Ich bin heute gestorben

Ich bin heute nacht im Irak gestorben.

Ich war also nachts im Irak. Die US-Armee hatte angeordnet, dass sich alle Bewohner der Stadt, in der ich mich aufhielt, in einem Haus versammeln. Sie hatten vor, alle Bewohner zu identifizieren und in ein Register einzutragen. Jeder, der dieser Anordnung nicht nachkam, würde als “insurgent” oder “terrorist” gelten.

Komischerweise habe ich in eines der Räume des besagten Hauses gewohnt. Ich saß an meinem Rechner, hatte aus Gewohnheit die Kopfhörer aufgelegt und schrieb in meinem Blog. Als der Befehl zum Sammlen kam (ein Schrei durchs Haus), habe ich ihn zwar vernommen, wollte mir aus Trotz aber einbilden, ich hätte nichts gehört. Ich malte mir ein Szenario aus, demzufolge ich den Soldaten, die in mein Zimmer einmarschierten und mich als Terroristen behandeln wollten, sagen würde, dass ich durch den Kopfhörer den Befehl nicht gehört hatte. Ich entschied mich – nicht ganz untypisch für mich – dagegen. Trotzdem hatte der Ausrufer bereits zum zweiten Mal gerufen als ich im Versammlungsraum ankam.

Ich kann mich nicht an die Details erinnern, aber der Raum war sehr klein. Am einen Ende war eine Treppe, durch die andere Menschen in den Raum kamen, wo wir uns versammeln sollten. Am anderen Ende des Raums war ein breiter Flur, an dessen Ende ein Zimmer lag. Es waren etwa fünf Soldaten anwesend. Die Fenster waren entweder dick verhangen oder gar nicht existent. Es war nicht dunkel – man konnte alles erkennen – aber es war auch nicht sonderlich hell. Die Waffen der Soldaten habe ich nicht gesehen. Aus irgendeinem Grund wusste man aber, dass sie Waffen bei sich trugen – ich kann es nicht erklären. Zwei der Soldaten waren dunkelhäutig – ich erwähne das nur, weil es später wichtig sein wird – während die anderen drei eher hellhäutig waren. Der Befehlshaber (auch Ausrufer offensichtlich) war einer der beiden dunkelhäutigen. Er war hochgewachsen, breitschultrig und hatte kurz geschnittene Haare. Er kam auf uns zu, die wir uns versammelt hatten – von den Versammelten hatte ich nicht so viel mitbekommen, ich starrte gebannt auf die Soldaten – und verlangte irgendwelche Papiere. Auch dieses Detail habe ich vergessen. Ich weiss nicht, inwieweit ich oder andere dieser Aufforderung nachgekommen sind.

Am Ende des Flurs entstand ein wenig Aufregung, als einer der Soldaten die Tür öffnete und einen Iraker im Raum entdeckte. Der Befehlshaber schnellte den Flur entlang und hinterliess einen relativ jugendlich aussehenden Soldaten bei uns. Als er aus dem Zimmer kam, schleppte er den Iraker an den Haaren hinter sich her. Dieser schrie aus vollem Hals. Obwohl er offensichtlich Arabisch gesprochen hat, konnte ich kein Wort verstehen – vielleicht wollte ich es auch nicht verstehen. Als der Befehlshaber den Neuankömmling in unsere Mitte schmiss, fingen wir ihn auf – ich sah ein Paar alte Augen, die mir über den Körper hinweg ein “gut gefangen” zuflüsterten – und stellten ihn auf. Für mich verschwand er sofort in der Menge.

Ich glaube, ich habe bereits erwähnt, dass ich ein störrischer Zeitgenosse sein kann. Ich weiss nicht mehr, wie ich das verheerende Gespräch mit dem Obersoldaten anfing. Es müsste sowas wie “Sowas würdet ihr in einem Rechtsstaat nicht wagen.” sein. Der Angesprochene wollte sich abwenden kam aber wieder zurück – recht imposant in seiner Statur. Er sagte mir, dass das seine Stadt sei und dass er das dürfe. Er habe ja schliesslich auf die Versammlungspflicht aufmerksam gemacht – dreimal!! Mir fielen in diesem Augenblick meine Kopfhörer wieder ein. Hatte dieser Iraker vielleicht auch Kopfhörer benutzt, die ihn daran gehindert hatten, den Befehl zu hören?

Ich diskutierte noch einige Zeit mit dem Soldaten, es ging letztendlich um Menschenrechte und ihre Anwendung. Er fing an, mir eine Ohrfeige zu verpassen, jedesmal wenn ich etwas erwiderte. Er wurde aber mit jedem Wort ohnmächtiger und schaute sich um, ob seine Kollegen noch bei ihm waren. Ausserdem wollte er sehen, wie die Reaktion der Versammelten war. Und genau da lag das Problem! Die Iraker wichen von mir zurück, dachten wohl dass es keine sehr sichere Nachbarschaft wäre, solange ich so trotzig daherredete. Offensichtlich waren auch die Durchsuchungen zuende, denn die Menge strömte langsam aber sicher aus dem Haus.

Meine letzten Worte waren: “Weiße Sklavenhändler haben auch gedacht, sie hätten das Recht gehabt, schwarze Afrikaner zu versklaven mit all den Konsequenzen, wie beispielsweise tägliche Prügel.” Nun ist dieser Satz nicht wirklich der Grund, warum Soldaten im Irak (oder anderswo) die Menschen nicht so behandeln sollten. Mir fiel aber anscheinend in dem Augenblick kein anderes Argument ein, um dem Soldaten meinen “Standpunkt” zu verdeutlichen.

Ich weiss nun nicht mehr, ob bzw. wer geschossen hat. Jedenfalls war dieser letzte Satz einer zuviel und ich wurde gezwungen, aufzuwachen.

Sometimes you can tell more thruth through fiction

Untertitel zu Richard A. Clarkes neuem Buch “The Scorpion’s Gate”

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