Die Neuerfindung des Kulturalismus
Leserbrief von Michael Muhammad Abduh Pfaff zum Artikel “Die Neuerfindung des Islam” von Bassam Tibi im tagesspiegel
Sehr geehrte Damen und Herren,
ich bedaure, dass Sie mit dem Artikel von Herrn Professor Tibi vom 19.02.06 ein Dokument verletzter Eitelkeit als Beitrag zur Integrationsdebatte verstehen.
Der Schöpfer des “Leitkultur“ Begriffes beklagt, dass er keine Anerkennung dafür erhält, dass er und nicht Huntington der wahre Entdecker des “Krieges der Kulturen“ ist. Er beklagt, dass er als „Prophet im eigenen Lande“ nichts gilt.
Sein offensichtliches Selbstmitleid verstellt ihm jedoch den objektiven Blick auf die Tatsachen. Und Tatsache ist: Tibi irrt!
Tibi versucht den derzeitigen Nah-Ost Konflikt aus einem gegenüber einer modernisierten europäischen Gesellschaft und einer in einer mittelalterlichen Religion gefangenen orientalischen Gesellschaft zu erklären.
Er übersieht dabei völlig, dass die sogenannte Moderne ein globales Phänomen ist und dass gerade die Symptome, die er in islamischen Kulturen zu erkennen glaubt, Symptome der Moderne sind.
Zwei Beispiele zu Begriffen, die Tibi sehr gerne verwendet, mögen dies verdeutlichen:
- Fundamentalismus ist ein Begriff, der sich auf eine christliche Zeitung (“The fundamentals – a testimony of truth“ erschienen 1910 - 1915) in Amerika bezieht. Als Gegenreaktion auf die Modernisierung der amerikanischen Gesellschaft versuchten konservative Christen eine wörtliche Bibelauslegung zu etablieren. Sie beanspruchten als „Zeugen der einzigen Wahrheit“ die Deutungshoheit über den christlichen Glauben und versuchten mit ihrer Auslegung ein Gegenmodell zu der neuen liberalen Gesellschaftsordnung zu etablieren.
Diese Art der Religionsauslegung wurde von westlich ausgebildeten Intelektuellen in den 20er Jahren des vergangenen Jahrhunderts auf den Islam übertragen. Sie hat keine islamischen Wurzeln, ja sie wiederspricht einigen theologischen Grundsätzen des Islam. - Dschihadismus, als antiwestliche Ideologie ist nicht in theologischen islamischen Kreisen entstanden, sondern im deutschen Außenministerium im Zuge des ersten Weltkrieges.
Im Bemühen eine Möglichkeit zu finden, Muslime im 1. Weltkrieg gegen Frankreich und England zu mobilisieren, entdeckte Max von Oppenheim (Leiter der Nachrichtenstelle für den Orient) den Dschihad Begriff und begann ihn in seinem Sinne umzudeuten.
So gab die Nachrichtenstelle die Zeitschrift „Al Dschihad“ heraus, deutsche Konsulate richteten 37 Lesesäle ein, um die Botschaft des Dschihadismus zu unterstützen, es wurde Druck auf den osmanischen Sultan ausgeübt, der schließlich seinen Großmufti beauftragte einen „Dschihad Aufruf“ zu verfassen.
Es waren deutsche Beamte, wie Otto Werner von Hentig, Wilhelm Wassmuss und Oskar Ritter von Niedermayer, die den Dschihadismus-Gedanken in den Orient trugen und versuchten als deutsche Versionen von „Lawrence von Arabien“ die Massen zu mobilisieren.
Langer Rede kurzer Sinn: es ist kein Cultural Turn, sondern die Moderne selbst, die ihre „Antagonisten“ hervorbringt. Das Problem ist nicht ein konstruierter Gegensatz zweier Wertesysteme, sondern das Problem ist, dass im Zuge der Modernisierung global traditionelle Werte verloren gehen.
Die modernen Folterknechte des Westens und die Terroristen des Ostens zeigen beide, dass uns moralische Grundlagen verloren gegangen sind.
Grundlagen, die alle abrahamitischen Religionen gemein haben.
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