Rassisten und der Mord an Ilan Halimi
Ilan Halimi war ein jüdisch-französischer Mann, der am 21. Januar diesen Jahres in einer Pariser Vorstadt gekidnappt wurde. Die Gruppe, die anfangs ein Lösegeld von 450.000 € einfordern wollte und Ilan dafür drei Wochen lang gefoltert hat, nennt sich “die Barbaren”. Am 13. Februar wurde er in einem elenden Zustand in der Nähe einer Bahnlinie in den Vororten Paris’ vorgefunden. Auf dem Weg zum Krankenhaus ist Ilan Halimi an den Folgen der Verbrennungen und weiteren Wunden gestorben.
Gestern sind mehrere Zehntausend Menschen ohne grössere Reden durch Paris marschiert in Erinnerung an Ilan Halimi und als Protest gegen antisemitische und rassistische Übergriffe. Initiiert wurde die Demonstration von einem jüdischen Verein in Paris, teilgenommen haben aber französische Politiker (von denen einige bis vor kurzem einen antisemitischen Hintergrund der Tat ausgeschlossen hatten) und Vertreter jüdischer, christlicher und muslimischer Gemeinden. Die Organisatoren schätzen die Teilnahme bei 100.000 Menschen.
Leider wollten einige die Demonstration benutzen, um widerum antiislamische Stimmung anzuheizen, was angesichts der Verschiedenen Ethnien der Mitglieder der “Barbaren” eine konstruierte Frontbildung darstellt. Jean-Marie Le Pen von der extremrechten “National Front Party” wurde explizit von der Demonstration ausgeladen, nachdem u.a. die Eltern von Ilan nicht in einer Demo mit ihm gehen wollten. Jewssansfrontier hat den Ha’aretz-Artikel noch zitiert, bevor er geändert wurde: Ilan Halimi’s family boycotts “anti-racist” demo:
According to Ha’aretz, the family of French murder victim, Ilan Halimi, are refusing to attend a demonstration organised to protest against the murder “that appears to have been motivated in part by anti-Semitism.”
Im Ha’aretz-Artikel stand vor der Änderung folgendes:
The rally - which is due to be attended by over 100,000 people and numerous public figures, including government ministers - has become controversial due to the planned participation of representatives of two right-wing political movements, the National Front and the Movement for France (known by its French initials MPF).
On Friday, the anti-racism organization MARP announced that it would refuse to attend the rally for this reason, charging that both movements were using Halimi’s murder to whip up anti-Muslim sentiment and thereby encouraging racism. The National Front, for instance, described the murder as “the result of 40 years of uncontrolled immigration,” while the MPF denounced “the Islamization of France.”
Inzwischen hat sich geklärt, dass der Rechtsradikale nicht an der Demo teilnehmen durfte. Als ein anderer Rechtsradikaler, Philippe de Villiers, an dem Marsch teilnehmen wollte, wurde er mit “Rassist” empfangen und später von der Polizei weggebracht. Allerding währt dieser Sieg über Rassisten nur kurz. Heute schlage ich die Hannoversche Zeitung auf und entdecke auf der zweiten Seite einen dpa-Artikel, der widerum antimuslimische Berichterstattung betreibt. Dort steht unter der Überschrift “Demo gegen Antisemiten”:
Mit einer Massendemonstration in Paris haben am Sonntag die französischen Parteien und Religionsgemeinschaften gemeinsam gegen Antisemitismus demonstriert. Anlass war die Ermordung eines Juden durch junge Kriminelle aus dem muslimischen Einwanderermilieu.
Tatsächlich waren an der Entführung und Ermordung von Ilan eben nicht nur muslimische Jugendliche beteiligt. Laut wikipedia-Artikel scheinen mir nur 5 der 11 dort aufgeführten Entführer einen muslimisch anmutenden Namen zu haben. Aber selbst dann, wäre fraglich inwiefern ihre Religionszugehörigkeit sie zu einer solchen Tat veranlasst hat. Zumindest erscheinen sie nicht sehr religiös, wenn man sich anschaut, in was für Verbrechen sie schon vorher involviert waren: Der “Mastermind” der Gruppe - Youssouf Fofana - ist ein Dieb, seine rechte Hand - “Samir” - ist ein Drogendealer und eine Frau, die sich als Köder verwenden lässt, kann nicht wirklich streng religiös sein.
Aber die HAZ ist scheinbar nicht die einzige Zeitung, die sich anhand eines antisemitischen Verbrechens zu antiislamischer Hetze verwenden lässt. In der TAZ ist ein ähnlicher Artikel zu finden. Es ist scheinbar vollkommen irrelevant, welche Zeichen Hunderttausend Menschen setzen wollten, wenn Medien sich einmal auf etwas fixiert haben. Die Rechtsextremen haben sich eben woanders ausgelassen.
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