Berlin Neukölln - Ecke Rütli-Schule bei den Ausländern
Sonntag, 9. April 2006, 12:48
Wer gedacht hat, dass die ausgewogenen Artikel1 und Kommentare zur Art der Auseinandersetzung um den Hilferuf der Berliner Rütli-Schule den reisserischen Assimilations- und Deportationsforderungen von Unionspolitikern den Wind aus den Segeln nehmen wird, der hat sich kräftig geirrt. Die einzige Möglichkeit für Politiker einem dringenden Thema aus dem Weg zu gehen, besteht darin, abzulenken und anzustacheln. Um das zu tun, müssen immer ein Sündenbock gefunden werden. Für Unionspolitiker sind es die Ausländer, die sich nicht integrieren wollen, die kein deutsch sprechen und die gewalttätig veranlagt sind.
Deutschland den gebildeten Deutschen - und Ausländer raus!
Die Forderungen, Ausländer sollten abgeschoben werden (aus welchen Gründen auch immer) halten sich auch trotz starker Befunde, dass Ausländer nicht das Problem sind. Eine anonym schreibende Direktorin einer “Regionalschule in Ostdeutschland” beschreibt im Spiegel, worum es eigentlich gehen müsste: Bildung und Perspektive für Junge Menschen, vor allem rückt ihr Artikel die Auseinandersetzung um die Rütli-Schule mit ihrem hohen Ausländeranteil in ein vollkommen anderes Licht:
Auf dem Weg zu Berliner Verhältnissen
Letztlich wird der Ball an die Schule zurück gespielt. Die, heißt es dann, habe versagt: “Faule Säcke!” Aber auch wenn sich Lehrer künftig noch mehr engagieren, Projekte anleiten, Fortbildungskurse besuchen: Sie werden das Problem nicht lösen können. Es stellt sich die Frage, ob ein System, das gesellschaftlich derart überholt ist, überhaupt noch zu reparieren ist.
Natürlich kann man einen Schulleiter auswechseln, die Polizei am Eingang postieren oder noch einen Sozialarbeiter einstellen. Ob wir damit dauerhaft Erfolg haben, wage ich zu bezweifeln.
Noch sind wir bei uns ein Stück von den Berliner Verhältnissen entfernt. Aber wir sind auf dem Weg dorthin.
Wir hatten das Schulmassaker von Erfurt. Keiner der Verantwortlichen kann sagen, wir hätten nichts gewusst. Die Integrationsproblematik ist dabei mit Sicherheit nur sekundäre Ursache für die derzeitige Eskalation, die sich am Beispiel Rütli-Schule zeigt. Primär ist es ein Problem sozialer Schichtung: Die sogenannten bildungsfernen Elternhäuser haben ihre Kinder - genau wie sich selbst - schon längst aufgegeben.
Es reicht nicht, mit Harz IV für die Befriedigung der existentiellen Bedürfnisse zu sorgen.
Der Mensch lebt nicht von Brot allein.
Ein Brief aus Neukölln
Über MeOnly bin ich auf den “Ein Brief aus Neukölln” gestossen. Darin beschreibt Arne Gangrad (Neuköllner) einiges aus dem Leben in Neukölln. Ein Muss für alle Deutschländer2!
Der alte Besitzer eines türkischen Cafés in Neukölln erzählte mir einmal, dass er sich schon vor Jahrzehnten angewöhnt hat, die Schlagzeilen an den Kiosken zu lesen, um rechtzeitig zu erfahren, ob wieder einmal ein “Ausländer” etwas angestellt hat. Für die deutschen Passanten in der Straße, in der das Café steht, waren es dann nämlich “die Türken” gewesen. Aber wenn er es einmal nicht mitbekäme, sagte er, wäre das auch nicht so schlimm, denn wenn die Deutschen vor seinem Café ausspuckten oder auf die andere Straßenseite gingen, dann war es wieder einmal passiert, und er könne dann immer noch herausfinden, was er und seine Gäste diesmal verbrochen hatten.
Wenn jemand zu ertrinken droht, drückt man ihn nicht tiefer ins Wasser. Der Artikel Brief von Arne Gangrad zeigt auf, dass die Antworten der meisten Politiker auf den Hilferuf der Rütli-Schule vollkommen daneben waren. Statt auf Ausländer einzuhämmern und immer wieder von Assimilation oder Abschiebung zu sprechen, sollte man bildungspolitisch nachbessern und sich für eine Debatte über das Bildungssystem öffnen. Das ist, was Deutschland eigentlich braucht. Die einzigen, die abgeschoben werden müssten, wären Politiker die durch Fremdenfeindlichkeit von den eigentlichen Problemen ablenken. Und zwar sollte wir sie aus ihren Ämtern abschieben!
Weiterführende Artikel
Integrationsdebatte
- Migranten sind risikobereit, belastbar und kreativ - Rita Süssmuth
- Über Integration wird viel geredet, die vielen guten schon vorhandenen Ideen aber werden nur sehr langsam umgesetzt - Mark Terkessidis
- Die zweite Deutsche Einheit - Heribert Prantl
- Wie die Konservativen die zweite deutsche Einheit verspielen - Claus Christian Malzahn
- Schule und Integration - Markus Biedermann
- Schule, Integration und Kosmopolitismus - Lorenz
- Erste Stunde: Erziehungswissenschaften
- Rettungsversuche für Rütli-Schule
- usf. und immer mehr
Bildung und Schule
- Grandioses Scheitern - Jochim Stoltenberg
- “Es gibt bei uns hervorragende Schulen, auch in Problemgebieten”
- Brennpunkt Schule: Muslime können auch was tun – wenn man sie lassen würde
- Gähnende Leere. Schlußfolgerungen?
Category: Bildung, Inland, medien
Tags: Bananenrepublik, Bildung, diskriminierung, Inland, integration, medien, Politik
- Add this post to
- Del.icio.us -
- Meneame -
- Digg
Noch kein Kommentar..
