Islamische Organisationen in Deutschland
Montag, 13. Dezember 2004, 23:00
Hohe Erwartungen werden an die islamischen Organisationen in Deutschland gestellt - von den verschiedensten Seiten! Die Organisationen, deren zukünftiges Handeln entscheidend sein wird für den längerfristigen Aufenthalt von Muslimen als Teil und ihrer Normalisierung in der deutschen Gesellschaft sind nun immer öfter gefragt.
Während Staat und Kirchen in ihren verschiedensten Funktionsebenen von islamischen Organisationen fordern, dass sie einen Ansprechpartner bereitstellen, fordern nun vermehrt auch Muslime, die sich gerne vertreten sehen wollen, eine engere Abstimmung mit der sogenannten Basis. Die islamischen Organisationen ihrerseits fordern von Staat und Kirchen eine ehrliche Anerkennunng - und voneinander eine engere Zusammenarbeit!
Was sollten muslimische Organisationen eigentlich machen? Jeder kann schnell herausfinden, was sie tatsächlich machen: Neben durchaus ernstzunehmenden Arbeiten (Mitarbeit am Verfassen von Gesetzestexten, Anhörungen, Stellungnahmen) gibt es eine grosse Bandbreite an Aktivitäten, die sehr viel Energie kosten aber nicht unbedingt eine so hohe Priorität besitzen sollten. Dazu zähle ich sowohl Fernsehauftritte, in denen sie sich (und meist auch nur “sich” im Sinne von “ihre Organisationen”) verteidigen oder schweigen als auch Aktivitäten im interreligiösen Dialog. Es soll mich keiner falsch verstehen: Der Dialog unter den Religionen ist wichtig, aber er bringt nichts, solange ihm keine Ziele gesetzt werden. Es sollten also keinesfalls die Kanäle geschlossen werden, allerdings sollten sich islamische Organisationen Ziele setzen (die andere Seite hat sie ja auch) und diese direkt ansprechen, damit die Diskussion fruchtet. Solange die Diskussion zum Ziel hat, “guten” von “schlechten” Muslimen zu separieren, kann sie nicht im Sinne der Muslime sein, denn gut und böse wird dabei stets vom Gesprächspartner festgelegt, der damit den Muslimen wenig Bewegungsspielraum gibt. Mit eigenen Definitionen, Zielen und Anforderungen wären die Muslime sicherlich besser bestellt. Auf der anderen Seite scheinen muslimische Organisationen sich wenig im islaminternen Dialog zu engagiere.
Also wo sind die islamischen Dachverbände gefragt und was sind ihre Aufgaben? In erster Instanz sollten sie doch für die Interessen der Muslime als Glaubensgemeinschaft eintreten. In einem System, in dem Interessenverbände das Sagen haben, kann es nur um die Interessenvertretung gehen. In Deutschland so wie in allen westlichen Demokratien kann nur der mitbestimmen, der sich in einer Gruppe organisiert. Deshalb ist die Forderung der Muslime, dass islamische Organisationen sich mit ihnen absprechen durchaus gerechtfertigt. Zugegeben - auch in anderen Verbänden gibt es wenig Mitspracherecht des Einzelnen (denken wir nur an Gewerkschaften oder selbst Parteien), aber das rührt daher, dass diese Organisationen ziemlich gross sind und der Einzelne natürlich in der grossen Vollversammlung untergeht. Aber daran scheint es in den islamischen Verbänden nicht zu liegen: Die meisten Vereine sind relativ klein. Die Vollversammlungen der grösseren Dachverbände setzen sich in der Regel aus Repäsentanten einzelner kleinerer Vereine zusammen. Warum kommt da nicht der Wille der Vertretenen durch - oder wird überhaupt danach gefragt?
Man muss dazu sagen, dass die meisten Muslime nicht wirklich wissen, dass sie vertreten werden. Aufklärungsarbeit in der Richtung wäre sicherlich von Interesse. Es ist durchaus vorstellbar, dass Seminare zu den Themen Struktur der Organisation und Möglichkeiten der Mitarbeit von den Dachverbänden geführt werden. Diese sollten die interessierten Muslime dazu animieren, mitzuarbeiten und sich auf die ein oder andere Art einzubringen. Aber schon die Delegierung von bestimmten Arbeitsbereichen an Moscheeverbänden (die letztlich näher an der Basis sind) kann schon Wunder wirken.
Wenn nun die Verbindung Basis - Vorstand geschaffen wurde, dann kann der Dachverband durchaus mit Selbstbewusstsein auftreten, denn er weiss eine Rückendeckung hinter sich. Er muss dann natürlich auch in dem Interesse dieser Rückendeckung arbeiten. Das heisst notfalls bittere Entscheidungen aus der Basis mitnehmen, auch wenn es beispielsweise heisst, dass man den interreligiösen Dialog in der Priotätenliste nach unten verschieben muss.
Was die Kooperation und Abstimmung zwischen den verschiedenen Organisationen angeht, so wäre das Ideal (zumindest für Deutschland) eine hierarchische Struktur wie sie die Kirche vorweisen kann. Das ist mittelfristig sicherlich nicht machbar, was gemacht werden kann, wäre die Aufteilung der Aufgaben, genauso wie das unterbewusst schon auf kleinster Ebene (Moscheegemeinden) passiert. Der eine kann sich im interreligiösen Dialog gut behaupten, der andere schafft es, gute Feste zu organisieren, betreibt Jugendarbeit samt Ausflügen, Sportevents und Beratungen, wieder ein anderer veranstaltet eine Vortragsreihe, der nächste engagiert sich in der Familien- und Eheberatung usw.. Es wäre wünschenswert, wenn diese Kooperation (auch auf Bundesebene) bewusst und mit Vertrauen betrieben wird. Dabei ist eine projektbasierte Zusammenarbeit durchaus im Bereich des Möglichen und sollte angestrebt werden. Das hat den Reiz, dass sich die verschiedenen Dachorganisationen sich nicht gleich in allen möglichen Punkten zu einigen brauchen, es reicht schon, wenn die Inhalte des Religionsunterrichts beispielsweise abgestimmt werden.
All das sind Gedanken, die ich über die Zeit gesammelt habe. An geeigneter Stelle, werde ich hieran anknüpfen. Bis dahin ist vielleicht auch schon was geschehen…
Omar
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