Reaktionen auf die Reinvasion Palästinas
Etwa 24 Stunden nach dem Anfang der Invasion des Gaza-Streifens warte ich immer noch auf den Augenblick, an dem ich nicht mehr so sprachlos bin. Deshalb versuche ich für mich und für andere einige Reaktionen anderer festzuhalten in der Hoffnung, dass es einfacher wird, sich früher oder später einen Reim aus der Invasion zu machen. Ich musste natürlich eine Auswahl treffen derjenigen Kommentare, die ich hier vorstelle.
Fragen über Fragen
Eine der grössten Fragen, die sich beim Festnahme/Angriffs-”Spiel” stellt, ist sicherlich die, warum die internationale Staatengemeinschaft nicht (schon früher) von Israel gefordert hat, die entführten Palästinenser freizulassen. Viele sind Minderjährig oder sitzen ohne Anklage. Auf BBC findet sich ein interessanter Artikel über die Reaktionen von Palästinensern im Gaza-Streifen.
For Walid al-Houdaly, 46, the capture of an Israeli soldier by Palestinian militants offers the opportunity that his wife and their 18-month-old child will be freed from prison.
…
Israel is believed to have about 100 women and 300 under-18s among the more than 8,000 Palestinian prisoners in its jails.
Like many Palestinians, Mr Houdaly believes that the world is focussing on the fate of one Israeli soldier when thousands of Palestinians have been imprisoned or detained in what they regard as their fight for independence.
Ähnlich fragt sich AllesdrehtsichimKreis über die verschiedenen Massstäbe, die bei palästinensischen und israelischen Gefangenen angesetzt werden. Schliesslich gibt uns baseface einen weiteren Grund, auf Deutschland stolz zu sein.
Befreiungskampf?
Laut offiziellen Angaben der israelischen Regierung soll die Militäroperation zur Befreiung des israelischen Soldaten dienen. Allerdings ist fraglich, warum dann zivile Einrichtungen demoliert werden. Während das bei Brücken (militärisch) halbwegs verständlich (aber keineswegs rechtfertigbar) ist, kann ich mir schlecht vorstellen, warum das Elektrizitätswerk oder das Wasserwerk bombardiert wurden. In “Wer will Krieg?” fragt sich Vertarn dasselbe:
Geht man so mit einer Entführung um? – Israelische Truppen sind wegen einer Entführung in den Gaza-Streifen einmarschiert und haben die Elektrizitätsversorgung in dem Gebiet weitgehend lahmgelegt.
…
Eine superhumane Aktion, eine wunderbare Deeskalationspolitik!
Von Deeskalation kann die israelische Politik zur Zeit nicht weiter sein, denn wie sonst kann man sich das Eindringen israelischer Kampfjets in den syrischen Luftraum erklären?
Unterdessen kommt apollon zum selben Schluss wie EU und Uno:
Jetzt wäre eigentlich der Punkt gekommen, an dem die Palästinenserregierung durch die Freilassung der Geiseln ihren guten Willen aber vor allem wohl ihre eigene Handlungsfähigkeit unter Beweis stellen könnte.
Eine Auffassung, die Volker Perthes von der Stiftung Wissenschaft u. Politik mitträgt. Im Interview auf tagesschau.de stellt er fest, dass wir möglicherweise vor einem neuen (und ausgewachsenen) Krieg im nahen Osten stehen könnten. Und er gibt durchaus die Verantwortung beiden (demokratisch gewählten) Regierungen, der israelischen und der palästinensischen.
The medicine man is dancing…
Herr Perthes konzentriert sich aber in der Analyse dessen, was zur Konfliktschlichtung beigetragen werden kann auf die Freilassung des gefangenen Soldaten (genauso wie apollon), während meiner Meinung die Forderung aus palästinensischen Reihen auf Freilassung von Frauen und Minderjährigen aus der israelischen Haft durchaus eine sinnvolle, sehr legitime und für beide Seiten akzeptable Lösung wäre. Leider spielt aber die internationale Staatengemeinschaft zu einem grossen Ausmass die unrühmliche Rolle des Parteiischen und kann sich deshalb nicht vorstellen, Druck auf die israelische Regierung auszuüben.
Bislang hat sich der “gemässigte” israelische Premier strikt gegen eine friedliche Lösung ausgesprochen (bis auf die, dass die Palästinenser einfach aufgeben..).
“The question of freeing [Palestinian] prisoners is in no way on the Israeli government agenda,” Mr Olmert said during a speech in Jerusalem.
“There will be no negotiations, no bargaining, no agreements.”
…he’s calling us to war
Vor allem zu Anfang des Konflikts gab es viele Blogger-Stimmen, die die Radikalisierung des israelischen Vorgehens gepriesen haben. So schreibt Kanjieater unter “Israel hat Recht!”:
Die aktuellen Aktionen Israels im Gaza-Streifen sind die einzige Sprache, die von der Hamas und den anderen palästinensischen Terroristen verstanden wird.
Olmert tut gut daran, sich nicht auf einen sog. “Gefangenenaustausch” einzulassen. Dieser wäre in Wirklichkeit – auch und vor allem in den Augen der Terroristen – ein Eingeständnis von Erpressbarkeit.
Man könnte meinen, Kanjieater wäre durch die Entführung selber betroffen und will Rache üben, aber anhand der anderen Blogeinträge erkennt man recht schnell, dass er lediglich die blau-weiße Flagge Israels schwenkt, selber aber in Deutschland lebt. Ausserdem scheint er das “Israel hat Recht” in einem sehr allgemeinen Sinne zu meinen..
Die israelische Friedensorganisation Gush Shalom hat gestern spontan zu einer Demonstration vor das israelische Verteidigungsministerium in Tel-Aviv aufgerufen.
Less than 24 hours after the start of the invasion of the Gaza strip, the first demonstration against it took place. It was called by Gush Shalom. In spite of the fact that there was no prior publicity at all, about a hundred peace activists came to the Ministry of Defense in Tel-Aviv and voiced a clear and unequivocal protest.
Posters prepared on the spot declared: “The invasion endangers the life of the captured soldier Gilad Shalit!” – “Let’s not have another Nakhshon Waksman!” (Waksman, a soldier, was captured by Hamas in 1994. He was killed when the army tried to free him by force) – “A cease-fire now for the sake of the children of Gaza and Sderot!”
As could be expected, some passing drivers cursed the demonstrators, but it is remarkable that not few drivers supported them by shouting and hooting.
Es wäre interessant genauer herauszufinden, wie israelische Friedensaktivisten von der allgemeinen israelischen Gesellschaft aufgefasst werden. Möglicherweise kann man sich das wie die Wahrnehmung der Anti-Kriegs-Gruppen in den USA vorstellen (zu Anfang des Irak-Kriegs!). Uri Avnery (früherer Knesset-Abgeordneter und Gründer von Gush Shalom):
He [Uri] challenged Israeli official accounts of the current situation, and criticized the international media for parroting the Israeli official accounts without question. He said, “There is also a propaganda war – In the international media, they are not showing this ‘abduction’ for what it really is: a military tactic, a guerrilla tactic employed by Palestinian resistance fighters in a field of battle. They are showing it as an act of terrorism, a kidnapping of an innocent Israeli. Not putting it in the context of what has happened before – not mentioning the 20 Palestinian civilians that have been killed in the last two weeks.”
Mit der Medienwahrnehmung beschäftigt sich auch der Artikel “The Paradox of Hostage-Taking in Israel-Palestine”:
And how is it that punishing the entire Gaza Strip is seen as pressuring militants. The bottom-line is that Israel bombed Gaza’s only power station — that is not at all a proportionate measure in line with its mission to retrieve the soldier. It is emblematic of Israel’s systematic disregard for basic Palestinian rights. A group loosely-connected to Hamas took the soldier, the Palestinian people did not. I believe this is called “collective punishment.”
All this water-cutting, bombing, and inevitable death obstensibly resulted from the kidnapping of one Israeli soldier. The lesson is clear: for Israel, the lives of many Palestinians do not add up to one Israeli. No wonder there is no peace.
Ermordung von Toten (oder Todgeweihten)
Peter Schäfer in “Gaza-Streifen abgeriegelt”:
Israels Regierung lehnt Verhandlungen und Gefangenenaustausch jedoch ab. Nur die Eltern des Soldaten und die französische Botschaft (der Soldat ist Franzose) wandten sich im Fernsehen direkt an die Kidnapper. Ghasi Hamad, Sprecher der Hamas-Regierung, beruhigte die Mutter des Soldaten, ebenfalls mit Hilfe des israelischen Fernsehens. Ihr Sohn sei wohlauf und werde gut behandelt.
In den palästinensischen Gebieten wurde der Angriff auf das israelische Militärlager und die Entführung des Soldaten in den Gazastreifen mit gemischten Gefühlen aufgenommen. Einerseits passe das Ziel, weil keine Zivilisten gefährdet waren. Andererseits haben viele Angst vor einer neuen Militäroffensive mit vielen zivilen Toten. Das Militär verhängte bereits die “Abriegelung” des eigentlich schon seit 1991 vollständig umzäunten Gazastreifens. Zudem sprach die Marine von einer “Seesperre”, obwohl die Gewässer vor dem Gazastreifen für Palästinenser bereits seit Jahrzehnten gesperrt sind.
“Die israelische Armee redet über ihre Zurückhaltung, die sie jetzt aufgeben will”, so Ijad Sarradsch. “Das ist Unsinn. Der Gazastreifen leidet seit Monaten unter permanentem Artilleriebeschuss. Die Armee tötet Kinder, Familien und zerstört Häuser. Die gemeinte Zurückhaltung kennen wir sehr gut.”
Mahmud Abbas, der palästinensische Präsident, hat inzwischen eine Suchaktion nach dem entführten Soldaten angeordnet. Ob die palästinensische Polizei (Fatah-Bewegung) die Geisel lebend befreien kann, ist allerdings fraglich. Die Hamas hat nicht viel zu verlieren.
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