Offener Brief an die Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit

Anbei veröffentliche ich einen offenen Brief an die Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit ab, dem ich mich anschließe. Die FDP-nahe Stiftung hatte Necla Kelek mit dem “Freiheitspreis” geehrt.

z.Hd.v.
Wolfgang Gerhardt MdB, Vorstandsvorsitzender der Stiftung
Prof. Jürgen Morlok ,Vorsitzender des Kuratoriums
Karen Horn, Vorsitzende der Jury
Karl-Marx-Straße 2
14482 Potsdam

Sehr geehrte Frau Horn,
sehr geehrter Herr Gerhardt,
sehr geehrter Herr Professor Morlok,

stellen Sie sich bitte einmal kurz vor, Sie hätten heute in Ihrem Briefkasten folgende Mitteilung vorgefunden:

„Die Internationale Gesellschaft für die Geschichte der Rhetorik/International Society for the History of Rhetoric verleiht aus Anlass der vom 18.-22. Juli 2011 in Bologna/Italien stattfindenden Konferenz einen Sonderpreis für herausragende, historische, rhetorische Leistungen posthum an Joseph Goebbels.“

Sie hätten zu Recht mit Verachtung und Empörung auf eine derartige Preisverleihung reagiert, weil sie den elementaren Grundsätzen eines liberalen Rechtsstaates widerspricht. Sie werden sich fragen, was diese kleine, erfundene Geschichte mit Ihnen bzw. der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit zu tun hat.

Ihre Entscheidung den Freiheitspreis Ihrer Stiftung in diesem Jahr der Soziologin Frau Necla Kelek zu verleihen, ist für mich Auslöser des obigen Gedankenbildes gewesen. In der Begründung zu Ihrer Entscheidung schreiben Sie:

„Necla Kelek ist der lebendige Beweis dafür, dass der Islam und der freiheitlich-demokratische Wertekanon keine Gegensätze sind. In der Integrationsdebatte, in der es immer auch um Grundsätzliches geht, hat Frau Kelek stets klar Position für den Wert der Freiheit bezogen. Ihr Beispiel zeigt, wie gut Muslimen die Integration in die europäische Wertegemeinschaft gelingen kann. Sie ist eine zeitgenössische Vertreterin der Aufklärung.“

Die Naumann-Stiftung will mit diesem Preis Persönlichkeiten würdigen, „die Impulse für eine liberale Bürgergesellschaft gegeben haben und auf diese Weise zur Fortentwicklung freiheitlicher Ziele und Werte beitragen“.

Diesem Anspruch ist die Stiftung mit der Verleihung des Preises an Hans Dietrich Genscher und Maria Vargas Llosa sicherlich gerecht geworden, aber die Verleihung des diesjährigen Preises an Frau Kelek konterkariert diesen Anspruch, er führt ihn ad absurdum.

Frau Kelek, die sich in der Rolle der vermeintlichen Islamkritikerin gerne gefällt, beweist mit ihren un- und disqualifizierenden Äußerungen über Islam und Muslime, dass sie von zwei Dingen nichts versteht, nämlich vom Islam und der hohen Kunst der konstruktiven Kritik.

In der Sendung des ZDF „Forum am Freitag“ vom 16.07.2010 hat Frau Kelek Folgendes über Muslimische Männer zu sagen: “Der (muslimische) Mann ist ständig herausgefordert. Er muss sich entleeren, heißt es, und wenn er keine Frau findet, dann ein Tier oder eine andere Möglichkeit, wo er dem nachgehen muss. Es hat sich im Volk so durchgesetzt, es ist ein Konsens.“ Muslimische Frauen, die den Hidschab wahren, werden von Frau Kelek im selben Interview mit dem ZDF-Journalisten Kamran Safarian als „Islam bitches“ (in der deutschen Übersetzung: Islam-Nutten bzw. Islam-Schlampen!) bezeichnet.

Soll das ein lebendiger Beweis dafür sein, „dass der Islam und der freiheitlich-demokratische Wertekanon keine Gegensätze sind“, mit dem Sie Ihre Preisverleihung an Frau Kelek erklären? In Form und Inhalt erinnern mich Frau Keleks Äußerungen an den über Jahrhunderte hinweg gebräuchlichen, hasserfüllten Begriff und das Bild der „Judensau“. Soll diese Sprache und dieses Gedankengut für mich als deutscher Muslim Beispiel dafür sein „wie gut Muslimen die Integration in die europäische Wertegemeinschaft gelingen kann.“ Ausgezeichnete Fäkalsprache als Ausdruck gelungener Aufklärung und Integration?

Angesichts dieser Faktenlage hätte wohl auch der ermordete niederländische Filmemacher Theo van Gogh, der Muslime als „Ziegenficker“ bezeichnete, gute Chancen auf Ihren Friedenspreis gehabt.

Frau Keleks geistige Ergüsse über den Islam kann man selbst bei wohlwollender Betrachtung nicht einmal als Halbwissen durchgehen lassen. Muslime sind nicht erhaben über Kritik, und sie akzeptieren auch scharfe Kritik, wenn sie nur sachlich bleibt. Aber Frau Keleks Äußerungen lassen daran zweifeln, ob sie jemals die Bücher, die sie kritisiert, wie z.B. den Quran oder die Hadith-Sammlungen im Original bzw. im Kontext eines authentischen Kommentars überhaupt gelesen hat. Ihre Äußerungen lassen viel mehr den Schluss zu, dass sie auf der „Hau den Muslim“-Welle reitend, ihre Bücher Gewinn bringend zu vermarkten sucht.
Der deutsche Ethnologe Werner Schiffauer hat Folgendes zu Frau Kelek festgestellt:

„Die Deutschen haben nur auf jemanden wie Kelek gewartet, der all das bestätigt, was sie schon immer über Muslime gedacht haben.“

Hier muss man Brecht zitieren, der die Kunst der Speichelleckerei zu den wenigen nicht brotlosen Künsten zählte, denn „die Speichelleckerei nährt ihren Mann“, in diesem Fall die Frau!

Der im Jahr 2008 verstorbene Literatur-Nobelpreisträger Harold Pinter hat einmal festgestellt, dass Kritiker nichts anderes sein als einbeinige Dozenten über den Weitsprung; hätte er Frau Kelek gekannt wäre er sicherlich noch einen Schritt weitergegangen!

Nun weiß ich endlich, dank der Preisverleihung an Frau Kelek durch Ihre Stiftung, wie die FDP über Muslime und Islam denkt. Ich erfahre gerade, dass die FDP Hasspredigt und billigsten Gossenpopulismus mit Liberalität gleichsetzt, diese sogar als preiswürdig erachtet. Dass jemand wie Frau Alice Schwarzer die Laudatio – welch eine verhöhnende Fehlbezeichnung! – auf Frau Kelek halten soll, setzt dieser schändlichen Preisverleihung nur noch eine gewaltige schiefe Krone auf.

Die FDP war bei Wahlen für mich bis heute immer eine Alternative zu den großen Parteien, insbesondere bei der Vergabe meiner Zweitstimme. Im März 2009 wurde in einer Umfrage festgestellt, dass nur 0,9 % der Deutschtürken die FDP wählen würden. Ich will Ihnen versichern, dass Ihre Entscheidung große Empörung und Unverständnis unter Muslimen ausgelöst hat. Viele in der Muslimischen Gemeinschaft werden sich nun dafür engagieren, dass der oben genannte Prozentwert in Zukunft unter wahlberechtigten Muslimen nicht steigen wird, getreu dem Grundsatz Friedrich Naumann’s „Erst wenn der Einzelne sich einmischt, kann eine liberale Gesellschaft wachsen“, damit, frei nach Friedrich Naumann, Freiheit eben nicht als Lizenz zur spaltenden, Hass säenden Dummschwätzerei missbraucht werden und Achtung erfahren kann.

Werden Sie Ihre Entscheidung überdenken oder identifizieren Sie sich mit Frau Keleks verunglimpfenden Aussagen über Muslime und Islam?

In diesem Sinne

Bilal Al-Faruqi

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Comments

  • By Akif Sahin, 14. August 2010 @ 02:47

    Ein unterstützenswerter offener Brief! Danke!

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