Schweigen in der Sache – Berichterstattung, die umhaut!

in der ZDF-Mediathek findet sich neuerdings ein Video aus der Sendung ZDF aspekte vom Freitag, den 30.10.2009. Unter dem Titel “Schändliches Schweigen” geht darin eine Frau Anna Bernard angeblich auf “den Fall” der ermordeten Marwa El-Sherbini ein. Wie sie das tut wäre sehr witzig, wenn es denn nicht so traurig gewesen wäre. Erst die Ansage:

Am 1. Juli wurde eine junge Ägypterin im Landgericht Dresden von einem Russlanddeutschen mit 16 Messerstichen ermordet. Danach wurde die Frage gestellt, ob es in Deutschland ein unterschwelliges rassistisches Klima gibt. Diese Frage stellte man sich natürlich auch in der islamischen Welt – vor Allem in Ägypten. Diese Woche hat nun der Prozess gegen den 28-jährigen Angeklagten begonnen – der tobt im Gerichtssaal, schweigt aber in der Sache.

Das nehmen sich scheinbar die Macher dieses Programms zum Motto: Schweigen in der Sache! Aber eins nach dem Anderen. Mit welchen Mitteln des hohen Journalismus möchte die Reporterin nun an den Fall herantreten. Wie wird sie “den Fall Marwa El-Sherbini” behandeln?

Meine Kollegin Anna Bernard hat mit zwei Autoren über den Fall gesprochen, die beide Kulturkreise sehr genau kennen. Der eine ist der berühmteste ägyptische Schriftsteller, Alaa Al-Aswani, der andere der Wissenschaftler Hamed1 Abdel-Samad, der seit Jahren in Deutschland lebt. Und beide kommen zu bemerkenswerten bis sehr selten gehörten Erkenntnissen.

Man muss wissen, Hamed Abdel-Samad ist seit 1995 in Deutschland – das sind 14 Jahre – hat sich seine deutsche Staatsbürgerschaft mit einer Scheinehe erschlichen2, “litt an Amnesie, Bandscheibenvorfall und Magenblutungen, hörte Stimmen und hatte Halluzinationen” sodass er in die Psychatrie eingeliefert wurde, wo er angeblich Selbstmordversuche unternahm. Wie lange er dort verbrachte, fand ich nicht heraus. Er ist wohl derzeit dabei zu promovieren3. Seit 1995 hat er etwas mehr als ein Jahr in Japan verbracht, offenbar lange genug, um seine “wahre Liebe” zu finden. Damit müsste sich seine tatsächliche Verweildauer in Deutschland sogar auf unter 14 Jahre belaufen. Trotzdem soll er Deutschland “genau” kennen.. Da hätte ich noch ein paar andere ‘Deutschlandkenner’, die ein gänzlich anderes Meinungsbild wiedergeben würden – und vielleicht sogar etwas zum Fall zu erzählen hätten.

Der andere Interviewpartner ist Alaa Al-Aswani – bei weitem nicht der berühmteste Schriftsteller in Ägypten, dafür aber scheinbar der berühmteste ägyptische Schriftsteller im Westen, weil er anscheinend pornografische Filmelemente nutzt. Woher man die Annahme nimmt, dass dieser Mensch die Kultur Deutschlands “genau” kennt, erschließt sich mir nicht, da er selbst im Interview mit dem deutschen Fernsehkanal auf Französisch antwortet. Ist “Deutsch” nicht Teil der deutschen Kultur? Dann muss man sich wieder fragen, warum gerade er zum Interview herangezogen wird, wo es genügend Deutsch-Ägytische und ägyptische Kulturvereine in Deutschland gibt, die die Situation wahrscheinlich weit besser beurteilen können und auch noch die Fragen auf Deutsch beantworten können.

Nach einer kurzen Einleitung, in der dem Zuschauer kurz der Hergang des Mordes an Marwa El-Sherbini erklärt wird, kommt zunächst Alaa Al-Aswani4 dran, der zumindest seine Aussage präzise wiedergeben kann:

Erstens, hat es fast eine Woche gedauert, bis es von offizieller Seite eine erste Reaktion gab. Und zweitens, selbst in den deutschen Medien wurde dieses Verbrechen erst thematisiert, als es in Ägypten Proteste und Demonstrationen gab. Wir in Ägypten stellen uns ehrlich gesagt immer die Frage, wäre das Opfer aus Israel gewesen, hätte die deutsche Regierung auch so reagiert?

Dann ist Hamed Abdel-Samad an der Reihe und spricht in scheinbar gebrochenem Deutsch – zumindest was seine Aussprache angeht. Ihm wurde aber scheinbar keine Frage zum Mordfall gestellt, sondern vielmehr zur Reaktion in Ägypten. Hier vollzieht Frau Bernard schon die Wende weg vom eigentlichen Thema, hin zur Reaktionsqualifizierung. Eben: “Schweigen in der Sache”!

Das hat auch – wiederum – etwas mit dem Selbstbild der Muslime zu tun – mit dem Beleidigtsein der Muslime zu tun. Muslime spüren seit Generationen ein Gefühl der Demütigung und Ohnmacht gegenüber dem Westen. Ob es Muhammad-Karikaturen, ob es die Papst-Rede in Regensburg oder eine britische Lehrerin, die ihren Teddy-Bär Muhammad nennt – Muslime finden immer einen Anlass, gekränkt und gedemütigt zu werden.

Interessante Auflistung! Die Muhammad-Karikaturen, in denen ein Staat noch nicht einmal den Vorwurf der Volksverhetzung verfolgen wollte und der erst zum Thema wurde, als Muslime auf die Straße gingen, wird mit der Rede des Papstes in Regensburg verglichen, bei der gerade Muslime mit einem offenen Brief und einer offenen Einladung einer Pöbeldiskussion aus dem Weg gingen und das wiederum mit einer tatsächlichen Pöbeldiskussion mit “Happy Ending”, die nun von Islamophoben auf der ganzen Welt missbraucht wird5, wo sich aber vor allem auch Muslime eingesetzt hatten, um dieses Ende herbei zu erarbeiten. Hauptsache ist: Muslime sind doch immer beleidigt! Zur Bestätigung benutzt die Sprecherin die angebliche Beschwerde einiger Muslime gegen die Schalke-Hymne und den ‘hach so netten’ Vorschlag, Toilettenpapier mit dem Koran zu bedrucken6. All das wird zur Bestätigung der als Buchtitel veröffentlichten Aussage von Abdel-Samad “Ich bin Moslem, also bin ich beleidigt” herangezogen.

An dieser Stelle fragt man sich, was man zum Mordfall alles erfahren hat, nach mehr als der Hälfte des Films, genauer gesagt, nach 4 Minuten und 40 Sekunden von insgesamt 6 Minuten und 37 Sekunden. Das Resultat geht stark gegen Null. Aber dann wird es noch besser: Die restliche Zeit wird vor allem von einer Biographie von Hamed Abdel-Samad dominiert7, wo vor allem seine psychischen Probleme beschrieben werden und dann – das ist richtig interessant – auch von ihm auf die ganze muslimische?/arabische? Gesellschaft ausgeweitet wird. Abdel-Samad:

In der Psychatrie schreibt er sich seine Geschichte von der Seele – mit schonungsloser Offenheit.

Abdel-Samad: Ja, es war ein Kampf, erstmal zu verstehen, was ist in meinem Leben schief gelaufen ist und damit war die Frage verbunden, was ist in unser Kultur schief gelaufen. Warum gibt es so viel Gewalt? Warum gibt es so viel Doppelmoral? Warum sind wir nicht fähig, unverkrampft, über unsere Religion, über unsere Probleme zu sprechen?8

Meine Analyse: Da muss jemand dringend wieder in die Psychatrie. Er übt nämlich keine Selbstkritik, er kritisiert alle anderen um ihn herum und schiebt seine eigenen Probleme auf die “Kultur” und wirft allen anderen Muslimen/Arabern/Ägyptern(?) vor, sie lebten in Gewalt und Doppelmoral. Typisches Von-sich-auf-andere-Schließen, wie man ihn bereits von anderen Kronzeugen islamophober Mitbürger kennen. Die Sprecherin sieht das ein wenig anders:

Was er von seinen Landsleuten erwartet, hat er vorgemacht: Aufklärung durch Tabubruch!

Und jetzt will die Sprecherin den Kreis schließen. Denn eigentlich ging es doch nicht um die Araber/Muslime/Ägypter oder auch nur um Herrn Abdel-Samads Probleme, sondern vor allem um den Mordfall an Marwa El-Sherbini.

Fehlende Aufklärung führt zu Aggressionen. Auch bei uns. Der Mord von Dresden beweist es. Eine Tat – zu furchtbar, um sie zu relativieren9 oder zu instrumentalisieren. Marwa El-Sherbini sollte in diesem Gebäude Gerechtigkeit widerfahren. Stattdessen verlor sie ihr Leben. Tragischer hätte diese Geschichte nicht ausgehen können.

Und das sind tatsächlich die letzten Worte in diesem Bericht! Was diese Sätze mit den Interviews und der Kurzbiographie zu tun haben, wird wohl keinem wirklich klar. Ich denke mal, der Frau ist aufgefallen, dass sie im Bericht fast nichts zum Fall selbst sagt.10

Der Bericht ist ein einziger Witz und im Falle des öffentlichrechtlichen Fernsehens eine Art, öffentliche Gelder zu verschwenden. Aber ich bin natürlich der beleidigte Muslim. Ein Bild von mir (oder irgendeinem anderen “muslimischaussehenden” Menschen), wie ich ein groteskes Plakat mit Forderungen nach Mord und Totschlag des Westens hochhalte, müsste noch gesucht werden, um der Sache gerecht zu werden. Herr Abdel-Samad, übernehmen Sie.

An die Kommentatoren: Erst nachdenken, dann schreiben!

  1. sie spricht das eher wie “Hachmed” aus, aber das nur nebenbei[]
  2. wie er selbst zugibt[]
  3. und allein deshalb nicht “Wissenschaftler”, sondern angehender Wissenschaftler..[]
  4. lustig, wie Frau Bernard seinen Namen total falsch ausspricht ‘Ala A Al-Aswani’[]
  5. übrigens: darüber beschwert sich keiner; nur darüber, wenn Muslime einen Mord für eigene Forderungen nutzen..[]
  6. “gegen die Frau wird eine ‘Fatwa’ erlassen” sagt die Sprecherin, aber nicht, was der Inhalt der Fatwa ist.[]
  7. bis zur 6. Minute und 10 Sekunden[]
  8. grammatikalische Fehler nicht von mir![]
  9. ja, wer macht das wohl??[]
  10. im Übrigen: damit liegt folgende zeitliche Verteilung vor:

    • Einleitung: 48 Sekunden
    • Zusammenfassung: 24 Sekunden
    • Aussage Alaa Al-Aswani: 58 Sekunden
    • Biographie Alaa Al-Aswani: 10 Sekunden
    • Aussage Alaa Al-Aswani: 12 Sekunden
    • Aussage Hamed Abdel-Samad: 44 Sekunden
    • Beispiele zur Stützung von Abdel-Samads Aussagen: 44 Sekunden
    • Biographie Hamed Abdel-Samad: 125 Sekunden
    • Zusammenfassung: 27 Sekunden
    • Ausspann: 5 Sekunden

    In anderen Worten: Für den Mord an Marwa El-Sherbini ist die Biographie von Hamed Abdel-Samad ganz wichtig!! []

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Comments

  • By Kathrin, 2. November 2009 @ 10:58

    Es ist zum Mäusemelken.

  • By Caritas, 2. November 2009 @ 11:54

    Hallo Omar.
    Also was genau stört dich jetzt, der Bericht oder Samad, oder beides ?

    ” dafür aber scheinbar der berühmteste ägyptische Schriftsteller im Westen, weil er anscheinend pornografische Filmelemente nutzt. ” (Aswani)

    Da wären wir wieder bei Stolz und Vorurteil. Wieso nur werde ich den Eindruck nicht los, dass du genau das dem Westen gegenüber hegst, was du ihm auf der anderen Seite selber vorwirfst ?

  • By Omar, 2. November 2009 @ 12:24

    “Also was genau stört dich jetzt, der Bericht oder Samad, oder beides ?”

    Wir üben das mal gemeinsam: Was steht da oben im Titel? “Berichterstattung”! Also geht es mir um die Berichterstattung, die den Abdel-Samad (nicht Samad) portraitiert, wo es nichts mit dem Thema der Sendung zu tun hat.

    “Wieso nur werde ich den Eindruck nicht los, dass du genau das dem Westen gegenüber hegst, was du ihm auf der anderen Seite selber vorwirfst ?”

    Ich hab keine Ahnung, warum du die Gefühle hast, die du nun mal hast. Rationalität unterstelle ich dir nicht in jedem Fall. Wie dem auch sei, was ist es denn, was ich “dem Westen” angeblich vorwerfe?? Und versuche dich zumindest mit 40% deiner Antwort auf meinen Artikel hier zu beziehen, wenn es dir möglich ist.

  • By Caritas, 2. November 2009 @ 17:14

    Vorurteile. Dir missfällt dass westliche Medien stets das Bild der angeblich dauerbeleidigten, latent mittelalterlichen Terrormoslems hochhalten.

    Du selbst aber bedienst das Vorurteil vom dekadenten, degenerierten Westen, der sich ja nur für einen Autoren interessieren kann, wenn dieser “pornografische Filmelemente nutzt”. Du arbeitest also auf dem selben Level.

  • By Tom, 2. November 2009 @ 17:54

    »[…]: Aufklärung durch Tabubruch!« (Zitat: Anna Bernard)

    Das ist ja schon mal sowas von Bullshit. Man kann aufklären und dadurch einen Tabubruch begehen. Aber dass ein Tabubruch zur Aufklärung führt ist mehr als eine gewagte These. (Siehe z. B. auch Sarrazin)

    Bei Aufklärung durch Tabubruch wird wohl mehr zerstört als aufgeklärt.

    Ich hoffe, ich bin da nicht zu pingelig. Aber Sprache kann bei falscher Anwendung auch ein Gift sein. Man stelle sich nur vor, eine (politische) Gruppierung hätte den Slogan »Aufklärung durch Tabubruch!«. Na dann gute Nacht.

    Herzlichen Gruß
    Tom, der Säzzer.

  • By Annett, 2. November 2009 @ 22:00

    vergiss es omar, da hilft auch keine förderstunde mehr.

    es ist mir ein rätsel, wie man so lau daher diskutieren kann, wenn man weiss, da hat ein kleiner junge seine mutter verloren wegen nichts und ein mann seine frau, einfach so. weil sie da war und sich nicht kleinlaut als mäuschen zurückgezogen hat.

    die dämlichen kommentare von caritas hat sie nicht verdient.

    (spar dir die energie, caritas, schreib einfach nichts….)
    annett

  • By aha, 12. November 2009 @ 18:14

    Hast Du überhaupt verstanden, was er geschrieben hat?

  • By Omar, 12. November 2009 @ 18:15

    @aha: wer ist “Du” und wer ist “er”?

  • By Sunny S., 26. November 2009 @ 23:45

    Oh mann, wie mir davon schlecht wird, von diesem “die sind so, und die sind so”…. Sag mal, das muss doch verletzend sein, einfach abgestempelt zu werden, man sei ständig beleidigt, oder???

    Und was soll überhaupt das Argument mit den Karikaturen oder der Papstrede? Sorry, aber so harmlos fand ich diese Geschehnisse nicht! Presse- und Meinungsfreiheit ist ja schön und gut. Aber man sollte das nicht um den Preis tun, dass man andere verletzt. Das ist schlichtweg unmoralisch.

  • By Sunny S., 26. November 2009 @ 23:51

    @Caritas: Wenn du immer noch der Meinung bist, nur weil etwas sich öffentlich-rechtlich schimpft, gestalte es seine Sendung nicht dem (Trug!!-)Bild des uninterssierten und dummen Mittel- oder Unterklassebürgers entsprechend, und versuche nicht, sich damit Quoten zu angeln, dann…. Tuts mir leid. Im Klartext: Auch ARD, ZDF und Co. berichten teilweise in einer Weise, die nur polarisieren, schematisieren und schwarz-weiß malen soll. Schließlich ist das das, was wir Konsumenten sehen wollen (entweder tatsächlich oder in der Fantasie der Sender, das sei dahingestellt)…

    Und was das beleidigtsein angeht: Ich finde man hat gutes Recht, seine Mißgunst zu äußern, wenn in dieser Weise schema- und stigmatisiert wird!!!!! Das wünsche ich als Christin mir auch nicht.

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