Antisemitische Gewalt in Seelhorst – Update 25.6.

Die HAZ berichtet heute, dass jüdische Tänzer, die im Rahmen eines Stadtteilfestes am letzten Samstag in Sahlkamp aufgetreten sind, von arabischen Jugendlichen mit Kieselsteinen beworfen wurden. Offenbar handelte es sich um eine größere Gruppe (30), die dazu noch Parolen gerufen haben sollen.

Die Steine stammen offenbar von einem großen Haufen kleinerer und größerer Kiesel, der auch am Dienstag noch am Rand des Sahlkampmarktes lag. Über den genauen Hergang gab es zum Teil widersprüchliche Angaben. Offenbar begannen die Provokationen sofort, als die Gruppe die Bühne betrat. Ein Jugendlicher soll mit einem Megafon „Juden raus“ gerufen, ein anderer erste Steine geworfen haben. Als Zuhörer die Störer zurechtwiesen, seien diesen weitere Jugendliche im Alter zwischen zwölf und 16 Jahren, insgesamt ein halbes Dutzend, beigesprungen und hätten auch Steine geworfen. Später hätten sich rund 20 Kinder, Jungen und danach auch Mädchen, angeschlossen. Die Situation habe sich nach einigen Minuten beruhigt, nachdem die Tänzer von der Bühne verschwunden und Sozialarbeiter zur Mäßigung aufgerufen hatten.

Von der Bühne gegangen ist die Tanzgruppe vor allem, weil eine der Tänzerinnen am Bein getroffen wurde. Laut einer Pressemitteilung des Oberbürgermeisters Stephan Weil hatte sich nach ersten judenfeindlichen Parolen der Veranstaltungsleiter eingeschaltet und die Jugendlichen zur Rede gestellt. Das hat aber nicht zum erhofften Erfolg geführt, sondern es sind weitere Jugendliche dazu gekommen und hätten mit dem Steinewerfen angefangen.

Natürlich ist es einerseits ein Problem, dass die Veranstalter nicht eindeutiger reagiert haben, es ist aber auch ein Problem, dass Jugendliche, die wahrscheinlich von nichts eine Ahnung haben und sich lediglich auf der emotionalen Ebene mit dem Konflikt um Palästina beschäftigen, einen pauschalen Hass auf alles Jüdische entwickeln. Es ist schrecklich, dass sie glauben, an einer Heimatfront gegen einen angeblichen Feind kämpfen zu müssen. Und genau diese Jugendlichen sind es wahrscheinlich, die man zu einer ruhigen Diskussions- oder Informationsveranstaltung nicht bekommen kann. Ich hoffe, dass sie ihre gerechte Bestrafung finden. Ich hoffe aber auch, dass sich jemand ihrer annimmt und sie zum Zuhören und Verstehen zwingt, damit sie in Zukunft zu denken imstande sind.

Ich finde auf der anderen Seite sowohl gut, dass die HAZ Yazid Shammout von der palästinensischen Gemeinde interviewt, als auch seine Antworten:

„Jede Form von Gewalt ist aufs Schärfste zu verurteilen“, sagte er. Die Palästinensische Gemeinde organisiere seit einiger Zeit gemeinsame Aktionen und Gesprächsabende mit jüdischen Vertretern: „Auch wenn wir anderer Ansicht sind, gehen wir sachlich und zivilisiert miteinander um“, sagte Shammout. Er hoffe, dass die Steinwürfe nichts mit der Gaza-Politik Israels zu tun haben: „Leider wird die weit verbreitete Solidarität mit den Palästinensern, die dort leben, immer wieder missbraucht, um antiisraelische Stimmung zu machen – und von dieser ist es nur ein kleiner Schritt zum Antisemitismus, der wirklich niemandem dient.“

Weitere Quelle: Stadtteilfest in Hannover: Jüdische Tänzer beschimpft und mit Steinen beworfen

Update: Ich habe mit einer Augenzeugin gesprochen, die mir einige weitere Details geben konnte: Das Stadtteilfest fand zwischen 14:00 und 20:00 statt. Die jüdische Tanzgruppe war etwa gegen 16:00 an der Reihe. Eine Gruppe von etwa 5 Jugendlichen ist an die Bühne gekommen und hat die Tänzerinnen mit Steinen beworfen, woraufhin die Veranstaltung abgebrochen wurde. Der Veranstalter hat dann mit den Jugendlichen geschimpft, sodass sie verschwanden. Kurz darauf, als die Veranstaltung weiter ging, sind die Jugendlichen erneut vor die Bühne gelaufen und haben wieder mit Steinen geworfen. Diesesmal muss es um einiges schneller gegangen sein, sodass eine der Tänzerinnen verletzt wurde. Laut der Augenzeugin wurde diese am Mund – und nicht wie von der HAZ berichtet am Fuß – verletzt. Daraufhin hat die Gruppe ihren Auftritt (natürlich) komplett abgebrochen. Die Jugendlichen sind außerdem relativ zügig weggelaufen, sodass sie nicht gestellt werden konnten. Das beantwortet teilweise die Frage, warum nicht die Polizei benachrichtigt wurde.

Update 24.6.: Inzwischen sind zwei Tatverdächtige ausgemacht.

Am 19. Juni 2010 hatte die Veranstaltung “Internationaler Tag im Sahlkamp 2010″ mit Künstlern zahlreicher Kulturgruppen stattgefunden. Nach bisherigen Erkenntnissen riefen bei dem Auftritt einer achtköpfigen, jüdischen Tanzgruppe mehrere Kinder und junge Männer antisemitische Parolen – dabei kam auch ein Megafon zum Einsatz – und warfen mit Steinen in Richtung der Bühne. Eine Tänzerin wurde am Bein getroffen und erlitt leichte Verletzungen. Gestern erstattete der Veranstalter Strafanzeige bei der Polizei. Nun haben die Beamten zwei Tatverdächtige ermittelt. Es handelt sich um einen 19 Jahre alten Mann und einen 14-Jährigen. Beide haben bislang keine Angaben zum Tatvorwurf gemacht. Der Jugendliche ist bereits mehrfach im Zusammenhang mit Eigentums- und Rohheitsdelikten polizeilich in Erscheinung getreten. Die Ermittlungen hinsichtlich der weiteren Täter dauern an. Die Polizei hat ein Strafverfahren wegen Volksverhetzung, gefährlicher Körperverletzung und versuchter gefährlicher Körperverletzung eingeleitet. / ste Polizeidirektion Hannover

Medien vermelden außerdem die Herkunft der beiden Verdächtigen, die aber mit der anfänglichen Beschreibung (palästinensisch, libanesisch und iranisch; teilweise türkisch) nicht übereinstimmt:

Nach den Steinwürfen auf eine jüdische Tanzgruppe in Hannover hat die Polizei zwei mutmaßliche Täter ermittelt. Es handele sich um einen 14-jährigen Deutschen und einen 19-jährigen gebürtigen Nordafrikaner, teilte die Polizei am Mittwoch mit. haz.de

Der HAZ-Artikel ist sicherlich auch sonst lesenswert, da der Autor nach Erklärungen sucht und ein wenig recherchiert.

Mich bedrücken derzeit zwei Dinge: Zum Einen wird der Vorfall von Rassisten genutzt, um die Stimmung noch weiter anzuheizen. Die Zuschreibung “islamischer Antisemitismus”, die Frau Wettberg von der liberalen jüdischen Gemeinde benutzt, wird von Leuten auf der PI-Ebene aufgegriffen, um ihrem antimuslimischem Rassismus freien Lauf zu geben. In einem Forum der “jüdischen Verteidigungsliga” wird die Notwendigkeit der staatsunabhängigen “Sicherung” jüdischer Veranstaltung heraufbeschworen. Das Forum sowie die Forderungen darin erinnern mich an die Äußerungen von halbstarken muslimischen Jugendlichen, die on- und offline nach der Ermordung von Marwa El-Sherbini gefordert hatten, dass muslimische Banden die Aufgabe übernehmen sollten, für die Sicherheit muslimischer Frauen auf der Straße zu sorgen. Dazu beigetragen hatte ein Vorfall in Göttingen kurz nach der Ermordung. Dieselben Forderungen (gepaart mit einer leichten Unterstellung an die Mehrheit der bei dem Vorfall anwesenden) werden nicht nur von einem Administrator der “Jüdischen Verteidigungsliga” gestellt. Mit Sprüchen wie “Lieber JDLer, es geht los, der Krieg hat begonnen.” motivieren sie sich gegenseitig. Dass da wahrscheinlich auch ganz gerne ein paar PIler mitmachen würden, die sich erhoffen können einen “Musel” zu verkloppen, bleibt da nicht ausgeschlossen.

Zum Anderen wird nun – nicht nur, aber auch vom Zentralrat der Juden – der Angriff missbraucht, um wieder Kritik an Israel pauschal als antisemitisch abzustempeln. Die “Welt Online” spielt da gerne mit. Im folgenden Absatz wird ein angeblicher Widerspruch ausgemacht, obwohl es diesen eigentlich nicht gibt:

Der Vorfall war nach Angaben der Polizei die erste antisemitische Gewalttat im Großraum Hannover in diesem Jahr, die nicht von Rechtsextremisten verübt wurde. Allerdings fanden auch in der Vergangenheit bereits „israelfeindliche Demonstrationen und Aktionen außerhalb des rechtsextremistischen Spektrums in Niedersachsen statt“, wie der stellvertretende Verfassungsschutzpräsident Dirk Verleger WELT ONLINE sagte, zum Beispiel in Salzgitter und Peine. „Die Akteure waren Palästinenser und Personen mit arabischem Hintergrund“, so Verleger. Auch auf Plakaten sei antiisraelische Propaganda sichtbar gewesen. Der jüngste Fall in Hannover sei insofern neu, „als erstmals Steine auf Juden geworfen wurden“.

Die Vermischung von antisemitischen Äußerungen/(Gewalt-)Taten mit israelfeindlicher oder gar israelkritischer Äußerungen ist ein Mittel, um Letztere zu tabuisieren. Tatsache ist, dass keiner die Motive der Jugendlichen kennt oder auch nur in Erwägung zu ziehen gedenkt.

Auf der anderen Seite muss man sich in diesem Rahmen dann fragen, ob mit demselben Maß bei antimuslimischer Hetze gehandelt würde, die sich auf diversen Internetseiten und dementsprechend bei denjenigen Menschen niederschlägt? Rassismus ist Rassismus ist Rassismus .. und muss bekämpft werden.

Update 25.6.: Die HAZ berichtet, dass vier weitere Verdächtige gefasst wurden – diesmal alle ‘arabischstämmig’. Wieder ist der Artikel recht interessant auch als Hintergrundbericht (zur Häufigkeit von Antisemitismus unter Jugendlichen):

So gebe es unter den Jugendlichen kaum einen, der nicht das Schimpfwort „Du Jude“ kennt und auf Nachfrage auch eine Vorstellung davon präsentiert, was dies seiner Meinung nach bedeutet: „Hinterhältige, verlogene, geizige Mitschüler.“ Alles dies ist nicht gleichzusetzen mit einer antisemitischen Weltanschauung, betont Stender. So haben sich viele Schüler vom Antisemitismus deutlich distanziert – antisemitische Stereotype dann aber doch reproduziert. Auszüge aus den Gesprächsprotokollen belegen Schockierendes: „Die sind so gierig und so hinterhältig“, sagt da ein Junge. „Wir haben so eine in der Klasse, man redet so, und dann kommt sie: so äääähh. Sie mischen sich immer ein. Sie geiern, wirklich.“

Auch interessant der zweite Teil des HAZ-Artikels, in dem es um das (internationale) Medieninteresse geht:

Das Presseamt der Stadt Hannover bestätigte, dass mehr Medienanfragen als üblich eingingen.

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