The first victim of a riot is the news – London’s burning
In der letzten Zeit bin ich ja ein wenig beschäftigt und kann mich dementsprechend nicht um Nachrichten kümmern, wie ich es mir wünschen würde1. Natürlich habe ich mitbekommen, dass in England des Nachts Vandale betrieben wird und da ich nicht dumm sterben wollte, habe ich mich an den Nachrichtenlieferanten par excelence in Deutschland gerichtet: die Tagesschau.
Der Aufmacher: “Krawalle in Manchester, Bangen in London”, die Bilder von gerüsteten Polizisten mit Bränden im Hintergrund. Der Artikel selbst ist noch weniger informativ als die üblichen “1000 Worte”. Der Artikel listet penibelst auf, wo protestiert wird, welche und wie viele Geschäfte in Brand gesetzt wurden und was die Regierung alles unternimmt, um zu reagieren.
Was man zunächst nicht als Information bekommt: Warum gehen da diese Menschen auf die Straßen? Mitten im Artikel prangt mir dann ein bekannter Kopf entgegen: Der hannoversche “Kriminologe” Christian Pfeiffer! Auch wenn ich von seiner wissenschaftlichen Vorgehensweise weder im Bereich der “Killerspieledebatte”, noch im Bereich der “Jugendkriminalität” noch in seiner religionsbasierten Auswertung von Kriminalität besonders viel halte, denke ich mir: hören wir einfach mal rein.
Es war doch nur ein Krimineller!
Die erste Frage erschließt mir zumindest einen Auslöser der Aufstände: Ein Mann wurde offenbar von der Polizei erschossen. Auf Wikipedia findet sich natürlich weit mehr zu Mark Duggan finden, als die Tagesschau wohl jemals berichten würde. Auf die Frage des Moderators, wie es daraufhin zu dieser Eskalation kommen konnte antwortet Pfeiffer mit vier Stichpunkten:
- Die Polizei habe nicht sofort erklärt, dass der Getötete eben kein “braver Familienvater” ist, sondern “stark kriminalitätsverdächtig” sei.
- Die Polizeikräfte sind durch Kürzungen geschwächt.
- Unterschicht. “Eine Riesenzahl von sozial nichtintegrierten jungen Migranten, schlecht ausgebildet, mit miserablen Perspektiven für die Zukunft.”
- In England ist das elterliche Züchtigungsrecht nicht abgeschafft.
Wow. Heißt das, es ist o.k., wenn Kriminelle oder gar Kriminalitätsverdächtige von der Polizei auf der Straße erschossen werden?? Sollen sich die Menschen nicht darüber aufregen? Auf der anderen Seite: Von welchen Migranten spricht Herr Pfeiffer da schon wieder? Nur weil unter den Demonstranten viele Schwarze sind, heißt das doch nicht, dass das Migranten sind! Oder bleibt man im Sinne des Candidusmus immer Migrant, solange man dunkelhäutig ist? (Der Punkt mit dem Züchtigungsrecht – das muss man verstehen – ist nur ein Wink auf seine Jugendkriminalitäts-”Studie”.) Ansonsten kann man das Video danach getrost abschalten. Viel Interessantes kommt dann nicht mehr.
Im Artikel geht es dann weiter mit einer klitzekleinen Notiz, dass offenbar der Erschossene eben nicht auf die Polizei geschossen hatte. Die frühere Darstellung der Polizei, dass nämlich er das Feuer eröffnet hätte, bleibt unkommentiert stehen.
Berichterstattung am Kern vorbei
Die Art der Berichterstattung erinnerte mich an ein Video, das ich vor einigen Tagen gesehen hatte. In der britischen Sendung analysiert Charlie Brooker die Reportage zum G20-Treffen. Prinzipiell läuft es darauf hinaus, dass Nachrichtensender bei Demonstrationen lediglich die Zahl der Demonstranten, die Ausmaße aus unterschiedlichen Weitwinkel-Perspektiven und natürlich sehr gerne mögliche Gewalt und Randale berichten, aber kaum oder gar nicht den Inhalt der Demonstrationen wiedergeben.
Ein weiterer Beleg für das Desinteresse von Nachrichtensender, das wirklich Relevante zu berichten, mag dieses Interview sein. Das führte das BBC mit einem Autor Darcus Howe, von dem sie offensichtlich andere Aussagen erwartet hatten:
Das Interview wird abrupt abgebrochen, als die Moderatorin erkennt, dass sie den alten Mann nicht für dumm verkaufen kann. Seine Antwort: Have some respect!
Darcus Howe kommt nicht dazu, seine Aussagen auszuformulieren. Im Guardian schreibt allerdings Nina Power den Kontext der Aufstände an:
at least 333 [deaths in police custody] since 1998 and not a single conviction of any police officer for any of them
Soviel zur Aussage Pfeiffers, dass es ja nur ein Krimineller war, der dort erschossen wurde!
To the politicians
Ich schließe für heute mit einem Gedicht von Guy Denning:
you blame the anarchists
and you blame the youth
you blame the immigrants
but ignore the hard truth
it isn’t the muslims
it isn’t the blacks
it’s a world of lost dreams
that fuel the attacks
kids promised everything
they’ll never achieve
at school and on tv
and on estates they can’t leave
you’ll call for more money
to support your rich friends
and it’ll come from the people
who call for your end
London is burning
- ich weiss, damit lasse ich meine werten Besucher stets unterinformiert ;-) [↩]
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Comments
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By Elias, 10. August 2011 @ 19:45
Würde etwas ähnliches in Deutschland passieren, wäre die Berichterstattung genau so oberflächlich. Man würden den Teufel tun und nicht fragen, was zu der Eskalation geführt hat, was das grundlegende Probleme sind, sondern mit Sensationen Zuschauer anlocken.
By Anisah, 10. August 2011 @ 19:46
Sehr schön geschrieben, danke.
By tobasmogaster, 12. September 2011 @ 17:13
bemerkenswert ist ja auch das hauptsächlich markenartikel geplündert wurden. markenklamotten und smartphones.. die werbung funktioniert eben… ^^ ..und danke, schön mal wieder was zu lesen.