Ein Monat lang Thilo Sarrazin
Ulli Tückmantel beklagt in der “Rheinischen Post”, “dass in der öffentlichen Debatte immer häufiger Minderheiten bestimmen, wie die Mehrheit über sie sprechen darf.” Dadurch erfolge praktisch eine Einschränkung der Redefreiheit.
Redefreiheit soll hier an bestimmte Benimmregeln geknüpft werden, wie “man” in Deutschland über Minderheiten zu sprechen oder im Zweifelsfall zu schweigen hat.
Das Dilemma besteht nach Herrn Tückmantel darin, dass die Provokation vonnöten wäre, um überhaupt gehört zu werden. Dies müsse erlaubt sein, auch wenn (oder gerade wenn) von der angesprochenen Minderheit1 stets “reflexartige Reaktion[en] des Beleidigtseins” kommen. Ohne die Provokation würde ja keiner die Kritik wahrnehmen.
Die Obszönität dieser Relativierungen der Redefreiheit liegt darin, dass Sarrazin überhaupt gar nicht gehört worden wäre, wenn er seine Äußerungen nicht in klarer, deutscher Prosa getan hätte.
Der “Thilo-Sarrazin”-Monat
Ich stimme vollkommen zu! Die Debatte um die Aussagen von Thilo Sarrazin, Jürgen Rüttgers, Roland Koch, und wie sie noch alle heißen zeigt vor allem eines: Eine scheinbar stabile Mehrheit oder zumindest eine große Anzahl von Deutschen denkt so wie diese Herrschaften und würden gerne sogar weitergehen, als diese mutigen Herren das öffentlich wagen. Jörg Lau stellt dazu fest:
Und es kommen in den Leserbriefen und den Online-Debatten Annahmen über den Stand der Integration, über die „wahren Ursachen“ der Probleme des Einwanderungslandes, über die deutsche Identität und über die Haltung der Migranten zutage, die noch weit über Sarrazins Zuspitzungen hinausgehen.
Eine unterdrückte Wut macht sich Luft.
Eine unterdrückte Wut kann aber nicht gesund sein. Nicht für den Einzelnen und schon lange nicht für die Gesamtgesellschaft. Wenn das stimmt, dass die Mehrheit nicht sagen darf, was sie sagen möchte, dann wird die Minderheit immer gefährlicher leben – und die Redefreiheit wäre zunichte!
Deshalb schlage ich folgende Aktion vor: Ein Monat lang spricht jeder frei aus dem Bauch. Alles, was man schon immer schreiben/sagen wollte, sollte man sagen dürfen. Für den “Kreativwettbewerb” zur Unterstützung des Paragraphen 5 des Grundgesetzes können unterschiedliche Formen von Meinungsäußerungen eingereicht werden: Prosa von “Bildungseliten” zu Hauptschülern, Lyrik von Hartz VI-Empfängern zu Bankern, Zeichnungen von Atheisten zu religiösen Menschen – wenn ein Mittelständler eine vielsagende Duftnote einreichen möchte, mit der er sich über Politiker auslassen möchte, ist er auch willkommen!
Es muss in Deutschland wieder provoziert, gepöbelt, diskriminiert und gelästert werden können, sonst sehe ich die Redefreiheit in Gefahr. Und das nicht nur am Stammtisch, sondern vor allem auch an prominenter Stelle in Massenmedien, öffentlichen Reden und im Fernsehen. (CDU-)Politiker brauchen sich nicht mehr auf halböffentliche Wahlveranstaltungen zu verstecken, um sich über die Faulheit der Rumänen oder die Gefahr der Ausländer/Muslime auszulassen. Wenn der muslimische Imam seinen Eindruck von den “dreckigen Deutschen” äußern möchte, dann sollte er das ganz öffentlich in einem Aufsatz tun mit anschließender Diskussion und hergezauberten Statistiken, wie auch Interviews und Geruchsproben an den Eingängen öffentlicher Toiletten. Warum sollte Ralph Giordano der einzige sein, der das Aussehen fremder Menschen öffentlich mit Tieren vergleichen darf – eine öffentliche Diskussion über die korrekte passendste Tiercharakterisierung des Aussehens von Giordano selbst brauchen wir, um unseren Frust abzulassen.
Wir müssen unserem Neid, unseren Vorurteilen und unserem Frust freien Lauf lassen. Keine Tabus mehr! Schwarze gegen Weiße, Arme gegen Reiche, Christen gegen Juden gegen Muslime gegen Christen und Juden, Türken gegen Russen, Hochschulprofessoren gegen Studenten gegen Azubis gegen Lehrer, Mieter gegen Vermieter und alle gegen die Putzfrauen und Homosexuelle2. Das Potenzial ist in unserer Gesellschaft vorhanden! Wir werden ein “pig’s breakfast” daraus machen!
Ich schlage vor, dass wir Dezember zum “Thilo Sarrazin”-Monat erklären, in dem wir aus allen Rohren “schießen”. Anfang Januar, wenn die ersten Mehrheitsmenschen wieder ausgenüchtert sind, können wir ja mal den Monat evaluieren3. Wird er so viel anders sein als die Monate zuvor? Werden wir uns wohler fühlen oder gar eher in die Augen blicken können? Wer wird beleidigt weinen und wird es uns überhaupt kümmern?
- er spricht quasi-konkret aber eigentlich vollkommen schwammig “weite Teile der muslimischen Bevölkerung in Deutschland” an[↩]
- jede der Konstellationen natürlich auch gerne umtauschbar[↩]
- wenn wir dann noch zu einer solch objektiven Tat noch in der Lage sind[↩]
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Comments
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Kopftuchbabys « Tekays — 13. November 2009 @ 01:09
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By Florian, 24. Oktober 2009 @ 15:55
Dann möchte ich folgenden Text beisteuern:
http://florianroepke.wordpress.com/2009/10/21/thilo-sarrazin-ist-ein-quatschkopf/
Allerdings nur, wenn Quatschkopf und Arsc***** durch Artikel 5 geschützt sind ;-)
PS: Die von dir angefragten Quellen gibt es online. Habe sie bereits eingefügt.
By Erik, 27. Oktober 2009 @ 22:57
und würde diese Hetzten kritiklos als normal hingenommen müssten Sarrazine &Co weit schlimmere hetzten von sich geben um sich in der Öffentlichkeit populistisch profilieren zu können. Natürlich würden sie das ihnen geräumte Feld ja nicht mehr als “mutige RedeFreiheit” sondern dann ja als “poltische Korrektheit” sehen und so pushen sie immer weiter sehen sich aber “zensierte”.