch die israelische Armee wieder durchlebte, die sie damals miterlebt hatte. Anlass war die Ermordung des israelischen Botschafters in Großbrittanien, der wirkliche Grund, eine Sicherheitszone 40km innerhalb von Libanon uaszudenen und - wie Scharon auch sagte - ein Ende der PLO und seines Führers Arafat herbeizuführen. “Ich wünsche, ich könnte bloß weinen,” sagt sie, “Ich kann keine Erinnerungen mehr ertragen, die
Wirklichkeit auch nicht.”

Zum Schluss noch das Ende des Bogens mit einer interessanten Observation:

Wenig später amüsierten sich zwei alte Araber auf der Skalitzer Strasse über die hupenden Deutschland-Fans in ihren Automobilen mit den Worten: “Hihi… wie die Türken”.

Da musste ich lächeln.

Comments

  • By Andreas, 5. Juli 2006 @ 19:11

    Ich weiß, in diesem Konflikt ist’s ja schwer, beide Seiten zu betrachten und sich nicht blind auf eine zu schlagen. Aber ich empfehle auch die Lektüre dieses “Time”-Artikels: http://www.time.com/time/magazine/article/0,9171,1209965,00.html

    Kernaussage: Die Ursache des jetzigen Konflikts liegt nicht irgendwo weit in der Vergangenheit, sondern gerade mal ein Jahr zurück. Als Israel sich aus Gaza zurückzog begann dort nicht etwa der Aufbau eines Staates, mit Schulen und Straßen, sondern sofort der Beschuss Israels mit Raketen. Mehr als 1000 haben seitdem eingeschlagen. In einer Stadt, Sderot, mit Männern, Frauen und Kindern, die dort leben, also mit Sicherheit kein “militärisches Ziel”. Ist das legitim - oder auch menschenverachtend und ein Verbrechen? Und wie reagiert man darauf “angemessen”?

  • By Omar Abo-Namous, 5. Juli 2006 @ 22:29

    @Andreas:
    Ein kleiner Fehler ist den Autoren dieses Textes unterlaufen: Tatsächlich waren die ersten Qassam-Raketen eine “Antwort” (ja, ich weiss beide Parteien “antworten” nur) auf die Tötung zweier Aktivisten. Natürlich sagt die israelische Armee, dass sie auf der Grundlage gehandelt habe, dass diese beiden einen Anschlag verüben wollten.. Wie dem auch sei, die Anschläge selbst (die ich erst gar nicht rechtfertigen will, solange sie auf Zivilisten abzielten; man sollte aber mitberücksichtigen, dass keine Opfer zu beklagen waren, die Bomben sind auf freie Flächen gelandet) kamen als Antwort auf die Assasinationspolitik, die Israel nach dem “Abzug” verfolgt hat. Tatsache ist aber, dass alle palästinensischen Fraktionen sich während des israelischen Abzugs aus dem Gaza-Streifen auf eine Waffenruhe geeinigt hatten. Nach und nach sind die einzelnen Fraktionen von diesem einseitigen Waffenstillstand zurückgetreten, da sie selbst angegriffen wurden.

    So hat die israelische Armee nur einen Tag später einen Luftangriff ausgetragen, dessen Folge vier Tote und neun Verletzten waren. Am selben Tag wurde ein Luftangriff auf mehrere Ortschaften in Gaza (unter anderem eine Schule) ausgeführt - 17 Verletzte. Und danach - daran kann man sich nur schwer erinnern - war schon Zeit für den ersten Regen. Ende September hatten die zwei palästinensischen Gruppen (Hamas und “Islamic Jihad”), die im Beschuss von Sderot involviert waren einen einseitigen Waffenstillstand ausgerufen. Aber Israel dachte nicht daran, eine einmal gerechtfertigte Militäraktion dieser Grössenordnung einzustellen..

    Langer Rede kurzer Sinn, die Aussage ist in höchstem Masse irreführend. Es ist eben nicht die “Palestinians’ true agenda”, was auch immer Herr Krauthammer damit meint. Ein Blick in seine Biographie zeigt, warum er der Meinung ist, Israel recht geben zu müssen:

    Krauthammer is a defender of unilateralism and maintains that as a superpower, the U.S. should assert its positions and invite others to join. He believes that, “the notion that legitimacy derives from international consensus,” is a political absurdity in what he calls the, “unipolar world,” dominated by US foreign policy [3]. In 2002, Krauthammer articulated “a new type of realism”

    und

    Krauthammer has been a defender of the right-wing Likud party in Israel, though he is more likely to support the new centrist Kadima party as he is generally in favor of withdrawal. He believes in the importance of a fence between the two states’ final borders as an important element of any peace.

    Wer so einen Analysten hat, braucht sich nicht um Geschichtsfälschung zu kümmern!

  • By Andreas, 6. Juli 2006 @ 08:02

    Danke für die Antwort. Es ist wie immer in diesem Konflikt: Alles ist irgendwie immer eine Antwort auf irgendwas und jeder sagt, man selbst sei ja für Frieden, nur der andere leider…

    Aber was Krauthammer angeht: Mag ja sein, dass er ein unsympathischer Zeitgenosse ist, dessen politische Positionen ich bestimmt nicht teilen muss. Trotzdem sollte man sich mit Positionen auseinandersetzen, selbst wenn sie von jemandem kommen, dessen Meinungen man nicht teilt. Denn sie müssen nicht unbedingt falsch sein.

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