Jusos Berlin-Mitte gegen Deutsch-Zwang
Mittwoch, 25. Januar 2006, 23:31
In einem offenen Brief an Senator Klaus Böger hat der KreissprecherInnenrat der Jusos Berlin-Mitte der offiziellen SPD-Position widersprochen. Diese hat sich hinter der Entscheidung der Berliner Herbert-Hoover-Realschule gestellt, eine Deutschpflicht im gesamten Schulraum anzuordnen und gefordert, dass sich weitere Schulen diesem Vorgehen anschliessen.
Anbei der komplette Brief. (Hervorhebungen von mir)
Offener Brief zur Deutschpflicht auf Berliner Schulhöfen
Sehr geehrter Herr Senator Böger,
lieber Genosse,
mit großer Sorge und Befremden verfolgen wir die Debatte um eine Deutschpflicht an Berliner Schulen und die Positionierung der SPD Berlin in dieser Frage. Als „einhellig“ positiv beurteile die SPD-Fraktion diese Maßnahme der Herbert-Hoover-Realschule im Stadtteil Wedding und ermuntere weitere Schulen „ausdrücklich“ zur Nachahmung. Als Jusos der SPD in kritischer Solidarität verbunden, empfinden wir es als unsere Verpflichtung, uns in dieser Angelegenheit zu Wort zu melden; besonders da die Schule in unserem Kreis liegt.
Ein Deutschzwang auf Berliner Schulhöfen ist ebenso sinnlos wie diskriminierend. Die Schulpausen dienen den SchülerInnen zur Entspannung und dem privaten Austausch mit ihren SchulkameradInnen. In welcher Sprache dies stattfindet, ist ganz allein ihre Entscheidung. Genauso wenig kann man ihnen vorschreiben, worüber sie zu sprechen haben. Es darf nicht das Ziel von Bildungspolitik sein, eine Homogenisierung von SchülerInnen herzustellen und sie auf eine deutsche „Leitkultur“ zu normieren. Im Übrigen bedauern wir es auch außerordentlich, dass Berliner SchülerInnen im nationalen und globalen Wettbewerb einem „Standortnachteil“ ausgesetzt werden, da ihnen verboten wird, auf dem Schulhof ihr im Englisch- und Französischunterricht erworbenes „Humankapital“ durch Praktizieren zu maximieren.
Wenn an der Schule eine derart große Einigkeit besteht, nur Deutsch sprechen zu wollen, wie die Schulleitung suggerieren möchte, ist nicht einsichtig, inwiefern die Notwendigkeit für eine Regelung in der Hausordnung überhaupt noch besteht. Dass SchülerInnen hingegen in ihrer Pause zu einer bestimmten Sprache gezwungen werden sollen, erinnert an totalitäres Staatsbetragen und verletzt zutiefst nationale wie internationale menschenrechtliche Grundsätze. Die Debatte um eine Ein-Sprachen-Politik stärkt erfahrungsgemäß nationalistische und rassistische Tendenzen und zeugt von einem rückwärtsgewandten eindimensionalen Gesellschaftsverständnis. Sozialdemokratische Politik darf rechtsextremen Strömungen keine Argumentationshilfe bieten!
Ein Deutschzwang für den Pausenhof - begründet mit den Argumenten Sprachkompetenz und Integration - ist eher ein Armutszeugnis für die Berliner Schulen denn ein progressives politisches Konzept. Seit Jahren weiß man, wo die Probleme des deutschen Schulsystems liegen – das haben auch die Pisa-Studien eindrucksvoll unter Beweis gestellt. Übermäßige Selektionsmechanismen, Sparzwang und mangelnde Rücksicht auf individuelle Bedürfnisse der SchülerInnen führen zu einer Reproduktion vorhandener sozialer Ungleichheiten. Dieses System trifft junge Menschen mit Migrationshintergrund besonders stark. Doch statt auf diese Erkenntnisse zu reagieren, wird wie so häufig die Verantwortung von Gesellschaft und Politik auf den Einzelnen übertragen und die Schuld den SchülerInnen zugeschrieben, die in den Pausen nicht fleißig genug Deutsch sprächen.
Daher fordern wir die Fraktion der SPD im Berliner Abgeordnetenhaus und Dich als Bildungssenator auf, euch entschieden gegen solche diskriminierenden Praktiken zu wenden und eine Abschaffung dieser Regelung zu erwirken. Dafür werden wir uns weiterhin im Juso-Verband, der SPD und der Öffentlichkeit stark machen.
Es ist an der Zeit, die vorurteilsbelastete Integrationsdebatte um die hier lebenden BürgerInnen mit Migrationshintergrund endlich von Hysterie und fremdenfeindlichen Reflexen zu befreien, um zu einer emanzipatorischen und fortschrittlichen Diskussion über Partizipation zu gelangen. Wir müssen endlich darüber sprechen, wie man allen Menschen in diesem Land und dieser Stadt eine gerechte Teilhabe an der Gesellschaft ermöglichen kann. Dafür ist eine mutige sozialdemokratische Politik notwendig. Dabei spielt das Bildungssystem und hier die Schule selbstverständlich eine entscheidende Rolle. Der Weg liegt aber sicherlich nicht in dem Zwang zur Einheitssprache, sondern in einem sozial inklusiven Bildungssystem mit Sensibilität für die Bedürfnisse seiner SchülerInnen. Das muss das Ziel sozialdemokratischer Politik sein!
Mit sozialdemokratischen Grüßen
Der KreissprecherInnenrat der Jusos Berlin Mitte
Einige Ergänzungen meinerseits:
- Ob nun Englisch, Französisch, Blindensprache, Arabisch, Türkisch, Italienisch oder gar ein Mischmasch aus allen, jede praktizierte Sprache ist ein Gewinn, der unbezahlbar ist (meinetwegen als Humankapital…).
- Ich würde nicht “diskriminierend” sagen, denn es werden ja alle gleich behandelt. Gleich schlecht, aber das ist ja ein anderes Thema…
Category: Inland
Tags: Bananenrepublik, Bildung, demokratie, Inland, parallelgesellschaft, Polizeistaat
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