Wie eine ältere türkische Frau..

Gastbeitrag von Dr. Sabine Schiffer1

Gelb ist die Farbe der atomaren Gefahr und so ist heute das Kopftuchbild einer Wandzeichnung unterlegt - auf dem Titelblatt des Focus vom 10.4.06 zum Titel “Die Multikulti-Lüge. Wie die Integration in Deutschland gescheitert ist.” Im Innern wird dann ein Bogen gespannt von der Rütli-Schule bis hin zum Mord an Hatun Sürücu - konsequent argumentierend den Titel des Beitrags auf Seite 20/21 unterstützend: “Wege aus der Toleranz Falle. Die Integration muslimischer Einwanderer ist gescheitert usw.” Da haben wir es also, die ausgemachten Probleme sind also islamische und diesmal macht auch der Text es nicht besser, als es die Bilder und deren Unterschriften vorgeben. Ein Sammelsurium disparatester Fakten und dilettantischer Interpretationen bis hin zur falschen Vorstellung, dass das Deutschsprechen zu Hause auch in nichtdeutschen Familien der richtige Weg zur sprachlichen Leistung und Integration sei.

Interessant ist aber auch zu beobachten, wie gelayoutete Botschaften - auch im Widerspruch zu den Inhalten der Beiträge - wirken. So wird im Inhaltsverzeichnis neben der Ankündigung für Seite 20 “Mulitkulti kaputt” und dem darüber prangenden Bild kopftuchtragender und kinderwagenschiebender Passantinnen ein Bericht über Russlanddeutsche auf Seite 154 angekündigt. Die Bildunterschrift suggeriert gelungene Integration - sozusagen als Kontrast zum gerade vorausgegangenen Fall - und lautet “Sehnsucht Deutschland. Die Spätaussiedler-Familie Guckenheimer kam vor acht Jahren nach Saarbrücken. Sie lebt musterhaft deutsch.” Erst nach der Lektüre dieses Beitrags ganz hinten im Heft kann man den ironischen Unterton im letzten Satz des Ankündigungstextes durchschauen. Zugangsprobleme zur deutsch-deutschen Gesellschaft werden nicht verschwiegen. Die vorausgeschickte Botschaft für die flüchtigen Leser von Inhaltsverzeichnissen und Überschriften ist jedoch eindeutig nochmal an dieser Stelle: Probleme machen die Muslime - und es sei gut, dass das nun endlich mal jemand sagt. Als würde das nicht gebetsmühlenartig seit Jahren wiederholt.

Hoffen wir also, dass möglichst viele Muslime andere Medien konsumieren, damit sie unaufgeregt hier weiterleben können. Wie eine ältere Frau türkischer Herkunft, die glücklich ist in Deutschland - wahrscheinlich, weil sie nicht versteht, was um sie herum geredet wird.

  1. Dr. Sabine Schiffer ist Leiterin des Instituts für Medienverantwortung in Erlangen[]

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