Gewaltausgleich

Ausländerfreie Zonen und Parallelgesellschaften - in der öffentlichen wie politischen Diskussion werden beide öfters gegeneinander ausgespielt, als könnten sie sich gegenseitig ausgleichen. Rechtspopulisten sehen sich durch die Entstehung von Parallelgesellschaften in ihrer eher ausländerfeindlichen Politik bestätigt, Antifaschisten sehen in der Existenz von nationalbefreiten Zonen (im Medienmund No-go-Areas 1 ) eine Existenzberechtigung. Dabei laufen beide Konzepte auf dasselbe hinaus: Das Gewaltmonopol sowie die Rechtsordnung des Staates werden untergraben und ausgetauscht.

Eberhard Seidel argumentiert in Zonen der Angst, dass auch die Entstehungsgründe von Abkapselungsräumen sowohl für Nationalisten, als auch für nichtintegrierten Migranten zu weiten Teilen dieselben sind:

Was häufig als Gegensatz diskutiert wird, gehört zusammen. Die Angstzonen in Berlin-Neukölln, Wedding oder in Ostdeutschland haben mehr miteinander zu tun, als viele wahrhaben wollen. Seit zwanzig Jahren, spätestens seit der Wende 1989, sind ganze Stadtviertel und Regionen von der Reichtumsproduktion und damit von Konsum ausgeschlossen.

Wer eine Aufstiegsperspektive für sich sieht, egal ob Migrant oder Deutscher, sucht, so schnell er kann, das Weite und den Anschluss an prosperierende und konsumfreudige Regionen.

Ich hatte schon mal argumentiert, dass eine Trennung der Gewaltbereitschaft von Migranten und Einheimischen nichts zur Lösung des Problems beiträgt. Leider werden vor allem bei Migrantenkindern häufig Gründe (und Bekämpfungsmethoden), die möglicherweise für einen Teil der Elterngeneration zutreffen könnten, nicht aber für die in Deutschland aufgewachsenen Kinder. Es interessiert nicht, wie weit sich diese abschotten, Pessimismus (was den Arbeitsmarkt oder Erfolgsaussichten angeht) ist ansteckend und erreicht auch diese Jugendlichen, die zusätzlich ein Identitätsproblem haben könnten.

Ob Migranten oder in Rassismus verirrte Deutsche, solange wir nicht einsehen, dass es unser Problem ist, werden wir es nicht lösen können.

Ein Ausweg aus diesem Dilemma sind kulturalistische Debatten. Bei Migrantenjugendlichen wird nicht mehr nach gesellschaftsbedingten Ursachen für normabweichendes Verhalten geforscht, sondern es wird mit ethnischen Eigenarten, islamischen Besonderheiten und vormodernem Denken erklärt.

Ähnlich verfährt man im Osten Deutschlands. Dort werden die Zustände immer noch gerne allein aus dem Erbe der DDR abgeleitet. Übersehen wird, dass die “Troublemaker” überwiegend im vereinten Deutschland sozialisiert wurden.

Die Versuchung ist groß, Probleme dieses Landes als geografisch und historisch importierte zu definieren. Das verschafft der (westdeutschen) Mehrheitsgesellschaft moralische Überlegenheit und erspart ihr die Anstrengung, die Fäulnis im eigenen Fundament näher zu betrachten.

Mit einer solchen Perspektive ist trefflich Stimmung, auf Dauer aber kein Staat zu machen. Denn dieses Land wird weder seine auffällige Ostjugend noch seine ungehobelte Migrantenjugend los, sosehr dies einige wünschen oder im Falle der “Ausländer” auch fordern mögen.

Update: Sven spricht mir aus der Seele:

Macht es die erwähnten Verbrechen schlimmer, wenn es “Ausländer” (oder was man dafür hält) waren? Macht es andere Vergewaltigungen besser, wenn es kein “Ausländer” war? Macht es einen lebesbedrohenden (oder auch tödlichen) Angriff mit den Worten “Scheiß Nigger” weniger rassistisch? Was soll dieses gegeneinander aufwiegen von Dingen, die alle für sich schlimm sind und nicht passieren dürften? Wer jemanden vergewaltigt gehört in den Bau. Egal welcher Herkunft Täter oder Opfer ist. Wer jemanden ausraubt ebenfalls. Auch hier: egal wlecher Herkunft.

  1. ACHTUNG: Daten nicht verifiziert[]

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