Der Kampf der Un-Kulturen
Gastbeitrag von M.Belal El-Mogaddedi
„Satire ist die Kunst, einem anderen so auf den Fuß zu treten, dass er es merkt, aber nicht aufschreit.“
Helmut Qualtinger
Das Ausmaß, dass die Auseinandersetzung um die Veröffentlichung der sogenannten „Mohammed-Karikaturen“ angenommen hat, ausgelöst durch die rechtsgerichtete dänische Zeitung „Jyllands Posten“ und andere Zeitungen des ach so vernunftverklärten Europas, und die gewalttätigen Reaktionen muslimischer Demonstranten auf diese Karikaturen in vielen muslimischen Ländern der Welt, belegt wieder einmal, dass der Mensch in seinem Dasein immer noch an dem Ausleben seiner eigenen Kurzsichtigkeit den größten Gefallen findet.
Die Verteidiger der Karikaturen sehen sich durch muslimische Proteste in ihrer Meinungs- und Pressefreiheit bedroht, und versuchen den Eindruck zu vermitteln, dass Freiheit ein absolut uneinschränkbares Gut wäre, und die zu gewalttätigen Demonstrationen aufrufenden Eiferer übersehen, dass ihre Gewalttaten den Taten des Propheten (Friede Sei mit Ihm) diametral entgegen stehen und dem Ansehen der Muslime sicherlich nicht förderlich sind.
Überhebliche Belehrsamkeit durch der Journaille verfallene Journalisten auf nicht-muslimischer Seite und fehlgeleitetes religiöses Eifertum auf muslimischer Seite können nur in eine Sackgasse führen.
Die Tyrannei des selbstverliebten und selbstgerechten Journalismus ist genauso furchtbar und unerträglich wie die Tyrannei des blindwütigen Strassenmobs.
Der Begriff „Kampf der Kulturen“ erschleicht sich angesichts der gegenwärtigen Situation wieder einen herausragenden Platz in den Kommentaren und dabei wird so getan als ob die Prediger des Aufklärungsfundamentalismus und des muslimischen Extremismus in der gegenwärtigen Auseinandersetzung ihre jeweiligen kulturellen Wurzeln repräsentieren.
Die viel beschworene Kultur glänzt aber durch Abwesenheit und das ist auch gut so, denn Kultur ist nicht Exzess. Kultur ist nicht Beleidigung, Anstandslosigkeit, Herabwürdigung und Stigmatisierung, sie ist auch nicht Brandstiftung, Entführung, Gewalt und Aufruf zum Mord.
Die derzeitige Situation stellt einen Zusammenprall der Un-Kulturen dar. Konstruktive Streitkultur kann nicht ohne Kultiviertheit und Respekt vor dem Anderen existieren.
Die verzückten Freiheitskämpfer für die Meinungs- und Pressefreiheit verwechseln blinde Provokation mit Argumentation. Die gewalttätigen muslimischen Demonstranten tappen in eine für sie ausgelegte Falle und bedienen damit genau die unglaublichen rassistischen Vorurteile, die sie zu widerlegen suchen.
Täter und Opfer verfangen sich in einem Netz des Extremismus und insbesondere die gewalttätigen Muslime dienen ihrer Sache nicht. Sie erweisen ihrer Sache einen Bärendienst, weil sie mit ihren Drohungen und Angriffen auf Botschaften den Tätern ermöglichen, in eine Opferrolle zu schlüpfen, so dass sie auf diese Weise vor der Verantwortungsübernahme für das von ihnen verursachte Chaos fliehen können.
Und die Täter? Sie haben -wenn überhaupt- nur einen Pyrrhussieg errungen, denn angesichts der von ihnen herbeigeführten Situation wird die Schere im Kopf in Zukunft schärfer schneiden. Die Karikaturisten als Bannerträger der Rede- und Meinungsfreiheit gefeiert, werden paradoxerweise dazu beitragen, dass eben diese Freiheit des Wortes neu definiert wird.
So wie das Ansehen des Islams durch die Bilder von brandschatzenden Demonstranten nicht gefördert werden kann, gewinnt auch das Modell der westeuropäischen Demokratie durch islamophobe, entwürdigende und rassistische Darstellungen von Muslimen nur sehr bedingt an Attraktivität.
Es ist an der Zeit Freiheit nicht mit absoluter Willkür und absoluter Verantwortungslosigkeit, Journalismus nicht mit „Verbalterrorismus“ und pathologischem Hang zur Provokation zu verwechseln.
Es ist an der Zeit auf eine religiöse Verletzung nicht mit gewalttätiger Emotion zu reagieren, und in der Pyromanie ein Argument zu sehen. Dies gilt auch und insbesondere für den Umgang mit dem „agent provocateur“, will man nicht auf sein Niveau herabfallen; der Provokateur hätte dann sein Ziel erreicht.
Kritik und Dialog schliessen sich nicht aus, sie schliessen sich nur dann aus, wenn man einerseits in eine arrogante und selbstgefällige Oberlehrermanier verfällt und wenn man andererseits mit Schaum vor dem Mund auf den Anderen losgeht.
Nicht-Muslime müssen erkennen, dass Respekt und die Begegnung auf Augenhöhe vorzügliche Brücken für den Transport von Kritik darstellen.
Ferner müssen sie akzeptieren, dass ihre Sicht der Dinge nicht der Weisheit letzter Schluss ist. Bereits Adolph Freiherr von Knigge wies in seiner Schrift „Über den Umgang mit Menschen“ mit folgenden Worten darauf hin: „Man vergesse nicht, dass das, was wir Aufklärung nennen, anderen vielleicht Verfinsterung scheint.“
Muslime müssen erkennen, dass es trotz des, nicht nur manchmal, unerträglichen Umganges mit dem Islam keine Alternative zu überlegten, vernünftigen Handeln gibt. Das Ansehen des Propheten Mohammad kann von ihnen am besten verteidigt werden, wenn sie seinem herausragenden Beispiel folgen, von dem nur eines hier zitiert werden soll:
„Stark ist nicht der Sieger in einem Kampf. Wahrlich stark ist derjenige, der sich selbst beherrschen kann, wenn er wütend ist.“
Eine Frage bleibt dennoch:
Wenn das Recht auf Presse- und Meinungsfreiheit das Fundament für die sogenannte „Mohammed-Karikaturen“ darstellt, warum rufen dann die Meinungsäusserungen eines iranischen Präsidenten zu historischen Ereignissen mehr als nur ablehnende Empörung hervor?
Die Unerträglickeit des Tabus scheint doch selektiv zu sein.
Noch schnell ein Hinweis auf andere Beiträge in der Blogosphäre:
- Europäische Rabbiner lehnen muslimfeindliche Karikaturen ab oder direkt: The right to satirise is not the right to injure or humiliate
- Ich glaube gar nichts mehr
- Von wegen Meinungsfreiheit
- Streit und Eskalation über die Mohammed-Karikaturen
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Comments
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By sascha, 7. Februar 2006 @ 07:54
Oh mann, die Sätze sind ziemlich lang, so dass ich kaum Lust hatte sie zu lesen. Aber egal.
Der ganze Eintrag versucht was auszusagen? Selbstverständlich ist es ein Zusammenprall untgerschiedlicher Kulturen. Selbstverständlich ist auch Provokation ein Teil der Meinungsfreiheit. Und ich verstehe dabei ehrlich gesagt nicht den Vergleich mit den Äusserungen des iranischen Präsidenten. Dessen Meinung wurde doch veröffentlicht. Es wurde hier darüber diskutiert und seine Schlussfolgerung wurde als Idiotie am Rande eines verbalen Brandstifters zu den Akten gelegt. Und wenn schon verglichen wird, dann bitte auch soweit, dass die Iranische Botschaft hier in Berlin immer noch steht.
Irgendwie geht mir der Beitrag auch viel zu sehr davon aus, dass hinter den Bildern ein Masterplan für die Provokation eines wie auch immer gearteten Kulturkampes steht. Das geht schon in die Nähe von Verschwörungstheorien a la USA. Fehlt nur noch, dass es ursprünglich 23 Karikaturen waren. Und das es zu Spannungen kommt, wenn unterschiedliche Kulturen, Weltbilder, Ideologien aufeinander prallen ist doch etwas ganz natürliches. Wobei ich dir Recht geben muss, die Reaktionen in der islamischen Welt kann man schon als ein “in die Falle laufen” betrachten. Das Bild des brandstiftenden (brandschatzen ist übrigens das Schätzen eines Freikaufspreises der von einer Stadt zu bezahlen war, wenn diese nach einer Belagerung unterlegen war und sich vor der Vernichtung freikaufen wollte) Mobs bestätigt sehr viele Vorurteile. Was dort gerade passiert wird einige Jahre dauern, um bei den Menschen hier wieder aus den Köpfen zu verschwinden. Insofern sind die, für mich, politisch motivierten und aufgestachelten Veranstaltungen ein Bärendienst.
By Ike, 7. Februar 2006 @ 10:59
Moin!
Ein guter Gastbeitrag. Und den jetzt bitte übersetzen und auch in der islamischen Welt verteilen.
Gestern Abend habe ich in der ARD auch ein paar nette Kommentare gehört. Zum einen wurde dort die Nachricht widerlegt, die vor ein paar Monaten durch die Presse ging. Es hieß ja, die USA habe ein iranisches Notebook entwendet, auf dem starke Beweise dafür vorhanden seien, dass der Iran ein Atombombenprogramm entwickele. Das wurde damals von allen Nachrichtenmagazinen nachgeplappert.
Nun, sie sind dem ganzen nachgegangen und haben dann endlich eine Person getroffen, die den Inhalt des Notebooks gesichtet hat. Es war dort kein Wort von Atombomben zu finden, es ging dort lediglich um das Raketenprogramm.
Später dann kam auch ein Beitrag, der darüber spekulierte, wer denn der Mob ist, der in der islamischen Welt gerade verrückt spielt. Die Vermutung war, dass es eher die wenig informierten Menschen seien, es wurde ja auch wohl schon teilweise vermutet oder nachgewiesen, dass neben den schon bekannten Bildern auch weitaus härtere Bilder gezeigt wurden, die noch beleidigender gewesen seien.
Zu den Äußerungen des iranischen Präsidenten. Nun … irgendwie stimmt es schon. Was für den Islam Darstellungen ihres Propheten sind, ist speziell in Deutschland das Dritte Reich. Eine Äußerung wie “ich bin stolz ein Deutscher zu sein” reicht schon fast, um einen in das rechtsextreme Lager abzuschieben. Dies ist unser Stigma. Und niemand darf auch nur ein wenig in der Wunde rühren, ohne gleich von allen Seiten beschimpft zu werden.
Demzufolge stimmt es schon irgendwie, dass diese Äußerungen des Präsidenten auch “nur” eine Meinungsäußerung darstellen – die in eine klaffende Wunde treffen.
Das dritte Reich und dessen Folgen sind irgendwo unser Mohammed.
Allerdings hat sich der Präsident ja auch noch durch andere Äußerungen nicht gerade in ein positives Licht gestellt. Es ist meiner Meinung nach für einen Staatschef nicht würdig, einem anderen Land mit dessen Vernichtung zu drohen. Und im Zusammenhang mit allen Äußerungen ergibt sich dann doch eine Richtung, die ich als bewusste Provokation sehe.
Für sich alleine gesehen, sind die Äußerungen vielleicht nicht wirklich harmlos, aber es bleiben Meinungsäußerungen, die man sich gefallen lassen muss (und sollte). Aber alles zusammen ergibt ein – aus meiner Sicht – bedrohliches Bild.
Ich habe im Moment das Gefühl, als ob der Iran ein wenig in die Position eines in die Ecke getriebenen Hundes gezwängt wird. Je weniger Rückzugsraum er hat, desto bissiger wird er und desto lauter bellt er. Das ist keine befriedigende Situation – weder für den Iran, noch für den Rest der Welt.
Gespräche in Augenhöhe wären sehr gut – nur manövrieren sich derzeit leider alle Seiten in Positionen, wo dies kaum möglich ist. Ich denke, jetzt wäre es ideal, wenn ein arabisches Land den Vermittler spielen würde, was stabile Kontakte sowohl in die arabische als auch westliche Welt unterhält.
Michael
By Ike, 7. Februar 2006 @ 11:18
Nachtrag:
@sascha: Ich musste eben darüber schmunzeln, dass eine Person, die aller Wahrscheinlichkeit nach Deutscher ist, sich ein wenig darüber beschwert, dass jemand, dessen Name andeutet, dass seine nahen Vorfahren keine Deutschen waren, so lange Sätze fabriziert hat, dass sie schwer zu verfolgen seien ;-)
Willkommen in der Welt, in der die Einwanderer und deren Nachkommen sich eben nicht mehr durch eine einfache (und falsche) Wortwahl von dem ach so wortgewaltigen Volk der Dichter und Denker unterscheiden, sondern sie auch mal übertreffen ;-)
Und nochwas: Es gibt auch noch andere Quellen, die vermuten lassen, dass diese Proteste eben doch gesteuert werden. Durch ein wenig Missinformation oder durch das geschickte Filtern lässt sich recht leicht eine Stimmung in der gewünschten Zielgruppe erreichen. Und es gibt immer Personen, die von soetwas profitieren, bzw. glauben, davon zu profitieren.
BTW: Das passiert auch bei uns. Als jetzt der katholische Priester in der Türkei erschossen wurde, wurde immer schön gesagt: “Ob der Mord in Zusammenhang mit den Karrikaturen steht, ist nicht erwiesen”. Die Aussage ist sicherlich richtig, aber sie enthält eine Unterstellung. Und die erzeugt eine gewisse Meinung bei denen, die es unreflektiert aufnehmen.
So gesehen könnte man viele Sachen in einen Zusammenhang mit den aktuellen Problemen stellen. “Der Ölpreis steigt – Ob dies in Zusammenhang mit den Karrikaturen steht, ist nicht erwiesen”, etc.
Michael
By Omar Abo-Namous, 7. Februar 2006 @ 11:25
@sascha: “Der ganze Eintrag versucht was auszusagen? Selbstverständlich ist es ein Zusammenprall untgerschiedlicher Kulturen.”
Gerade darum geht es ja: Der Autor spricht hier von “Un-Kulturen”; es sind die Provokateure auf beiden Seiten – die sich eigentlich keiner “Kultur” bedienen könnten -, die die Debatte führen. Übrigens die langen Sätze liebe ich so sehr an Belal, denn dieses Thema ist nicht so einfach. Ich werde demnächst den Text von Todenhöfer in Süddeutschen hier mal vorstellen zum Thema “islamisch getarnter Terror” (nicht komplett) und der hat einen kompletten anderen Schreibstil, wo er fast nur Hauptsätze benutzt.
@Michael: “Das dritte Reich und dessen Folgen sind irgendwo unser Mohammed.”
Ich hoffe, das war nur unglücklich ausgedrückt… Rest beantworte ich heute abend. Bis dann.
By Ike, 7. Februar 2006 @ 12:49
@Omar: Keine Angst. War wohl wirklich etwas krumm ausgedrückt. ;-) Ich meinte damit, dass das etwas ist, wo die jeweiligen Kulturen speziell reagieren, nicht jedoch, dass beides etwas ist, was zu glorifizieren wäre.
Dass euer Prophet in euren Augen natürlich jemand ist, der angebetet werden muss, während in unseren Augen alles das, was aus dem dritten Reich stammt, automatisch verurteilt werden muss, ist natürlich ein großer Unterschied, jedoch sind es nur jeweils extreme Ausschläge in unterschiedliche Richtungen und also – absolut gesehen – gleich.
Dass ich damit euren Propheten nicht beleidigen wollte, sollte hoffentlich klar geworden sein.
Michael
By sascha, 7. Februar 2006 @ 15:16
@Ike/Michael
Komplett eigentlich Ivo-Sajoscha. Ich muss allerdings schon 5 Generationen zurück gehen, damit ein Elternteil etwas russisches hat (und soviele Generationen nehme ich nicht mehr ernst). Ansonsten ist der Name ein Produkt des ostfriesischen Ivo und der russischen Koseform von Alexander, den meine Eltern einmal in einem russischen Naturfilm gesehen haben.
By Omar Abo-Namous, 7. Februar 2006 @ 22:07
zunächst einmal tut es mir leid, dass z.Zt. die Kommentare zeitversetzt online sind, ich muss mit diesen ganzen Spinnern klarkommen und ich will nun wirklich nicht für ihren Spam herhalten müssen..
@sascha: meines Erachtens (ich muss ihn ja auch interpretieren..) wird im Text gesagt, dass es auf beiden Seiten “aktive” Hetzer gibt, die es sehr wohl darauf anlegen, Fronten aufzubauen oder zu verhärten. Rechte Politiker hier können Stimmen sammeln und auch sagen, dass sie ja nicht ganz sooo rechts sind, während vor allem im nahen Osten die Regierungen sagen können “ihr [der 'Westen'] braucht uns, um dieses ‘Pack’ in Zaum zu halten..”. Wohlgemerkt, dass es in vielen dieser Länder ohne Anmeldung und Genehmigung eine solche Demonstration nicht geben könnte..
@Michael: meintest du eigentlich diesen Artikel, als du von “gesteuert” sprachst? Und wegen der ‘Beleidigung’, ich dachte, ich stelle das mal klar, damit nicht wieder Spinner dies verwenden.. Aber Danke auch für deine Klarstellung..
Was unseren Krieg im Iran angeht, so bin ich davon abgelenkt worden. Aber was soll man noch kommentieren. Hat Frau Merkel eigentlich irgendwas anderes im Kopf ausser “ihren” Krieg? Ich wollte zum Kommentar aus Teheran “Merkel soll erst die Augen aufmachen und dann reden” schreiben, dass man Teheran verstehen müsste, da sie wahrscheinlich das Motto “Augen zu und durch..” nicht kennen…
Gruss, Omar