Integrierter Than Thou
Der Zwang - das ist die übliche Formel - ist des nicht integrierten türkischen (oder deutsch-türkischen) Mitbürgers schwerste Sünde. Ob die Zwangsverheiratung, die nach Necla Kelek Allgemeinheitsstatus unter selbigen Mitbürgern besitzt, oder der Kopftuchzwang - Türken (und in Anlehnung Muslime - gibt es einen Unterschied in der Wahrnehmung?) zwingen ihre Kinder zu Dingen, die die Integration selbiger verhindert. Demzufolge ist eine Integration zwangsläufig mit der weitgehenden Loslösung von Zwängen verbunden - ein Rezept, um die deutsche Freiheit zu (er-)leben.
Warum wundert man sich dann, wenn ein türkisches Mädchen sich seit drei Jahren weigert, zur Schule zu gehen? Sie hat den Schulzwang (oder harmloser ausgedrückt: Schulpflicht) gebrochen und sich vollkommen selbstständig befreit aus diesen jahrhundertelangen Fesseln staatlicher und väterlicher Oppression. Bravo?
Ok, jetzt mal im Ernst, ich war schockiert, als ich heute nachmittag in der Haz den Artikelaufmacher auf der Frontseite las:
Kind schwänzt seit Jahren
Ein 14-jähriges türkisches Mädchen weigert sich seit drei Jahren, in Garbsen eine Förderschule zu besuchen. Die Behörden sind machtlos, zumal das Kind mit Selbstmord droht.
Im Artikel auf Seite 14 wird das ganze nicht deutlich klarer. Aber soviel steht fest: Die Eltern haben bereits mehrfach das Bußgeld gezahlt, konnten ihr Kind aber nicht dazu bewegen, wieder zur Schule zu gehen. Auch die Behördern können keinen Druck ausüben, da das Mädchen eben mit Selbstmord gedroht hat, sollte sie zum Schulbesuch genötigt werden. Sie sollte nach der Grundschule die Förderschule (bzw. Sonderschule) besuchen.
Nun kann ich verstehen, wenn jemand glaubt an der Förderschule nicht mehr lernen zu können, aber was ich mich wirklich frage ist, was das Mädchen eigentlich sonst macht? Will sie vielleicht die Machtlosigkeit ihrer Eltern und der Behörden darstellen und sehen, wie weit sie gehen kann?
Die Berichterstattung ist offensichtlich im Rahmen der Folgen des Notrufs der Lehrer der Berliner Schule zu sehen. Diese hatten einen medienwirksamen (wie sonst kann man heute Politik dazu bringen, es so aussehen zu lassen, als unternehmen sie etwas) Brief an die Senatsverwaltung für Bildung geschickt. Die Unionspolitiker sind natürlich sofort aufgesprungen und haben feierlich proklamiert
„Schluss mit Multikulti“
Statt also eine Lösung für ein verheerendes gesellschaftliches Problem wie das der fehlenden Motivierung Jugendlicher zu suchen, ergreifen Unionspolitiker wieder einmal die Flucht nach vorne. Was fehlt uns also?
„Das Erlernen der deutschen Sprache ist nicht zum Maßstab aller Dinge gemacht worden“, sagte Schmid. Auch der Appell an die Eigenverantwortlichkeit von Migranten-Eltern für die Sprachkompetenz ihrer Kinder habe lange Zeit gefehlt. Stattdessen seien von 1976 bis heute rund 50 Millionen Euro für 1000 Lehrerstellen ausgegeben worden, nur um Schülern Deutsch beizubringen. Gebracht habe das gar nichts. Im Gegenteil: „Die hier geborene Generation von Migranten spricht ein schlechteres Deutsch als die vorherige“, sagte Schmid unter Verweis auf die Pisa-Studie von 2003.
Soviel mir danach ist, die Aussagen einzeln auseinanderzunehmen, weiss ich doch nicht, was das mit der gewaltbereitschaft und Bildungsverweigerung der Jugendlichen zu tun hat.
Weiterhin fordert der Bremer Politologe Stefan Luft, dass die Ausländeranteile auf die Schulen verteilt werden, damit - Achtung, Transferleistung nur für diejenigen machbar, die mit der unionspolitischen Kopplung von Ausländeranteil und Bildungsniveau mithalten konnten - steigert man den Druck, Deutsch zu lernen und einen Abschluss zu machen.
Auf der einen Seite sehe ich ja ein, dass ein Schüler in Deutschland Deutsch lernen muss (und ich bin sogar für eine solche Verteilung zu haben), aber ist es denn so, dass die Schüler kein Deutsch verstehen, wenn man mit ihnen spricht?? Anders: Können wir unser Bildungsproblem damit lösen, dass der Unterrichtsstoff auf türkisch, arabisch oder russisch vermittelt wird (oder in allen drei Sprachen)? Wenn ja, sollten wir das schleunigst angehen, aber ich gehe davon aus, dass das nicht der Fall sein wird. Die Schüler sind doch offensichtlich nicht daran interessiert, zu lernen. Das hat doch nichts damit zu tun, dass sie ein “ch” als “sch” aussprechen oder teilweise untereinander auf türkisch sprechen!
Unionspolitiker sind in der Multikulti-Debatte gefangen
Zwei Seiten nach der 14-jährigen Türkin, die mit Selbstmord droht, falls ihr jemand versucht etwas beizubringen, geht es um deutsche Eltern, die über die Schule ihres kleinen Mädchens frustriert sind. Sie behaupten, die Schule hätte sich nicht gengend um ihre Tochter gekümmert und wollen sie deshalb nach den Osterferien nicht zur Grundschule zurckschicken, sondern zuhause unterrichten. Die Schule hatte empfohlen das Mädchen nach der vierten Klasse an eine Hauptschule zu schicken, obwohl sie zwischenzeitlich gute Noten erzielt hat. Die Eltern glauben, dass ihr Kind an einer Aufmerksamkeitsstörung leidet. Sie selbst sagt, es wären in der Klasse zu viele Kinder und diese wären meistens laut.
Woran es auch immer liegt, offensichtlich geht nach dem heutigen Schulsystem ein solches Kind in die Abgründe der Hauptschule und ihr wird die Möglichkeit auf eine bessere Bildung erschwert, wenn nicht verweigert. Ist die Argumentation gegen die Hauptschule damit getan? Das stichhaltigste Gegenargument ist die Frage, wo Hauptschüler hiernach hin sollen?!
Bildung, was ist das?
Nicht für die Schule, sondern fürs Leben lernen wir
Was wir brauchen ist die Einsicht der Jugendlichen, dass sie tatsächlich fürs Leben lernen. Ein Leben, in dem es nicht darum geht, wer am besten rapt. Solange aber “Wer wird Superstar” und ähnliche Sendungen die Aufmerksamkeit der Jugendlichen gefangen halten, brauchen wir uns nicht zu wundern, warum sie glauben, darin ihre Vorbilder suchen zu müssen und sich dementsprechend fragen, wozu sie Prozentrechnung, Elektrik oder Geschichte lernen sollen. In dem Leben braucht man das alles nicht!
Ich schlage aber nicht vor, dass wir solche Sendungen verbieten sollten. Vielmehr sollten wir Erfolg stärker (oder überhaupt) belohnen. Das fängt schon damit an, die guten Schüler am Ende des Schuljahres mit symbolischen Geschenken zu würdigen. Anfangs werden sich die Gangs nicht darum kümmern, aber nach und nach werden die schlauen unter ihnen sich nicht die Chancen nehmen wollen. Es fördert ausserdem ein Gegen-Vorbild zu den derzeitigen Ober-”Machos” und Ober-”Zicken”.
In Kuwait habe ich drei Schuljahre mitmachen dürfen und dort gab es dieses System. Der Wettbewerb (um die ersten drei Plätze eines Jahrgangs) hat an keiner Stelle (ok, es war die Grundschule) eine Freundschaft verhindert. Ganz im Gegenteil, er hat die Bindung gestärkt und gab uns Gesprächsthemen. In Deutschland angekommen, musste ich mich angewöhnen, dass “Streber” negativ behaftet war und ein strebsamer Schüler schlechte Karten hatte, wenn es darum geht, die klasseninternen Territorien abzustecken. Ein System aber, das Streben bestraft, kann sich nicht wundern, wenn “Streber” irgendwann nachgeben und schlechte Schüler nur schlechter - und gewalttätiger - werden.
Ich behaupte nicht, dass das der Weisheit letzter Schluss ist, allerdings glaube ich, dass man hiermit einen Anfang schaffen kann. Was nicht funktionieren wird, ist die vollkommene Missachtung der realen Probleme und die Anstachelung zur Fremdenfeindlichkeit!
Weitere Vorschläge finden sich auf Blaustrophobie Weblog.
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