Schlimmer noch als Thilo Sarrazin …

… sind die dümmlichen Möchtegern-Sarrazine dieser Republik, die sich in ihrem Stammtischgeplärre bestätigt fühlen und wahrscheinlich einen Suffzustand für den geeigneten Zustand halten, um nüchterne Analysen anzustellen und Forderungen an die Politik zu stellen1!

Gestern morgen versüsste mir ein netter Mitarbeiter die Ankunft am Institut mit der Bemerkung, ich sei sicherlich genervt, da ich gestern Thilo Sarrazin bei Beckmann gesehen hätte. Nein, habe ich nicht. Ich habe randwärtig gehört, dass es eine solche Diskussion gab, aber die Sendung habe ich nicht gesehen. Der Mitarbeiter grinste und meinte mir unterstellen zu müssen, dass ich ja beleidigt sei. Nein, bin ich nicht. Warum denn auch? Ich denke, dass Sarrazin vollkommen falsch liegt und ein Angstmacher ist, der sich rassistischer Elemente bedient, aber deshalb beleidigt sein? Er machte mit dem dümmlichen und inhaltslosen Witzeln weiter bis ich zum Büro ging.

Später kam derselbe Mitarbeiter aus anderem Anlass vorbei und rief im Weggehen noch ein jubelndes “Sarrazin, Sarrazin, Sarrazin…”. Ich rief ihn zurück und forderte ihn auf, sich hinzusetzen, damit wir seine unausgesprochenen Anliegen diskutieren könnten, was er verweigerte und wegging.

Ich muss hier anmerken: Der Mitarbeiter um den es hier geht ist ansonsten ein recht netter Mensch, mit dem ich mich recht gut verstehe. Wir haben unsere Meinungsverschiedenheiten, aber wer hat das nicht? Er ist zumindest weder der einzige noch der radikalste Mensch, mit dem ich über Migration, Islam oder anderen politisierten Themen diskutiert habe2. Aber die dümmliche Art, mit der Menschen so tun, als ob sie eine Diskussion allein durch eine halbe Polemik beenden könnten, stimmt mich schon sehr traurig.3

Ich bin schon immer der Meinung gewesen, dass man Rechtsradikale4 nicht ignorieren sollte und ihr Denken thematisieren muss. Wenn also ein NPD-Funktionär behauptet, “Urdeutsche” von “Passdeutschen” unterscheiden zu wollen, dann sollte man ihn nach der Definition des Urdeutschen fragen und danach, was mit “Mischlingen” geschehen soll. Selten wird man ihm vorführen können, wie dämlich diese Forderung ist, aber zumindest kann man den möglichen Befürwortern die Konsequenzen dieser Forderung vor Augen führen. Ignoriert man ihn aber, so kann er sein Gift weiter verbreiten, bis es gesellschaftsfähig ist. Wie man sieht, sind schon lange nicht mehr nur Rechtsradikale rassistischen Einstellungen verfallen!

Der Sozialdarwinismus, den Sarrazin bereits für längere Zeit verbreitet hat, ist leider bereits gesellschaftsfähig, vor allem weil er eher von der Oberschicht, von den Privilegierten dieser Gesellschaft kam. Der soziale Neid hat sich durch die Gesellschaft gefressen und man hört überall die Galle über die angeblich faulen Sozialhilfeempfänger, die “unser Land ruinieren”. Dass das Land derzeit eigentlich ein weit größeres Problem der Oberschicht als der Unterschicht zu verdanken hat – die Finanzkrise – , das wird dabei vollkommen vergessen. Es sind nicht die Obdachlosen oder die Hartz IV-Empfänger, die uns diese Krise beschert haben, sondern Banker, Spekulanten und Großinvestoren. Die Debatten um Sozialabgaben machen einen vollkommen anderen Eindruck! Der Sinn eines Systems, das massenhaftes Geldhorten mit zusätzlichem Geld belohnt, wird aber nicht thematisiert, denn das System ist selbsterhaltend! Wenn man zuviel hat und damit droht unterzugehen, wird man gerettet, da man sonst die gesamte Republik mit in den Ruin zieht.

Ja, wir hätten keine Probleme mehr, wenn nur die ganzen Hartz IV-Empfänger nicht da wären – uns ginge es besser! Demnächst kommt der konsequente Vorschlag: Jeder, der länger als zwei Monate Hartz IV empfängt, wird exekutiert. Spart Geld und wir müssen uns nicht mit Bettlern am Straßenrand abgeben! Ja, der Sozialdarwinismus ist bereits salonfähig, aber seine Konsequenzen sind noch nicht allgemein bekannt.

Biologismus ist derzeit noch nicht wirklich so gesellschaftsfähig. Aber trotzdem glauben viele, dass Thilo Sarrazin mit seinen biologistischen Aussagen recht haben könnte oder zumindest diskussionswürdig ist. Teilweise glauben sie es, weil – wie ich eingangs sagte – sie auf dümmliche Art und Weise ihrem Suff glaubend fühlen, dass Sarrazin recht hat. Aber es bleibt fraglich, warum so viele den biologistischen Erklärungsmustern schnell Glauben schenken. Beim Ansprechen von Juden scheint zumindest noch halbwegs eine Sensibilität zu existieren, was den angeblichen biologischen Unterschied zum “Deutschen” angeht. Dass Sarrazin die (zunächst positiv) wertende Aussage zum “Juden-Gen” zurücknimmt, kann deshalb nur als strategische Aktion gewertet werden.5

Thilo Sarrazin und seine Anhänger sind der Meinung, Intelligenz sei nicht nur etwas, was vererbt würde (laut Sarrazin zu 80%), sondern auch, dass durch diese Vererbung sogar eine Qualifizierung ganzer Völker/Herkünfte in verschiedene Intelligenzklassen möglich sei. Das ist natürlich ziemlicher Humbug, der aus dem Zauberhut gezogen wird. Man kann das Gegenteil aber nur schwer beweisen, denn es gibt keine umfassenden Recherchen dazu. Sowieso stellt sich die Frage, was Intelligenz ist. Die meisten stellen sich wohl eine Quantifizierung wie den IQ-Wert vor. Dieser ist aber höchst umstritten. Eine sehr gute Übersicht über die Debatte um “Rasse” und Intelligenz ist im Skeptic’s Dictionary zu finden. Diesen Satz fand ich u.A. sehr interessant:

These people (who try to establish correlations between various natural abilities and skin color) don’t know evolutionary genetics. They talk about interesting issues in race and biology. And since, I think, there are no real races, I wonder what these issues are. It makes me angry that I have to take time from my research (on the genetics of aging) to argue about something that shouldn’t even need to be discussed (Blum).

Diese Menschen (, die einen Zusammenhang zwischen unterschiedlichen natürlichen Fähigkeiten und der Hautfarbe herzustellen versuchen) wissen nichts über Vererbungsgenetik6. Sie reden über interessante Aspekte in den Themen Rasse und Biologie. Und da es, wie ich glaube, keine richtigen Rassen gibt, frage ich mich, was diese Aspekte sind. Es macht mich wütend, dass ich meinen Forschung (über die ‘genetics of aging’) Zeit wegnehmen muss, um über etwas zu diskutieren, dass nicht einmal diskutiert werden sollte.

… und Sarrazin und seine Anhänger bestätigen die Aussage!

Um die Vorgehensweise von Thilo “habe-ich-mal-gelesen” Sarrazin darzustellen, kann ich folgenden logischen Querschuss zeigen: Laut dem sogenannten “Flynn-Effekt” ist der IQ-Wert in allen aufgenommenen Ländern in den 60 Jahren vor den 90ern stetig gestiegen. James R. Flynn hatte die Daten dazu zusammengetragen. Eines der aufgenommenen Länder war Deutschland. Also, spätestens mit der aufkommenden Migration von Ausländern nach Deutschland hat der durchschnittliche Intelligenzquotient stetig zugenommen. Nicht nur ist also Thilo Sarrazins Behauptung von der “Abschaffung” Deutschlands hysterische Angstmache; Nein, Migranten scheinen in den letzten 70 Jahren die Dämlichkeit der Deutschen mehr als ausgeglichen zu haben! Hurra! So einfach funktioniert sarrazinische Statistikanalyse.

Dass Sarrazin von der Materie keine Ahnung, der er sich bedient, zeigt der folgende FAZ-Leserbrief:

In seinem erfreulich klaren Bericht über den polternd argumentierenden Thilo Sarrazin (“So wird Deutschland dumm”, F.A.Z.-Feuilleton vom 26. August) zitiert Christian Geyer einen Satz des Bundesbankers, in dem er von Niels Bohr spricht. Der große Däne soll gesagt haben, dass er keinen Wissenschaftler kenne, der seine Meinung geändert habe. Solch einen Satz gibt es bei Bohr nicht. Sarrazin hat vielleicht die Bemerkung von Max Planck gehört und in Erinnerung, dass sich neue physikalische Theorien nicht durchsetzen, weil die Vertreter der alten überzeugt werden, sondern weil sie aussterben. Abgesehen davon, dass diese von Planck vor allem auf sich selbst bezogene Behauptung empirisch längst widerlegt ist, erfasst sie keine Meinung, sondern eine Theorie, die lange allein gültig war und nach wie vor zutrifft. Die alte Theorie, die Planck meinte, heißt klassische Mechanik, und sie gilt bis heute, nur nicht im Bereich atomarer Dimensionen.

Bei Sarrazin geht es nirgendwo um etwas, das Gültigkeit beanspruchen kann. Der Bundesbanker plappert beliebig durch die Gegend und nennt das Klartext. Wenn er etwas von Bohr zitieren wollte, dann die Ansicht des Physikers, dass sich Wahrheit und Klarheit ins Gehege kommen können. Sarrazin zeigt, dass Bohr offenbar recht hatte.

Ernst Peter Fischer, Konstanz

Da der Artikel gerade zu lang zu werden droht, werde ich hier abbrechen! Ich hätte das und vieles mehr meinem Mitarbeiter sagen wollen. Ich hätte ihn gebeten, sich zu fragen, was er davon gehalten hätte, wenn nicht Thilo Sarrazin, sondern irgend ein NPD-Funktionär dieselben Aussagen getroffen hätte?! Vor allem hätte ich ihn gefragt, warum er glaubt, dass ich beleidigt bin, wenn er es ist, der die Zusammenhänge nicht verstanden hat?!

Hier noch eine Auswahl guter Artikel:

  1. anders als mit einem Suffzustand kann ich mir manche Forderungen und Einstellungen nicht erklären..[]
  2. Themen, denen man sich als Migrant oder Muslim offenbar zwangsläufig stellen muss. Eine kurze Bemerkung dazu: Einmal hatte ein anderer Kollege ernsthaft gemeint, mir einreden zu wollen, dass ich doch als gebildeter Mensch mich doch von den anderen Muslimen/Migranten distanzieren sollte. Derselbe Mensch hatte mir vorgeworfen, “gehirngewaschen” zu sein (immer mit einem Lächeln, natürlich!), kurz nachdem er mir offenbarte, dass er glaubt durch die Kenntnis von drei Fällen (etwa drei Migranten), eine statistische Tendenz feststellen zu können!! Naja, manche Diskussion ist doch eine zwangsläufige Übung in postkolonialem ‘aufgeklärtem’ Rassismus, wie man ihn nur aus Geschichtsbüchern kennen möchte… []
  3. Im Prinzip macht Thilo Sarrazin nichts anderes, denn er schmeißt Leuten Vorwürfe an den Kopf, schafft es aber in der Diskussion nicht, diese Vorwürfe konstruktiv zu formulieren, was einer Diskussion erst zuträglich wäre.[]
  4. und nein, ich halte meinen Mitarbeiter nicht für einen![]
  5. übrigens: positiv wertende Rassismen als Nichtrassistisch zu deklarieren, zeugt bei den meisten Menschen von der Unkenntnis rassistischer Dynamiken, aber das nur am Rand.[]
  6. eigentlich Evolutionsgenetik[]

Andere Beiträge:

  1. Thilo Sarrazin: Völkisches Denken uncut
  2. Ein Monat lang Thilo Sarrazin
  3. Thilo Sarrazin: Die Mär vom Tabubruch
  4. Heiko Timme: Der nächste Thilo Sarrazin?
  5. Demagogische Entwicklung von Migranten

Comments

  • By Omar, 4. September 2010 @ 09:32

    test

  • By Klaus, 4. September 2010 @ 10:19

    “Biologismus ist derzeit noch nicht wirklich so gesellschaftsfähig. Aber trotzdem glauben viele, dass Thilo Sarrazin mit seinen biologistischen Aussagen recht haben könnte oder zumindest diskussionswürdig ist.”

    Dass die Frage, ob Sarrazin denn rassistisch ist, überhaupt diskutiert wird ist für mich das eigentlich beängstigende an dieser ganzen Affäre. Ich hatte eigentlich gehofft, dass wir in Deutschland da schon etwas weiter wären. Wenn man bedenkt, dass deutsche Schulkinder heutzutage eigentlich während der gesamten Schullaufbahn alle Jahre wieder über den Holocaust und Rassismus aufgeklärt werden: Irgendetwas scheint da grundsätzlich falsch gelaufen zu sein…

    PS: Der letzte Teil der Fußnote 3 ist in den Haupttext gerutscht…

  • By Omar, 4. September 2010 @ 10:41

    @Klaus: danke für die Korrektur.

    ja, ich hatte auch gehofft, dass es einen Konsens in diesen Punkten gibt (völkisches Denken, Biologismus, Rassismus etc..). Leider scheint das nicht der Fall zu sein. Viele scheinen Rassismus auch nicht wirklich verstanden zu haben.

  • By Knut, 6. September 2010 @ 17:55

    Tja, obwohl die Kinder in der Schule tatsächlich jahrelang von linker Seite indoktr… äh aufgeklärt werden, lässt sich die Lebenserfahrung der Menschen nicht negieren.

    Mit Rassismus und Holocaust hat Sarrazin nichts zu tun. Das ist eine böswillige Diffamierung. Die meisten Befürworter von Sarrazins Thesen sind keine Rechtsextremen, sondern entstammen der bürgerlichen Mitte. DAS sollte allerdings wirklich zu denken geben. Es ist verdammt viel schief gelaufen hierzulande, aber nicht das, was Sie (Klaus) oder Omar meinen.

    Und noch etwas: Sarrazin meint NICHT Leute wie Omar. Er meint die ungebildeten, unintegrierten Langbärte und Kopftücher, bei denen klammheimliche Freude aufkommt, wenn ihre Glaubensbrüder in den USA Flugzeuge in Hochhäuser lenken.

  • By Omar, 6. September 2010 @ 18:17

    @Knut: interessante Sicht. “Sarrazin meint NICHT Leute wie Omar” Woher wissen Sie das denn? Wenn er Araber und Türken oder meinetwegen Muslime rausgreift und als besonders problematisch darstellt, dann betrifft es natürlich mich. Schließlich beschwört er den Untergang Deutschlands herauf, indem er auf die steigende Anzahl von Leuten – wie soll ich das ausdrücken – wie mir aufmerksam macht! Da braucht man sich nichts vorzumachen.

    Und unabhängig davon geht es nicht darum, ob ich persönlich betroffen bin oder nicht. Wenn ein so nutzloser Mensch wie Herr Sarrazin den Menschen, die nichts haben vorwirft nutzlos zu sein und letztlich wie finanziellen Abfall behandelt, dann geht es mich etwas an, auch wenn ich – Gott sei Dank – nicht zu dieser Gruppe gehöre. Dies geht die ganze Gesellschaft an, denn so zu tun, als wären alle Hartz-VI-Empfänger selber an ihrer finanziellen Lage schuld, ist – wie ich im Artikel ausgeführt hatte – ein Unding.

  • By Omar, 6. September 2010 @ 18:19

    ach, und noch etwas:

    “Er meint die ungebildeten, unintegrierten Langbärte und Kopftücher, bei denen klammheimliche Freude aufkommt, wenn ihre Glaubensbrüder in den USA Flugzeuge in Hochhäuser lenken.”

    Dein Probleme möchte ich nicht haben, wenn du “Langbärte und Kopftücher” gleich mit Terrorismus in Verbindung bringst. DAS ist rassistisch!

  • By Knut, 7. September 2010 @ 00:34

    @Omar

    Meiner Ansicht nach greift Sarrazin niemanden konkrekt an. Er verurteilt die Zunahme der “Unterschicht”, die sich neben dem deutschen Prekariat zu großen Teilen aus muslimischen Einwanderern zusammensetzt. Wenn die Anzahl dieser Leute steigt, ist langfristig tatsächlich der soziale Frieden gefährdet, vom finanziellen Aspekt (Transferleistungen) ganz abgesehen.

    Ob die Hartz IV-Empfänger an ihrer Lage selber schuld sind oder nicht, kommt wohl auf den Einzelfall an. Ich persönlich denke, viele sind nicht Schuld. Das ändert aber nichts am Problem ansich.

    - – -

    Ich setze nicht “Langbärte und Kopftücher” pauschal mit Terrorismus gleich. Es ist aber nicht zu leugnen, dass es unmittelbar nach dem 11.09.2001 viele “Freudebekundungen” von Muslimen weltweit gab und das waren sicher nicht die moderaten, eher unreligiösen Leute. Darüber wurde auch in den Medien berichtet.

  • By Omar, 7. September 2010 @ 01:44

    @Knut: Wichtig ist doch hier nicht, was wir beiden “meinen”, dass Sarrazin tut, sondern das, was er selbst sagt. Er sagt etwa (im Interview mit der Welt am Sonntag):

    “In meinem Buch rede ich zudem nicht von Türken oder Arabern, sondern von muslimischen Migranten. Diese integrieren sich überall in Europa deutlich schlechter als andere Gruppen von Migranten. Die Ursachen dafür sind nicht ethnisch, sondern liegen offenbar in der Kultur des Islam.”

    Er greift doch damit “muslimische Migranten” an, indem er ihre “Kultur” als Ursache eines Missstandes benennt. Wie kann man hier der Meinung sein, dass er niemanden “konkret” angreift? (Mal von den Kopftuchmädchen produzierenden Muslimen abgesehen..)

    Der “Unterschicht” unterstellt er an mehreren Stellen, an ihrem Zustand selbst schuld zu sein. Leider fallen viele Menschen darauf rein. Von seinem Gehalt und seiner Pension – als früherer Politiker und jetziger Bundesbanker – könnten viele Hartz VI Empfänger lange Jahre leben. Soviel zum Finanziellen. Wieweit er produktiv war, mag ich persönlich in Frage stellen, aber das kann man nur schwer überprüfen.

    Nun gibt es einen Unterschied zwischen der Forderung, es soll nicht mehr Arme geben und , es soll weniger Armut geben. Dass wir Armut bekämpfen müssen, das steht (für mich) außer Frage. Nur wie macht man das? Indem man den Menschen etwa sagt ihr braucht doch nur 3,50€ pro Tag für Essen und mehr kriegt ihr auch nicht? Indem man Menschen zwingt, Arbeiten zu verrichten, die ihnen keine Perspektive bieten, anstatt sie bei der Selbstfindung (auch finanziell) zu fördern? Indem man etwa Ausländern erst gar nicht erlaubt, eine ordentliche Arbeit anzutreten oder teilweise ihnen die Freizügigkeit raubt und sie somit von sozialer Absicherung abhängig macht – und das über Jahre hinweg?

    Darüber müsste doch nachgedacht werden!

    ” Es ist aber nicht zu leugnen, dass es unmittelbar nach dem 11.09.2001 viele “Freudebekundungen” von Muslimen weltweit gab”

    Autsch! Das heißt die Motivation und die Absicht von einem Herrn Sarrazin soll man nicht den Medien entnehmen, aber die Unglaubwürdigkeit, dass sich Muslime über Mord freuen – das kann man ruhig den Medien entnehmen? Das bekannteste Material von “feiernden Muslimen” stammt wohl aus dem Gaza-Streifen

    http://electronicintifada.net/bytopic/199.shtml

    und ist meines Wissens inzwischen als hoax identifiziert. Wo sonst waren noch “Freudebekundungen”?

    Nur, um ein wenig das Stereotyp in Frage zu stellen, das du skizziert hast (eher religiöse Muslime sind empfänglich für Terrorismus). Schau dir auf der folgenden Seite das zweite Bild samt Unterschrift an:
    http://www.warumtoetestduzaid.de/de/mainmenu/10-thesen.html

  • By Knut, 7. September 2010 @ 17:28

    Mag sein, dass Sarrazin “muslimische Migranten” allgemein angreift, wenn man dies so nennen möchte (ich halte seine Aussagen bzgl. der Religion als Integrationshindernis für zutreffend). Mit “konkret” war gemeint, dass er ja nicht SIE oder einen anderen Menschen als Person anspricht, sondern lediglich die Mehrheit der Gruppe.

    Was die Armut und Armen betrifft, stimme ich Ihnen überwiegend zu. Das ist allerdings ein sehr komplexes Thema mit vielen Wechselwirkungen. Zuviel finanzielle Zuwendung kann die Vergrößerung der Unterschicht fördern, zu wenig ist ebenso ein Problem, da dann soziale Verelendung und Kriminalität entstehen.

    Zu Ihren Links: Die erste Seite werde ich mir gerne durchlesen, doch tut mir leid, Todenhöfer (zweiter Link) kann ich nicht ernst nehmen. Der bezieht mir als Autor viel zu eindeutig Partei.

  • By Omar, 7. September 2010 @ 19:15

    @Knut: Komisch.
    1. Sarrazin spricht von der Kultur und der Religion, die Menschen a) dumm und b) integrationsresistent macht. Das heißt, er spricht eigentlich auch über mich. Unabhängig davon ist es fraglich, warum du auf die Idee kommst, es würde stimmen, dass “die Mehrheit der Gruppe” diese Eigenschaften besitzt.

    Komisch ist folgendes: Die Aussage, dass die Förderung von finanziell schwachen Menschen zur “Vergrößerung der Unterschicht” führen würde, unterstellt im Kern doch, dass Menschen freiwillig betteln (bzw. auf Staatskosten leben) würden. Diese Unterstellung glaube ich bei vielen heraushören zu können.

    Und was die Links angeht: du liest also Todenhöfer nicht, da er “viel zu eindeutig Partei” bezieht?? Gehe ich dann richtig in der Annahme, dass du Sarrazin nicht lesen würdest? Naja, ich hatte dich ja nicht aufgefordert, ihn zu lesen, sondern dir das Foto dort anzuschauen. Die Unterschrift lautet:

    “Muslimische Frauen bekunden ihr Mitgefühl und tragen sich ins Kondolenzbuch der amerikanischen Botschaft ein. Amman, Jordanien, 16. September 2001.” Zu sehen sind Niqab-tragende Frauen bei der Unterschrift. Soviel nur zu deiner Aussage zu den “Langbärten und Kopftüchern”.

  • By tobasmogaster, 7. September 2010 @ 20:41

    @ knut: wenn ich lese was Du so schreibst drängt sich mir ein gedanke auf der mir auch bei sarrazin kommt: ich glaube nicht das sarrazin es auch nur ein einziges mal hinbekommen hat mit einem migranten aus der von ihm angrgriffenen schicht auf augenhöhe zu reden. mit der dazugehörigen empathie und dem notwendigen perspektivenwechsel. desweiteren frage ich mich ob Du, lieber knut; jemals ein muslimisches land bereist hast und einmal eine zeitlang miterleben durftest wie der islam gelebt wird. nämlich mindestens so facettenreich wie das christentum und meiner persönlichen erfahrung zu folge sogar toleranter. je mehr ich reise umso mehr schockiert mich hier die tendenziöse berichterstattung die ich meinerseits sogar propaganda nenne. in meiner familie hat man mir beigebracht nur von sachen zu sprechen von denen ich einigermaßen ahnung habe. und das scheint bei sarrazin sicherlich nicht der fall zu sein. ich bezweifle stark das er sich die mühe gemacht hat den koran auch nur zu überfliegen und ich bin mir auch sicher das er die deutsche verfassung wohl lange nicht mehr in der hand hatte. stichwort religionsfreiheit. folgender link hätte ihm da geholfen: http://de.wikipedia.org/wiki/Religionsfreiheit_in_Deutschland
    wer im zusammenhang von religion von genen spricht ist in meinen augen ein rassist. das gleiche gilt für seinen standpunkt was vererbbarkeit von intelligenz angeht. das ist eine in der deutschen elite weitverbreitet ideologie zur rechtfertigung der eigenen vorherrschaft und wissenschaftlich längst widerlegt.
    und selbst wenn an seinen thesen auch nur ein my an gehalt wäre so bleibt festzuhalten das sie destruktiv sind und keinem anderem zweck dienen als zu segregieren und zu polemisieren folglich werden sie auch nicht helfen die lebensqualität und das miteinander in der brd zu verbessern.

  • By Knut, 7. September 2010 @ 22:31

    Islam und Toleranz sind zwei Begriffe, die nicht besonders gut zusammen passen. Der Islam duldet nichts neben sich und dort, wo er Macht erlangt, haben “die Anderen” auch nichts mehr zu lachen. Hierfür gibt es viele Beispiele weltweit. Sogar in der Türkei, die ja als recht moderat gilt, werden Andersgläubige gegängelt (oder schlimmeres).

    Nun ja, sei’s drum. Es ist ja ganz nett hier, doch die Diskussion mit Gutmenschen ist wie der Kampf gegen Windmühlen. Zwecklos. Ich empfehle mich.

  • By Klaus, 7. September 2010 @ 23:24

    @knut:
    “Mit Rassismus und Holocaust hat Sarrazin nichts zu tun. Das ist eine böswillige Diffamierung. Die meisten Befürworter von Sarrazins Thesen sind keine Rechtsextremen, sondern entstammen der bürgerlichen Mitte.”
    Zum zweiten Satz: Das war genau mein Punkt. Das ist das, was mir sorgen macht.
    Zum ersten Satz:
    Wer von Kultur und Religion spricht, im nächsten Atemzug aber Genetik damit in Zusammenhang bringt, der zeigt damit, dass diese Wörter nichts anderes als ein Feigenblatt sind.
    Wer den Wert bestimmter Menschen auf Intelligenz und Produktivität reduziert ist menschenverachtend.
    Wer diese unterschiedliche Intelligenz und Produktivität auf die Genetik unterschiedlicher Völker zurückführt und als unveränderbar ansieht ist ein Rassist.
    Wer in diesem Zusammenhang suggeriert, dass die Geburtenrate bestimmter Bevölkerungsgruppen reduziert werden müssen, ist Eugeniker.
    Punkt aus! Mehr gibt es dazu nicht zu sagen. Wenn Sie das nicht so schlimm finden, sagen Sie das bitte, aber reden Sie nicht um den heißen Brei herum!

    “Die einzig sinnvolle Handlungsperspektive kann nur sein, weitere Zuwanderung aus dem Nahen und Mittleren Osten sowie aus Afrika generell zu unterbinden.”
    Mit Leuten, die ein Zitat wie dieses nicht als rassistisch einstufen können, erübrigt sich jede Diskussion.

  • By Omar, 8. September 2010 @ 07:44

    @Knut: schwierig ist die Diskussion mit Leuten, die so tun, als hätten sie es nicht nötig, ihre Aussagen zu beweisen und dabei sooooo falsch liegen.

  • By tobasmogaster, 8. September 2010 @ 10:35

    ach knut, ich gaube bei Deiner weltsicht ist es Dir eh unmöglich einen toleranten muslim überhaupt als solchen wahrzunehmen.

  • By Jub, 8. September 2010 @ 16:08

    Die Konkurrenz zwischen “Islamkritikern” ist scheinbar gross und hart.
    Wer da seine Produkte erfolgreich vermarkten will der muss halt mit Stammbaum Propaganda und dem “Austerben der Deutschen” wedeln. Dann kann man sich auch gleich “zensiert” fühlen denn damit stötz man auch denen auf welche für die Kritik am Islam zu haben waren. “Dreisterweise” wollen nicht all Genetisch rassische Feindbilder haben, sowas aber auch.

    Zum Glück kann man beim Stammtisch Pöbel punkten. Bei eben jenen welche in halb, viertel oder achtel Deutsche wegen ihrer Hautfarbe “Ausländer” sehen von denen sie sich bedroht fühlen egal ob diese überhaupt Muslime, Christen oder Atheisten sind.

  • By stunna, 8. September 2010 @ 16:49

    Ich persönlich kann diese ganze Diskussion bezüglich Darrazin nicht ganz nachvollziehen. Wie kann man heutzutage in unserer doch so weit entwickelten Zivilisation und menschlichen Denkens jemand der behauptet Religion oder Intelligenz hänge von Erbeinflüssen ab noch für ernst nehmen.

  • By Carmen, 10. September 2010 @ 15:16

    Omar, danke für deine anregenden Beiträge (auch wenn ich nicht immer gleicher Meinung bin :-)). Lese hier öfter.

    Ich habe vor kurzer Zeit ein Buch basierend auf ein Forschungsprojekt über die Geschichte der Migration aus und in die Niederlande gelesen (Titel: “Komen en Gaan”). Und siehe da, vieles was nun über Muslimen (vor 10 Jahren über die Antillanen und vor 20 Jahren über die Surinamer und vor 30 Jahren über die Italiener…) in den Niederlanden gesagt wurde, findet man mit Bezug auf die deutschen Migraten in die Niederlande im 19. Jahrhundert wieder: Bilden ihre eigenen Kirchen und Vereine (lies: Parallelgesellschaft), wollen die Sprache nicht lernen, investieren nicht und nehmen die Armenhilfe übermäßig in Anspruch. Das gleiche gilt auch für holländische MigrantInnen nach Australien, Kanada, USA usw. Man könnte daraus natürlich schließen, dass es ein spezifisches “Migrantengen” gibt… na ja.

    Zwei Punkte scheinen mir in der Debatte noch wichtig zu sein:
    1. Scheinbar lernen wir in der Schule nicht, kritisch (auch gegenüber Autoritäten) zu denken. Eine Besprechung des Holocausts führt nicht automatisch dazu, dass Menschen sensibler auf Diskriminierung, Rassismus und das Leid anderer reagieren. In meiner Schulzeit blieb der Holocaust ein schreckliches Geschehen aus der Vergangenheit. Das das Gedachtegut in der einen oder anderen Form in allen Gesellschaften (seien sie auch noch so “zivilisiert”) immer wieder auftauchen kann und wie man es erkennt (auch bei sich) blieb unbesprochen. Ganz zu schweigen von der Frage, ob man andere Verbrechen mit dem Holocaust vergleichen darf und wenn ja, welche…

    2. In unserer Gesellschaft bekommt jede/r direkt und indirekt Transferleistungen, von Steuernachlässen über HarzIV bis hin zur Abwrackprämie, ob “dumm” oder nicht. Welche Leistung sozial akzeptiert wird und welche nicht, ist eine Frage der Hegemonie bestimmter Gruppen und Marginalisierung anderer. Wie gesagt, leider lernen wir auf der Schule nicht (herrschafts-)kritisches Denken, unabhängig wo man sich nun politisch einordnet.

  • By Melantrys, 12. September 2010 @ 11:54

    anders als mit einem Suffzustand kann ich mir manche Forderungen und Einstellungen nicht erklären
    Nicht? Ich hätte da schon ‘ne Theorie. Ist recht komplex und hängt mit dem IQ desjenigen, der die diese Einstellungen hat, zusammen.

    Aber Zynismus beiseite…. Sarrazin, ja, ein Thema, zu dem man viel sagen könnte.

    Zur breiten Zustimmung des Buches: Erst einmal ist das etwas, das mich sehr erschreckt, daß es tatsächlich so viele sind.
    Gut, ein Teil dieser Leute stimmt ihm nicht komplett zu und lehnt zumindest den Stuß mit der Genetik ab.
    Aber damit sind wir schon beim nächsten Problem, das ich mit dem Buch und der Debatte darüber habe.
    Man kann ein solches Machwerk einfach nicht aufteilen in “nee, das war jetzt scheiße” und “ok, kann man drüber reden”, denn Sarrazin verflicht seine “Fakten”, Statistiken und Integrationskritik zu einem rassistischen Ganzen.
    Es gibt mehr als genug Sachen, die bei der Integration schief laufen (auf beiden Seiten übrigens, nicht nur auf einer) und über die dringend mehr geredet werden muß. Aber nicht aus diesem Anlaß.
    Nur wird jetzt genau das getan, auch von Seiten der Politiker. Und alle die, die sehr rechts stehen, können sich jetzt auf die Schulter klopfen und sagen, “Ja siehste, wenn mal einer wagt, das Tabu zu brechen und sich nicht mundtot machen läßt, dann bewegt sich auch was.”
    Ja, herzlichen Glückwunsch auch.

    Und dann ist da noch die Sache mit dem Juden-Gen.
    Ich hatte mich dieses Mal anfangs gefreut, daß das überwältigende Echo aus Politik und Medien so negativ war (das sah nach dem Lettre-Interview ja doch etwas anders aus).
    Und dann kam der Satz mit dem Juden-Gen und löste einen viel größeren Sturm der Entrüstung aus. Offenbar wurde er ja auch aufgefordert, die Behauptung zurückzunehmen.
    Äh, Entschuldigung. Der einzige Unterschied zwischen seinem Buch über Muslime (Wie viele Seiten….?) und dem Satz (!) über Juden ist, daß das mit dem Juden-Gen ja nicht bös’ gemeint war, weil die klug und integriert sind (Ok, außer Friedman, der scheint ja ein “Arschloch” zu sein und zu doof, Sarrazins Buch zu verstehen. Was habe ich gelacht über Sarrazins Diskussions”kultur”.).
    Und dann soll der Satz zurückgenommen werden, das Buch aber geht offenbar?
    So etwas geht für mich gar nicht.

    @ Carmen: Also, bei uns war’s in der Schule teilweise so, daß die Leute sich belästigt fühlten, “ständig” über den Holocaust reden zu müssen.

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