Medienkompetenz islamischer Organisationen
Mittwoch, 19. Oktober 2005, 04:24
“All right, that’s it! No more Mr. Nice Gaius!” Doctor Gaius Baltar in der TV-Serie Battlestar Galactica
Oftmals beschweren sich Muslime und islamische Organisationen darüber, dass sie in Medien nur dann Aufmerksamkeit geniessen, wenn sie für negative Schlagzeilen ihren Kopf hinhalten müssen. Gute Nachrichten werden nicht aufgegriffen und schnell entsteht daraus der Vorwurf, dass “die Medien” Muslimen nicht gutgesinnt sind.Tatsächlich verfolgen einige Medien eine Agenda in Bezug auf Muslime. Für den Rest der Fehl- oder unvollständigen Informationen sind Muslime voll und ganz verantwortlich!
Häufig geht es im Medienleben darum, Nachrichten aktiv zu produzieren und sie gut zu verkaufen. Wenn ich also eine Veranstaltung plane, muss ich je nach Veranstaltungsart ein Drittel der Zeit dafür reservieren, die Veranstaltung publik zu machen. Ich muss mir Gedanken machen, welche Zielpersonen ich erreichen möchte und dementsprechend, wie ich sie zu erreichen habe.
In diesem Zusammenhang verwenden die meisten Vereine sogenannte Pressemitteilungen, um sich an Medien zu wenden. Die meisten Zeitungen erhalten aber so einige Pressemitteilungen täglich und müssen sich durch sie arbeiten, um wichtigen von unwichtigen zu trennen. Das heisst, dass ein Nachhaken an der Stelle angebracht wäre. Damit man den Redakteur nicht unnötig nervt, sollte man abschätzen, ob die Pressemitteilung wirklich so wichtig ist. Oftmals reicht es, dass sie in den Archiven der jeweiligen Zeitung gespeichert ist, damit die sich bei späterer Recherche darauf beziehen können.
Das ist besonders dann der Fall bei den vielen Pressemitteilungen, die islamische Vereine zum Thema Terrorismus bzw. Gewalt abgeben. Wer wird denn erwarten, dass eine Zeitung eine Pressemitteilung abdruckt oder zitiert, wenn sie noch nie vom dahinterstehenden Verein gehört hat? Wenn aber bereits zu anderen Themen Pressemitteilungen eingegangen sind, dann könnte sich ein Redakteur dazu bewegen, den Verein anzurufen und um Informationen oder gar einem Interview zu bitten. Wenn das soweit ist, sollte man vorbereitet sein und unbedingt zusagen!
Ein weiteres Thema, das meist nicht beachtet wird, ist die Aktualität eines Ereignisses: Eine Veranstaltung wird üblicherweise vor Ablauf der Anmeldefrist angekündigt, damit diese Frist überhaupt Sinn macht. Eine Mitteilung zu einem aktuellen Thema (hier besonders Distanzierungen und Spendenaufrufe) brauchen zwei Wochen später erst gar nicht verschickt zu werden!
Ein von mir geschätzter Freund hat mir mal gesagt, dass man sich zu jedem Thema, zu dem man sich äussern kann, tatsächlich äussern sollte. Das ist zwar nicht meine persönliche Einstellung, allerdings gibt es leider Themen, zu denen sich islamische Organisationen unbedingt äussern sollten, die aber kaum bis gar keiner Beachtung bei ihnen gewürdigt werden. Ein solches Thema ist die derzeitige Sterbehilfe-Debatte. Dass die islamische Position sich mit der christlichen Position weitgehend deckt, ist noch lange kein Grund, sich nicht zu Wort zu melden! Wieder gilt: man muss nicht gleich damit rechnen, dass die angesprochenen Medien die Mitteilung weitertragen, aber zumindest existiert dann irgendwo ein Dokument, auf das man sich auch später beziehen kann.
Das Aufgreifen und Thematisieren alltäglicher Problematiken ist auch deshalb sinnvoll, damit das Bild des Muslims/des Islams für den Leser differenzierter wird. Im Islam geht es lange nicht allein um Gewalt und dessen Verherrlichung - nur das muss man den Leuten klar machen. Und dabei hilft nicht einfach zu behaupten, dass das nicht der Fall wäre - das kann ja jeder sagen!
Bliebe noch die allgemeine Präsentation der islamischen Vereine. Zunächst einmal ein gutes Beispiel: Das Nachrichtenportal des Zentralrats der Muslime e.V. ist meines Erachtens eine gelungene Präsentation. Die darin enthaltenen Informationen sind relativ aktuell, der Verein stellt sich auf einer gespnderten Seite vor, eine Liste aller Pressemitteilungen und Publikationen ist erhältlich, die Informationen rund um die Seite und um den Verein scheinen vollständig zu sein und es gibt die Möglichkeit, ein Feedback zu geben - ob zur Seite, zum Verein oder zu einem Artikel. Mit der Seite werden sowohl Muslime als auch Nichtmuslime, Medien und Organisationen angesprochen.
Ohne eine Wertung der Vereine an sich vornehmen zu wollen, so möchte ich doch ein Gegenbeispiele zeigen, namentlich die Seiten des Islamrats.
Auf den Seiten des Islamrats findet sich eine Selbtdarstellung, die Liste der Mitgliedsvereine und der Vorstandsmitglieder mitsamt Email-Adressen. Auf der anderen Seite ist die letzte Nachricht vom 10.09.2005 (”Muslime vereinbaren einheitliche Landesstrukturen”, also eine Nachricht, die nicht exklusiv im Islamrat entstanden ist), die davor war vom 24.02.2005!! Unter Veranstaltungen ist der letzte Eintrag vom 20. März 2002. Die Seite der Pressererklärungen ist leer, die der Stellungnahmen weist einen letzten Eintrag vom Dezember 2004. Immerhin ist die Adresse des Vereins aufgeführt und es gibt ein Pressetelefon aber ich befürchte die Presse wird sich nur im Notfall darunter melden..
Die Adresse www.ditib.de der “Türkisch-Islamischen Union der Anstalt für Religion e.V.” leitet auf die Seite www.diyanet.org/tr/anasayfa/ weiter - der türkischen Seite! Gott sei Dank ist die Deutschlandflagge gut sichtbar auf der linken Seite über der Navigation platziert, sodass ein Umschalten leicht ausschaut. Auf der Startseite sind Pressemitteilungen zu sehen (ohne Datumsangabe, Thema der letzten Mitteilung ist Erdbeben in Pakistan). Die Selbstdarstellung ist sehr ausführlich, dafür müsste sowohl an den Veranstaltungen (oder deren Ankündigung) als auch an einem Pressearchiv gearbeitet werden..
Damit kämen wir zu den technischen Problemen, die die Internetauftritte aufweisen:
alraid ist die Seite des “Islamischen Informationsdienstes e.V.” .. und stellt dar, wie man eine Seite, die Informationen anbieten möchte unbedingt nicht machen sollte.
1. Der Verein ist offensichtlich in Deutschland angesiedelt. Deshalb gilt genauso wie bei der DITIB-Seite: Es spricht nichts dagegen, davon auszugehen, dass der Besucher Deutsch lesen kann (bzw. will) und ihm eventuell später die Möglichkeit zu geben, eine andere Sprache auszuwählen.
2. Eine “Herzlich Willkommen” Seite ist nicht nur inzwischen “out”, sondern dazu auch noch störend. Wir leben in einer schnellen Welt und keiner hat die Zeit oder den Elan, sich lange von Seite zu Seite zu hangeln. Jeder Klick zählt (und ermüdet) und deshalb sollte man gleich zur Sache kommen und den Inhalt der Seite präsentieren.
3. Die Seite sollte auch ohne sichtbare Bilder leserlich sein. Dazu gehört, dass man weitesgehend Bilder vermeiden sollte, wo es möglich ist (hier: Die Sprachauswahl und in den weiteren Seiten das Logo) und dass alternative Texte zu den restlichen Bildern eingetragen werden. Diese Massnahme hilft nicht nur Blinden, die gezwungen sind, sich die Internetseiten vorlesen zu lassen, sondern auch automatisierten Suchmaschinen-Bots (google..).
4. Während ein Mensch noch in der Lage sein kann, die Anfangsseite mental zu überspringen, ist eine Suchmaschine dazu nicht in der Lage. Entscheidend für die Relevanz der Seite sind die darauf vorhandenen Inhalte und ihre Positionierung innerhalb des Quelltexts. Inhalte sind nur Texte! Wenn man sich aber den Quelltext der ersten Seite anschaut, dann entdeckt man, dass er zu zwei Dritteln aus Javascript-Funktionen besteht, die noch nicht einmal Not tun (Laufschrift in der Statusleiste, eine Zeitanzeige für all die Benutzer unter uns, deren Rechneruhr ausgefallen ist (aus welchem Grund auch immer) und noch so ein paar solcher Funktionen, die Bandbreite und Relevanz bei den Suchmaschinen auffressen, ohne wirklich “informativ” zu sein). Das verbleibende Drittel ist mit einer höchst komplizierten Tabellenstruktur gefüllt, die ihrerseits inhaltich einem “Herzlich willkommen” nicht zu übertreffen vermag!
5. Wir stellen also fest, auf der Anfangsseite kann kein relevanter Text gefunden werden, dann wird es aber noch schlimmer, die Folgeseiten sind allesamt Frameseiten und somit für die meisten Suchmaschinen nicht lesbar. Was man bei Frameseiten unbedingt beachten sollte ist: Nicht verwenden! Das hat nicht nur damit zu tun, dass Suchmaschinen wenig damit anfangen können, sondern vor allem auch, weil der Nutzer beim Abspeichern einer Seite gehindert wird. Ein Ablegen einer bestimmten Unterseite ist nicht mehr trivial möglich. Die Folge sind frustrierte Benutzer, die nicht auf die Seite zurückkehren wollen.
Der Artikel wird hoffentlich eine Fortsetzung erfahren - bei Gelegenheit isa..
Omar
Category: Islam
Tags: Islam, medien, parallelgesellschaft, vereine
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