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Sind wir noch zu retten? - Teil 2

Donnerstag, 22. Juni 2006, 11:24

Jugendliche filmen Vergewaltigung und verschicken Bilder per Handy:

Offenburg (dpa/lsw) - Nach der Vergewaltigung einer 17 Jahre alten Schülerin hat die Polizei im Ortenaukreis drei nahezu gleichaltrige Jugendliche festgenommen. Sie sollen sich an der 17-Jährigen auf einem öffentlichen Parkplatz nacheinander brutal vergangen haben, teilte die Polizei am Montag in Offenburg mit. Ein vierter Jugendlicher habe die Tat mit seinem Foto-Handy gefilmt und die Bilder anschließend an Freunde verschickt. Der Film diene der Polizei nun als Beweismittel.

Täter und Opfer seien erheblich betrunken gewesen, sagte ein Polizeisprecher. Die mutmaßlichen Täter seien zwischen 16 und 18 Jahre alt. Nach der Tat sei das Mädchen liegen gelassen worden, ohne dass sich jemand um sich kümmerte. Die Jugendlichen kamen in Untersuchungshaft.

Begun the analysis war has..

Es ist schon bemerkenswert, dass Jugendliche nicht nur eine Straftat diesen Ausmasses begehen (und auch noch gemeinsam), sondern, dass sie nicht einmal daran denken, ihre Tat zu verbergen, nein vielmehr prahlen sie mit der “Errungenschaft”. Rainer Pohlen spricht vom “Kick der Selbstdarstellung”:

Der Kick der Selbstdarstellung muss ja schon ungeheuer groß sein, wenn Jugendliche zunehmend selbst schwere Straftaten, an denen sie beteiligt sind bzw. die sie nur zu diesem Zweck begehen, per Video oder Handy aufnehmen und dann ins Internet einstellen oder im Bekanntenkreis verteilen, um sich voller Stolz als Täter zu präsentieren. Das Entdeckungsrisiko spielt scheinbar keine Rolle und wird billigend in Kauf genommen.

Aber man sollte meines Erachtens zwischen der Straftat an sich und dem Schuldbewusstsein und der Einstellung der Täter unterscheiden. Sicher kann ein Motiv für die Tat die Selbstdarstellung sein, genauso wie es der sog. “Gruppenzwang” sein kann. Allerdings ist es eine komplett andere Sache, dass sich die Jugendlichen offensichtlich nicht im Klaren darüber sind, dass sie mit der Veröffentlichung des Vergewaltigungs-Videos sich selbst in Schwierigkeiten bringen. Das betrifft nicht nur die direkten Vergewaltiger oder denjenigen, der den Tathergang aufgenommen hat, sondern auch diejenigen, die das Video weiterverschickt haben..

Apollon geht in der Analyse in eine andere Richtung:

Aber eröffnet das Verhalten dieser Verbrecher nicht eine völlig andere, neue und erschreckende Dimension? Kann es sein, dass es zu solchen Akten der Barbarei aus purem Nichtsnutz kommt oder -vielleicht noch schlimmer-, weil in unserer Zeit, ein missverstandener und deshalb entarteter Individualismus in der Lage ist, alle anderen Werte zu überdecken?

Er sieht die Selbstdarstellungsorgie im Zusammenhang mit TV-Shows wie “Wer Wird Superstar?” und dergleichen. Allerdings kann den Tätern leicht Rudelverhalten nachgewiesen werden. Trotzdem ist was Wahres am Vorwurf des Individualismus: In einer jugendlichen Ellbogengesellschaft (oder im Schulrudel) scheint nur derjenige hipp zu sein, der auffällt. Um aufzufallen, nimmt man alle Unannehmlichkeiten von anderen in Kauf. Sei es beim Hänseln oder Mobbing oder eben bei Gewaltanwendung und sexueller Vergewaltigung. Das Opfer ist unwichtig.

Zusätzlich zu den sozialen Motiven wird die Tat durch Alkoholkonsum erleichtert, ja sogar angetrieben.

Straftaten

In der Süddeutschen Zeitung wurde ein Interview mit Adolf Gallwitz einem Polizeipsychologen veröffentlicht. Darin konzentriert sich der Psychologe auf die Verbreitung des Videos von der Vergewaltigung, viel mehr als er auf die Tat an sich eingeht. Allerdings aus gutem Grund:

Bei jugendlicher Gewaltkriminalität ist es allgemein so, dass ein ganz, ganz verschwindend kleiner Prozentsatz der Jugendlichen verantwortlich ist für über 50 Prozent der Taten. So ist das auch hier. Das macht nicht jeder, sondern es sind unter den Intensivtätern und Auffälligen die, die auch die technischen Möglichkeiten dazu haben. Es geht nicht irgendeine Seuche um, sondern mehr und mehr Jugendliche und Kinder besitzen eben Hochleistungshandys. Die wenigen potenziell gefährlichen jugendlichen Täter, die zugleich über die Möglichkeit verfügen, Filme oder Bilder zu verteilen, nutzen sie dann auch.

Das hoffe ich tatsächlich, aber ich fürchte es lassen sich durch solche Taten eben auch andere verleiten, Ähnliches zu tun. Dagegen kann nur das Urteil halten, das die vier Jugendlichen erwarten. Dabei müssen die Richter entscheiden welche der begangenen Straftaten am schwierigsten wiegt:

Wir haben hier im Grunde drei Delikte: einmal das sexuelle Gewaltdelikt, dann das in einer Gruppe begangene sexuelle Gewaltdelikt, das ist juristisch relevant, und wir haben die Dokumentation eines sexuellen Übergriffes, was wir in der Vergangenheit auch immer schon gehabt haben, nur mit anderen Medien. Wenn die Möglichkeit besteht, dass Filme oder Bilder verteilt wurden, dann haben wir nicht nur den Tatbestand “Dokumentation einer Straftat”, sondern es ist auch “Versendung von Pornografie”. Die Möglichkeit der rechtlichen Würdigung dessen haben wir bisher auch schon. Das Gericht muss dann werten, was welche Schwere hat und wie die Straftaten auf das Opfer wirken. Wir haben kein Moralstrafrecht, sondern vor Gericht wird die Sozialfeindlichkeit von Übergriffen beurteilt. Wenn der sexuelle Übergriff schon in großem Ausmaß sozialfeindlich ist, dann ist es noch um ein Vielfaches schlimmer, wenn man Dokumente dieses Übergriffs Menschen unkontrolliert zugänglich macht und so das Opfer lebenslang beeinträchtigt.

Wenn dem so ist, so dürfen alle diejenigen eine Strafanzeige erwarten müssen, die sich an der Verbreitung des Videos von der Straftat beteiligt haben - davon abgesehen, dass sie eine Straftat nicht sofort angezeigt haben..

1 Kommentar

Kommentar von Tugba

Made Donnerstag, 22 of Juni , 2006 at 16:04

Selam,

Ich habe von einem ähnlichen Fall gehört. Sie war viel jünger und keiner war betrunken. (Allerdings habe ich es nicht weiterverfolgt)

Mir wird schlecht, wenn ich daran denke, dass es solche Jugendliche gibt.

Offensichtlich hat das soziale Umfeld (Familie, Schule,…) der Jugendlichen es versäumt Werte und Normen zu überliefern.

Schlimm finde ich auch, dass so viele Jugendliche sich in Cliquen gehen lassen. Ich denke grade an türkische Jugendliche. Desinteresse der Eltern, Schulischer Misserfolg, Drogen, Kriminalität,… das ist ein gefährlicher Cocktail.

Wir brauchen mehr “Streetworker”, Vorbilder, Förderung ausländischer Kinder, und was auch wichtig ist

-dass Bildung nicht mehr als uncool angesehen wird!-

aber ich weiche ab…

Die Mädchen tun mir furchtbar Leid.

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