Israelische ‘Verteidigungs’-Truppen im Gaza-Streifen

Nachdem palästinensische Kämpfer einen israelischen Soldaten festgenommen haben, spricht Israel und der Großteil der Welt von Entführung, während Israel Menschen beliebig lange in Gefängnissen einsperren darf, ohne dass jemand dagegen etwas sagt. Jetzt versucht die “einzige Demokratie im nahen Osten” “ihren Sohn” wiederzubekommen - und sich dabei ihren Weg freizubomben - , während tausende palästinensische Mütter vergeblich auf die Rückkehr ihrer Söhne warten. Zwar beschiessen palästinensische Gruppen seit der wirtschaftlichen und politischen Isolation des Gaza-Streifens und der Westjordanbank die israelische Stadt Sderot, allerdings hat die IDF seit einiger Zeit nicht mehr mit der Bombardierung und Terrorisierung des Gaza-Streifens (und seiner Bewohner) aufgehört und dabei eine nicht unbeträchliche Anzahl Zivilisten getötet:

The shells keep falling. They’ve gotten inside my head, so that its not just my house shaking but but my brain throbbing. It’s like someone is banging a gong next to my ear every few minutes; sometimes 5 times a minute, like last night. And just when I savor a few moments of silence, it starts again as if to say “you’re not going to get away that easily.”

Israel startet Offensive im Gaza-Streifen:

Kurz nach Mitternacht griffen die israelischen Kampfflugzeuge an. Mit gezielten Schlägen zerstörten sie drei Brücken, die den Norden des Gaza-Streifens mit dem Süden verbinden. Offenbar soll damit verhindert werden, dass der am vergangenen Sonntag verschleppte Soldat in ein anderes Versteck gebracht wird.

Die Palästinenser reagierten mit Verbitterung. “Sie haben die Verbindung zwischen dem nördlichen und dem südlichen Teil unterbrochen”, sagt ein Augenzeuge. “Das ist die letzte Brücke, die Saladin-Brücke. Es war die einzige, die übrig war. Das bedeutet, dass Krankenwagen und Feuerwehrfahrzeuge nicht mehr durchkönnen. Die Welt sieht zu und tut nichts.”
Einziges Elektrizitätswerk zerstört.

In Gaza-Stadt wurde das einzige Elektrizitätswerk des Gaza-Streifens von mehreren Raketen getroffen. Große Teile der Stadt sind seither ohne Strom. Im Süden überschritten israelische Truppen in der vergangenen Nacht mit Panzern, Planierraupen und gepanzerten Fahrzeugen die Grenze. Unterstützt von Helikoptern besetzten sie den nicht genutzten Flughafen von Gaza und offenes Land östlich der Stadt Rafah. Zahlreiche Zivilisten sind dort bereits auf der Flucht. Sie versuchen, dem Artilleriefeuer nach Norden und Westen zu entkommen.

Dabei haben mehrere palästinensische Gruppen Dialogbereitschaft gezeigt, indem sie ihre Gegenforderug zur Herausgabe des Soldaten so niederig wie nur irgend möglich angesetzt haben: Die Freilassung der inhaftierten Frauen und minderjährigen Kinder, die in den israelischen Gefängnissen sitzen (zu einem Großteil sind das Administrativhäftlinge, die ohne offizielle Begründung festgehalten werden)! Israel geht lieber den Hardliner-Weg und verweigert die Herausgabe dieser Administrativhäftlinge. Und die Welt sieht zu und fordert von den Palästinensern die Freilassung des israelischen Soldaten, kümmert sich aber überhaupt nicht um die Entführten palästinensischen Zivilisten in den israelischen Zellen! Israels Infrastrukturminister Benjamin Ben Eliezer dazu:

Je besser wir uns selbst schützen und je stärker wir sind, desto eher wir die andere Seite verstehen, dass wir Frieden wollen. Im Unterschied zu früher ist die Welt heute auf unserer Seite - wenn auch schweigend.

Ist die Welt wirklich für die Bombardierung des Gaza-Streifens? Ist die Welt wirklich dafür, dass Israel ungehindert “Fehler” begehen kann, die Menschenleben kosten? Es ist was wahres dran, leider. Man fragt nicht mehr -Gideon Levy:

Sogar während einer so besonders blutigen Woche wie der vergangenen Woche, als 14 unschuldige Zivilisten getötet wurden, wurden kaum Fragen gestellt und wenn, dann nicht die richtigen Fragen. Mit schwacher Stimme wurde gefragt, warum es nötig sei, Granaten auf ein Fahrzeug mitten in Gaza zu werfen und warum eine zweite Granatladung nötig war, als es deutlich wurde, dass unschuldige Zivilisten sich um den getroffenen Wagen sammeln würden. Aber niemand fragt nach dem Unterschied zwischen dem Abschießen einer Granate mit ins Herz einer Stadt oder einem Selbstmordattentäter, der sich selbst mitten in einer andern Stadt in die Luft sprengt. Sie fragten, wer die Familie Ghalia am Strand tötet und was Israel mit den Qassams machen sollte; aber wenige fragen, was Israel unter keinen Umständen tun sollte und was geschehen würde – Gott bewahre – wenn die GRAD-Rakete im Fahrzeug auf einer sehr bevölkerten Straße explodieren sollte. Natürlich denkt keiner daran, den Kommandeur der Luftwaffe oder den Generalstabschef zu fragen, ob sie die Verantwortung für dieses Kriegsverbrechen übernehmen sollten.

Israel wartet, still und gleichgültig. Jede kleine Aussicht guter Nachrichten von palästinensischer Seite wird sofort durch brutale militärische Operationen niedergetrampelt. Wir sind dabei, Hamas in den Teufelskreis der Gewalt zurückzustoßen, wie ein ranghoher Armeeoffizier, der natürlich anonym bleiben will, zugibt. Im Gazastreifen ist ein Ministerpräsident, der sagt, er wolle ein Abkommen mit Israel auf der Basis der 1967er-Grenzen erreichen; es ist ein weit reichendes Statement – so weit es ihn betrifft – und Israel antwortet mit Lebensbedrohung. In Ramallah ist der moderateste aller palästinensischen Führer – doch Israel ignoriert mehr oder weniger seine Existenz. Vor vier Jahren hat die arabische Welt eine tapfere Entscheidung getroffen: den sog. „Saudi-Arabischen Plan“ , um die Beziehungen mit Israel zu normalisieren. Es gab darüber hier nicht einmal eine ernsthafte Diskussion.

Ich fürchte die palästinensische Gruppe, die den israelischen Soldaten gefangen hält, wird ihn nicht freiwillig und und unversehrt herausgeben. Warum auch, wenn sie dafür nur weiter Zerstörung und Tod bekommen?

In eigener Sache: Ich versuche seit gestern über dieses Thema zu schreiben, aber wie man meinem Schreibstil anmerkt, bin ich zu emotional, um meine Gedanken zu sortieren. Es ist meines Erachtens ein Unding, dass wir (und in Anlehnung unsere Regierung und die UN) still sitzen, während ein befreundeter Staat dermassen masslos Menschen umbringt. Ohne ein Mindestmass an Gerechtigkeit wird im Nahen Osten nie Frieden herrschen. Dafür müssen wir der israelischen Regierung klarmachen (genauso wie wir es auch den palästinensischen Gruppierungen gegenüber tun), dass wir im Sinne eines gerechten Friedens unzweideutig gegen die Bombardierung von zivilen Einrichtungen sind. Notfalls muss Israel boykottiert werden, bis es sich bereit erklärt, Palästinenser als Menschen zu behandeln.

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  1. Reflexionsschicht — 28. Juni 2006 @ 15:00

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