Transparency International ist die neue Vogelgrippe
Dienstag, 28. März 2006, 20:36
Transparency International im Clinch mit Weblogs
Die Geschichte ist bekannt, nur für diejenigen, die es noch nicht mitbekommen haben: Die Bloggerin erhält eine Email von einer juristischen Vertretung der Organisation Transparency International, (lange) nachdem sie eine Darstellung über eine Entlassung bei Transparency International veröffentlicht hatte. Letztere behaupten, dass die Darstellung nicht den Tatsachen entspricht (eine Gegendarstellung ihrerseits sucht man vergeblich) und dass die Bloggerin gefälligst den Text verschwinden lassen sollte - und das bitte schön bis Sonntag (”damit auch ja kein Anwalt mehr eingeschaltet wird…”).
Maulkorb nicht anwendbar
Eingeschüchtert nimmt die Bloggerin den Text vorläufig raus. Der Text, um den es sich handelt findet sich (natürlich) immer noch im google cache (will Transparency International auch die strafrechtlich verfolgen??), das ist bereits der erste und offensichtlichste Grund, warum die Forderung zur Löschung eines im Internet veröffentlichten Textes vollkommener Schwachsinn ist.
Dann natürlich ist da noch die Eigenschaft von Blogs, dass sie sich wie Clanmitglieder verhalten, die sich zwar ständig gegenseitig bekriegen, aber strengstens zusammenhalten, wenn Angreifer von aussen in Sicht sind. Erwartungsgemäss hat sich die Nachricht über die scheinbar nicht so sehr um Transparenz besorgten “Transparency International” verbreitet.
Ich will gefunden werden!
Das Zugehörigkeitsgefühl ist natürlich nicht der einzige Grund - wie das etwa bei der Klowand-Bemerkung von Jean Remy von Matt der Fall war - , warum Blogger über ein solches Thema schreiben. Auch die befürchteten Abmahnwellen, die Bloggern entgegenschwappen motiviert den ein oder anderen, das Thema aufzugreifen und zu thematisieren. Und nicht zu vergessen: Die Suchtreffer bei aktuellen Geschichten sind Öl ins Getriebe eines jeden Bloggers.. Ich bspw. habe zwar relativ früh von der Geschichte gelesen, war aber zu beschäftigt, um darüber zu schreiben. Einen weiteren Grund werde gleich ansprechen, aber vor allem wurde ich eben gerade durch 5 Suchtreffer über Technorati zum Thema ‘Transparency International’ darauf aufmerksam gemacht. Dabei hatte ich damals über das Treffen der Regionalgruppe derselben geschrieben..
Massenmedium Blog
Eines ist daran aber unverkennbar: Blogs versuchen sich von normalen ‘Massenmedien’ abzuheben, indem sie Meldungen, die in den Medien nicht weitergetragen wurden aufgreifen und veröffentlichen. Es geht dabei vor allem auch darum, die eigene, ganz persönliche Meinung loszuwerden und gleichberechtigt in einem so öffentlichen ‘Forum’ loszuwerden. Allzuoft werden dabei Medien kritisiert (zu recht wie ich meine). Und meist kritisieren ‘Medienmenschen’ zurück (am Beispiel der ‘Klowand’-Auseinandersetzung erkenntlich). Auch der tagesschau-Artikel bemängelt (oder stellt klar, das ist nicht ganz deutlich), dass Blogger nicht die Fakten überprüfen, “oder sich wie professionelle Journalisten mit Transparency International als Gegenseite in Verbindung” setzen. Das mag sogar richtig sein, wer macht sich schon solche Arbeit? Auf der anderen Seite ist es auch nicht Aufgabe eines jeden Webloggers, eine solche Recherche zu betreiben.
Trotzdem möchten die meisten Blogger über solche Themen aus den oben genannten Gründen schreiben. Die dabei “gefühlte Gerechtigkeit” mag den ein oder anderen stören, der sich dadurch benachteiligt sieht, aber sie stellt die Grundlage der menschlichen Entscheidungskraft dar. Für eine Organisation wie Transparency International bedeutet das, dass selbst ein rechtlicher Gewinn von ihrer Seite einer Niederlage im öffentlichen (zumindest im Sinne von Klopapier-Öffentlichkeit oder blog-öffentlich) Auge nicht im Wege stehen wird. Sie haben verloren, auch wenn sie vor Gericht gewinnen sollten. Für eine Organisation wie Transparency International eine schwer verdauliche Niederlage.
Und damit komme ich zum weiteren Grund, warum ich nicht gleich über das Thema schreiben wollte: Über-Publicity! Massenmedien reagieren ähnlich einem überschwingenden PT2-Übetragungsglied (wer nicht weiss, was das ist, sollte sich dieses Bild anschauen). Als Beispiel sollte die Vogelgrippe herhalten. Wochenlang mussten wir uns anhören, wo noch weitere Fälle vermutet wurden. Durch die überproportionale Unterbreitung der Nachrichten, wurde eine Gefahrenlage suggeriert, die tatsächlich nicht bestand. Das heisst nicht, dass es die Vogelgrippe nicht gab, ganz im Gegenteil; aber wo ist sie jetzt?? Es gibt mit Sicherheit neue Fälle und einige sickern auch durch, allerdings scheint es derzeit nicht sehr interessant. Die gesteigerte Berichterstattung weicht meist nur, wenn es ein spektakuläreres Thema gibt - das kennt man nicht anders als Erdenbürger.. Das verhält sich mit dem CIA-Gefängnis in Europa oder den Folterungen in Abu Ghraib nicht anders.
Das grösste Problem dabei ist, dass die meisten Medien über ein und dasselbe Thema berichten, anstatt sich gegenseitig zu ergänzen - etwa durch verschiedene Gewichtungen der Nachrichten. Das stellt die Effizienz des Prinzips der Pressefreiheit und Pressevielfalt in Frage. Ein Beispiel für die Unterschlagung von Nachrichten liefert die Aufhebung des Bankgeheimnisses, die letztes Jahr während des Papst-Hypes untergegangen ist.
Bei aller Kritik an den Massenmedien, Weblogs verhalten sich inzwischen nicht anders! Eine Nachricht, die offenbar eine weite Verbreitung bereits gefunden hat, wird nicht etwa durch neue Fakten bereichert, sondern wieder und wieder wiedergegeben. Die Suchmaschinenlogik (vor allem die von technorati) hilft auch nicht weiter. Ich hatte also gedacht, ich verschliess mich dieser Logik, aber irgendwann musste ich nachgeben..
Meinungsfreiheit hat ihre Grenzen..
Ausserdem für mich interessant:
Denn auch wenn rechtlich noch nicht klar definiert ist, wo bei Weblogs die Grenzen zwischen Meinungsfreiheit und Schmähkritik, Rechten und Pflichten privater Betreiber verlaufen..
Man vergleiche diese Differenzierung zwischen Meinungsfreiheit und Schmähkritik hier und der Gleichsetzung Ersterer mit der Hetze, wie sie die rechtsextreme Jyllands-Posten mit den “Karikaturen” verbreitet hat! Plötzlich hat Meinungsfreiheit auch Grenzen.. Aber das nur nebenbei..
Tags: blogs, Inland, medien, meinungsfreiheit, presse, vereine
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