Darfur, Darfur!
Sonntag, 30. April 2006, 15:43
Die Liberale Stimme hat eine Online-Demo gestartet, um der Kriegsgeplagten Region Darfur im Sudan zu helfen (via Atlantic Review). In Anlehnung an die Aktion “Save Darfur: Rally to stop Genocide” aus den USA, die sich vor allem zum Ziel gesetzt hat, von der US-Regierung eine stärkere Unterstützung der African Union peacekeeping troops zu fordern. Diese versuchen schon seit mindestens zwei Jahren eine friedliche Lösung herbeizuführen. Eine Offline-Demonstration scheint in Deutschland nicht geplant zu sein, weshalb eine solche Online-Demo die beste Möglichkeit ist, die eigene Regierung aufzufordern, sich mehr für Darfur zu interessieren.
Was ist da los?
Ich saß jetzt schon 3 Stunden und habe inzwischen mehr als 50 Seiten (blogs, wikipedia, Nachrichten) aufgemacht und weiss immer noch nicht genug, um sagen zu können, dass ich die Motivationen der einzelnen Kriegsteilnehmer auch nur ansatzweise nachvollziehen könnte. Einen Versuch wage ich trotzdem.
Seit März 2003 herrscht Bürgerkrieg in Darfur, der westlichen Provinz Sudans, nachdem die Rebellengruppe Darfur Liberation Army anfangs die Unabhängigkeits Darfurs gefordert hat, vor allem da sie sich vernachlässigt fühlten. Dies kam zu einer Zeit, zu der im Süden Sudans noch Kämpfe andauerten, die die Abspaltung der südlichen Provinz betrafen. Zwischen 2003 und 2004 haben die Friedensbemühungen der African Union grosse Schritte vollzogen und führten zur Beilegung des Konflikts 2005. Aus der DLA ging die SLA hervor und diese forderte keine Unabhängigkeit mehr, dafür aber die Auflösung und Neubildung der Regierung in Khartoom (deshalb Sudan Liberation!).
Inzwischen hat die SLA sich seit Januar diesen Jahres mit der JEM zusammengetan, um sowohl gegen die Regierung in Khartoom, als auch gegen die Janjaweed zu kämpfen. Es ist mir noch nicht klar, was die JEM genau haben wollen, es wird lediglich auf ihre Verbindung zum früheren Vertrauten des sudanesischen Präsidenten Omar Al-Bashir und jetzigen Oppositionellen Hassan al-Turabi hingewiesen. Er selbst behauptet, nicht mit der Gruppe in Verbindung zu stehen.
Ethnischer/religiöser Krieg?
In 2004 hat Ramzy Baroud, ein arabisch-amerikanischer Journalist, der die Forschungs und Studienabteilung im Sender Aljazeera leitet, einen Text auf islamonline veröffentlicht, in dem er den Krieg der Worte, in den sich alle Nichtsudanesen befinden hart kritisiert. Der Krieg der Worte betrifft nicht nur die Wahl der Beschreibung der humanitären Katastrophe, sondern auch der Wörter zur Beschreibung der sich gegenüberstehenden Gruppierungen.
Almost all parties that have recently discovered the existence of Sudan’s western region, an area that compares to the size of France, are engaged in a war of words, propaganda if you wish. Even Muslims and Arabs, who should be the most concerned with the fate of the Sudanese by virtue of their cultural, political, and historic proximity, are partaking in this war of definitions.
One can justify – to an extent - why Arab sensibility is injured by the use of the word “Arab militias” when referring to the Janjaweed gangs that have murdered and expelled thousands of innocents in Darfur. The term is unceremoniously used as if the intention is simply to implicate one group and vindicate another.
…
Unfortunately, a story about African Muslims engaged in a conflict rooted in tribal contentions, pitting nomadic tribes that thrive on local conquest against each other, is not newsworthy from a media point of a view – and not as exploitable from a politician’s – and so an unspoken war of hidden definitions, rhetoric and sub-meanings had to be unleashed, with 1.2 million Sudanese refugees being the least important component thereof.
Vielleicht ist deshalb auch das Interesse an der Darfur-Krise nahezu auf Null zurückgegangen. In einem sehr guten Artikel mit dem Titel “5 Truths About Darfur” argumentiert Emily Wax in der Washington Post ähnlich. Seine Punkte in Kürze:
- Fast alle sind Muslime!
- Alle sind schwarz (auch wenn sie sich selbst und gegenseitig “Araber” resp. “Schwarze” bezeichnen)
- Es geht um Politik (=Macht, Ölreserven)
- Der Konflikt ist international (China, Chad)
- Die Bennung als “Genocide” war kontraproduktiv (da einerseits eine Rechtfertigung für die Rebellen gegeben wurde und andererseits den Worten keine Taten folgten)
Ganz interessant ist in diesem Zusammenhang der letzte Punkt, in dem er darlegt, wie sich die Wortwahl durchaus negativ auf die friedliche Lösung des Konflikts auswirken kann:
But in September 2004, then-Secretary of State Colin L. Powell referred to the conflict as a “genocide.” Rather than spurring greater international action, that label only seems to have strengthened Sudan’s rebels; they believe they don’t need to negotiate with the government and think they will have U.S. support when they commit attacks. Peace talks have broken down seven times, partly because the rebel groups have walked out of negotiations. And Sudan’s government has used the genocide label to market itself in the Middle East as another victim of America’s anti-Arab and anti-Islamic policies.
Was geht uns das an?
Ich glaube kaum, dass ich allein bin mit meinem Unverständnis der Darfur-1Krise. Wir können aus der Entfernung nicht herausfinden, wer im Recht ist. Wie sollen wir auch entscheiden, wenn wir nicht vor Ort sind und die an uns getragenen Nachrichten stark subjektiv und durch die Medienlinse verwaschen, aber auch vor allem zu gering an Umfang sind, um den Konflikt abzudecken?! Aus diesen Gründen möchte ich mir nicht anmassen, Schuld oder Unschuld zuzuweisen. Aber das ist auch nicht Zweck der Aufrufe sowohl in den USA, als auch im virtuellen Deutschland.
Jill fragt sich, was sie eigentlich von ihren Repräsentanten fordern soll. Ich muss mich ihrer Entscheidung anschliessen:
After reading this Washington Post article, and after clicking around on the Genocide Intervention Network site, it sounds like the thing to ask for is funding and support for the African Union peacekeeping troops who are already in Darfur and who seem to be underfunded and undersupported, as well as asking for funding and support for any UN peacekeeping mission that may go to Darfur.
Ähnlich gelagert, wenn nicht auf die African Union spezialisiert findet sich die Forderung der Leute hinter “Save Darfur” und ihrer deutschen Ableger:
“Save Darfur” fordert den amerikanischen Präsidenten George W. Bush auf, sich für eine multinationale Friedenstruppe einzusetzen, die den Völkermord im Sudan beenden und die Zivilbevölkerung vor der marodierenden Guerilla schützen hilft. Wie diese aufgebaut sein könnte, darüber wird sicher noch zu reden sein; doch wenn die internationale Gemeinschaft nicht eingreift, wird sich eins der schrecklichsten Massaker seit dem Stammeskonflikt der Hutu und Tutsi weiter fortsetzen. Darum schlägt die Liberale Stimme gemeinsam mit der Atlantic Review und dem Extrablog vor, auch in der deutschen Blogosphäre ein Zeichen für eine Darfur-Friedenstruppe zu setzen.
- kurz überlegen, welches Wort ich hier verwenden möchte [↩]
Tags: Ausland, Darfur, Krieg, medien, medien._Sudan, Politik
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Trackback von Atlantic Review
Made Sonntag, 30 of April , 2006 at 16:39
Rallies to help Darfur across the United States. And in Germany?…
Save Darfur, an alliance of more than 155 faith-based, humanitarian and human rights organizations, is holding rallies across the United States on April 30, 2006. The demonstrations are part of the Million Voices for Darfur campaign to generate one m…
Pingback von Liberale Stimme Online : Online-Demo Darfur: Rückblick
Made Montag, 1 of Mai , 2006 at 16:13
[...] Sehr informativ ist der Beitrag von Omar Abo-Namous beim “Too Much Cookies Network”. Omar analysiert die Bezeichnung “Völkermord” für den Konflikt, kritisiert den Umgang der Medien mit dem Thema Darfur und erläutert, warum auch wir uns dafür interessieren sollten. [...]
Pingback von Too Much Cookies Network » You can’t teach an old dog new tricks
Made Montag, 5 of Juni , 2006 at 12:13
[...] Wow! Dafür muss sie ordentlich bezahlt werden, denn eine solche Logik kann man sich nicht jeden Tag ausdenken. Wieder interessieren die Tatsachen nicht. Beispielsweise die Annahme, dass die Leute wegen ihrer Hautfarbe sterben. Die zweite Wahrheit (die eigentlich vollkommen logisch sein sollte), die Emily Wax in seinem brillianten Aufsatz über die Darfur-Krise beschreibt lautet: Everyone is black [...]
Pingback von Too Much Cookies Network » Kommentar zum 11.September
Made Mittwoch, 13 of September , 2006 at 23:30
[...] Leider ist es so, dass wir immer noch nicht von uns sagen können, dass wir das menschliche Leben stets gleich schätzen. So hört man jedes Mal, wenn irgendwo auf der Welt ein Unglück passiert, dass soundsoviele Deutsche dabei gestorben wären (man denke nur an den Tsunami letztes (?) Jahr). Wenn es keine Deutschen gab, dann werden Europäer genannt usw.. Der “Rest” wird zwar nicht gänzlich ignoriert, aber er spielt eine weitaus geringere Rolle. In Darfur sollen weit mehr Menschen als in New York gestorben sein, aber ausser gelegntlichen “Hey da war mal was.” rufen sie nicht hervor. [...]

