Günter Wallraff bestätigt: Fremdenfeindlichkeit immer noch prävalent

Günter Wallraff hat sich wieder verkleidet – diesmal als Schwarzer maskiert – und war unterwegs. Während ich mir den Artikel bei der Zeit durchlas, dachte ich erst “cool!” und dann “eigentlich weiß ich das doch alles schon”. All das kann man bei jedem zweiten Migranten erfahren. Was macht die Erzählung von Günter Wallraff so viel interessanter oder vielleicht sogar glaubwürdiger??

Wallraff beschreibt – und zeigt im Video – wie schwer die Verkleidung für ihn war.

Vor Jahren hatte ich einen ersten Anlauf gemacht, das Vorhaben aber wieder abgebrochen. Nicht weil diese Rolle anmaßend wäre gegenüber schwarzen Migranten oder schwarzen Deutschen. [...] Nein, ich zögerte, weil ich befürchtete, dass man mich zu rasch enttarnen könnte. Es gibt nämlich durchaus ein technisches Problem, wenn man sich als Weißer in einen Schwarzen verwandeln will. Theaterschminke reicht da nicht. Vor einiger Zeit machte ich dann die Bekanntschaft einer Maskenbildnerin, die mit einem Sprühverfahren arbeitet, mit dem Weiße “umgefärbt” werden können, sodass es einigermaßen lebensecht wirkt. Endlich konnte ich meinen lang gehegten Plan in die Tat umsetzen.

Dabei hätte er das um einiges leichter haben können: Warum schickt er nicht einen tatsächlich dunkelhäutigen Menschen in die Rolle? Würde er sein tatsächliches Verhalten und seine Reaktionen nicht sowieso besser “spielen” als Wallraff? Und besser aussehen täte er ja sowieso. Also warum diese große Anstrengung?? Urmila spricht mir hier aus der Seele:

Muss erst ein weißer Mann kommen, um qualifiziert über Rassismus gegen Schwarze sprechen zu können? Sind Schwarze zu betroffen? Könnnen nur Weiße universell sprechen?

Ist Günter Wallraffs Enthüllungsdrama mit dem Thema “Rassismus” nicht selbst rassistischen Simplifikationen unterlegen??

Ach, ich weiß es nicht, aber es schmeckt mir einfach nicht, dass ein Wallraff so tut, als würde er den von ihm Dargestellten eine Stimme geben, wobei sie aber weiterhin zu schweigen haben..

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Comments

  • By Kathrin, 17. Oktober 2009 @ 23:00

    Mir stößt es auch als “leicht” anmaßend auf, dass Wallraff davon auszugehen scheint, dass man sich nur das Gesicht anzumalen braucht, um zu erfahren, wie es ist als Schwarzer Mensch in dieser Gesellschaft zu leben.

  • By Andre Fahnemann, 18. Oktober 2009 @ 10:34

    Er hat sich nicht nur einfach das Gesicht angemalt. Er hat sich durch diese Aktion in Gefahr gebracht und riskiert aufgrund seiner “Hautfarbe” verprügelt zu werden. All dieses solltet ihr bei eurer Kritik nicht unbeachtet lassen.

  • By Omar, 18. Oktober 2009 @ 10:46

    @Andre Fahnemann: Ja, wie gesagt, ich dachte ja auch erst “Cool!”. Es ist ja eigentlich eine schöne Aktion. Aber meine Kritik bezog sich darauf, warum man das Wort eines Dunkelhäutigen nicht direkt Glauben schenkt und sich damit die mühsame Arbeit spart.

  • By Flug, 19. Oktober 2009 @ 09:31

    Es mag vielleicht sein, dass es jede Menge Leute gibt, die er hätte interviewen können anstatt sich selbst in Gefahr zu begeben. Allerdings solltest Du auch beachten, dass es seine Arbeitsweise ist. Er sucht sich nicht die Leute, sondern geht selbst in die Situationen. Das macht er schon seit Jahren. Auch wenn er die ehrlichsten Leute ausfragt, es gibt immer Sachen, die sie lieber verschweigen. Außerdem leben sie in dieser Situation. Es gibt einfach Sachen, die einem nicht mehr auffallen, wenn man täglich mit ihnen lebt. Wenn nun einer wie Wallraff, der einen gänzlich anderen Hintergrund hat, sich in so eine Situation begibt, dann fallen ihm sicher Dinge auf, an die eventuelle Interviewpartner gar nicht erst regestriert hätten, weil sie es schon so oft gesehen haben, dass sie es nicht mehr wahrnehmen.

  • By gibgasachi, 19. Oktober 2009 @ 12:34

    @Omar: Das man dem Wort eines Dunkelhäutigen nicht direkt glauben schenkt kannst Du aber nicht dem Herrn Walraff vorwerfen!

    Allerdings sollte er in der Nachbearbeitung des Versuches auch möglichst viele echte Betroffene zu Wort kommen lassen.

  • By Annett, 19. Oktober 2009 @ 12:45

    Eigentlich verstärkt doch Herr Wallraff damit den Eindruck, dass man erst mal “einen Vorkämpfer” braucht, um den Missstand zu zeigen. Die ganze Aktion bringt eigentlich nur Herrn Wallraff etwas, nämlich Werbung in eigener Sache. Im Zusammenhang mit Marwa el Sherbini haben wir doch oft genug über “no go areas” gehört, die in Deutschland auch an offiziellen Stellen bekannt sind. Dagegen wird aber zuwenig unternommen. Über Übergriffe auf “schwarze” wird docha uch ab und zu berichtet. Herr Wallraff teilt uns also nur mit, was wir sowieso schon wussten. Alle sind für die Dauer seines Films entsetzt und gehen dannach lecker essen, um alles wieder zu vergessen. Und beim beim nächsten Übergriff in U-Bahn oder Zug mische ich mich lieber nicht ein, sonst bin ich selbst noch dran…….
    Er beschreibt sich als Enthüllungsjournalist, aber er enthüllt hier nichts.

  • By Omar, 19. Oktober 2009 @ 12:54

    @gibgasachi: genau da bin ich mir ja unsicher. Natürlich sind zunächst einmal die Abnehmer seiner Sendung/Aussagen diejenigen, die einem strukturellen Rassismus unterliegen, da sie offensichtlich Dunkelhäutigen nicht glauben, die doch tagtäglich von Diskriminierung berichten. Aber selbst Wallraff möchte ja im Prinzip die Aussagen dieser Leute selbst überprüfen (, weil er es ihnen nicht abnimmt?)

    Das einzige, was ich mir vorstellen kann: Ein Dunkelhäutiger wird vielleicht einige Diskriminierungsarten nicht als solche erkennen, da er sich (wieder vielleicht) bereits daran gewöhnt hat. Die Erlebnis von Wallraff könnte also als eine Art Berichterstattung darüber verstanden werden, was man als “Normmensch” alles für Privilegien bekommt, die man eigentlich gar nicht bemerkt.

    Wie gesagt, ich bin selbst ein wenig irritiert…

  • By gibgasachi, 19. Oktober 2009 @ 13:29

    @Omar: Ich hätte jetzt gedacht, er macht das aus dem Grund, dass er die Aussagen der Ausländer bestätigen will, gerade weil denen niemand glaubt.

    Aber es stimmt schon, ein fader Beigeschmack bleibt dabei. Er stützt in gewisser Hinsicht die Strukturen, die er kritisiert. Aber ich glaube nicht, dass er das absichtlich tut.

  • By Carmen, 20. Oktober 2009 @ 01:08

    Ich hatte einen ähnlich faden Nachgeschmack: Es gibt doch bereits genug Erfahrungsberichte von “Schwarzen” in Deutschland. Und ich kenne einige, die für ihre Würde kämpfen. Dafür haben wir doch Herrn Wallraff nicht nötig. Ich sehe das auch kritisch.

    Aber andererseits: Wie krass, oder? Einfach nur die Hautfarbe verändern und schon geht’s los. Ich höre manchmal: ja, es ist ja nicht die Hautfarbe, sondern dass sie kein Deutsch sprechen, unsre Frauen anbaggern, anders sind, nichts verstehen, unterbelichtet sind, sich nicht entwickeln wollen etc. Die Argumente (in ihrem Sinne) fallen bei Wallraff weg. Nicht, dass sie jemals Gültigkeit hatten.

    Ich finde auch, dass sich Wallraff in die Tradition der Menschen stellen sollten, die unter diesem Rassismus leiden und das auch sagen und weiter kämpfen. Sie brauchen keine “weißen Beschützer”.

    Auf geht’s Leute, :-)
    Carmen

  • By Kathrin, 20. Oktober 2009 @ 09:12

    @gibgasachi, aber mit dieser “objektiven Überprüfung” durch einen Weißen bestätigt Wallraff doch genau das Verhalten dem Wissen/den Erfahrungen eines Schwarzen eben nicht glauben zu können (da ja angeblich nicht objektiv/überprüfbar).

    Ich denke auch nicht, dass er das absichtlich macht, bzw. unterstelle Herrn Wallraff tatsächlich nur die besten Absichten. Aber das ist ja auch schon wieder so ein Punkt: Rassismus lebt nicht von denen, die bewusste, aggressive Rassisten sind, sondern von der schweigenden Mehrheit, die die ungerechte Verteilung von Privilegien (dazu gehört auch, dass mir als weißer Person eher geglaubt wird) akzeptiert und diese für sich wie selbstverständlich in Anspruch nimmt.

  • By mrVisitor, 22. Oktober 2009 @ 21:12

    Vorsichtig sein: In der Vermutung, dass man einem tatsächlich Schwarzen weniger Glauben geschenkt hätte als dem Wallraff hier, darin lebt auch ein Vorurteil.
    Obwohl es generell vermutlich eher zuträfe.
    Mir wäre es egal gewesen, ob nun Wallraff oder DiBaba diesen Film gedreht hätte, ich finde es gut, dass jemand seinen Namen und die Bekanntheit nutzt, um öffentlichkeitswirksam auf Diskriminierung hinzuweisen. Jedenfalls denke ich nicht, dass der Film nur aus egoistischen Gründen gedreht wurde.
    Jemand hat geschrieben:
    “Und beim beim nächsten Übergriff in U-Bahn oder Zug mische ich mich lieber nicht ein, sonst bin ich selbst noch dran…”
    Habt ihr wirklich schon einmal so etwas erlebt, und nicht reagiert? Das wäre ja mal schön, wenn es wirklich so wäre, zumindest in dem Sinn, dass man dagegen tatsächlich mal angehen könnte.
    Wenn, dann bemerkt man doch meist nur Rumpöbelei von irgendeiner Seite, und wünscht sich ja fast noch, diejenigen würden es mal endlich übertreiben um dann entsprechend reagieren zu können.

  • By Florian, 24. Oktober 2009 @ 16:17

    Ich kann die Kritik in Teilen verstehen, möchte Herrn Wallraff aber unbedingt in Schutz nehmen. Herr Walraff ist Journalist und das Prinzip, in fremde Rollen zu schlüpfen, macht er so schon Jahrzehnte. Es ist doch legitim, wenn er etwas am eigenen Leib erfahren möchte. Nur so entstehen seine Dokumentationen. Und übrigens hätte er jedes Mal einen “Original-Betroffenen” interviewen können, das ist aber nicht das Gleiche und hätte ihn sicherlich nicht die Aufmerksamkeit gegeben, die er jetzt hat. Über diesen Umstand könnte man sicherlich diskutieren. Und in der Sache liegt er doch nicht falsch, oder?

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