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“Islam in den Medien” - Freitag

Samstag, 10. Juni 2006, 00:07

Gerade bin ich (Gott sei Dank) wohl behalten zuhause angekommen. Ich versuche mich in einer schnellen Zusammenfassung des heutigen Teils der Tagung “Islam in den Medien”.

Update: Offensichtlich hat Henner Kirchner auch Zeit gefunden, über den heutigen Tag zu schreiben: Tagung in Loccum – „Islam in den Medien“

Das Programm sah vor, dass zunächst die Pressesprecher von drei islamischen Organisationen zu Worte kommen, um ihre Erfahrungen zu schildern und auf Probleme (aus ihrer Sicht) hinzudeuten. Danach durften einige Medienvertreter zu Worte kommen, um mögliche Probleme im Umgang mit “dem Islam” als Nachrichtenthema zu schildern und einige Randnoten zu geben. Zum Schluss sollte Dr. Schiffer einige Fragen aufwerfen, die sich aus medienanalytischer Sicht im Anschluss an den sog. Karikaturenstreits ergeben. Dieser letzte Punkt wurde auf Wunsch von einigen Teilnehmern nach hinten verschoben, um dem Eröffnungsspiel Deutschland - Costa Rica Platz zu geben.

Mounir Azzaoui (ZMD)

Mounir Azzaoui ist Pressesprecher, Verantwortlicher für Öffentlichkeitsarbeit, sowie für interne Kommunikation im ZMD (oder unter Muslimen? - das wurde nicht wirklich klar) und war vor allem in der ersten Funktion gefragt, über seine Erfahrungen mit Medien zu sprechen. Unter Öffentlichkeitsarbeit fasst er zusammen sowohl die Herausgabe von Pressemitteilungen, die Reaktion auf Ereignisse, die Muslime in Deutschland betreffen, sowie (und das fand ich besonders interessant) die Vermittlung zwischen Medien und Muslimen, wenn es beispielsweise darum geht, Interviewpartner zu vermitteln.

Auf der einen Seite sah Herr Azzaoui eine Verbesserung des Umgangs vieler Medienmenschen mit islamischen Themen. Er kritisierte allerdings, dass oftmals aussenpolitische und innenpolitische (sowie religiöse) Themen miteinander vermischt werden. So versucht sich der ZMD zurückzuhalten, wenn es bspw. um den israelisch-palästinensischen Konflikt oder um andere aussenpolitische Themen (Iran) geht, die zwar oftmals mit Islam verbunden werden, wo der Zentralrat aber sich nicht berufen fühlt, Stellung zu nehmen. Die Vermischung der aussenpolitischen und innenpolitischen Themen hätte aber zur Wirkung, dass oftmals von Muslimen in Deutschland eine Distanzierung verlangt wird, auch wenn der Umstand, um den es geht, Tausende von Meilen entfernt ist. Zusätzlich wurden Nachrichten, die sich vor Ort abspielten - aber weniger die Verbindung zwischen Gewalt und Islam bedienten - oftmals fallengelassen, wodurch sich eine Wahrnehmungsverschiebung zugunsten des Stereotyps einstellt. Er wünscht sich, dass sich Medien “normalen” Themen, wie bspw. die Zusammenführung der muslimischen Dachorganisationen und der Einbürgerung des Islams zuwenden, auch wenn diese oftmals sehr viel schwieriger zu behandeln sind.

Er kritisierte aber auch die fehlende Gegensteuerung der Medien gegen die starke Verhärtung der Sicherheitspolitik seit dem 11. September 2001. Journalisten hätten korrigierend (oder zumindest kritisierend) eingreifen müssen, als es um Rasterfahndung ging (, die wie nun festgestellt wird verfassungswidrig ist) aber auch wo es heute noch um Moscheekontrollen oder -überwachung oder Personenkontrollen vor selbigen geht. Diese Aufgabe haben nur wenige Jounalisten beherzigt.

Ein wenig Eigenkritik übte Herr Azzaoui in Hinblick auf Störungen in der Kommunikation zwischen muslimischen Vereinsvorständen und der sog. Basis. Letztere wüssten oftmals wenig über Dialoge des eigenen Vereins mit Politikern, Medienmenschen sowie anderen Vereinen. Ich würde persönlich meinen, dass die meisten Muslime sehr wenig über irgend welche Aktivitäten ihrer eigenen Vereine wissen. Die Schuld ist sicherlich sowohl bei den Vorständen, als auch bei den Mitgliedern zu suchen, aber es ist sicherlich ein Missstand, auf den aufmerksam zu machen es sich lohnt.

Heyrettin Aydin (Islamische Akademie)

Von der islamischen Akademie hatte ich bis heute nicht wirklich viel gehört. Laut Herrn Aydin will die Akademie - mit dem Vorbild der evangelischen Akademie - die brgerschaftliche und politische Partizipation von muslimischen Menschen in Deutschland fördern. Wie das in der Praxis aussieht, konnte er mir auf Anfrage nicht erklären, aber ich hoffe, mich mit ihm deswegen in nächster Zeit austauschen zu können.

Herr Aydin kritisierte, dass neben bekannten Boulevardblättern und verantwortungsvollen Qualitätszeitungen sich einige Zeitungen und Zeitschriften herausgebildet haben, die eine verantwortungslose Berichterstattung durchführen und Nachrichten (scheinbar) absichtlich entstellen. Er habe Erfahrungen gemacht mit Journalisten, die ihm im Interview Worte in den Mund zu legen versuchten, bis er das Interview unterbrechen musste. Genauso wie Herr Azzaoui sieht Herr Aydin eine Gefahr in der Vermischung zwischen Auslands- und Inlandsberichterstattung. So werden seiner Meinung nach bewusst aussenpolitische Probleme auf Inlandsmuslime abgebildet und diese mit dieser Schablone wahrgenommen. Gleichzeitig sieht er eine Chance in lokalen Medien, die oftmals durch die Nähe zum Nachrichtensubjekt sachlicher berichten können soll - diese Erfahrung kann ich nicht teilen!

Herr Aydin meint, dass nun Muslime stärker in die Pflicht genommen werden müssten, was die aktive Beteiligung an der Medienlandschaft angeht. Es müsse eine mediale Ausbildung schon auf Basisebene stattfinden, damit nicht nur der “berufliche Muslim” (wie er scheinbar die Funktionäre bezeichnet) mit Medienmenschen sprechen und diese verstehen kann, sondern eine breite Basis an Mediatoren in der muslimischen Community. Ist dort vielleicht die Aufgabe der islamischen Akademie zu suchen?

Selma Öztürk (Schura Niedersachsen)

Frau Öztürk war in der Funktion der Pressesprecherin für die Schura Niedersachsen e.V. anwesend. Sie stellt fest, dass die Kluft zwischen Medien und Muslimen immer grösser wird und dass sich einige Themen (wie die Genitalverstümmelung bei Frauen oder die Gleichsetzung von Jihad und “heiligem Krieg”) trotz sachlicher Falschheit soweit festgebrannt haben, dass ein Abrücken von der inzwischen gewohnten Argumentation (und Wiederholung selbiger) nicht in Aussicht ist. Meiner Meinung nach hatte sie in ihren Ausführungen allerdings die Medieneffekte und die Interaktion zwischen Gesellschaft und Medien zu stark vereinfacht. Unter anderem meinte sie, die Judikative hätte sich im Kopftuchurteil der Mediendebatte gebeugt.

Was den Umgang der Schura Niedersachsen e.V. mit der Presse angeht, konnte sie keine negativen Erfahrungen berichten.

Aus Sicht der Medienmenschen

Im zweiten Teil hatten die drei Journalisten/Publizisten Jörg Armbruster (Abteilung Ausland, SWR), Michael Lüders und Mariam Lau (Die Welt) mit Moderation vom Journalisten George Khoury über ihre Sicht des Zusammenspiels zwischen Islam und Medien diskutiert. Herr Armbruster sowie Frau Lau haben beide ausgeschlossen, dass in der Berichterstattung bewusste Islamfeindlichkeit auftritt. Frau Lau führte aber aus, dass das Interesse der meisten Medienmenschen an einer Nachricht über Muslime nur dann entsteht, wenn es um “Verbrechen im Namen des Islam” gehe. Deshalb sehe sie die Professionalisierung der Pressearbeit in muslimischen Vereinen als positives Zeichen, denn diese müssten als Gesprächspartner stets zur Verfügung stehen.

Was mich erstaunt hat, war die Tatsache, dass Frau Lau - die für eine offensichtlich rechtspopulistische Zeitung arbeitet - vorgibt, dass deutsche Medien fair zu sein versuchen. Sie kritisierte zwar einzelne Artikel der “Welt” (wie beispielsweise dem Artikel über den Propheten Muhammed als Räuberhauptmann oder das Interview mit Bernard Lewis), meinte allerdings, dass diese eine Ausnahme darstellten. Leider konnte sie nicht auf die Publikumsfrage antworten, wie es denn mit - dem vom Springer-Verlag bezahlten - Leon de Winter aussieht, der über den bei welt.de abgelegten Blog fast täglich die Mär von den muslimischen Horden auftischt, die bereit sind (oder bereits dabei sind), Europa zu erobern. Sie wird wahrscheinlich am Rest der Veranstaltung nicht teilnehmen - schade, dabei hätte ich auch noch ein paar Fragen bezüglich der Welt-Zeitung.

Schließlich war Herr Lüders an der Reihe. Er fordert (ich kürze jetzt stark, da ich morgen früh aufwachen muss), dass auch einfache Muslime sich öffentlich positionieren und nicht nur nach Terroranschlägen sich gegen selbige aussprechen. Gleichzeitig glaubt er in der öffentlichen Auseinandersetzung mit dem Islam und den Muslimen eine deutsche Identitätskrise zu sehen. Je sicherer man sich in der eigenen Identität fühle, umso einfacher sei es auf andere zuzugehen. Gleichzeitig müsse einhergehen, dass die eigene Meinung nicht als Überlegenheit in die Diskussion mit dem “Anderen” getragen wird. So sollte es durchaus möglich sein (als Beispiel) nicht ein Befürworter der Organisation “Hamas” zu sein, aber trotzdem einigen ihrer Argumenten zuzustimmen, ohne dass man dafür in der öffentlichen Diskussion gebrandmarkt wird. Genau das tun allerdings seiner Meinung nach die “Kulturkämpfer” (auf beiden Seiten). Als Journalist fühlt er sich recht sicher, wenn tatsächlich von beiden Seiten gleich viel Kritik an seinen Berichten geäussert wird.

Einen letzten Rat gab Herr Lüders Muslimen auf den Weg: Das Verhältnis zwischen Muslimen und Medien wird sich nicht ändern, solange nicht Muslime in die Medien gehen und ihren Platz in Anspruch nehmen.

Ausblendung

Es fehlt nun noch der Vortrag von Dr. Schiffer, sowie die Diskussion danach (die sehr kontrovers geführt wurde), sowie einige Links im Text. Dazu hoffe ich isa nächste Woche zu kommen..

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