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Mehrsprachigkeit

Samstag, 27. Mai 2006, 12:13

Claudia Maria Riehl - Professorin für Sprachwissenschaft des Deutschen an der Uni Köln - argumentiert in einem Interview in der TAZ für eine mehrsprachige Ausbildung von Kindern bereits ab dem Kindergarten. Mehr noch, sie ist der Meinung, dass sich Türkisch als die erste Zweitsprache in Deutschland durchaus anbieten würde, da diese

  1. im Alltag angewandt werden kann
  2. sich von den indoeuropäischen Sprachen unterscheidet, wodurch dem Kind eine breitere Basis zur Erlernung weiterer Sprachen auf dem Weg gegeben würde

Frau Riehl führt aus, dass Mehrsprachigkeit den Kindern im Allgemeinen einen Entwicklungsvorsprung, sowie eine tolerantere Haltung gibt:

Was sind denn die Vorteile einer frühen Zweisprachigkeit?

Das frühe Erlernen einer zweiten Sprache bringt unter anderem gewisse kognitive Vorteile mit sich. So wurde in sprachwissenschaftlichen Studien herausgefunden, dass Mehrsprachige Aufgaben besser lösen können, bei denen man einen Sachverhalt blockieren und sich auf einen anderen konzentrieren muss. Dazu sind Mehrsprachige besser in der Lage, weil sie zuvor bereits gelernt haben, die eine Sprache auszublenden, wenn sie die andere sprechen. Außerdem haben sie ein höheres so genanntes metasprachliches Bewusstsein: Sie konzentrieren sich nicht nur auf den Inhalt von Sätzen, sondern auch auf die äußere Form.

Mehrsprachige Kinder können also besser denken?

Das zu behaupten, wäre übertrieben. Aber sie haben einen gewissen Entwicklungsvorsprung. Außerdem wirkt sich Zwei- oder Mehrsprachigkeit auch auf die Persönlichkeit aus: Mehrsprachige sind oft toleranter, weil sie gelernt haben, andere Sichtweisen einzunehmen. Wenn man eine fremde Sprache lernt, lernt man eben nicht nur eine Sprache, sondern auch andere Denkweisen kennen. Anders als in Mitteleuropa ist übrigens global gesehen Mehrsprachigkeit der Normal- und Einsprachigkeit der Ausnahmefall. In Afrika, in Asien, in Südamerika oder auch in Osteuropa sprechen fast alle Menschen mindestens zwei Sprachen.

Außerdem bestätigt sie die Aussagen von Dr. Schiffer in ihrem Aufsatz “Mehr Sprachen können ist ein Plus”.

Dann sollten sich am besten schon Eltern mit ihren Kindern in zwei Sprachen unterhalten?

Sie sollten in ihrer jeweiligen Muttersprache mit ihren Kindern sprechen. Denn es ist nicht gut für die sprachliche Entwicklung eines Kindes, dass man mit ihm in einer Sprache spricht, die man selbst nicht vollständig beherrscht. Auch wenn ich Eltern kennen gelernt habe, die selbst deutsche Muttersprachler sind und mit ihren Kindern Englisch sprechen: Das ist übertrieben und nicht sehr hilfreich.

Wer ist überfordert?

Wie immer wurde die Frage nach der Überbeanspruchung der Kinder mit Sprachen gestellt, was in der Realität kaum passieren kann - solange es eben Kinder sind. Frau Riehl schlägt aber ein Modell vor, das in Kanada bereits angewandt wird:

Würde das nicht eine Überfrachtung mit Sprachunterricht bedeuten, die auf Kosten anderer Fächer gehen muss?

Nein, muss es überhaupt nicht. Aus Kanada stammt das sehr zukunftsträchtige “Immersionsmodell”, nach dem das sehr gut funktionieren könnte. Ich will es Ihnen illustrieren: Ein Kind lernt ab dem Kindergarten beispielsweise Spanisch als erste Fremdsprache. Ab der dritten Klasse entfällt ein eigener Spanischunterricht, dafür wird Spanisch dann zur Unterrichtssprache im Fach Sachkunde. Dadurch wird Stundenkapazität frei, um zum Beispiel Englisch als Sprache zu unterrichten. Das System lässt sich dann auch mit einer dritten Fremdsprache fortsetzen.

Das gefällt mir. Das hat vor allem den Vorteil, dass nach Einführung in die Fremdsprache keine weiteren interpretatorischen Glanzleistungen erwartet werden, wie es etwa derzeit in der ersten und zweiten Fremdsprache erwartet wird. Meines Erachtens besteht eine Sprache aus Vokabular, Rechtschreibung, Grammatik und viel Übung! Nirgendwo sehe ich die Notwendigkeit, Stilmittel gesondert hervorzuheben oder Gedichte zu analysieren!

Tatsächlich werden aber eher die Politiker mit den Vorschlägen der Sprachwissenschaftler überfordert sein - aber nicht nur die..

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